IV.
DIE ZUWANDERER UND IHRE NACHKOMMEN
IN DER ZEIT LETZTEN KAROLINGER
UND DER SOGENANNTEN
NATIONALITALIENISCHEN KÖNIGE
Am 12. August 875 verstarb Kaiser LUDWIG II. in der Gegend von Brescia,
ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen, die im Kaisertum und in
der Herrschaft über Italien nachfolgen konnten. Für Italien
brach damit eine Zeit starker politischer Unruhe und größter
Wirrnisse an [1
ANDREAS VON BERGAMO schrieb damals:
Post cuius (sc. Ludovici
II.) obitum magna tribulatio in Italia advenit; MG SS
rer. Langob. Seite 229.]. Diese Wirren
kennzeichnen den gesamten Verlauf der
italienischen Geschichte der Zeit von 875 bis 962 [2 Aus diesem
Grunde und auch wegen der völlig veränderten
Stellung des Adels, der nunmehr auf der Basis eines reichen
Familienbesitzes und weltverzweigter Familienbeziehungen den Ablauf der
Ereignisse in weitestem Maße mitbestimmte, darf auch dieser
Zeitabschnitt als ein innerlich zusammengehörender betrachtet und
behandelt werden.].
Ober die Nachfolge im regnum Italiae
nach LUDWIG II.
hatte die Kaiserin
Angilberga bereits drei Jahre vorher Verhandlungen
geführt: mit
Ludwig dem
Deutschen war sie im Frühjahr 872 wegen dieser
Angelegenheit in Trient zusammengekommen, KARLDER KAHLE
jedoch war im
gleichen Jahr einer ähnlichen Unterredung ausgewichen. Und 874 bei
einem Zusammentreffen zwischen Kaiser LUDWIG II. und Ludwig dem Deutschen
in der Gegend von Verona scheint dasselbe Problem noch einmal
behandelt worden zu sein. Welche definitiven Beschlüsse im
Augenblick des Ablebens des Kaisers gültig waren, steht allerdings
nicht fest. Doch hat es den Anschein, als sei Ludwigs
des Deutschen
Sohn Karlmann
für die Nachfolge ausersehen gewesen [3 Vgl.
BM² nr. 1254a,1263b,1275a und 1512a; im Diplom vom 16.
Oktober 877 für Casauria (MG DD reg. Germ. ex stirpe Karol. I
Seite 289, nr. 4) spricht König Karlmann von LUDWIG II. als
demjenigen, qui nobis regnum istud
disposuerat.].
Dennoch war
zunächst König KARL DER KAHLE aus dem
West-Franken-Reich der
erfolgreichere Bewerber. Und das war er nicht allein wegen der
größeren Skrupellosigkeit, mit der er ans Werk ging, und
auch nicht nur dank der Unterstützung, die er vom Papst und der
römischen Nobilität erhielt [4
Libellus de imperati potestate Seite 206: Romani pontifices
semper per oratores litteras mittebant invitatorias ad Carolum Calvum
regem Francorum, invitantes cum clam ... Vgl. weiter den
Brief Hadrians
II. an
KARL DEN KAHLEN von 872 - MIGNE PL 122 S. 1319: numquam
aquiescemus, exposcemus auf sponte suscipiemus alium in regnum et in
imperium Romanorum nisi te ipsum. - Zur Einladung KARLS DES KAHLEN durch
Johann VIII. und die
römische Nobilität vgl. neben BM² nr.
1512a auch E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen
Reiches II Seite 3]. Er war erfolgreicher auch
deshalb, weil sich der Großteil der Adligen Ober-Italiens
für ihn entschied. 875 wird zum ersten Mal allgemein ersichtlich,
welches Ansehen und welche Bedeutung die Großen in der Zeit
LUDWIGS II. bereits gewonnen hatten.
KARL DER KAHLE
hatte sogleich nach Erhalt der Kunde vom Tode LUDWIGS und
nach dem Eingang der päpstlichen Einladung, nach Rom zu kommen,
einen Italienzug vorbereitet und angetreten. Durch Angilberga
war die Todesnachricht wohl zur gleichen Zeit auch an Ludwig den Deutschen
gelangt. Dazu hatte die Kaiserin-Witwe auch eine Versammlung der maiores nati Italiens nach Pavia
zur Beratung der Nachfolgefrage einberufen [5 Andreae
Bergom. Historia cap. 19, MG SS rer. Langob. Seite 229f.
Vgl. auch E. DÜMMLER, a. a. O. Seite 387 f., und BM² nr.
1512a.]. Offenbar wußte sie, daß
einige Große mit der von ihr angestrebten ostfränkischcn
Lösung nicht einverstanden waren, und mußte auf diese Leute
Rücksicht nehmen. Die Versammlung, die im September 875
zusammentrat, endete dann auch mit einem pravum consilium, quatenus ad duo(s) mandarent regi (=
reges), id est Karoli
in Francia et Hludovici
in Baiouria [5a
Andreae Bergom. Historia, a.a.O.]. Zwei
Parteiungen standen einander gegenüber, und die Kaiserin-Witwe
vermochte dabei nicht mehr, ihrer Ansicht und den Abmachungen LUDWIGS II.
volle Anerkennung zu verschaffen. Sicherlich spielte dabei eine seit
langem schwelende oppositionelle Haltung gegen die wegen ihrer
Herrschsucht und Überheblichkeit bei vielen unbeliebte Kaiserin
eine starke Rolle [6
Die Abneigung der Großen gegen Angilberga
wurde bereits 872
evident. Damals versuchten sie, LUDWIG II. von
Angilberga
zu trennen
und mit einer Tochter des Grafen
Winigis von Siena, einer Dame wiederum
fränkischer Abkunft, zusammenzubringen; vgl. Ann. Bertin. ad
872, Seite 120. Zu Winigis und
seiner fränkischen Abkunft vgl. die
folgenden Urkunden: MURATORI, Antiqu. Italicae V Seite 513 (= MURATORI,
Ann. Camald. I, App. Seite 20, nr. 6) von 867/Febr.; PIZZETTI,
Antichita Toscane 11 Seite 339 (= LISINI, Inventario Seite
494) von 867/...; Chron. Casaur., MURATORI, Script. II, 2 Seite 928 von
860/März; Mem. e doc. di Lucca IV, 2 App. Seite 64, nr.
51 und V, 2 Seite 466, nr. 775 von 865/April; MURATORI, Antiqu.
It. I Seite 935 von 870/ ...; MG DD Karl III. Seite 51, nr. 31 von
881/März;
MIRATELLI, Ann. Camald. I, App. Seite 25, nr. 7 (= Schneider,
Regestum Senense Seite 3, nr. 7) von 881/April.].
Aber auch die Frage, zu welchem Reichsteil die italienischen Magnaten
die stärkeren Bindungen behalten hatten, dürfte hier
mitentscheidend gewesen sein. Scheinen doch die Großen des
östlichen Ober-Italiens zusammen mit Angilberga
für die ostfränkische und die anderen für die
westfränkische Lösung gewesen zu sein [7 Das darf man
wohl daraus schließen, daß ANDREAS VON BERGAMO (MG SS rer.
Langob. Seite 230) von den homines,
qui se ad
Carlito
(= KARL III.)
coniunxerunt, folgendes
schreibt: hoc est
Beringherio
(= Markgraf Berengar von Friaul)
cum reliquis multitudo.
Anzunehmen ist auch, daß Suppo
II., Arding I. und Egifred, die
vornehmlich in der Gegend von Parma und Brescia begüterten Brüder der
Kaiserin Angilberga,
zunächst zu den quibusdam de
primoribus ex Italia
ad Karolum
calvum
non venientibus (Ann. Bertin. ad 875, Seite 127)
gehörten. Angilberga
war jedenfalls eindeutig für den ostfränkischen
Bewerber; vgl. E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen
Reiches II² Seite
388 f., 402 und III² Seite 48 sowie BM² nr. 1512a-b und
1513a. - Auch zog sich der bald darauf bis nach Mailand vorgedrungene KARL III.
schnell über Bergamo nach Verona zurück.].
- Während jedoch noch in Pavia beraten wurde, war KARL
DER KAHLE bereits auf dem Wege nach Italien. Schon am
29. September konnte er in Pavia urkunden; die pars maxima multitudo eiusdem provintiae
eum (sc. Karolum
calvum) cum pace excepit
[8 Vgl.
BM² nr. 1512b (= TESSIER, Recueil des actes
de Charles le Chauve II [1952] Seite 358, nr. 383) und Ann. Vedast.
ad 875, Seite 40; vgl. auch Ann. Bertin. ad 875, Seite 127.].
Die von ihrem Vater Ludwig dem Deutschen
nacheinander nach Italien abgesandten Brüder
KARL III. und Karlmann
fanden Unterstützung nur bei BERENGAR VON FRIAUL
und dessen Anhang [9
Vgl. Anm. 7.]. Alle weiteren Bemühungen der
Ost-Franken waren dadurch zum Scheitern verurteilt. Diese können
nur ein Abkommen über eine Vertagung der Entscheidung bewirken. KARL DER KAHLE benutzt
jedoch diese Zeit, um nach Rom zu ziehen und die Kaiserkrone zu
gewinnen (25.XII.875). Damit ist die Entscheidung gefallen. Als KARL von Rom
zurückkehrt, wird er von den Großen Italiens in Pavia nun
auch offiziell zum König des regnum
ltalicum erhoben. Selbst die Brüder
Angilbergas scheinen
jetzt dem West-Franken gehuldigt zu haben [10 Da das
Wahldekret erhalten geblieben ist, kennt man die
Namen derjenigen Magnaten, die die päpstliche Krönung
ausdrücklich
anerkannten und KARL
DEN KAHLEN nochmals zum Herrn Italiens erwählten.
Unter diesen finden sich auch Arding
und Suppo, die Brüder Angilbergas.].
Nur BERENGAR
VON FRIAUL dürfte noch eine Zeitlang in der Opposition
gegen KARL DEN
KAHLEN verharrt haben [11
Er kam im Februar 876 nicht wie die meisten Großen
Ober-Italiens nach Pavia. Seine Unterschrift findet sich nicht unter
den
damals dort ausgefertigten Urkunden (MG Capit. II Seite 98, nr. 220
und Seite 100, nr. 221). Auch im Frühsommer 877 waren die
Bischöfe des
Machtbereiches BERENGARS
bei der Synode in Ravenna, auf der Papst
Johann VIII. KARL DEN KAHLEN nochmals als Kaiser
verkünden und preisen
ließ (Mansi Conc. coll. XVII Seite 337, App. 117 - Ann. Bertin.
ad 877, Seite 135f.), nicht zugegen. Allerdings scheint BERENGAR in
ein
besseres Verhältnis zu KARLS DES KAHLEN Stauhalter Boso gelangt zu
sein. Berengarii, Everardi filii, factione
(Ann. Bertin. ad 876,
Seite 128) gelang diesem ja die Entführung Ermengardas,
der Tochter
Angilbergas und LUDWIGS II.;
vgl. P. HIRSCH, Erhebung Berengars
Seite 119.].
So hatte der Hauptteil der Großen Italiens mit der Ablehnung der
Abmachungen
LUDWIGS II. und der Opposition gegen Angilbergas
Pläne die Entscheidung in der Nachfolgefrage mit beeinflußt.
