Steindorff, Ernst: Band I Seite 154,155,287,327/Band II Seite 466,467
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"Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich III."

In frühen Jahren schon zweimal verheiratet, war er zuletzt mit Agnes von Burgund, einer Tochter des seiner Zeit sehr mächtigen Grafen Otto Wilhelm [2 Hirsch, Jahrbücher Heinrichs II., Band I Seite 384.], und zugleich einer ziemlich nahen Verwandten der deutschen Kaiserin Gisela [3 Ermentrude, die Mutter der Agnes und Gerberga, Herzogin von Schwaben, die Mutter Giselas waren Enkelinnen von Gerberga, der jüngeren Schwester Kaiser OTTOS DES GROSSEN. M. Büdinger, Zu den Quellen der Geschichte Kaiser Heinrichs III. (wien 1853) Seite 10, im Anschluß an die Hauptquelle für die Genealogie der Agnes, ein Schreiben des Abtes Siegfried von Gorze aus dem Jahre 1043.], eine dritte Ehe eingegangen, und dieser Ehe entstammte außer zwei Söhnen Wilhelm (Peter) und Gaudfred (Wido) [4 Auszug einer datenlosen Urkunde der älteren Agnes für Cluny bei Mabillon, Annal. ord. S. Bened. T. IV, p 183 in Verbindung mit Chron. comit. Pictav. Bouquet X, 296 und Chron. S. Maxentii s. Malleeacens. 1010, 1023, Bouquet X, 232.] eben die jüngere Agnes, welche König HEINRICH jetzt heimzuführen gedachte.
Die Witwe aber ließ kaum zwei Jahre vergehen, so finden wir sie, seit dem 1. Januar 1032 [3 Nach den Annalen von Anjou, abgeleitet in Chron. mon. S. Albini Andegav. 1032, Bouquet XI, 286, SS III 168 und Chron. S. Michaelis in periculo maris 1032, Bouquet X, 176. Für 1030 als Zeitpunkt der Vermählung ist die Histor. mon. S. Florentii Salmur. I. I. aus dem eben Anm. 1 angeführten Grunde nicht beweisend. Zur Kritik späterer Geschichtsschreiber, welche die Wiedervermählung der Agnes nach 1037, das Todesjahr Herzog Wilhelms VI. setzen siehe Sudendorf, Berengarius Turonensis p. 72.], wiedervermählt mit dem einzigen Sohn und Erben des alternden Grafen Fulco von Anjou, dem Grafen Gaufred, der damals ungefähr sechsundzwanzigjährig war [4 Geboren entweder den 12. April 1005 oder 14. Oktober 1006, Sudendorf p 72.]. Unter sehr kirchlich gesinnten Zeitgenossen gab diese Ehe großen Anstoß; in den ältesten Annalen von Anjou wird sie sogar, man erkennt nicht weshalb, als Inzest bezeichnet [6 Siehe oben in Anm. 3 zitierten Stellen.]. Indessen tatsächlich blieb sie unangefochten, und was immer durch Eingebung derselben namentlich von Agnes verschuldet sein mochte, jedenfalls galt es später in den Augen anderer Zeitgenossen als genügend gesühnt und durch ihre kirchliche Stiftungen [7 Sie gründete gemeinschaftlich mit ihrem Gemahl das Trinitatiskloster in Vendome, Mabillon, Annal. ord. S. Bened. T. IV, p 732 zu 1040. Im Allgemeinen siehe Chron. S. Maxenti 1049, Bouquet XI, 268.]. Fanden nun, wie man bestimmt behaupten darf [8 Auf Grund von Chron. S. Maxentii 1044. Bouquet XI, 217.], mit der Witwe Wilhelms V. zugleich ihre beiden Söhne erster Ehe eine neue Heimat am Hofe von Anjou, so wird es dadurch in hohem Grade wahrscheinlich, daß auch Agnes dort aufgewachsen ist und so Gelegenheit gefunden hat, aus unmittelbarer Nähe an ihrem Stiefvater ein Streben nach feudaler Selbstherrlichkeit kennnn zu lernen.
1045
HEINRICH feierte das Weihnachtsfest in Goslar und empfing dabei den Besuch seiner Schwiegermutter Agnes, ehedem Herzogin von Aquitanien, jetzt Gräfin von Anjou, welche damals einige Große ihres Landes begleiteten. Später gedachte sie zusammen mit ihrem Gemahl, dem Grafen Gaufred, nach Italien zu reisen, genauer gesagt, nach Apulien und dem großen Wallfahrtsklsoter auf dem Monte Gargano [2 Ergibt sich aus Herim. Aug. Chron. 1047 in Verbindung mit einer Urkunde des Grafen Gaufred und der Gräfin Agnes für das Kloster S. Maria de caritate, 1047 März, wo es zum Schluß heißt: Actum publice.. cum redissent comes et comitissa de Apulia. Mabillon, Annal. ordin. S. Benedicti 1046, Bouquet XI, 218: Interea mater comitum Agnes cum suo marito Gaufredo Andegavim reversa est, ubi, ut fertur, construere fecit coenobium in honore s. Trinitatis.], und da nun kein Jahr mehr verging, bis auch König HEINRICH mit seiner Gemahlin und vielen Großen des deutschen Reiches zur Handhabung seiner höchsten Kirchengewalt und zur Herstellung des Kaisertums in Italien erschien, so ist es wohl gerechtfertigt, wenn man jene angiovinischen Verwandten HEINRICHS III. als Vorboten des bevorstehenden Römerzuges betrachtet, und zwar als solche, die in bemerkenswertem Gegensatz zu dem späteren durch und durch französischen und antikaiserlichen Hause ANJOU der deutschen Kaiserpolitik freundlich gesinnt waren.
1047
Wohl aber steht fest, daß unter den Bürgern von Benevent eine feindliche Stimmung gegen den Kaiser herrschte, weil sie jüngst dessen Schwiegermutter, die Gräfin Agnes von Anjou, auf ihrer Pilgerreisenach dem Monte Gargano schlecht behandelt hatten und dafür Strafe fürchteten.
Mit dem Nationalhasse, der sich in Benevent gegen die Normannen festsetzte, hing wahrscheinlich auch das früher, Band I Seite 327 erwähnte Abenteuer der durchreisenden Gräfin von Anjou, der Mutter der Kaiserin, zusammen, der Tumult, der während ihrer Anwesenheit in Benevent entstand und die Mißhandlungen, die ihr widerfuhren. Ich vermute, daß sie als Französin, das heißt als Landsmännin der Normannen erkannt und demgemäß behandelt wurde.