Liudprands von Cremona: Seite 336,338,370,388,390,394
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"Werke" in: Quellen zur Geschichte der sächsischen Kaiserzeit. Band VIII

Buch II
55. Zu dieser Zeit starb Adalbert, der mächtige Markgraf von Tuszien [46 Vor dem 8. Dezember 915 (Fonti 35 Seite 277 nr. 108). Grabinschriften Adalberts und Bertas in Lucca bei MG Poetae IV 1007f.], und an des Vaters Stelle wurde sein Sohn Wido durch König Berengar eingesetzt. Berta aber verfügte nach dem Tode ihres Mannes  zusammen mit ihrem Sohne Wido über keine geringere Macht als seinerzeit ihr Mann. Durch Schlauheit, Geschenke, vor allem aber durch ihren Bedarf an Liebhabern hatte sie sich viele Freunde gewonnen. Daher geschah es, daß sie, als Berengar sie kurz darauf zusammen mit ihrem Sohn verhaften und in Mantua einsperren ließ, ihre Städte und alle ihre Burgen keineswegs dem König Berengar überließ, sondern fest in ihrer Hand behielt und er sie nachher mit ihrem Sohn aus der Haft entließ.
56. Sie hatte, wie erzählt wird, von ihrem Manne drei Kinder: Wido, von dem oben berichtet wurde, Lambert, der, des Augenlichtes beraubt, noch heute lebt, und eine Tochter Irmgard, ihr gleich an Liebreiz, die sie dem Markgrafen Adalbert von Ivrea vermählte, nachdem Gisela, die Tochter des Königs Berengar, d. i. die Mutter des jetzt regierenden Königs Berengar, gestorben war. Sie gebar ihm einen Sohn namens Anskar, von dessen Tapferkeit und Kühnheit im folgenden Buch erzählt werden soll [47 Vgl. IV 8 und V 4.].

Buch III
18. Zu dieser Zeit, nach dem Ableben der Berta, der Mutter König Hugos, deren Sohn Wido, den sie mit Adalbert gezeugt hatte - wie wir berichteten [18 Vgl. II 55.] -, im Besitz der Mark Tuszien. Dieser hatte die römische Dirne Marozia zur Frau genommen.
43. Inzwischen begann der Markgraf von Tuszien, Wido, mit seiner Frau Marozia die Absetzung des Papstes Johannes eifrig zu betreiben, und zwar aus Haß gegen Petrus, den Bruder des Papstes, weil der Papst diesen als leiblichen Bruder auszeichnete. Es geschah also, daß Wido, während eines Aufenthaltes des Petrus in Rom, heimlich eine zahlreiche Mannschaft bei sich versammelte. Und als eines Tages der Papst mit seinem Bruder und wenigen anderen im Lateranpalast weilte, fielen die Leute des Wido und der Marozia über sie her, töteten den Petrus vor den Augen des Bruders, ergriffen diesen Papst selbst und warfen ihn ins Gefängnis, wo eer bald darauf gestorben ist. Man soll ihm ein Kissen auf den Mund gelegt und ihn so auf abscheuliche Weise erstickt haben. Nach seinem Tode erhoben sie zum Papst [43 Auf Papst Johannes X. (914-928) folgten Leo VI. (928 Mai-Dezember) und Stephanus VII. Erst auf diesen folgte im März 931 Johannes XI.] den eigenen Sohn der Marozia, Johannes mit Namen, den die Dirne mit Papst Sergius gezeugt hatte. Wido aber starb bald danach, und seine Stelle nahm sein Bruder Lambert ein.
44. Marozia, das so recht schamlose Weib, sandte nach dem Tode ihres Gatten Wido Boten zu König Hugo und forderte ihn auf, zu ihr zu kommen und sich Roms, der ruhnmreichen Stadt, zu bemächtigen. Dieses aber, versicherte sie, könnte nicht anders geschehen, als wenn der König sie zur Gattin nähme.
   Wonach verlangst du so wild, Marozia, Sklavin der Venus?