Die Parteinahme der Mehrzahl jener Magnaten hatte den rasch
herbeigeeilten West-Franken gestärkt und die Vertreibung der
ostfränkischen Streitmacht ermöglicht. Daß ihre Haltung
in der Lösung der Nachfolgefrage 875 einen gewichtigen Faktor
dargestellt hatte, sollte zwei Jahre später noch einmal deutlich
werden. Die Großen Italiens versagten 877, als der Ost-Franken-König Karlmann
erneut mit Truppen in Italien einrückte, KARL DEM KAHLEN
ihre Hilfe und unterstützten nun vielmehr Karlmann. Ob
sie diesen von vornherein als den Stärkeren ansahen, oder ob KARL DER KAHLE ihnen
irgendeinen Anlaß zur Verärgerung und zum Abfall gegeben
hat, ist nicht überliefert. Ihr Schritt aber bedeutete KARLS DES KAHLEN Flucht
und Ende [12
Andreae Bergom. Historia cap.20, MG SS rer. Langob. Seite 230:
Karolus Imperator ... audivit, quod Karlomannus, Hludovici filius,
contra cum veniret. Cumque exercitum
suum adunare vellet et cum eo
bellum gerere,
quidam de suis, in quorum fidelitatem maxime confidebat, ab eo
defecti, ad Carlemannum
se coniungeba(n)t. Quod ille videns, fugam iniit
et Galliam repedavit statimque in ipso itinere mortuus est.
ANDREAS schreibt als Zeitgenosse. Die Ann. Fu1dens. ad 877, Seite 90,
äußern schlicht: Carlemannus
optimales Italiae ad se venientes suscepit.
Allerdings wurde die Wirkung des Abfalls der
oberitalienischen Großen noch dadurch verstärkt, daß
der westfränkische
Adel in diesem Augenblick KARL DEM KAHLEN Gefolgschaft
und Waffenhilfe
verweigerte. Imperator exspectavit
primores regni sui, Hugonem
abbatem, Bosonem, Bernardum Arvernicum comitem itemque
Bernardum
Gothiae markionem, quos secum iIre iusserat; qui una cum aliis
regni
primoribus, ezceptis paucis, et episcopis adversus cum conspirantes
coniuraverunt. Et comperiens eos non venturos, ist audierunt ipse et papa Johannes appropinquare Karlomannum,
Imperator fugam arripuit (Ann. Bertin. ad 877, Seite 136).
Daß der von ANDREAS VON BERGAMO berichtete Abfall der
Großen nicht die
Unterstützungsverweigerung der westfränkischen Edlen war,
sondern einen
Abfall der italienischen Großen darstellt, geht schon daraus
hervor,
daß die westfränkischen Großen gar nicht mehr nach
Italien kamen (eos
non venturos), ANDREAS aber ausdrücklich vom Übergang
der
Abtrünnigen zu dem nach Italien gekommenen Karlmann
spricht. Daß die
Großen Ober-Italiens KARL DEM KAHLEN
ihre Hilfe verweigerten, ist auch
aus dem Imperator videns non habere
ende ei (sc. Karlomanno)
resistere
der Ann. Vedast. ad 877, Seite 42, zu erschließen.].
Die Namen der italienischen Großen, die hier zum ersten Male auf
das deutlichste durch ihre Gesinnungsänderung die realen
Machtverhältnisse wandelten, sind nicht bekannt. Wenn jedoch König Karlmann darauf seine
volle Gunst dem Grafen Suppo (II.) schenkte, dem Sohne des schon einmal
erwähntcn Grafen
fränkischer Abstammung Adelgis von Parma, dann wird man
nicht fehlgehen, wenn man in ihm einen der Hauptakteure des Umschwunges
vermutet. Auch Markgraf Berengar von Friaul
scheint seinen Anteil daran gehabt zu haben.
Zur Festigung der Position der Grafen und Markgrafen trug in der
Folgezeit besonders bei, daß König
Karlmann von einer
Seuchenkrankheit befallen wurde und, zu einer weiteren intensiven
Regierung außerstande, Italien der ungehinderten
Machtausübung der Großen überlassen mußte.
Übergriffe der Grafen, die jetzt viel skrupelloser und
hartnäckiger als früher an der Gewinnung einer starken
Machtposition, an der Arrondierung ihrer Verwaltungsbereiche und
Privatbesitzungen interessiert waren, nahmen in erschreckender Weise
zu. Grafen wie Liutfrid II.
und Odelrich von Asti rissen Güter der Kaiserin Angilberga an sich, Graf Cunibert besetzte in den
Cottischen Alpen gelegene Güter des Hl. Petrus.
Exkommunikationsdrohungen des Papstes für den Fall der
Rückgabeverweigerung blieben unbeachtet [13 Vgl. die
Skizzen Odelridi I., Liutfrid II. und Cunibert im Speziellen Teil, dazu
JAFFE, Regesta nr. 3245, 3297-3302.]. Noch im
Februar 882 mußten sich die Bischöfe von Verona, Cremona,
Bergamo, Luni und Arezzo de pluribus
sibi illatis superstitionibus et iniustis oppressionibus a seculari et
publica potestate beschweren [14
Vgl. MG DD Kar1 III. Seite 81-90, nr. 49-54.].
Die Markgrafen Lambert von Spoleto
und Adelbert von Tuszien
bedrängten in Fortführung ihrer Politik wie unter Kaiser LUDWIG
II. den Papst in Rom. König
Karlmann mochte das
sogar gern gesehen haben, weil der Papst in diesem Augenblick wieder an
eine westfränkische Lösung der Nachfolgefrage nach dem
erwarteten Tode Karlmanns
dachte, selbst die Mühen einer Reise nach West-Franken
nicht scheute und schließlich den Herzog Boso
von der Provence, der die Kaiser-Tochter Ermengarda geraubt und
geheiratett hatte, offen begünstigte [15 BM²
nur. 1532a und Ann. Fuldens. ad 878. Seite 91f.].
Wenn Boso
damals die italienische Königs- und auch die Kaiserkrone nicht
erlangte, so lag das allein am Widerstand der italienischen
Großen. Der Papst hatte die Mächtigcn Italiens bereits zu
seinem und Bosos
Empfang an den Mont-Cenis bestellt, hatte sie darauf sogar zu einer
Unterredung nach Mailand gerufen; aber der Graf Suppo II., dessen Stimme in
dieser Stunde wohl am bedeutungsvollsten war, die Kaiserin-Witwe Angilberga, die immer
noch Ansehen und Anhang hatte, und der Erzbischof
Ansbert von Mailand
lehnten ab. Auch BERENGAR VON FRIAUL konnte
nicht gewonnen werden. Der schon bis nach Pavia gekommene Boso mußte
umkehren. Pro delitate senioris (sui)
erfolgte nach der Vermutung Johanns
VIII. die Zurückweisung der Pläne des Papstes und Bosos durch Suppo II. [16 MG Epist.
VII Seite 110, nr. 121, und W. MOHR, Boso von Vienne und die
Nachfolgefrage Seite 152.]. Die Großen
waren offenbar noch nicht gewillt - und darin scheinen sich alle einig
gewesen zu sein -, einen Herzog, das heißt einen Ranggleichen,
und dazu einen Nicht-KAROLINGER zu ihrem
König erheben zu lassen, solange es noch eine karolingische Königs-Dynastie gab.
Die Nachfolge in der italienischen Herrschaft fiel König Karlmanns Bruder KARL III. zu, zu dessen
Gunsten Karlmann
- nach päpstlicher Vermittlung - verzichtete. In Ravenna, wo eine
Reichsversammlung zusammentrat, an der Papst
Johann VIII., der Patriarch von Aquileja, der Erzbischof von
Mailand omnesque episcop(i) et
comites seu reliqu(i) primores ex Italia teilnahmen, wurde er
(am 6. Januar 880) zum König für Italien bestellt [17 Vgl.
BM² nr. 1547a, 1588a-1591a und Erchanberti Contin., MG SS II Seite
329.]. Für KARL III.
konnte man sich also entscheiden, für Boso nicht [1818 Dennoch
erachtete KARL
III. eine Gefährdung von Seiten
Bosos
nicht gering. Er verbannte die Kaiserin-Witwe
Angilberga,
die
bislang immer die ostfränkischen
KAROLINGER
begünstigt hatte, nun aber
nach dem Raub ihrer Tochter (vgl. oben Anm. 11) doch ihrem
Schwieger-Sohn Boso Gunst
entgegenzubringen schien, nach Schwaben (vgl.
Ann. Bertin. ad 882, Seite 153; MG Epist. VII Seite 236, nr. 268,
Seite 255, nr. 293, Seite 267 nr. 309; BM² nr. 1609a und 1635a).].
Den Einfluß der Großen, den diese seit einiger Zeit in
zunehmendem Maße gewonnen hatten, vermochte KARL indessen
nicht mehr zurückzudrängen. Er mußte vielmehr zu allen
Regierungshandlungen in Italien ihren Rat, wenn nicht gar ihre
Zustimmung einholen. Die Großen Italiens waren nicht nur bei
Kaiserkrönung KARLS III. in Rom, im
Februar 881, zugegen, sie nahmen auch an den Beratungen teil, zu denen KARL III. im
Februar 882 mit Papst Johann VIII. in Ravenna zusammenkam; mit
ihnen beriet KARL
auch im Mai 883 in Verona und im Januar 885 in Pavia [19 Vgl.
BM² nr. 1609a und die auf dem Rückwege von Rom in
Siena ausgestellte Urkunde (MG DD Karl III. Seite 51, nr. 31) mit
den Namen der mit nach Rom gezogenen oberitalienischen Großen,
weiterhin BM² nr. 1627b, 1656b und 1691 f.].
So ist es klar, daß das Ansehen, die Macht und der Einfluß
der Großen Italiens seit dem Tode LUDWIGS II.
in einer wirklich spürbaren Weise anwuchsen. Der schnelle Wechsel
der Herrscher nach 875 hatte ihr Gewicht in der Politik immer mehr
verstärkt. Sie hatten bereits eine derartige Eigenständigkeit
erlangt, daß unter anderem der spoletinische Herrschaftsbereich
des Markgraften Wido 883 als regnum Widonis bezeichnet
werden konnte [19a
Ann. Fuldens. ad 883, Seite 110.] Und mußte
auch KARL
in vollem Maße verspüren, als er 883 den Markgrafen Wido von Spoleto und
andere Edle nach der Beschwerde des Papstes absetzte, sie der Lehen
beraubte, die schon ihre Väter, Großväter und
Ur-Großväter innehatten, und diese multo vilioribus personis gab. Animos optimatum regionis illus (sc.
Italiae) contra se concitavit. Es mußte allen Großen
sehr gefährlich für ihren eigenen Besitzstand erscheinen,
daß nun Benefizien, die durch mehrere Generationen hindurch in
einer Familie gleichsam weitervererbt worden waren, nach
Anschuldigungen einfach eingezogen werden konnten. Blieb es jedoch bei
den meisten Grafen bei der Erregung, so nahmen die Betroffenen selbst
die Absetzung nicht ohne weiteres hin. Quod illi graviter ferentes pari
intentione contra eum (sc. Karolum) rebellare disponunt. Der von
KARL III.
nach Spoleto gegen die Rebellen entsandte BERENGAR VON FRIAUL
mußte ohne sichtbaren Erfolg zurückkehren. Der geplante
Einsatz von Truppen aus Bayern scheint dagegen nicht erst versucht
worden zu sein. Unbesiegt mußten WIDO und die
Seinen 885 wieder in Gnaden aufgenommen werden [20 Ann.
Fu1dens. ad 883, Seite 100 und Seite 110; ad 885, Seite 113. - Vom
Aufgebot der Bayern gegen WIDO
berichten die Ann. Fu1dens. ad 884, Seite
110: Inde edictum est Baiowarios ad
Italiam contra Witonem
belligera
manu proficiscere.].
Wie Boso von
der Provence, der sich nach seinem mißglücken
italienischen Abenteuer 879 in seiner Heimat zum König aufwarf,
nicht mehr mit Waffengewalt zur Unterordnung und zur Anerkennung KARLS III. gezwungen
werden konnte, obgleich der Kaiser ihn selbst bekriegte und dann durch
den italienischen Grafen Berard
[21 Zu Boso vgl. R.
