V.
AUSBLICK AUF DIE ZEIT OTTOS DES GROSSEN
UND ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE
Mit OTTO DEM GROSSEN bricht
in der Geschichte Italiens und seiner
Führungsschicht ein neuer Abschnitt an. OTTO
bringt zunächst - wie
ehedem KARL DER GROSSE und seine
Nachfolger - neue Gefolgsleute aus
Deutschland nach Italien [1
BENEDIKT vom Monte Soracte schreibt dazu (ZUCCHETTI,
Il Chronicon di Benedetto Seite 185f.): Tanta denique gentis Gallearum
Italia sunt ingressi, quanta nunc antea et postea non sunt inventi.].
Sie sind wieder als kaiserliche Missi
unterwegs. Auch einige wichtige Bistümer werden Deutschen
anvertraut [2
G. SCHWARTZ, Die Besetzung der Bistümer Reichsitaliens unter
den sächsischen und salischen Kaisern, mit ausführlichen
Bischofslisten. Die
Arbeit von H. PAHNKE, Geschichte der Bischöfe Italiens deutscher
Nation von 951 bis 1004, bietet bei weitem nicht das, was ihr Titel
verspricht. - Deutsche Missi in Italien sind bei HÜBNER,
Gerichtsurkunden, verzeichnet.].
Die Macht der altfränkischen und nun schon italienisierten
Geschlechter, die sich an eine allzugroße Selbständigkeit
gewöhnt
hatten und deshalb auch noch die ersten oppositionellen Regungen gegen
seine Herrschaft unterstützten [3
Vgl. im Speziellen Teil: Skizzen Atto
von Lecco, Pfalzgraf Hubert,
Maginfred von Parma Anm. 15, Markgraf Wido, - weiterhin G. GRAF,
Die weltlichen Widerstände in Reichsitalien gegen die Herrschaft
der
Ottonen und der ersten beiden Salier.],
schwächt OTTO
vornehmlich dadurch, daß er einen Teil des politischen
Schwergewichtes von den Grafen weg auf die Bischöfe verlagert [4 Vgl. dazu
vor allem M. UHLIRZ, Die Italienische Kirchenpolitik der
Ottonen. Die Studie C. MANARESIS über die kirchlichen
Urkundenfälschungen (Alle origini del potere dei vescovi) macht
jedoch
eine Überprüfung der Ergebnisse dieser Arbeit erforderlich.]
und dazu auch noch in zunehmendem Maße Angehörigen bislang
unbedeutender Familien - und damit auch Leuten alter langobardischer
Abkunft - die Möglichkeit zum Aufstieg bietet. So kommt erst der
nach langobardischem Recht lebende
Adelbert-Atto von Canossa
hoch, der als Vasall des Bischofs von Reggio die Witwe König Lothars, Adelheid, OTTOS
zweite Gemahlin, gegen König
Berengar II. geschützt hatte. So
erhalt der in der politischen Krise von 945 zum Grafen- und
Pfalzgrafenamt aufgestiegene Langobarde
Otbert, der aber bald darauf zu OTTO nach Deutschland
hatte fliehen müssen, sogleich sein Pfalzgrafenamt zurück. So
wird auch der einer alten Langobarden-Familie entstammende Riprandus de Basilica Duce zum
Grafen erhoben und sein Sohn Gandulf schließlich
zum Grafen von Verona gesetzt [5
Zu Riprand vgl. die folgenden
Quellenbelege: CdL Seite 920, nr. 540
(931/Mai); SCHIAPARELLI, I dipl, di Ugo Seite 232, nr. 80
(945/April/ 13); MG DD Otto I. Seite 383, nr. 269 (964/August/9);
PICKER, Urkunden Seite 38, nr. 29 (976/Oktobcr/25); BOSELLI, Delle
storie Piacentine I Seite 292 (977/Februar/14); CdL Seite 1388, nr. 791
(979/Februar/19); CdL Seite 1474, nr. 844 (988/Mai/26).].
In den 90er Jahren ist dann der erste nach römischem Recht lebende
Graf nachweisbar [6
BS SS 28 (Ast Seite 233, nr. 122: Amelgausus filio quondam Rozo et
Ermengarda iugalibus filia Anselmi marchio, que professo
sum ex
nacione mea lege vivere romana, set nunc pro ipso uiro meo lege vivere
videor langobardorum; weiterhin Seite 221, nr. 115.].
