Buch IV
Kapitel 34 (54)
Der größte Theil der Großen, welche
jenem Leichenbegängnisse beiwohnten, versprachen dem Herzoge Herimann
[von Schwaben] ihren Beistand zur Erwerbung und Behauptung des
Reichs, indem sie fälschlich vorgaben, daß
Heinrich aus vielen Gründen dazu
nicht geeignet sei.
Die Langobarden aber erwählten, so wie sie den Tod
des Kaisers vernahmen, indem sie sich um die Zukunft durchaus nicht kümmerten,
und nicht begierig waren nach wohlverdienten Früchten der Bußfertigkeit,
den Hardwig [1 Deutsche Umformung
des Namens Arduin; er war Markgraf
von Ivrea, Pfalzgraf der Lombardei.] sich zum Könige, ihn,
der besser zu zerstören, als zu regieren verstand, wie nachher durch
Gottes Gericht den Anstiftern dieser ganzen Sache selbst klar ward.
Indeß will ich von dieser Angelegenheit zu reden
bis späterhin verschieben, und jetzt von dem zu schreiben beginnen,
der durch seinen frommen Sinn, durch seine großen Tugenden alle,
die sich je gegen ihn erhoben, gedemüthigt und bewogen hat, ihm mit
gebogenem Nacken zu huldigen. Er, der fünfte in der Reihe der sächsischen
Kaiser, der zweite seines Namens, gebe einem neuen Buche die
Bezeichnung.
Buch V
Kapitel 16 (24)
Während dieser Vorfälle besetzte Hartwig,
dessen ich bereits früher erwähnte [92 König 15.2.1002-
14.12.1015, vgl. IV, 54.], der Heinrichs
Glück mit Aufmerksamkeit verfolgte, in Erwartung seiner Ankunft alle
Pässe der Lombardei, welche die Eingebornen Clausen [93 an
der Etsch bei Verona und an der Brenta.] nennen, mit wachsamer Mannschaft.
Hartwig aber unterließ nicht,
diejenigen, die wie ich oben erzählt habe, seine Wahl eingeleitet
und begünstigt hatten, zu behandeln wie sie's verdienten. Zu diesen
gehörte der Bischof von Brescia [94 Adalbero, um 996-1004,
um 982-990 italienischer Kanzler Ottos II. und
III.]. Als dieser einmal eine ihm mißfällige
Aeußerung machte, ergriff er ihn bei den Haaren und warf ihn wie
einen Bauerknecht zu Boden: so zeigte er Allen seinen zügellosen Jähzorn.
Doch was versuche ich ihn nach seinen einzelnen Lastern zu schildern, da
es in seinem Reiche und Volke offenbar ist, welch ein Schwall von Gottlosigkeit
ihn zu solchen Verbrechen, wie er sie verübte, frech genug gemacht
hat? Darum bereuten einige ihm untergebene Große was sie begangen
hatten, und baten durch Boten und Sendschreiben Heinrich,
zu ihrem Schutze zu kommen oder ihnen, wenn er von anderen Geschäften
festgehalten werde, doch seine Fürsten zu senden. Deshalb wurde, ihrer
Noth abzuhelfen, Otto, Herzog von Kärnthen, und Graf derer von Verona,
nebst Otto, dem Sohne des Grafen Heribert, und Ernast, dem Sohne des
Markgrafen Liupold, mit nur noch wenigen Anderen, weil man von den Italiänern
ihrem Versprechen gemäß größeren Zuzug erwartete,
hingesandt. Wer aber jener Herzog Otto gewesen, will ich hier kurz andeuten,
weil ich es oben unterlassen habe. Er war nämlich der Sohn Herzog
Conrads und der Liudgarde, der Tochter
Otto's des Großen, und entsprach
durch Strenge der Sitten und Frömmigkeit des Wandels seiner
hohen Abkunft. Als er nach dem Tode Kaiser Otto's
III. nach dem Vorrechte der Verwandschaft
und des Alters und ob der reifen Trefflichkeit seines Charakters unter
Mitwirkung Heinrichs, der damals also
nur noch Herzog von Baiern war, zum Könige erwählt wurde,
verbat er sich eine solche Last voll Bescheidenheit, und erklärte
ihn, den Herzog, selbst sowohl durch Boten als mündlich für passender
zu dieser hohen Würde, unterstützte ihn auch fortan stets getreulich.