POUPARDIN, Le royaume de Provence
Seite 97ff. Zu Berard siehe
Näheres im Spezieller Teil; es dürfte sich hier
doch wohl um den Sohn des Markgrafen
Bonifaz von Tuszien, nicht den
gleichnamigen Sohn des Grafen Winigis von Siena handeln, den man
aus
zwei Urkunden (MITARELLI, Ann. Camaldul. I, App. Seite 25, nr. 7,
und LISINI, Inventario Seite 498, mit .. aedova dcl fu Bernardo
conte" statt relicta qd. Berard id. comes des
Originals) kennt.] bekämpfen ließ, so
war auch die Ausschaltung des Grafen von Spoleto nicht mehr
möglich. Dessen Verankerung in Mittel-Italien war bereits zu weit
fortgeschritten. Die Stellung der Grafen und Markgrafen Italiens ist
nun vollständig gefestigt. Sie konnte auch dann nicht mehr
eingeschränkt werden, als KARL III.
885 noch die Huldigung der westfränkischen Großen
entgegengenommen hatte, das ganze KARLS-Reich
noch einmal in seinen Händen vereinte und nach einer Erneuerung
der Herrschaftsgewalt KARLS DES GROSSEN
zu streben schien. Die Stärksten unter den Großen hatten
bereits eine unabhängige, fast königsgleiche Stellung
erreicht. Für sie war mit dem Jahre 888, als sie die Nachricht von
der Absetzung KARLS
III. in Tribut durch Herzog Arnulf von Kärnten und
die Meldung von dem bald darauf eingetretenen Tode KARLS
erreichte, der Zeitpunkt gekommen, die Geschicke Italiens in ihre
eigene Hand zu nehmen.
Daß dieser Entschluß nur neue Wirrnisse
heraufbeschwören mußte, war bei der bestehenden
Machtverteilung nicht verwunderlich. Suppo
II., der
auf Grund seiner Stellung unter den letzten KAROLINGERN
am ehesten die Macht über Italien in seinen Händen hätte
vereinigen können, war schon verstorben. Die Mächtigen
standen nun in den Randgebieten des italienischen Reiches: BERENGAR in
der Markgrafschaft Friaul, WIDO
in der Mark Spoleto. Sie hatten sich 883 im Kampf schon als gleichstark
erwiesen. Für sie galt in besonderem Maße, was REGINO VON
PRÜM für die Mächtigsten unter den Großen in allen
Teilen des großen KARLS-Reiches
im Jahre 888 feststellte: „sie waren gleich an Vornehmheit des
Geschlechtes, Würde und Macht; keiner überstrahlte den
anderen so sehr, daß einer sich dazu verstanden hatte, der Hoheit
des anderen sich zu unterwerfen." So mußte auch hier wieder die
Parteinahme der übrigen Grafen und Markgrafen entscheiden. Wer
aber waren diese entscheidenden Großen? Waren es immer noch die
Fremdlinge, oder änderte sich in diesem Augenblick das
Adelsgefüge zugunsten alter langobardischer und romanischcr
Geschlechter?
Einer sehr geläufigen Auffassung zufolge, nach der „nationale
Zersplitterung und Fremdherrschaft dir Stigmata der äußeren
Geschichte Italiens" vom frühen Mittelalter bis zum 19.
Jahrhundert waren, hatte Italien nur zweimal die Möglichkeit einer
eigenständigen Entwicklung: in der Zeit vom Verfall der karolingischen
bis zum Beginn der ottonischen Herrschaft
und in den Jahrzehnten der Renaissance [22
Vgl. zuletzt M. SEIDELMAYER, Geschichte
des
italienischen Volkes und Staates Seite 2f., und besonders G. FASOLI, I
re d'Italia Seite VII.]. In diesen Jahrzehnten
sei es jeweils frei von Fremdherrschaft gewesen, dafür habe sich
aber leider die politische Zersplitterung umso unheilvoller bemerkbar
gemacht. In der Tat fiel mit dem Tode KARLS III. zwar
der auch in den Gebieten nördlich der Alpen residierende
gemeinsame König weg. Bedeutete das aber auch, daß die
nunmehr mächtig gewordene fränkisch-alemannische Adelsschicht
verschwand, daß die bisherigen Träger der „Fremdherrschaft"
mit dem nordalpinen König abzogen? Oder wurden die nach Italien
gekommenen Franken, Alemannen usw. in diesem Augenblick gar nicht mehr
als Fremdkörper in der romanisch-gotisch-langobardischen
Mischbevölkerung Ober-Italiens empfunden? Waren sie in den Vorgang
des Werdens des italienischen Volkes so weit hineingewachsen, daß
man sie nicht mehr als Fremdlinge anzusprechen hat? Diese Fragen
verdienen nicht zuletzt dadurch, daß sie in den großen,
viel erörterten Problemkreis des Werdens der italienischen Nation
gehören [23
Hierzu vgl. besonders die beiden Aufsätze „Die Entstehung der
italienischen Nationalität", und „Das Werden des italienischen
Nationalgefühls" von W. GOETZ in seiner Aufsatzsammlung: Italien
im Mittelalter, Band I.], besondere Beachtung.
Daß die fränkisch geprägte Führungsschicht
Ober-Italiens nicht mit der KAROLINGER-Herrschaft verschwand,
zeigen die Untersuchungen zur herkommensmäßigen
Zusammensetzung der Führungsschicht Ober-Italiens [24 Vgl. unten
Seite 98ff.]. Wie zu Zeiten KARLS DES GROSSEN,
LUDWIGS DES
FROMMEN, LOTHARS
I. und LUDWIGS
Il. waren auch unter den letzten KAROLINGERN
und in der Zeit der sogenannten nationalitalienischen Könige die
wichtigsten Positionen in den Händen von nordalpinen Zuwanderern
oder deren Nachkommen. Fränkischer Herkunft waren die Könige,
die nach den KAROLINGERN
von 888 bis 962 in Italien regierten - wie BERENGAR I., WIDO und LAMBERT, Rudolf von
Hoch-Burgund, Hugo von Arles und
Lothar, Berengar II.
und Adalbert.
Den nordalpinen Landen entstammte bzw. zu den Nachkommen eingewanderter
Adliger zählte nachweislich auch der Großteil der zur
Führungsschicht in dieser Periode gehörenden Männer. Es
kann hier darauf verzichtet werden, die Namen der Großen
nordalpiner Abkunft einzeln aufzuzählen. Die summarische
Feststellung mag genügen: von ca. 96 Grafen und Markgrafen
Ober-Italiens, deren Wirken man in dieser Periode feststellen kann,
entstammten 74 nachweislich nordalpinen Familien. Von 16 weiteren
Grafen ist wegen der Spärlichkeit der Überlieferung eine
Herkommensangabe nicht mehr beizubringen. Sicherlich wird aber auch bei
ihnen zum größten Teil Abkunft von nordalpinen Familien
vorliegen. Denn aus dem romanischen Bevölkerungselement
Ober-Italiens stammende Grafen gibt es auch jetzt noch nicht, und den 7
Langobarden, die als Grafen feststellbar sind, scheint dazu der
Aufstieg nur durch Ausnutzung besonders günstiger politischer
Situationen gelungen zu sein. Indem sie in den politischen Krisenjahren
(921,926,945,961) klug die für die Zukunft stärkere Partei
erkannten, diese nach Kräften unterstützten und sich deshalb
die Gunst der jeweils neuen Herren erwarben, sicherten sich diese Leute
- Giselbert I. von Bergamo und
sein Sohn Lanfranc, Raginerius von Piacenza, Ragimund von Reggio, Otbert I., der Stammvater der ESTE, und Adalbert-Atto, der Stammvater der später so
bedeutenden Herren von Canossa,
und ebenso wohl auch Teudald -
ihre Karriere. Zunächst war aber an das Aufsteigen langobardischer
Geschlechter noch nicht zu denken.
Wie aber steht es mit der Vorstellung, daß die zunehmende
Verwurzelung der fränkischen und alemannischen Adligen und
Vasallen in ihren neuen Heimatbereichen mit einer vollständigen
Angleichung an die romanische und bereits stark romanisierte
langobardische Bevölkerung Hand in Hand ging? Waren die Zuwanderer
tatsächlich schon vollständig in der
romanisch-langobardischen Mischbevölkerung, die damals zur
italienischen Nation zu verschmelzen begann, aufgegangen? Die Antwort
auf diese und ähnliche Fragen läßt sich nur durch eine
eingehende Betrachtung des Verhältnisses der Zuwanderer und ihrer
Nachkommen zu ihrem neuen Wirkungskreis wie auch zu ihrer Heimat
gewinnen. Sie wird positiv ausfallen müssen, wenn festzustellen
ist, daß sich die eingewanderte und nunmehr erstarkte
Führungsschicht in ihren Interessen auf den italienischen Raum
beschränkte. Sind die Zuwanderer bzw. ihre Nachkommen aber noch zu
der Zeit in engen Beziehungen zu ihrer Heimat nachweisbar, in der die
Herrschaft der KAROLINGER über
Italien längst zu Ende gegangen war und die einzelnen Teile des KARLS-Reiches
auseinanderzustreben begonnen hatten, so wird man kaum von einer schon
vollständigen Eingliederung sprechen dürfen.
Gewiß war der Prozeß der Assimilierung der Zuwanderer an
das Romanentum und das bereits stark romanisierte Langobardentum im
guten Fortschreiten. Denn wie hätte sonst BERENGAR VON FRIAUL,
ein Sohn des unter LOTHAR I.
nach Italien gekommenen UNRUOCHINGER
Eberhard, von seinem anonymen Verherrlicher schon als echter
Einheimischer betrachtet werden können? [25 Vgl. E.
DÜMMLER, Gesta Berengarii Seite 16. Zu dieser
Quelle, in der immerhin ein Stück Patriotismus liegt, schreibt
aber W.
GOETZ, Italien im MA I Seite 74f.: „Dieses zwischen 915 und 924
entstandene Gedicht stammt wohl von einem Grammatiker, der sich den
Dank BERENGARS
verdienen wollte; italienisch, dem neuen Volkstum
entsprechend, ist kaum etwas in diesem Gedicht. Es ist im Geiste
altrömischer Erinnerungen geschrieben ... (Der Dichter) ist ein
später
Römer, nicht aber ein neuer Italiener."]
Scheint es doch auch verschiedenen Großen fast nur um die weitere
Stärkung ihrer italienischen Machtpositionen gegangen zu sein [26 Vgl. etwa
das Kapitel: De principibus qui res
sancti
Columbani invaseraant der Mircacula sancti Columbani, MG SS XXX,
2
Seite 1001, und die Schrift Bischof ATTOS VON VERVELLI:
Polipticum quod apellatur perpendiculum, wo unter Verzicht auf
Anführung exakter Einzelheiten und Nennung von Personennamen das
Macht-
und Besitzstreben der Großen und die verhängnisvollen Folgen
gewaltsamer Herrschaft in schneidender Schärfe erörtert
werden; zur
Erklärung vgl. J. SCHULTZ, Atto von Vercelli; St. Banner,
Atto von Vercelli und sein Polipticum; am besten jedoch P. E. SCHRAMM,
Studien zu frühmittelalterlichen Aufzeichnungen über Staat
und
Verfassung Seite 180ff. In diesem Zusammenhang verdient auch der erst
neulich bekannt gewordene Heiratsplan Bertas von der
Toskana mit dem
Kalifen Muktafi in Bagdad
Beachtung; vgl. G. LEVI DELLA VIDA,
La corrispondenza di Berta di Toscana Seite 21ff.].