   Siehe, du gierst nach dem Kusse des Bruders des eigenen Mannes,
   Willst dich, Herodias gleich, zwei leiblichen Brüdern vermählen,
   Uneingedenk, Verblendete, scheint du der Vorschrift Johannis,
   Welche dem Bruder verbietet des Bruders Gemahlin zu schänden.
   Auch erlauben dir dies nicht Mosis Gebote, des Sehers,
   Der dem Bruder befahl, einen Erben dem Bruder zu zeugen,
   Doch mit dem Namen desselben, wenn dieser es nicht mehr vermöge.
   Du aber hast deinem Manne geboren, das wissen wir alle.
   Sagst du zur Antwort: Ich weiß es; was kümmert das trunkene Wollust?
   Gleich wie der Stier zum Altare geführt naht dir der Ersehente,
   König Hugo, der doch nur für Rom, die Stadt, entbrannt ist.
   Nützt es dir, Verruchte, den Schuldlosen so zu verderben?
   Währenddurch solches Verbrechen die Krone du suchst zu gewinnen,
   Wirst du Gottes Gericht das erhebene Rom noch verlieren.
Daß dieses zu Recht geschah, kann das Verständige wie das Unverständige erkennen.
47. Es geht nun das Gerücht, Berta, die Mutter des Königs Hugo, habe ihrem Mann, dem Markgrafen Adelbert, keinen Sohn geboren, sie habe vielmehr Wido und Lambert heimlich von anderen Frauen bekommen und unter Vortäuschung einer Niederkunft sich untergeschoben, um nach dem Tode des Adelbert Söhne zu haben, mit deren Hilfe sie uneingeschränkt über die Macht ihres Mannes verfügen könnte. Diese Lüge aber ist wohl, wie ich glaube, zu dem Zweck erfunden, damit König Hugo seine Blutschande mit dieser Begründung verbergen und dem Schimpf der Unsittlichkeit entgehen könnte. Der Wahrheit näher dagegen scheint mir die Behauptung von der Entstehung des Gerüchtes, die ich nun erzählen will. Lambert, der nach dem Tode seines Bruders Wido die Mark Tuszien innehatte, war ein kriegerischer und zu jeder Gewalttat geneigter Mann. Ihn hatte König Hugo hinsichtlich des Königreichs Italien stark in Verdacht; er fürchtete nämlich, daß die Italiener ihn verlassen und den Lambert als König einsetzen könnten. Boso aber, der Bruder des Königs Hugo vom gleichen Vater [50 Graf Thietbald von Arles, Sohn des 864 getöteten Abts Hucbert von St. Maurice.], schmiedete Ränke gegen Lambert, da er sehnlichst wünschte, selbst Markgraf von Tuszien zu werden. Auf dessen Rat nun verlangte König Hugo von Lambert unter Drohungen, er solle es weiterhin nicht wagen, sich als seinen Bruder zu bezeichnen. Er aber, wild und unbändig von Natur, antwortete nicht maßvoll, wie es sich gehört hätte, sondern ungezügelt: "Damit der König nicht leugnen kann, daß ich sein Bruder, aus dem gleichen Körper und dem gleichen Schoß zur Welt gekommen bin, dafür will ich durch einen Zweikampf vor aller Augen den Beweis erbringen." Auf diese Antwort hin wählte der König einen Jüngling namens Teudinus, der mit Lambert den Zweikampf wegen der Streitsache ausfechten sollte. Gott aber, der gerecht ist und dessen Wort recht ist, an dem kein Unrecht ist, ließ, um der Unklarheit ein Ende und die Wahrheit allein sichtbar zu machen, den Teudinus alsbald fallen und schenkte Lambert den Sieg. Dadurch war König Hugo nicht wenig bestürzt. Doch ließ er sich beraten, bemächtigte sich des Lambert und setzte ihn gefangen. Denn er fürchtete, wenn er ihn freiließe, werde jener ihm die Herrschaft wegnehmen. Nachdem er ihn gefangen hatte, gab er seinem Bruder Boso die Mark Tuszien [52 In einer Urkunde vom 17. Oktober 931 (Forschungen zur Deutschen Geschichte 10, 300) nennt Hugo den Boso nostrum dilectissimum fratrem et gloriosissimum marchionem.]; den Lambert aber ließ er bald darauf blenden.