Daß damit die Bedeutung der Familien, die von fränkischen
Vorfahren abstammten, noch nicht völlig aufhört, ist schon
daran zu erkennen, daß auch weiterhin noch eine Menge Adliger
altfränkischer Abstammung nachweisbar ist und daß
vornehmlich die aufsteigenden Langobarden-Geschlechter sogleich in
engen Kontakt mit den alten Gliedern der Führungsschicht zu
gelangen suchen. Wie WIDO VON SPOLETO, der spätere König und Kaiser,
die Tochter eines langobardischen
Fürsten von Benevent, Ageltrude, wohl in der
Absicht der besseren Festigung seiner Stellung in Spoleto heiratete [7 Vgl. A.
HOFMEISTER, Markgrafen Seite 366.], so ließ
der schon unter Berengar
II. geschickt emporgestiegene Lanfranc,
Sohn Giselberts von Bergamo,
seine beiden Kinder in altfränkische Adels-Familien
einheiraten; Giselbert II.
heiratete Alsinda, die Tochter des
angesehenen Markgrafen Arduin Glabrio von Turin; Franca wurde die
Gemahlin des Markgrafen Amelrich ex genere Francorum. Auch die
Nachkommen Otberts und Adelbert-Attos verbinden sich nun
mit
fränkischen Zuwanderer-Familien. Der unter OTTO zum Grafenamt
aufgestiegene, nach Langobarden-Recht lebende Riprand läßt seinen Sohn
Gandulf die Tochter des Grafen
Wibert von Lecco aus dem Hause
der salfränkischen WIDONEN,
Ermengarda, zur Frau nehmen [8 CdL Seite
1474, nr. 844: Gandulfus comes filius quondam
Riprandi itemque comes et Ermengarda iugalibus filia bone memorie
Wiberti similiter comes ... que professa erat ipsa Ermengarda ex
nacione sua legem vivere salicha, sed nunc per eundem vir suum legem
vivere langobardorum.. .96]. Das Bestreben
dieser aufsteigenden, im ehemals langobardischen Volkstum wurzelnden
Geschlechter, in die Tradition und Stellung der altfränkischen
Familien einzutreten, macht sich beim Aufstieg sogleich geltend. Das
Ansehen, die soziale Stellung, die reale Macht dieser Schicht
müssen also auch unter OTTO DEM GROSSEN
und später noch von nicht zu unterschätzender Bedeutung
gewesen sein.
Bis in die Zeiten OTTOS DES GROSSEN
und auch noch darüber hinaus wirkte sich somit für die
Geschichte Italiens eine Maßnahme aus, die doch wohl als das
Herzstück der karolingischen Herrschaftsmethoden
in einem neu eroberten und an das alte Franken-Reich angegliederten
Land angesehen werden darf: die Verpflanzung von zuverlässigen
Leuten aus alten Kernlanden in den neuen Reichsteil. Diese
Maßnahme bewirkte wesentlich mehr als die bloße Umformung
der Ducate zu Comitaten oder jede andere verwaltungstechnische
Angleichung an das Frankenreich, die früher als wesentlich
angesehen wurde. Ihr ist es doch wohl in erster Linie zuzuschreiben,
daß - solange die karolingische
Dynastie gebot - Italien ein enges Glied des karolingischen
Reichsverbandes blieb, die Herrschaft der karolingischen
Dynastie in Italien nie gefährdet war und der
Gedanke der karolingischen
Reichseinheit bewußt blieb. Bestrebungen zur Wiederherstellung
des alten unabhängigen langobardischen Königtums konnten bei
dieser Situation gar nicht gewagt werden. Die sichere innere Verwaltung
des karolingischen
Großreiches wurde damit in bester Weise ermöglicht. An den
politisch und militärisch wichtigen Orten wie Pavia, Mailand,
Parma, Lucca usw. und an den Einmündungen der Einfallstraßen
aus dem Norden - Verona, Como etc. -, also an den Stellen, die die
Langobarden-Könige früher schon durch ihre Arimannen zu
sichern versuchten, wurden die Franken und Alemannen angesiedelt. Und
dabei konnte auch die Gefahr beseitigt werden, die von den
geschlossenen Arimannensiedlungen drohte, in denen ehedem sich die
Schlagkraft des langobardischen Staates konzentriert hatte. Ja, es
konnte damit auch die Wehrkraft der langobardischen
Bevölkerungsteile gefahrlos für den fränkischen Staat
gewonnen werden. Ein System der karolingischen
Herrschaftsausübung scheint sich darin widerzuspiegeln.