Aber noch immer bekannten die meisten dieser Leute bei der Abfassung
von Urkunden, ex genere francorum
oder alemannorum zu sein; sie
zogen noch nicht die später übliche unverbindlichere
Erklärung iuxta legem salicam
vivere vor. Noch waren Mischehen zwischen eingewanderten Franken
und Langobarden bzw. Romanen selten [27
Vgl. oben Seite 45, Anm. 79, und für die Mischehen die Belege im
Speziellen Teil, Skizze Rotbett,
Anm. 2.]. Noch immer unterhielt die
fränkisch geprägte Führungsschicht Beziehungen zu den
Heimatländern, aus denen sogar Zuzug nachfolgte. Auch konnte um
883 dem Francus und Suevus, dem Norikus et Sclavus, Bemanus, Saxo, Toringus noch kein Italicus gegenübergestellt
werden. Südlich der Alpen befand sich der Italiae populus diverso sanguine mixtus [28 Versus
Waldrammi, MG Poetae Lat. IV, 1 Seite 328; dazu vgl.
unten Seite 93. - Zur Zeit KARLS DES GROSSEN war
in den Reichsgesetzen die Rede
von den diversis generationibus
borninum, qui in Italia
commanent (MG
Capit. I Seite 200, nr. 95, cap. 4).].
Das Weiterbestehen von engen Beziehungen und Verbindungen
persönlicher, aber auch politischer Art zu den
Herkunftsländern, das als bester
Beweis gegen das vollständige Aufgehen der zugewanderten
Adelsschicht in der romanisierten Bevölkerung Italiens zu dienen
vermag, zeigt sich sogleich bei der Schaffung des sog.
nationalitalienischen Königtums.
Herzog Wido von Spoleto, der
Nachkomme des 834 nach Italien gegangenen Grafen Lambert von Nantes, war
gleich nach Bekanntwerden der Absetzung KARLS III.
einer Einladung nach West-Franken, der Heimat seiner Vorfahren, gefolgt
und war dort (in Langres) von seinen Freunden und Verwandten, unter
denen besonders der mächtige Erzbischof
Fulco von Reims erwähnt wird, zum König ausgerufen
worden [29
Auf die Einladung deuten die Worte ERCHEMPERTS in seiner
Historia Langob. Benevent. c. 79 (MG SS rer. Langob.
Seite 263): cupiditate regnandi
devictus deceptusque a contribulibus
suis.
Auch aus LIUDPRANDS Worten (Antapod. lib. 1, cap. 16, Seite 18), wonach
WIDO die
westfränkischen
Großen zu lange warten ließ, so daß diese longa
expectatione fatigati bereits Odo erhoben,
ist das zu entnehmen. Die
Verwandtschaft Widos
zu Fulco ist bezeugt in Fulcos Briefen bei FLODOARD, Hist.
Rem. IV, c. 3, 5 (MG SS XIII Seite 561, Z. 18 und 42; Seite
566, Z. 21), sowie in den Versus de pontificib. Rom. (MABILLON,
Acta sanct. III, 599,604,605): Lambertum
augustum, Fulconis carne
propinquus. Vgl. auch
Ann. Vedast. ad 887/88, Seite 64.]. In diesem Ruf
an WIDO
in
Italien und der nicht zu unterschätzenden Anhängerschaft, die
dieser
sogleich in West-Franken fand, spiegelt sich recht deutlich, wie sehr
zumindest in der Führungsschicht das KARLS-Reich
noch als etwa Ganzes
betrachtet worden sein muß. War doch auch gerade vorher in der
kurzen
Episode der noch einmal alle Reichsteile umfassenden Herrschaft KARLS III. wieder
die Möglichkeit zu intensivsten Kontakten zwischen
Italien, West-Franken und Ost-Franken geboten. Die Klöster
Reichenau und St. Gallen hatten neue Besitzungen südlich der Alpen
erhalten; an St. Martin in Tours waren 887 die um 830 entfremdeten
italienischen Güter restituiert worden [30 Vgl. P.
DARMSTÄDTER, Reichsgut Seite 25,98 (dazu MG DD Karl III. Seite
293, nr. 178); Seite 26,232; Seite 123.]; Leute
aus den Gebieten
nördlich der Alpen waren Bischöfe oberitalienischer
Bistümer geworden [31
In Vercelli hatte KARL III. seinen Erzkaplan
Liutward, einen
Alemannen, ex infimo genere natum
(Ann. Fu1dens. ad 887, Seite
105), eingesetzt. Auf den Bischofsstuhl von Novara war dessen Bruder
Chadolt gelangt, der zuvor im Kloster Reichenau gelebt hatte
(BS SS
78 Seite 18, nr. 14). Wahrscheinlich gehörte auch der Bischof Landalo
von Treviso zu diesen unter Karlmann oder
KARL III.
in Italien
eingesetzten Bischöfen; Suevus
hic et nobilis erat, apud sanctum
Gallum quidem educatus et doctus, cuius Vindinissa cum multis aliis
hereditas erat. Vgl. EKEHARDI Casus S. Galli, in: Mitteilungen
zur
vaterländischen Geschichte 15 (NF 5) Seite 32f.].
WIDO
selbst hatte Besitzungen in West-Franken
bewahrt [32
Siehe oben Seite 62.]. Indessen war aber WIDOS Anhang
in West-Franken doch nicht so
groß; daß er sich gegen Odo, den Sohn Roberts des
Tapferen, der von anderen Großen dieses Raumes bereits
kurze Zeit
vorher zum König erhoben worden war, durchzusetzen hoffen konnte.
Er zog es vor, nach Italien zurückzukehren, um hier, wo er eines
stärkeren Anhanges sicher sein konnte, dem inzwischen in Pavia
erhobenen BERENGAR,
seinem Gegner von 883, die Krone streitig zu
machen. Eine große Zahl von westfränkischen Anhängern
begleitete ihn dorthin. Dieser Anhang maß immerhin so beachtlich
gewesen sein, daß dieses Unternehmen WIDOS als ein
neuer
Eroberungszug aus Francien angesehen werden konnte, bei dem die
Einheimischen aus dem Besitz ihrer Güter und Zehen verdrängt
werden sollten [33
Vgl. Gesta Berengarii lib.I, v.177, ed. DÜMMLER Seite 90.
LIUDPRAND, Antapodosis lib. I, cap. 17, Seite 18, läßt
Wido collecto
prouc potuit exercitu nach Italien aufbrechen. Zu
WIDOS
Beistand aus West-Franken vergleiche auch die Gesta Berengarii, lib.
II, v. 4: (Widos)
sollicitet patria populos tellure
quietor, v. 161: Rhodanicus
ductor; v. 149 f.: qui nuper
ab aruis
Sequanicis illectus
erat. - Man beachte dazu die Beschlüsse bei der
Königserhebung WIDOS, bes.
cap. 8 (MG Capit. II Seite 105):
Quicumque ab exteris provinciis
adventantes, depraedationes atque
rapinas infra regnum hocce exercere praesumat, hi cum quibus
morantur, auf ad audientiam eos adducant, auf pro eis emendent
... Nach
den Ann. Vedast. ad 888, Seite 65, ging WIDO nach
Italien cum his,
qui se sequi deliberaverant.]. - Da ist
zunächst Anscar, der von
879 bis 887 im
westfränkischen
Gau von Ouche nachweisbar ist und zum Lohn für seinen Einsatz
später die Markgrafschaft Ivrea erhielt: mit ihm kam sein Bruder
Wido, der im Kampfe fiel. Sie waren ihrem Prätendenten mit
500 Mann
gefolgt. Da kamen die Brüder
Arduin und Roger, von
denen der letztere die Grafschaft Auriate erwarb, dann ein Gauslin mit 300 Reitern, ein Ubert mit 200 Mann, der
eine Verspottung des Gegners mit dem Tode büßen
mußte, weiter Otho und Milo, die gleichfalls den Tod in der
Schlacht fanden [34
Zu den im Speziellen Teil nicht erwähnten Gauslin, Ubert, Otho
und Milo vgl. E. DÜMMLER,
Gesta Beteng. Seite 23.]. Oberitalienische
Große fränkischen Herkomnuns auf Seiten WIDOS waren
die
Grafen Sigefred von Piacenza, Maginfred von Mailand und Everard (von
Tortona), desgleichen der Graf
Hubald (von Bologna), um
nur die
wichtigsten zu nennen. Auch mittelitalienische Große
fränkischer
Abkunft, wie Alberich, der zukünftige Herr von Spoleto und
Camerino, unterstützten ihn.
Desgleichen führte der von den meisten Großen Italiens in
Pavia bereits zum König erhobene BERENGAR den
Kampf nicht allein
mit seinem oberitalienischen Anhang. Zu seinen Genossen aus dem
östlichen Ober-Italien, die freilich den Hauptteil der
Kämpfer
gegen WIDO
stellten [35
Unter den Helfern BERENGARS
sind besonders zu nennen: Graf
Waltfred
von Verona, BERENGARS Schwäger
aus dem Haus der SUPPONIDEN Adelgis, Wifred und Boso, dann ein Graf Alberich aus dem östlichen
Ober-Italien, Odelrich (wohl
der Graf von Asti) und Berard, Bonifaz,
Azzo (Kurzform für
Adelbert?), Erard, Oshar, Umfred und Arduin; vgl.
Gcsta Berengarii.], hatte sich BERENGAR
gleichfalls um
Unterstützung von jenseits der Alpen bemüht. Auch für
ihn waren die Beziehungen zu den Gebieten jenseits der Alpen wichtig.
Hatte er schon nach dem Tode LUDWIGS II.
engere Beziehungen nach
Ost-Franken unterhalten und die ostfränkischen Bewerber bei den
Auseinandersetzungen um die Nachfolge in der italienischen Herrschaft
unterstützt [36
Vgl. oben Seite 69f. BERENGAR war
auch 887 am Hofe KARLS III. in
Waiblingen (Ann. Fu1dens. ad 887, Seite 115) und hatte schon 883
von KARL III. den
Auftrag erhalten, den rebellischen WIDO VON SPOLETO
niederzuwerfen (Ann. Fu1dens. ad 883, Seite 110). - In engere
Beziehungen zu West-Franken trat BERENGAR
offenbar erst wieder 920/21 im
Zusammenhang mit dem Lütticher Bistumsstreit; dazu vgl. H.
ZIMMERMANN, Der Streit um das Lütticher Bistum Seite 26f. und
Seite
30.], so wandte er sich jetzt dorthin um Hilfe.
Mit 600
Reitern stießen darauf von dort die beiden Brüder Leutho und Bernard zu ihm [37 Gesta
Berengarii, lib.Il, v. 84ff., Seite102:
Teutonico ritu sexcentos urguet
ouantes
Leutho uiros; etiam simili strepit
agmine frater
Bernardus. Stimulans longis
calcaribus armos
Alipedum cuncti et cludunt latera
ardua parmis:
Germanus sie bella gerit. - - -].
Aus dem Sieg, den WIDO mit
Hilfe des bedeutenderen Teils des in Italien
seßhaft gewordenen Adels und vielleicht auch dank der
größeren westfränkischen Unterstützung über Berengar und
seine Leute errang,
resultierten gleich wieder neue Beziehungen zu den Gebieten
nördlich der Alpen. WIDO schöpfte
zunächst neuen Mut, den
Plan seiner Behauptung auch in West-Franken nun doch weiterverfolgen zu
können. Die Verbindungen zu Erzbischof
Fulco von Reims ließ
er deshalb nicht abbrechen. Und dieser scheint nur auf eine
günstige Gelegenheit gewartet zu haben, WIDO erneut
herbeirufen
zu können [38
Vgl. die immerhin gegen Erzbischof
Fulco von Reims, WIDOS Verwandten
und Helfer, erhobene Anschuldigung, die dieser 893 in einem
Brief an
ARNULF VON
KÄRNTEN zurückweist:
quoad autem iactitatum
audierat, causa Widonis
hoc eum fecisse, ut hac arte illum
subintroduceret in regnum et dimisso puero Karolo se
verteret ad
Widonem,
asserit livore invidiae contra se scienter haec falso fuisse
iactata (FLODOARD, Hist. Rem. eccl. IV, c. 5, MG SS XIII Seite
564).]. WIDO selbst
mochte durch seine Krönung zum
Kaiser am 21. Februar 891 in
diesen Plänen nur bestärkt
werden: Renovatio regni Fraruorum wurde
seine Devise [39
Eine Abbildung der Bleibullen WIDOS an den
drei Urkunden seines
Krönungstages in Rom findet sich bei G. FASOLI, I re
d'Italia Seite 232a; Nachzeichnung bei MURATORI, Antiqu. It. II Seite
817.].