Als nun also Herzog Otto von Seiten des Königs dorthin kam, und der
Erzbischof Fritherich von Ravenna sammt dem Markgrafen Thiedolf und anderen
Getreuen Heinrichs ihm zu Hülfe eilte, zog Hartwig,
der mitten im Lande lag und alles mit Luchsaugen erspähte, als er
erfuhr, wo sie waren, mit großer Heeresmacht nach Verona, um ihnen
den Weg zu versperren, und bemächtigte sich der von dem dortigen Bischofe
bisher besetzt gehaltenen Clausen. Als er dann aber hörte, die Deutschen
lagerten in der Tridenter Ebene, eilte er dorthin, und wie er sie nicht
fand, zog er rasch wieder in das Gefilde von Verona. Während er hier
auf einer Burg das Fest der Geburt des Herrn feierte, sandte Herzog Otto,
da er von allem, was er that, Kunde bekam, Abgeordnete an ihn mit der Forderung,
er möge entweder ihnen freien Durchzug gewähren oder selbst denselben
annehmen. Auf diese Forderung antwortete Hartwig
voll tiefer Verschlagenheit: "Uebernachtet hier, damit ich morgen nach
Berathung mit meinen Freunden euch über dies alles mit bestimmtem
Bescheide entlassen kann." Er aber ging nun, ohne daß unsere Abgesandten
es wußten, während der ganzen Nacht rings umher zu allen den
Seinigen, die sich im Lager befanden, und suchte sie zu dem am nächsten
Morgen bevorstehenden Kampfe mit den Deutschen zu ermuthigen, und forderte
sie auf, sich zu rüsten. Als nun am nächsten Morgen, wie eben
der Tag angebrochen war, Otto's Gesandte zum Könige wollten, um von
ihm Antwort zu erhalten, sahen sie, wie die Longobarden kriegerisch geordnet
des Kampfes harrten, und als sie ihn nun selbst fragten, was das zu bedeuten
habe, bekamen sie die Weisung, sich fort zu begeben, und erkannten also,
daß ein Angriff auf den Herzog beschlossen war. Hartwig,
der ihnen auf dem Fuße nachfolgte, kam um die Mittagszeit an den
ungarischen Berg, wo der Herzog mit den Seinen die Gesandten erwartete.
Obwohl nun die Truppen desselben sowohl um Futter zu holen als um die Wege
zu bewachen, zum Theil nach allen Seiten hin zerstreut waren, so fand
Hartwig sie doch im Ganzen zum Kampfe bereit. So trafen denn
beide Heere in heftigem Andrange zusammen, und wären die Deutschen,
die zudem in der Minderzahl waren, nicht durch die Flucht Otto's, eines
Bruders des Bischofs Gebehard, gehindert in Verwirrung gerathen, so würden
die feindlichen Longobarden wohl ihre siegreiche Faust gefühlt haben.
So aber wurden sie leider zum großen Theile aufgerieben und niedergemacht
und erlangten die Ehre des Sieges nicht, obwohl auch Hartwig
sehr bedeutenden Verlust erlitt.
Kapitel 17 (27)
Indeß feierte der König, nachdem er Baiern
verlassen hatte, zu Frankanavordi [Frankfurt] die Menschwerdung des Herrn.
Hier gelangten viele Gesandtschaften an ihn, deren Mitglieder er gütigst
anhörte und reichlich beschenkte, so daß alle hocherfreut heimkehrten.
Hier wartete auch Herzog Heriman dem Könige ehrfurchtsvoll auf, und
wurde, wie es seinem Range gebührte, von demselben freundlich aufgenommen.
Von da aufbrechend, begab sich
Heinrich II. nach der Landschaft der Muselener [Moselanwohner],
und hielt in Theodo's Villa eine allgemeine Besprechung mit den Landesbewohnern.
