Buch II
55. Zu dieser Zeit starb Adalbert,
der mächtige
Markgraf von Tuszien [46 Vor dem 8. Dezember
915 (Fonti 35 Seite 277 nr. 108). Grabinschriften Adalberts und
Bertas
in Lucca bei MG Poetae IV 1007f.], und an des Vaters Stelle wurde sein
Sohn Wido durch König
Berengar eingesetzt.
Berta
aber
verfügte nach dem Tode ihres Mannes zusammen mit ihrem Sohne
Wido über keine geringere Macht als seinerzeit ihr Mann. Durch
Schlauheit, Geschenke, vor allem aber durch ihren Bedarf an Liebhabern
hatte sie sich viele Freunde gewonnen. Daher geschah es, daß sie,
als Berengar sie kurz darauf zusammen
mit ihrem Sohn verhaften und in Mantua einsperren ließ, ihre Städte
und alle ihre Burgen keineswegs dem König
Berengar überließ, sondern fest in ihrer Hand behielt
und er sie nachher mit ihrem Sohn aus der Haft entließ.
56. Sie hatte, wie erzählt wird, von ihrem Manne
drei Kinder: Wido, von dem oben berichtet wurde, Lambert,
der, des Augenlichtes beraubt, noch heute lebt, und eine Tochter Irmgard,
ihr gleich an Liebreiz, die sie dem Markgrafen Adalbert von Ivrea vermählte,
nachdem Gisela,
die Tochter des Königs Berengar,
d. i. die Mutter des jetzt regierenden Königs
Berengar, gestorben war. Sie gebar ihm einen Sohn namens Anskar,
von dessen Tapferkeit und Kühnheit im folgenden Buch erzählt
werden soll [47 Vgl. IV 8 und V 4.].
Buch III
18. Zu dieser Zeit, nach dem Ableben der Berta,
der Mutter König
Hugos, deren Sohn Wido, den sie mit Adalbert
gezeugt hatte - wie wir berichteten [18 Vgl. II 55.] -, im Besitz
der Mark Tuszien. Dieser hatte die römische Dirne Marozia
zur Frau genommen.
43. Inzwischen begann der Markgraf von Tuszien,
Wido,
mit seiner Frau Marozia die Absetzung
des Papstes Johannes
eifrig zu betreiben, und zwar aus Haß gegen Petrus, den Bruder des
Papstes, weil der Papst diesen als leiblichen Bruder auszeichnete. Es geschah
also, daß Wido, während eines Aufenthaltes des Petrus
in Rom, heimlich eine zahlreiche Mannschaft bei sich versammelte. Und als
eines Tages der Papst mit seinem Bruder und wenigen anderen im Lateranpalast
weilte, fielen die Leute des Wido und der Marozia
über sie her, töteten den Petrus vor den Augen des Bruders, ergriffen
diesen Papst selbst und warfen ihn ins Gefängnis, wo eer bald darauf
gestorben ist. Man soll ihm ein Kissen auf den Mund gelegt und ihn so auf
abscheuliche Weise erstickt haben. Nach seinem Tode erhoben sie zum Papst
[43 Auf Papst Johannes X. (914-928) folgten
Leo VI. (928 Mai-Dezember) und Stephanus
VII. Erst auf diesen folgte im März 931 Johannes
XI.] den eigenen Sohn der Marozia,
Johannes
mit Namen, den die Dirne mit Papst
Sergius gezeugt hatte. Wido aber starb bald danach, und
seine Stelle nahm sein Bruder Lambert ein.
44. Marozia, das
so recht schamlose Weib, sandte nach dem Tode ihres Gatten Wido
Boten zu König Hugo und forderte
ihn auf, zu ihr zu kommen und sich Roms, der ruhnmreichen Stadt, zu bemächtigen.
Dieses aber, versicherte sie, könnte nicht anders geschehen, als wenn
der König sie zur Gattin nähme.
Wonach verlangst du so wild, Marozia,
Sklavin
der Venus?
Siehe, du gierst nach dem Kusse des Bruders
des eigenen Mannes,
Willst dich, Herodias gleich, zwei leiblichen
Brüdern vermählen,
Uneingedenk, Verblendete, scheint du der
Vorschrift Johannis,
Welche dem Bruder verbietet des Bruders
Gemahlin zu schänden.