In weit stärkerem Maße suchte aber der unterlegene BERENGAR
die Beziehungen nach dem Norden. Er brauchte neue Hilfe gegen seinen
Rivalen. Bereits 888 hatte er unter dem Druck der Bedrohung durch WIDO
sich in Trient in die (Lehens)abhängigkeit von ARNULF VON
KÄRNTEN, dem ostfränkischen
Nachfolger KARLS III.,
begeben und
sich damit dessen Wohlwollen und in gewissem Sinne vielleicht auch
schon dessen Hilfe gesichert [40
Ann. Fu1dens. ad 888, Seite 117: Italiam
equidem cum
exercitu aggredi regi (sc. Arnulfo)
conplacuit, sed Perangarius ...,
missis ante se principibus suis, ipse vero oppido Tarentino regi se
praesentavit. Ob id a rege est clementer susceptras. - Dazu und
zu der
Lehensherrenstellung ARNULFS
gegenüber den anderen
Nachfolgestaaten vgl. O. BDING, Der politische Zusammenhang
zwischen den karolingischen Nachfolgestaaten. Vgl. auch MG SS XXIV
Seite 508:
Berengarius a
Guidone
patria pulsus, ad Arnulfum
profugus venit.]. Die Unterstützung
durch Leutho und
Bernard mit ihren 600 Mann mag
vielleicht hiermit zusammenhängen.
Nach der Niederlage von 889 jedoch bat
BERENGAR König ARNULF um
wirksamere Unterstützung [41
LIUDPRAND, Antapod. lib. 1, cap. 20, Seite 19: Iam vero
Berengarius,
cum Widoni resistere
copiarum paucitate nequiret, ...
Arnulfum
regem in auxilium rogat.]. Da ARNULF
aber, der dazu noch
Lebensherr über die neuen Reiche Frankreich und Burgund geworden
war, in Schwaben einen Aufstandsversuch eines unehelichen Sohnes KARLS
III. niederzuwerfen und gegen Abodriten, Normannen und
das
Mährische Reich zu kämpfen hatte, hört man von einem
Eingreifen in Italien zunächst nichts. Auch die im März 890
übermittelte dringende Bitte des Papstes
Stephan VI., ARNULF
möge nach Rom kommen und Italien, das ihm gebühre, von
den
schlechten Christen und den drohenden Heiden befreien, mußte -
quamvis non libens -
abgeschlagen werden [42
Ann. Fuldens. ad 890, Seite 118.]. Erst 893, als
Gesandte des
Papstes Formosus cum epistolis et primoribus Italici regni,
das heißt wohl
zusammen mit Großen aus dem Machtbereich BERENGARS,
nach Bayern
kamen und erneut um ein Eingreifen baten, auf daß Italien und
die Gebiete des Hl. Petrus den malis
Christianis, das heißt in diesem Falle
WIDO
und seinen Leuten, entrissen werden, hatte ARNULF
die Hände frei [43
Ann. Fuldens. ad 893, Seite 122.]. Noch im selben
Jahre
erschien ARNULFS Sohn Zwentibald vor Pavia,
hinter dessen Mauern sich WIDO wohl gewarnt durch
ein Schreiben Erzbischof Fulcos von
Reims - verschanzt hatte. Dieser Italienzug, blieb ergebnislos [44 Bericht von
Zwentibalds Italienzug
geben LIUDPRAND, Antapod.
lib. I, cap. 20-22, Seite 19f., und Gesta Bereng. lib. III, v.
7-44, Seite 112f. Hierher ist auch die Angabe der Ann. Alemannici ad
893 (MG SS I Seite 53) zu beziehen: Alamanni
in Italiam. - Die
Warnung Fulcos an WIDO
ist ersichtlich aus MG SS XIII Seite 565.]. lm
Februar 894 aber zog
ARNULF
selbst über die Alpen, eroberte Bergamo und zwang die
Anhänger WIDOS zur Huldigung [45 Vgl.
BM² 2 nr. 1892d-1893a, dazu Ann. Fu1dens. ad 894, Seite
123f., und die Skizzen Ambrosius
und Maginfred im Speziellen
Teil.]. Die von BERENGAR
bei ARNULF gesuchte Hilfe
schien
sich sogar in eine nette ostfränkische Herrschaft über
Italien zu
verwandeln. ARNULF begann nach
Jahren seiner Herrschaft in Italien zu
zählen und setzte eigene Missi für Italien ein [46 Vgl. MG DD
Arnulf Seite 123ff., nr. 123-125, und Seite 211, nr.
140. Als Missus ARNULFS fungierte Bischof Waldo (von Preising) in
Italien; MANARESI, I placiti Seite 364, nr. 101.].
Und auch
nach seinem baldigen Abzug betrachtete er sich als eigentlichen Herrn
Italiens, BERENGAR dagegen nur als
seinen Lehensmann [47
Zur Lebensabhängigkeit BERENGARS von ARNULF
vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. I, cap. 20 und 22, Seite 19f.,
dazu Ann. Fu1dens. ad 896: Perngarium
... a fidelitate sua defecisse. Vgl. auch O. EBDING, a. a. O.
Seite 65f.]. Die von den
italienischen Großen übermittelte Bitte um Erscheinen in
Italien war ihm nur ein willkommener Anlaß zur Verwirklichung
eigener Pläne, die auf die Erlangung der Kaiserkrone und einer
Suprematiestellung über das alte KARLS-Reich abzielten.
Konnte das
schon BERENGAR nicht
wünschenswert erscheinen, so viel weniger
noch WIDO und seinem Sohne,
dem am 30. April 892 zum Mit-Kaiser
erhobenen LAMBERT, der nach des
Vaters frühem Tode ARNULFS Gegner
werden sollte. Im Sommer 895 baten deshalb nur päpstliche Boten -
ohne begleitende Gesandte BERENGARS
- um ARNULFS erneutes
Erscheinen
[48 Ann.
Fu1dens. ad 895, Seite 126: Iterum
rex a Formoso apostoluo
per epistolas et missos mixe Romam venire invitatus est. - Vgl.
dazu
noch im Speziellen Teil: Waltfred
und Maginfred.].
Und als ARNULF noch im Dezember
des Jahres in Italien erschien, da wurde
zunächst BERENGAR seiner
königlichen Macht enthoben,
Ober-Italien dafür der Verwaltung der Grafen Waltfred von Verona
und Maginfred von Mailand
anvertraut. BERENGAR wurde eine
Zeitlang in
ARNULFS Heer
mitgeführt, konnte aber schließlich
entweichen [49
Vgl. BM² nr. 1912b und 1913d.]. Kaiser LAMBERT,
gegen den sich ARNULFS Zug in erster
Linie
richtete, flüchtete sich in Anbetracht der schon von seinem Vater
gewahrten Beziehungen nach West-Franken, und zwar zu König Karl dem
Einfältigen, der dort einige Zeit nach WIDOS
Abzug gegen Odo
erhoben worden war. Mit diesem, der ARNULF mißtraute
und sich
nicht sogleich wie Odo in ARNULFS
Lebensabhängigkeit begeben
hatte, stand er ja nach den Bemühungen seines Verwandten
Erzbischof Fulco von Reims im Bündnis [50 Der
Aufenthalt Kaiser LAMBERTS in West-Franken
ist aus einem Eintrag des
Liber memoriales von Remiremont
ersichtlich. Eine Edition dieses Gedenkbuches
wird in dem von Prof. Dr. G. TELLENBACH geleiteten Freiburger
Arbeitskreis von Dr. K. SCHMID und MIR vorbereitet. Zur
Interpretation dieses Eintrages vgl. MEINE ausführlicheren
Darlegungen in dem Aufsatz: Kaiser Lambert, König Karl der
Einfältige und
Erzbischof Fulco von Reims.]. So waren für Kaiser
LAMBERT die
Familienbeziehungen nach der alten Heimat, die sich zusehends zu engen
politischen Beziehungen wandelten, noch einmal wichtig geworden. Nur ARNULFS schwere
Erkrankung nach der erlangten Kaiserkrönung in Rom, die den
Zusammenbruch der bereits im Aufbau begriffenen ostfränkischen
Herrschaft in Italien zur Folge hatte, ließ eine Verstärkung
dieser Verbindungen nicht mehr notwendig erscheinen.
Waren diese nordalpinen Beziehungen aber bislang vornehmlich von den
beiden um die Vorherrschaft in Italien kämpfenden Familien, der
Familie
BERENGARS VON
FRIAUL und derjenigen WIDOS VON SPOLETO
gefördert worden, so zeigen sich in der Folgezeit auch die anderen
Großen, deren fränkische Abkunft festgestellt ist, sehr
daran interessiert.
Nachdem Kaiser LAMBERT am 15. Oktober
898 bei der Jagd in den Wäldern von Marengo tödlich
verunglückt war und König BERENGAR nun endlich die
Macht in ganz Ober- und Mittel-Italien zufiel, da konnten sich die
ehemaligen Anhanger WIDOS und LAMBERTS,
wie es scheint, doch nicht so schnell mit der Herrschaft ihres
bisherigen Gegners BERENGAR
abfinden. Die wichtigsten ehemaligen Helfer WIDOS
und LAMBERTS wie Graf Sigefred von Piacenza, Markgraf Adalbert von Ivrea (Sohn Anskars I.) und Markgraf Adalbert von Tuszien,
dessen Mutter ja eine WIDONIN war,
suchten nun, da ihre Macht bei einer eigenen Aktion derjenigen BERENGARS
im Moment nicht gleich sein konnte, Anlehnung bei König LUDWIG VON DER PROVENCE.
Dieser mochte seinerseits durch seine
Mutter Ermengarda,
die 876 vom dux Boso von der Provence
entführte Tochter Kaiser LUDWIGS II. und Angilbergas,
noch rege Beziehungen nach Italien unterhalten haben. Ließen sich
doch auch Ermengarda
und ihr Sohn LUDWIG noch 887 von KARL III.
gerade die italienischen Besitzungen bestätigen, und war doch Ermengarda
891, aus der Provence kommend, selbst noch einmal in Piacenza [51 Vgl. MG DD
Kar1 III. Seite 267, nr. 165, und Skizze Sigefred, Anm. 11, im Speziellen Teil].
So kommt es, daß im Jahre 900 Italienses
poene omnes Hulodoicum
.. , nuntiis directis invitant, ut eos adveniat regnumque Berengario
auferat sibisque obtineat [52 LIUDPRAND,
Antapod. lib. II, cap. 32, Seite 52.].
Führten diese Beziehungen der Großen somit zur Einladung König LUDWIGS VON DER PROVENCE,
so daß dieser im Oktober 900 von einigen Grafen begleitet [53
Niederburgundische Grafen in seiner Begleitung sind: Graf
Adelelm (von Valence) -
SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico
III. nr. 2,3,6,10,11, + 2, + 3, + 6, und POUPARDIN,
Recueil des actes des Rois de Provence nr. 28,42,52; Graf Rotbald -
Dipl. Lodovico III. nr. 6; ein Robaldus comes Provincie finibus wird
etwas später erwähnt in Chron. Nova1ic. Seite 260; auch die
nur
in LUDWIGS DES
BLINDEN Begleitung nachweisbaren Grafen Ailulf, Raterius und
Liutfrid (Dipl. Lodov. III. nr.