Wie er nun allen irgendwie Nothleidenden voll Güte
ihr Recht werden zu lassen bemüht war, so versuchten Heriman und Theoderich,
die nur dem Titel, nicht der That nach Herzoge waren, dies zu verhindern;
aber vergebens, denn bald erfuhren sie, daß sie dem obersten Vollstrecker
der Gerechtigkeit verdientermaßen unterliegen mußten. Denn
der König ließ eine Burg des Herzogs,
Namens Mulsberg, auf dringendes Ansuchen des ganzen Volks
niederreißen und verbot strenge, sie jemals wieder aufzubauen. Nachdem
diese Geschäfte ohne allen Verzug vollendet waren, lenkte der König
seinen Weg nach Aachen, um dort den 24. Januar, als den Jahrestag seines
kaiserlichen Vorgängers, mit allem Eifer zu feiern und die Liutharier
sämmtlich um sich zu sehen. Obwohl ihn nun eine unterdeß eintretende
Unpäßlichkeit etwas aufhielt, so gab ihm doch die unaussprechliche
Liebe Christi Kraft, seinen Vorsatz seinen billigen Wünschen gemäß
zu erfüllen. Als er darauf aus Liebe zu dem heiligen Bischof Servatius
nach Mastricht kam, empfing er daselbst die Kunde von der für die
Unseren unglücklich ausgefallenen Schlacht. Weil jedoch alles Leid,
das nicht zu ändern ist, durch Geduld gelindert wird, so ertrug er,
obwohl mit Mühe und Schmerz, doch mit Weisheit das Vernommene. Von
da begab er sich nach Lüttich, um den heiligen Märtyrer Christi
St. Lambert um seinen Schutz anzuflehen. Hier befiel ihn eine heftige Kolik,
von der er jedoch durch die Fürbitte eben dieses Heiligen befreit
wurde. Darauf kehrte er nach Aachen zurück, und feierte dort voll
Andacht Mariä Reinigung [2. Febr.]. Von da reiste er nach Niumagun
und verweilte dort mehrere Tage lang, indem er die Fasten beging;
denn erst trachtete er das Reich Gottes zu erlangen und was vor ihm recht
ist, darnach erst, die Anforderungen menschlicher Gebrechlichkeit
zu befriedigen.
Buch VI
Kapitel 4
Der König aber gelangte unter vielen Beschwerden
der Reise nach der Stadt Trident, wo er den Palmsonntag beging und dem
von der nöthigen großen Anstrengung erschöpften Heere verstattete,
an diesem hohen Feiertage sich ein wenig zu erholen. König
Hardwig aber, der seine Ankunft vorher wußte und sie sehr
fürchtete, sandte nach den obenerwähnten Befestigungen Boten
hin; er selbst aber lagerte sich mit seinen versammelten Schaaren in der
Ebene von Verona und hoffte, die nächste Zukunft werde der Vergangenheit
an Glück entsprechen. König Heinrich
bekam darauf gewisse Kunde, daß jener gesperrte Durchgang kaum oder
gar nicht zu erkämpfen sei, und indem er sich deshalb nach einer andern
Richtung hinwandte, berieth er sich mit seinen Vertrauten, ob er nicht
mit Hülfe der Kärnthener die weit von dort entfernt liegenden
Clausen vorwegnehmen könnte. Dies ward denn auch, obwohl es vielen
schwer vorkam, mit kluger Umsicht ausgeführt. Die Kärnthener
gehorchten sofort den Befehlen des Königs, und theilten sich in zwei
Abtheilungen. Von diesen besetzte die eine, aus Fußvolk bestehend,
vor Tages Anbruch das über die Clausen emporragende Gebirge, die andere
aber folgte derselben, so wie es Morgen ward, nach und erhielt dann von
ihren voraufgesandten Kampfgenossen die Losung zum Angriffe, die so laut
gegeben ward, daß die im Hinterhalte verborgen liegenden Feinde sie
vernehmen mußten. Diese eilten, im Rücken, wie sie meinten,
sicher, den Anrückenden mit den Waffen in der Hand entgegen. Die Unseren
aber griffen sie von der Seite an, und schlugen sie theils in die Flucht,
theils zwangen sie sie, sich von der Höhe oder in die übergetretene
Brenta hinabzustürzen und so den Tod zu suchen. Also siegreich, bewachten
sie sorgfältig die Clausen bis zur Ankunft des Königs.