Auch erlauben dir dies nicht Mosis Gebote,
des Sehers,
Der dem Bruder befahl, einen Erben dem Bruder
zu zeugen,
Doch mit dem Namen desselben, wenn dieser
es nicht mehr vermöge.
Du aber hast deinem Manne geboren, das wissen
wir alle.
Sagst du zur Antwort: Ich weiß es;
was kümmert das trunkene Wollust?
Gleich wie der Stier zum Altare geführt
naht dir der Ersehente,
König Hugo, der doch nur für Rom,
die Stadt, entbrannt ist.
Nützt es dir, Verruchte, den Schuldlosen
so zu verderben?
Währenddurch solches Verbrechen die
Krone du suchst zu gewinnen,
Wirst du Gottes Gericht das erhebene Rom
noch verlieren.
Daß dieses zu Recht geschah, kann das Verständige
wie das Unverständige erkennen.
47. Es geht nun das Gerücht, Berta,
die Mutter des Königs Hugo, habe
ihrem Mann, dem Markgrafen Adelbert, keinen Sohn geboren, sie habe
vielmehr Wido und Lambert heimlich von anderen Frauen bekommen
und unter Vortäuschung einer Niederkunft sich untergeschoben, um nach
dem Tode des Adelbert Söhne zu haben, mit deren Hilfe sie uneingeschränkt
über die Macht ihres Mannes verfügen könnte. Diese Lüge
aber ist wohl, wie ich glaube, zu dem Zweck erfunden, damit König
Hugo seine Blutschande mit dieser Begründung verbergen
und dem Schimpf der Unsittlichkeit entgehen könnte. Der Wahrheit näher
dagegen scheint mir die Behauptung von der Entstehung des Gerüchtes,
die ich nun erzählen will. Lambert, der nach dem Tode seines
Bruders Wido die Mark Tuszien innehatte, war ein kriegerischer und
zu jeder Gewalttat geneigter Mann. Ihn hatte König
Hugo hinsichtlich des Königreichs Italien stark in Verdacht;
er fürchtete nämlich, daß die Italiener ihn verlassen und
den Lambert als König einsetzen könnten. Boso aber,
der Bruder des Königs Hugo vom
gleichen Vater [50 Graf
Thietbald von Arles, Sohn des 864 getöteten Abts
Hucbert von St. Maurice.], schmiedete Ränke gegen Lambert,
da er sehnlichst wünschte, selbst Markgraf von Tuszien zu werden.
Auf dessen Rat nun verlangte König Hugo
von Lambert unter Drohungen, er solle es weiterhin nicht wagen,
sich als seinen Bruder zu bezeichnen. Er aber, wild und unbändig von
Natur, antwortete nicht maßvoll, wie es sich gehört hätte,
sondern ungezügelt: "Damit der König nicht leugnen kann, daß
ich sein Bruder, aus dem gleichen Körper und dem gleichen Schoß
zur Welt gekommen bin, dafür will ich durch einen Zweikampf vor aller
Augen den Beweis erbringen." Auf diese Antwort hin wählte der König
einen Jüngling namens Teudinus, der mit Lambert den Zweikampf
wegen der Streitsache ausfechten sollte. Gott aber, der gerecht ist und
dessen Wort recht ist, an dem kein Unrecht ist, ließ, um der Unklarheit
ein Ende und die Wahrheit allein sichtbar zu machen, den Teudinus alsbald
fallen und schenkte Lambert den Sieg. Dadurch war König
Hugo nicht wenig bestürzt. Doch ließ er sich beraten,
bemächtigte sich des Lambert und setzte ihn gefangen. Denn
er fürchtete, wenn er ihn freiließe, werde jener ihm die Herrschaft
wegnehmen. Nachdem er ihn gefangen hatte, gab er seinem Bruder Boso
die
Mark Tuszien [52 In einer Urkunde vom 17. Oktober 931 (Forschungen
zur Deutschen Geschichte 10, 300) nennt Hugo
den Boso nostrum dilectissimum fratrem et gloriosissimum marchionem.];
den Lambert aber ließ er bald darauf blenden.