3,16,18) scheinen aus der Provence
gekommen zu sein. Die beiden letzteren sind jedenfalls in den
provenzalischen Urkunden LUDWIGS
anzutreffen (vgl. POUPARDIN, Recueil nr. 28 und
42, dazu R. POUPARDIN, Provence Seite 178, Anm. 9).]
nach Italien ziehen und im Februar 901 in Rom sogar die Kaiserkrone
erringen konnte, so waren es aber bald darauf dieselben Großen
Italiens, die LUDWIG
verließen und BERENGAR
erneut ein Übergewicht verschafften, das zur Vertreibung LUDWIGS (902)
ausreichte. Als jedoch 905 dem Markgrafen
Adalbert von Tuszien, der Berta, die Tochter König Lothars II. von Lothringen
und Witwe des Grafen Thiebald von
Vienne, zur Frau genommen hatte und dadurch besonders enge
Beziehungen nach der Provence haben mußte, die Herrschaft BERENGARS erneut
lästig fiel, da geschah es wiederum, ut consulto eodem Adelberto marchione ceteri ltalienscs
principes propter eundem Hulodoicum,
ut adveniret, transmitterent [54
LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 36, Seite 54. -
Man beachte auch, daß die Markgrafen von Tuszien noch 879 comitata in
Provincia posita zu verwalten hatten (siehe oben Seite 63) und
auch schon aus
dieser Zeit gute Beziehungen nach der Provence erhalten geblieben sein
können.]. Und LUDWIG
erschien noch einmal in Italien. Wie aber die rebellischen Grafen Hilfe
in den alten Stammländern jenseits der Alpen suchten, so bediente
sich auch BERENGAR
diesmal wieder dieses Mittels. Er begab sich nach Bayern und brachte
von dort Verstärkung mit [55 Regino,
Chron. ad 905, Seite 150, berichtet, daß BERENGAR
in Baioaria exulabat und von
dort contractis undique copiis
Veronam pervenit.]. A Perengario
et Bauguaoriis wurde danach LUDWIG in Verona
gefangengenomrnen und geblendet [56 Ann.
Alemannici, MG SS I Seite 54. - Diese
Nachricht wird dort allerdings fälschlich zum Jahre 902 gesetzt,
nachdem LUDWIGS
1. Italienzug und die Kaiserkrönung richtig zu 900 und
901 gegeben sind. So auch die Ann. Einsidlens. ad 902, MG
SS III Seite 140.]. - So ist Anfang und Ende auch
dieses Abschnitts italienischer Geschichte durch die alten Beziehungen
nach der Provence und nach Bayern bestimmt. Und wenn einige der
Großen Ober-Italiens - vornehmlich diejenigen, die die Partei des
noch nach West-Franken gezogenen WIDO gebildet hatten [57 So vor
allem Adelbert von lvrea, der Sohn des 888 mit
WIDO
nach Italien gezogenen West-Franken
Anskar, dann Sigefred von
Piacenza und Mailand wie auch Markgraf
Adelbert von Tuszien.], - dabei die
Vereinigung Italiens mit der Provence für möglich hielten,
dann konnte doch wohl bei ihnen eine echte Verwurzelung, ein
völliges Aufgehen im italienischen Lebensbereich noch nicht
eingetreten sein. Das zeigen auch die wenig später sichtbar
werdenden Beziehungen zu Hoch-Burgund. Aber vorher brachte das Jahr 907
noch ein Nachspiel zu den Italienzügen LUDWIGS
DES BLINDEN. Dieses zeigt, daß auch die auf der
anderen Seite der Alpen erstarkte, aus altfränkischen
Geschlechtern hervorgegangene Führungsschicht noch Italien in den
Bereich ihrer politischen Überlegungen einbezog. In diesem Jahre
versuchte offenbar Markgraf Hugo von der Provence,
der Sohn Thiebalds von Vienne und
der nach dessen Tode nach Tuszien weiterverheirateten KAROLINGER-Tochter
Berta, welcher
für den geblendeten Kaiser LUDWIG die
Regierungsgeschäfte besorgte, mit einigen anderen Großen
wieder in Italien einzufallen [58
Datierung und Bewertung des 1. Italienzuges Hugos sind
sehr kontrovers; vgl. zuletzt G. FASOLI, I re d'Ltalia Seite 233
ff., wo auf die bisherige Literatur eingegangen wird. Neben LIUDPRAND geben
noch CONSTANTINOS PORPHYROGENITOS, De administr. imp., cap. 26, Seite
227, und die Miracula sancti Apollinaris (MG SS XXX, 2 Seite 1343 ff.)
davon Nachricht. LIUDPRAND schreibt in seiner Antapodosis lib. III,
cap. 12, Seite 79, daß Hugo vor der
Übernahme der italienischen Herschaaft (926) erat longo ex tempore multis
argumentis ... perclitans, si forte regnum posset obtinere Italicum.
Hic enim et Berengarii
iam nominati regis (nicht imperatoris!) tempore
cum multis in Italiam venerat; sed quia regnandi tempus ei nondum
advenerat, a Berengario
territus est atque fugatus. Der nicht immer
genaue CONSTANTINOS setzt einen Italienzug Hugos in die
Zeit
der Kämpfe BERENGARS mit Rudolf II. von
Hoch-Burgund (923/24)
(siehe unten
S.84). Die miracu1a S. Apollinaris berichten hingegen:
Anno igitur incarnationis DCCCC XI,
defuncto sancte Valentinensis
ecclesie episcopo, Remegarius...
vocatur episcopus. Anno itaque
revolvente (also 912) ... Ugo inclitus marchio qui tunc rem publrcam
sub imperatore Ludovico regebat Italiam
provehebatur. Hic namque in
suo auxilio episcopos atque comites habebat. Wie aber schon R.
POUPARDIN, Provence Seite 261, nr. 2, bemerkt,
muß in dem von den Miracula gegebenen Datum ein früher
Abschreibefehler vorliegen. Der genannte, in Valence eingesetzte
Remegarius unterzeichnet nämlich schon als Bischof die an und
für sich
undatierte Urkunde über die Wiederherstellung des Klosters
Saint-Barnard de Romans mit gleichzeitiger Einsetzung des Abtes David
(Cartu1. de Saint Barnard, nr. 30 bis). Diese Urkunde wiederum
muß
aber, da sie von Erzbischof Alexander
von Vienne erlassen ist,
notwendigerweise nach dem 30. April 907, dem Todestag Raginfreds, des
Vorgängers Alexanders,
liegen; und sie maß andererseits aber auch
wieder vor dem November 908 erlassen sein, wo der mit der undatierten
Urkunde eingesetzte David
schon im Amt steht (Cartul. de
Saint-Barnard, nr. 68). Ist somit Bischof
Remegarius schon 907-908 im
Amt, so maß das Datum der Miracula auf alle Fälle - und zwar
doch wohl
auf DCCCC VI - abgeändert werden. Verlesungen von X und V sind ja
nicht selten. Das ist ja auch die Zeit, in der Hugo schon
für den
geblendeten
LUDWIG regierte. Es sind somit zwei Zeitansätze für
einen
früheren Italienzug Hugos
gegeben: 907 und 923/24. - Da nun LIUDPRAND
ausdrücklich Hugo als longo ex tempore und multis argumentis
periclitans erwähnt, wird man sich nicht mit der Mehrzahl
der in dieser
Frage hervorgetretenen Historiker (vgl. G. FASOLI, Seite 233 ff.)
für einen einzigen Italienzug Hugos vor
seinem endgültigen Erscheinen
in Italien 926 auszusprechen brauchen, sondern mit G. FASOLI (Seite
235) zumindest zwei Einfälle Hugos vor
926, eben einen nur in den Miracu1a und einen nur von CONSTANTINOS
berichteten,
annehmen dürfen. Jedoch wird man gegenüber G. FASOLI, die den
1.
Italienzug auf 912 datiert, in Beachtung des Hinweises POUPARDINS
diesen Zug zu 907 setzen müssen. FASOLI stützte sich in ihrer
Argumentation für 912 auf Äußerungen A. HOFMEISTERS ,
der
merkwürdigerweise bei seiner Edition der Miracula in den MG SS
XXX, 2 auf POUPARDINS Hinweis keine Rücksicht nahm, dafür
aber
eine Urkunde König BERENGARS I. vom 19.
September 913 (SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I Seite 244, nr. 91)
heranzog. In dieser
BERENGAR-Urkunde
ist von einem infidelis noster Boso die Rede, den A. HOFMEISTER mit
dem Bruder Hugos zu identifizieren
geneigt ist,
welcher nach dem Bericht CONSTANTINS an Hugos
früherem
Italienzug teilnahm. Doch ist mit diesem infidelis - wie im Speziellen Teil,
Skizze Boso III., Anm. 5,
dargelegt wird - kaum der provenzalische
Boso, sondern der gleichzeitige italienische Graf aus dem Hause der
SUPPONIDEN gemeint; und man wird diese Konstruktion
gänzlich beiseite
lassen müssen. Ein Datierungsvorschlag C. W.
PREVITE ORTONS,
Italy and Provence Seite 340, der bei G. FASOLI noch nicht beachtet
ist, geht von der schon bei F. GINGINS LA SARRAZ, Les
Hugonides Seite 132, vorgebrachten Idee eines inneren Zusammenhanges
zwischen dem Italienzug Hugos und der
von LIUDPRAND, Antapod.
lib. II, cap. 55, S. 63, berichteten Inhaftierung Bertas von Tuszien
und ihres Sohnes Wido aus. Hugo
hätte die Alpen überschritten, um
Mutter und Halb-Bruder zu Hilfe zu eilen. Da aber im Jahre 915, in dem
nach allgemeiner Annahme die Inhaftierung Bertas erfolgt
sein soll,
BERENGAR
in den Urkunden der Toskana als König anerkannt und eine
Rebellion auf diese Weise nicht feststellbar ist, vermutet PREVITE
ORTON, daß die Inhaftierung Bertas und
der Italienzug 917/18
oder 920 vor sich gingen, wo durch Lücken im Urkundenbestand von
Lucca
die Nichtanerkennung BERENGARS
nicht mehr erkannt werden könne. Hier
begibt sich PREVITE ORTON aber in das Feld der reinen
Konjekturalhistorie, mit der eine Auseinandersetzung nicht geführt
zu
werden braucht. Schon die Unterstellung, daß die
Urkundenschreiber von
dem geplanten Abfall Bertas
gewußt haben sollen, dem BERENGAR
durch
Inhaftnahme zuvorkam, erscheint mir verfehlt. Daß
der erste, auf 907 datierte Italienzug tatsächlich auch
ein Kriegszug und nicht nur - wie R. POUPARDIN, Provence Seite
219, Anm. 1, und Bourgogne Seite 47, Anm. 3, vermuten möchte -
eine fromme
Pilgerfahrt war, ist doch wohl aus der starken Begleitung zu
erschließen; die episcopi atque
comites, die Hugo in suo auxilio
habebat, wären für eine Pilgerfahrt doch nicht
notwendig gewesen.]. Die Gründe, die ihn
dazu bewogen, sind unbekannt. Aber einerlei, ob er nur einen
Vergeltungszug für die Blendung seines Herrn durchführte oder
ob seine Mutter, die „große Berta" von Tuszien,
ihm damals schon die Herrschaff über Italien zu verschaffen
gedachte, - aus der Tatsache des Italienzuges Hugos spricht
doch das rege Interesse, das man in der regierenden Gesellschaft der
Provence an Italien und der dort herrschenden Führungsschicht
behielt.