Als derselbe dies von den Boten erfuhr, ließ er alles Gepäck
zurück und zog, indem er seine besten Ritter entbot, mit großer
Schwierigkeit durch die Pässe, worauf er am Ufer des genannten Flusses
in einem angenehmen Gefilde Lager schlagen ließ, um daselbst den
Gründonnerstag und die Weihe des heiligen Oels nebst dem Leiden und
der Auferstehung des Herrn nach Kräften zu feiern. Allen aber wurde
vom Pfalzgrafen bei Strafe des Königsbannes verboten, heimlich davon
zu gehen; denen dagegen, die mannhaft widerständen, ward der Lohn
der
Zukunft verheißen.Der König ging am Dienstag
über die Brenta, und ließ wiederum die Zelte errichten und das
Heer ruhen, indem er Kundschafter voraus schickte, die sich sorgfältig
nach dem versteckten Aufenthaltsorte Hardwigs
umsehen sollten.
Kapitel 57 (93)
Mit diesem auf gleicher Stufe stand sein, wenn ich so
sagen darf, College Hardwig, den die
Langobarden fälschlich König nennen. Dieser war sehr unwillig
über die Ankunft des großen Königs und seine gewaltige
Heeresmacht, und zog sich, weil er mit seinen eigenen Streitkräften
sich nicht getraute demselben schaden zu können, sofort in eine Burg
zurück, indem ihn nur das quälte, daß der König, dem
erhaltenen Rufe folgend, einer höheren Würde entgegen ging. Er
schickte indeß, nachdem er lange in leidenschaftlichem Gemüthe
geschwankt hatte, an den König Gesandte, welche für ihn eine
gewisse Grafschaft forderten, dann aber fest versprachen, daß er
sammt seinen Söhnen ihm seine Krone übergeben werde. Da der König,
dem Rathe Einiger Gehör gebend, dies verweigerte, so empfand er, wie
ich im Folgenden darlegen werde, späterhin, daß dies den Seinigen
zum großen Schaden gereichte. Bevor ich jedoch daran gehe, dies darzustellen,
will ich, was ich bisher aus Vergessenheit übergangen habe, jetzt
noch nachzuholen versuchen.
Buch VII
Kapitel 3
Die Auferstehung des Herrn feierte der Kaiser zu Papia
[Pavia], und fesselte den unbeständigen Sinn der Langobarden durch
allen erwiesene Liebe.
Als nun überall die Ruhe hergestellt war, kehrte
der König aus Italien zurück. Darüber hocherfreut,
überfiel Hardwig sofort die Stadt
Fercelli [Vercelli], so daß Leo, der Bischof derselben, kaum zu entfliehen
vermochte. So nahm jener die ganze Stadt in Besitz und begann wieder sein
altes frevelhaftes Wesen; späterhin brachte ihn freilich, wie ich
das im Folgendem schildern werde, die
Majestät des Allmächtigen dahin, daß
er tief gedemüthigt seine Schuld erkannte.
In jenen Landen stiftete der Kaiser - dies war das dritte
fromme Werk der Art, welches seinem Namen zur Zierde gereichte, - in der
Stadt Bobia [Bobbio] ein Bisthum. Daselbst ruhen nämlich die Leiber
des Columbanus und des Attala, der heiligen Diener und Bekenner Christi;
und er verrichtete dieses Werk, zu dem ihn die höchste Nothwendigkeit
und - was noch über dieselbe geht - die Liebe zu Christo trieb, auf
gemeinsames Anrathen und mit Genehmigung sämmtlicher dortigen Bischöfe.
Mit dem größten Glück und Ruhm überwand
er darauf die Schwierigkeiten der Alpenfahrt, und sah unsere Gefilde wieder,
wie sie ihn so heiter anlachten, denn die Lust und die Bewohner jenes Landes
stimmen doch nicht zu unserer Natur. Viel Tücke und Hinterlist herrscht
leider im Römerlande und in der Lombardei. Alle, die dorthin kommen,
empfängt nur wenig Liebe; alles, dessen dort die Fremden bedürfen,
muß bezahlt werden, und zwar immer noch mit Gefahr des Betrugs. Viele
sterben dort auch dadurch, daß man ihnen Gift beibringt.
Kapitel 17
Indeß ward Hardwig,
nur dem Namen nach König, nachdem er die Stadt Vercelli, die
er nach Vertreibung des Bischofs Leo lange ungerechter Weise besessen,
verloren hatte, krank, und ließ sich den Bart scheeren und ward Mönch.
Er starb am 30. Octbr. und ward im Kloster begraben. Der Kaiser
aber besuchte die Westlande und brachte daselbst, was zu bessern war, in
Ordnung.