Mit der Verpflanzung von fränkischen und alemannischen Adligen und
einer großen Zahl sie begleitender Vasallen in das dem
Franken-Reich angegliederte Italien wurde nun zwar keine
Veränderung der ethnischen Grundstruktur der
romanisch-langobardischen Bevölkerung Ober- und Mittel-Italiens
erzielt, - das konnte auch die Verpflanzung Tausender (oder
Zehntausender?) von Vasallen nach Italien nicht bewirken -, doch wurde
erreicht, daß in Italien eine durchaus fränkische
Führungsschicht entstand. Es waren fast ausschließlich diese
eingewanderten Adelsgruppen, auf die sich die Politik der Karolinger
stützte. Die anfänglich noch im Amt belassenen Langobarden
mußten den Zuwanderern zum größten Teil weichen. Unter LOTHAR I. und LUDWIG
II. scheinen die nordalpinen adligen Zuwanderer
ausschließlich die Führungsschicht gebildet zu haben. Als
sich die Herrschaft der KAROLINGER
dann dem Ende zuneigte, waren die Zuwanderer, die unter dem Schutz der KAROLINGER groß und mächtig
geworden sind, in die Lage versetzt, das politische Geschehen Italiens
zu bestimmen. In beispielhafter Weise verkörperten sie ein Wachsen
eigenwilliger Kräfte. Die Mächtigsten dieser Schicht wie WIDO
und BERENGAR
brachten es bis zum Königtum, die übrigen strebten im
Bewußtsein der gleichen ihnen innewohnenden Kraft und der
ehemaligen Gleichheit an Macht und Ansehen nach einer ähnlichen
Stellung (Berengar
II.!) oder versuchten wenigstens, ihren eigenen
Herrschaftsbereich möglichst zu stärken und von
königlichen Eingriffen freizuhalten. Wenn sie sich in diesem Sinne
gegen einen von ihnen selbst gewählten oder herbeigerufenen
König zur Wehr setzten und rebellierten, waren ihnen die
Beziehungen zu ihrer Heimat und zu ihren Verwandten wertvoll. Dadurch
wurden auch die angrenzenden Staaten - Nieder-Burgund, Hoch-Burgund,
Deutschland - in das Spiel der Kräfte der erstarkten
Zuwandererschicht auf italienischem Boden des öfteren einbezogen.
Die Wirrnisse, Machtkämpfe und Intrigen unter den langsam zu
Italienern werdenden Großen dauerten so lange an, bis die Bitte,
in Italien einzugreifen, an einen König gelangte, der in seiner
Heimat eine so feste Basis hatte, daß er unabhängig von der
Gunst und Ungunst der italienischen Parteiungen eine feste Herrschaft
aufrichten konnte, - das heißt bis zum Eingreifen OTTOS DES GROSSEN
[9
Daß die des öfteren bewährte Anlehnung unzufriedener
italienischer Großer an auswärtige Mächte 962 nicht ein
für allemal ein
Ende fand, zeigte sich 1024 beim Wediscl von der ottonischen
zur
salischen
Dynastie. Weltliche Große der Lombardei boten damals die
Krone Italiens dem König Robert von Frankreich
und, als dieser ablehnte,
dem Herzog Wilhelm von Aquitanien
für seinen Sohn an. Im Jahre 1038
wurde schließlich vom rebellischen Erzbischof Aribert von Mailand die
Königs- und Kaiserkrone dem Grafen
Odo von der Champagne
angetragen.
Doch beide Versuche, die deutsche Vorherrschaft zu stürzen, waren
erfolglos.].
Damit aber gelangte Italien in eine enge Verbindung mit Deutschland,
die erst Jahrhunderte später sich wieder lösen sollte,
allerdings nur um neuen Fremdherrschaften in Italien Platz zu machen:
der Vorherrschaft der Franzosen, Spanier, Ungarn und Österreicher.
So hat die Politik KARLS DES GROSSEN und seiner Nachfolger auf
Italien einen stärkeren Einfluß genommen, als man bisher
annehmen konnte. Das Einmünden Italiens in den Herrschaftsbereich
eines nordalpinen Staates - sei es Frankreichs, sei es Deutschlands -
war nach dieser vollständigen Wandlung des Adelsgefüges durch
die Vielzahl von fränkischen wie auch alemannischen Edlen und
aufsteigefähigen Vasallen und bei den fortbestehenden Beziehungen
dieser Leute zur Heimat nördlich der Alpen nur ein
natürliches und folgerichtiges Ergebnis.