Beziehungen der Adelsgesellschaft Ober-Italiens zu Hoch-Burgund treten
im Jahre 921 ans Licht. Pfalzgraf
Odelrich, qui ex Suevorum
sanguine duxerat originem, war damals bei seinem Herrn, dem
inzwischen (915) zum Kaisertun, gelangten BERENGAR, in
Ungnade gefallen. Er fand jedoch Anhänger. Der Markgraf Adalbert von Ivrea, der
früher schon LUDWIG VON DER
PROVENCE unterstützt hatte, Pfalzgraf Odelrich, Erzbischof Lampen von Mailand und
der schon als Missus eingesetzte kaiserliche Vasall langobardischer
Abkunft Giselbert nonnullique alii principes Italiae
standen bald darauf in offener Rebellion gegen den Kaiser. Sie
schickten Boten an König Rudolf II. von Hoch-Burgund
mit der Bitte, er möge nach Italien kommen und BERENGAR
vertreiben. An ihn wandten sie sich - wie LIUDPRAND VON CREMONA bemerkt
-, weil er durch seine Ehe mit der Tochter
Herzog Burchards von Schwaben seine Grenze im Norden gesichert
und seine Macht wesentlich vermehrt hatte und deshalb BERENGAR
durchaus gewachsen schien. Rudolf scheint
aber auch seit längerem schon bessere Beziehungen zu einigen
oberitalienischen Großen unterhalten zu haben; hatte sich doch der Graf Bonifaz (von Bologna) mit seiner Schwester Waldrada
vermählt. - Nach einem Schlag gegen Odelrich und die Verschwörer,
den BERENGAR
durch ihm verbündete Ungarn ausführen ließ, ging dann
noch eine zweite Gesandtschaft (Giselbert)
nach Burgund ab, der es gelang, den anscheinend schon seit der ersten
Einladung auf ein größeres Unternehmen vorbereiteten Rudolf innerhalb
von 30 Tagen zu einem Italienzug zu bewegen [59 Nachricht
von dieser Empörung geben LIUDPRAND VON CREMONA, Antapod. lib. II,
cap. 57-65, Seite 63ff., und FLODOARD, Annales ad 922, Seite 7 und ad
923, Seite 18/19, desgleichen Seite 198 und
213. - Vgl. dazu weiter die im Speziellen Teil gegebenen
prosopographischen
Skizzen der hier genannten Personen.]. Dieser
oder schon der ersten Gesandtschaft gehörte wohl auch Samson an, ein oberitalienischer
Graf fränkischer Abstammung, der König
Rudolf zum Zeichen
seiner Huldigung und der der anderen Verschworenen eine Lanze
überbrachte und ihn mit dieser in den Besitz des regnum ltaliae investierte, - eine
Lanze, von der man offenbar, um Rudolf volle
Aussicht auf Erfolg zu geben, behauptete, sie enthalte Nägel aus
dem Kreuze Christi und sei deshalb siegverleihend [60 Zur
Geschichte der Hl. Lanze gibt es eine umfangreiche
Literatur. Hier seien nur zitiert: A. HOFMEISTER, Die hl. Lanze (1908);
A. BRACKMANN, Die politische Bedeutung der Mauritiusverehrung,
Sitzungsbericht der Berliner Akadeie, Phil.-hist. Kl. 1937; H.-W.
KLEWITZ, Die hl. Lanze Heinrichs I., in DA 6, 1943; A. BRACKMANN,
Zur Geschichte der hl. Lanze, in DA 6, 1943; W. HOLTZMANN, König
Heinrich I. und die hl. Lanze (1947); P. E. SCHRAMM, Die
„Heilige Lanze", in Herrschaftszeichen und Staatssymbolik II (1955).].
So fand Rudolf
in Italien eine große Anhängerschaft vor, und BERENGAR
wurde wieder einmal auf die Gebiete von Verona und Friaul
zurückgedrängt. In seiner Umgebung sind nur noch die Grafen Grimald, Guntari und Ingelfred - alle drei alemannischer
Abkunft - und der sonst nicht weiter bekannte Graf Hubert anzutreffen. Im Gefolge Rudolfs
finden sich außer Markgraf
Adelbert von Ivrea dessen
Söhne Berengar II.
und Aaskar II., (Vice)graf
Gariard, Graf Samson, Graf Bonifaz (Schwager des HOCH-BURGUNDERS), Graf Wilhelm (wohl der Stammvater der italienischen ALEDRAMMIDEN)
und der nun für seinen Einsatz mit der Grafschaft Bergamo belohnte
Langobarde Giselbert. Und diese
Großen waren es auch, die Rudolf in
der Schlacht von Fiorenzuola das Übergewicht über BERENGAR
verschafften.
Da Rudolf aber
seinen Sieg nicht ausnützte, sondern sich noch einmal nach Burgund
zurückzog, fand in der Regierungszeit BERENGARS
eine weitere Berührung mit der Provence statt. Wenn man der
Nachricht des CONSTANTINOS PORPHYROGENITOS trauen darf, hatte BERENGAR aus
der Provence noch einen Einfall abzuwehren. Von dort her versuchte in
dieser Krisenzeit Markgraf Hugo - wie schon 907 -
sein Glück in Italien. Bis Pavia sei er zusammen mit seinem Bruder Boso und einem Hugo Taliapherni sowie einem kleinen
Heer vorgedrungen. Dann aber habe BERENGAR den
Eindringlingen die Zufuhr abschneiden können. Als diese sich
ergeben und geschworen hätten, nicht wieder nach Italien zu
kommen, habe BERENGAR
sie den Rückzug antreten lassen [61
Constantini Porphyrogeniti De administrando Imperio liber,
cap. 26, Seite 227ff. - CONSTANTIN setzt diesen Bericht zwischen
seine Schilderung der Schlacht von Fiorenzuola (17. Juli 923) und den
Vermerk über den Tod BERENGARS
durch Flambert in Verona.
Daß dieser
Bericht über einen Italienzug Hugos nicht
mit der in den Miracula S. Apollinaris erzählten Heerfahrt Hugos zusammengebracht
werden darf, dazu vgl. Anm. 58.].
Während der langen Regierungszeit BERENGARS
waren die Verbindungen zu den Ländern jenseits der Alpen nie
abgerissen. Auch nach BERENGARS
Tode (7.IV.924) und nach der Rückkehr Rudolfs II.
aus Hoch-Burgund richteten sich die Nachkommen der Zuwanderer noch
nicht ausschließlich auf Italien aus.
Die Intrigen, die innerhalb der so einflußreich gewordenen
Adelsschicht gesponnen wurden, führten, noch bevor der Burgunder-König Rudolf recht Fuß
fassen konnte, dazu, daß Markgraf
Hugo aus der Provence
nach Italien gerufen wurde. Den Weg durch das westliche Ober-Italien zu
nehmen, war für diesen zun;ichst nicht möglich. Dort hatten Rudolf und sein Schwiegervater Herzog Burchard von
Schwaben ihre Streitmacht versammelt. Wenn Hugo darauf
den Seeweg nach Pisa wählte, wo sein
Halb-Bruder Markgraf Wido von Tuszien gebot, dann zeigt das
einerseits, wer Hugo
mit herbeigerufen hatte, und andererseits, daß die alten
Beziehungen, die zwischen dem tuszischen
Herrscher-Haus und der Provence bestanden, wirksam geblieben
waren [62
Vgl. oben Seite 63 und 81. - Zur Einladung und Italienfahrt
Hugos
vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 12 und 16-18, Seite
79 ff., dazu die Bemerkungen im Speziellen Teil, Skizze Adalbert von Ivrea.].
Bemerkenswrt ist bei dieser Entwicklung, daß nach längerer
Zeit mit dem Herzog Burchard von
Schwaben wieder einmal ein Großer des ostfränkischen
bzw. des entstehenden Deutschen Reiches in die italienischen Wirren
hineingezogen wird. Für diesen müssen die Vorgänge in
Italien an und für sich schon von Interesse gewesen sein; hatte
doch noch sein Großvater
Adalbert im Jahre 873 Güter im Gebiet von Tortona erworben [63 Vgl. oben
Seite 64 und G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die
Regierung Italiens Seite 56f.]. Vielleicht erhob
er auf diese noch Anspruch. Oder hatte er Verwandte in der in Italien
tätigen Adelsgesellschaft, an die die ehemals rheinauisehen
Güter über seinen Großvater Adelbert gelangten?
Näheres bleibt unbekannt. Auf dem Rückwege von einem
Erkundungsritt nach Mailand fand er vor Novara, von Rudolfs Gegnern
gestellt, den Tod. Seine wenigen Begleiter traf das gleiche Los in der
S. Gaudentiuskirche, in die sie sich geflüchtet hatten (29.4.926) [64 G. W AITZ,
Heinrich I. Seite 84, Anm. 3.].
Auch unter König Hugo, der nach dem Abzug Rudolfs II.
vom tuszischen Herrschaftsbereich seines (Halb)-Bruders Wido aus nach
Ober-Italien weiterziehend bald allgemeine Anerkennung fand und dort
die
durch den unentwegten Machtkampf verfeindeten Adelsgruppen wieder
versöhnen konnte [65
Vgl. SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 6, nr. 2 vom 3.
September 926, wo Erzbischof Lambert
von Mailand und die
Markgräfin Ermengarda - nach LIUDPRAND,
Antapod. lib.
III, cap. 7-12, Seite 77 ff., die Exponenten der beiden verfeindeten
Adelsgruppen - gemeinsam bei Hugo in Pavia
intervenieren.],
hielten die Beziehungen zu den Ländern jenseits der Alpen an. Hugo
behielt ja nicht nur weite Besitzungen in seiner Heimat [66
SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo nr. 16,18,34,43,76.],
er holte
auch nach und nach, was ihm später zum Vorwurf gemacht wurde [67 LIUDPRAND,
Antapod. lib. V, cap. 18, Seite 140: Non
clam te
est, domine mi, quam invisum rex Hugo imperio se duro
Italicis cunctis
effecerit, praesertim cum et concubinarum filiis acBurgundionibus
sit dignitates largitus nec ullus inveniatur Italicus, qui aut expulsus
aut non dignitatibus omnibus sit privatus.],
eine große Menge Vertrauter aus Nieder-Burgund herbei und
übergab ihnen Ämter in Italien. - Einer der ersten, der auf
diese Weise nach dem Süden gelangte, war der Kaplan Gerlannus, den
Hugos
Gemahlin Alda (ex Francorum genere Teutonicorum) mitbrachte und
mit einem Bistum ausgestattet wissen wollte. Er wurde schließlich
Abt von Bobbio und Hugos
archicancellarius [68
Miracula sancti Columbani, cap. 8 (MG SS XXX, 2 Seite 1001).
Gerlannus ist als cancellarius vom 17. Februar 927 -
12. Mai 928 und
als ardricancellarius vom 12.
November 928 - 24. Juni 936 in den
Urkunden Hugos
nachweisbar; vgl. SCHIAPARELLI, I dipl. di
Ugo Seite VIII.]. Es folgten zum Beispiel Sarilo, der später
zum Pfalzgrafen erhoben werden sollte, und Azzo comes Burgundiae,
Stammvater der Marsergrafen [69 Leon.
Chron. Mors. Cassin. I, 61 in MG SS VII Seite 623. Zu den Grafen
von Marsi vgl. H. MÜLLER, Topographische und genealogische
Untersuchungen Seite 47 und 54ff.]. Darüber
hinaus zog Hugo
eine große Menge Verwandter nach sich. Noch
vor 931 erschien Hugos Bruder Boso, der
früher schon Hugos
Italienpläne kräftig unterstützt hatte und 926 in Hugos
provenzalischer Stellung nachgefolgt war [70 Er erhielt
nach der Absetzung Lamberts,
eines Halb-Bruders Hugos,
die Mark Tuszien; vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 47,
Seite 99, und IV, cap. 11, Seite 109f. Boso
ist ab 931 in Italien
nachweisbar; SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 85, nr. 28. -
A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 405; R. POUPARDIN,
Provence Seite 207.]. Bereits 929 hatte Hugo
seinen Neffen Theobald
aus dem Hause der Vicegrafen von
Vienne mit der
Verwaltung der Mark Spoleto betraut [71
A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 419.]. Daneben
trat Theobalds Vater
Ingelbert zeitweilig in Ober-Italien als Graf hervor. Um 928 kam
auch
Bischof Hilduin von Lüttich
zu König Hugo, cui affinitatis
linea iungebatur. Er
erhielt das Bistum Verona ad
stipendii usum,
ab 931 sogar das Erzbistum Mailand [72
LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 42, Seite 95; MG Capit. II, Seite
378, nr. 290 und MG Briefe der Deutschen Kaiserzeit I: Rather von
Verona, nr. 7, Seite 35ff.]. Den gleichen Weg
schlug nicht
viel später der Erzbischof
Marsasse von Arles ein, ein weiterer
nepos
König Hugos.
Ihm wurden die Bistümer Verona, Trient und
Mantua zugewiesen [73
LIUDPRAND, Antapod. lib. IV, cap. 6-7, Seite 105; lib. V, cap.
26, Seite 145; Hist. Ottonis cap. I, Seite 159; MG Briefe I, Rather von
Verona nr. 7, Seite 35ff.]. Daß Hugo auch
seine eigenen Söhne nach
Italien brachte und dort mit Ämtern versorgte, ist hinreichend
bekannt [74
E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 134ff., R. POUPARDIN,
Provence Seite 223f.].
Für die Verbindungen Italiens mit der Provence schien
zunächst aber bedeutungsvoller als das langsame Fluktuieren der
Adligen zu werden, daß Hugo 928
versuchte, im raschen Zugriff die
Provence seiner italienischen Herrschaft anzugliedern. Gleich nach
Bekanntwerden des Todes LUDWIGS DES BLINDEN
zog er in seine Heimat, wo
er durch seine einstige Stellvertreterschaft LUDWIGS noch
Rechte gehabt
zu haben scheint und wo er für seine Pläne noch die Hilfe
vieler Verwandter erhoffen konnte. Noch lebten ja dort sein Bruder
Boso, sein Neffe Erzbischof
Manasse von Arles, ein zweiter Neffe Graf
Hugo, sein Schwager Ingelbert und
dessen Brüder Ratburn und
Erzbischof Sobo von Vienne [75 FLODOARD,
Annalen ad 928, Seite 43; R. POUPARDIN,
Provence Seite 226ff. Zur Genealogie der Verwandten Hugos in der
Provence
vgl. R. POUPARDIN, a. a. O. Seite 356, und C. W. PREVITE ORTEN, Italy
and Prorcnce Seite 344ff., wo allerdings vieles sehr
hypothetisch bleibt.]. Da er aber nicht der
einzige Bewerber
war, sondern in König
Rudolf (Raoul) von West-Franken
einen ebenso zielbewußten
Konkurrenten fand, mußte die Lage ungeklärt bleiben. Hugo
urkundete zwar als italienischer König in der Provence, doch
mußte
er die Grafschaft Vienne an Odo,
einen Sohn des Grafen Herbert von
Vermandois und Untergebenen König
Raouls, zu Lehen
geben. Die
Erhebung eines selbständigen Königs der Provence - etwa Karl
Constantins, des Sohnes LUDWIGS DES BLINDEN -
wurde immerhin
verhindert. Aber schon einige Jahre später sollte Hugo zum
Verzicht auf seine Rechte in der Provence genötigt werden. Den
Anstoß dazu gab wieder eine Konspiration der italienischen
Großen nordalpiner Abkunft, die sich diesmal sogar um den
königlichen Halb-Bruder Markgraf
Lambert von Tuszien sammelten,
nach der Inhaftierung ihres Führers wiederum Hilfe bei Rudolf II.
von Hoch-Burgund suchten und damit die nordalpinen Beziehungen
in schon
mehrmals bewährter Art zur Besorgung eines Gegen-Prätendenten
gegen ihren unbequemen Herrscher benutzten. Rudolf sollte
nun kommen,
um König Hugo zu
vertreiben. Dieser aber erwirkte mit einer
weiteren Gesandtschaft nach Hoch-Burgund, daß Rudolf auf
einen
Einfall in Italien verzichtete. Im sogenannten
italienisch-burgundischen Vertrag überließ er dem
HOCH-BURGUNDER in nicht
ungeschickter Weise dafür seine Anrechte
auf die Provence, wo Karl Constantin
inzwischen stärker
hervortreten konnte und auch der Einfluß aus West-Franken
zugenommen hatte [76
LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 47/48, Seite 99f.; dazu W.
HOLTZMANN, Kg. Heinrich I. Seite 28ff. Der italienisch-burgundische
Vertrag kam wohl im Sommer 933 zustande.].
Gegen Jahresende 933 ist es aber schon wieder ein neuer Aufstand, der
die vorhandenen Beziehungen über die Grenze hinweg nach Bayern ans
Licht treten läßt. Longobardi
Eparhardum filium Arnolfi
ducis in dominum acceperunt [77 Annalen ex
annalibus Iuvavensibus antiquis excerpti, MG SS
XXX, 2 Seite 743.]. Eine Gesandtschaft einiger
verschworener
italienischer Großer muß damals also zu Herzog Arnulf
nach
Bayern gekommen sein, die Vertreibung König
Hugos erbeten und
ihm
oder seinem Söhne die Herrschaft über Italien angetragen
haben [78 Vgl.
dazu auch die bei K. REINDEL, Die bayerischen Luitpoldinger
Seite 163ff. verzeichneten späteren Quellen.].
Deshalb folgt auf diese Nachricht der älteren Salzburger Annalen
auch sogleich die Mitteilung: Eodem
anno
Arnolfus dux et Udalpertus archiepiscopus cum
Baiowariis iter
hostile in ltaliam fecerunt. Diejenigen, deren Beziehungen nach
Bayern
hier offenbar wurden, waren der Graf
Milo von Verona, ein Mann
fränkischen Herkommens, und vor allem der 931 gegen den Willen
König Hugos auf den Veroneser Bischofsstuhl gelangte
ehemalige
Mönch aus dem Kloster Lobben in Belgien, Rather, der 928 mit dem
aus Lüttich vertriebenen Bischof
Hilduin nach Italien gekommen war [79 Zum Leben Rathers vgl. die ausführlichen
Studien von A. VOGEL, Ratherius von Verona und das 10. Jh., 2
Bände, und von F. WEIGELE
(vgl. Literaturverzeichnis). Wie eng Rather
mit seiner Heimat nördlich der Alpen noch verbunden
war, geht schon daraus hervor, daß er in seinem Leben noch
viermal dorthin zurückkehrte: - das erste Mal, nachdem er 936 aus
Hugos
Haft entkommen war, das zweite Mal, nachdem er 945 mit Berengar II.
wieder in Italien eingezogen war, aber bereits 948 wieder sein
Bistum
verlor und vertrieben wurde, das dritte Mal, nachdem er 951 mit OTTOS I.
Sohn Liudolf nach Italien
gekommen war, aber nicht wieder als
Bischof von Verona eingesetzt wurde, und das vierte Mal, nachdem er 961
durch OTTO I. die
dritte Einsetzung in Verona erfahren hatte, aber 967
wegen der Verwendung von beneficia
militaria für den Lebensunterhalt
von niederen Klerikern den Protest des für die militärische
Schlagkraft
verantwortlichen Grafen von Verona hervorgerufen hatte und der
politischen Einsicht und Gewalt des Kaisers weichen mußte.].
Arnulf von
Bayern wurde von ihnen libenter, ut quicum invitarant, in Verona
empfangen [80
LIUDPRAND, Antapod. lib. III, cap. 49-52, Seite 100f.].
Möglicherweise war Rather
sogar ein Verwandter Herzog Arnulfs, wenn auch der
Grad der Verwandtschaft nicht mehr bestimmbar ist. Als jedenfalls
König Hugo rasch zum Gegenschlag mit Truppen in diese Gegend
geeilt war, das bayrische Aufgebot zum Rückzug gezwungen wurde und
Verona zuvor noch der Plünderung verfiel, da schonten die Bayern Bischof Rather propter consanguinitatem,
quam cum illorum habeba(t) primoribus ipsoque, ut dicebat, principe"
[81 Eigene
Angabe Rathers in MG Briefe
der Deutschen Kaiserzeit I Seite 13ff., nr. 1. Dieser Brief Rathers - zu seiner exakten Deutung
vgl. F. WEIGLE in DA 5 Seite 378ff. - ist neben LIUDPRANDS
Schilderung und den kurzen Angaben der älteren Salzburger Annalen
die wichtigste Quelle für die Ereignisse von 933/34.].
Aus dem Wissen um die Verwandtschaft Rathers
zu einigen Führern des bayrischen Aufgebotes wird aber
überhaupt erst die Einladung an den Bayern-Herzog recht
verständlich. Auch dieser Italienzug ist damit noch wesentlich als
Nachwirkung des Überwechselns eines Mannes aus dem Norden nach
Italien und dessen noch nicht vollständiger Assimilierung an den
italienischen Lebensbereich gekennzeichnet.
In den nächsten Jahren sollten noch weitere solche Beziehungen der
Adelsschicht Italiens zu den Gebieten nördlich und nordwestlich
der Alpen sichtbar werden. So kam zum Beispiel Abt Odo von Cluny nach Italien, um
für König Hugo in Rom zu vermitteln
[82 E.
SACKUR, Die Cluniacenser I Seite 359ff.]. Auch
die Angliederung Hoch-Burgunds an Italien sollte durch König Hugo noch einmal versucht
werden [83
Hugo
zog nach dem Tode Rudolfs II.
sogleich nach Burgund und
heiratete Rudolfs
Witwe. Seinen Sohn und Mit-Regenten Lothar verlobte er
mit Rudolfs Tochter Adelheid. Der Plan
mißlang, da einige burgundische
Große sich bereits des zur Nachfolge ausersehenen Knaben Konrad
bemächtigt und diesen OTTO DEM GROSSEN
übergeben hatten; vgl. E. DÜMMLER, Otto der Große Seite
110.]. Es darf bei all dem aber nicht
übersehen werden, daß die seit längerer Zeit in Italien
ansässigen Adels-Familien die mit König
Hugo aus der
Provence und aus Burgund neu angekommenen Adligen schon mit
großer Zurückhaltung betrachteten. Die Burgundiones werden in den Quellen
bereits dem Italicus
gegenübergestellt [84
Vgl. oben Seite 85, Anm. 67, und auch unten Seite 93.].
Zudem wandelt sich die Art der Verbindungen nach den Ländern
jenseits der Alpen natürlicherweise mit der zunehmenden
Assimilierung der alten Adelsschicht. Bei den Kontakten mit den
Heimatländern, die der zugewanderten Adelsschicht in Stunden der
Gefahr von Nutzen waren, hatte bislang die persönliche Bindung,
die Verwandtenbeziehung, zumeist eine große Rolle gespielt. Mehr
und mehr verlor jedoch das verwandtschaftliche Moment an Gewicht. So
wie es Gewohnheit wurde, daß die in Italien erstarkten Adligen -
um sich keinem Herrn recht beugen zu müssen - immer wieder einen
neuen Gegenkandidaten gegen ihren jeweiligen König aufstellten, quantinus alterum terrore coherceant
[85 LIUDPRAND,
Antapod. lib. I, cap. 37, Seite 27. Die gleiche Auffassung findet
sich andeutungsweise auch bei ANDREAS VON BERGAMO (vgl. oben Seite 68)
und beim Mönch BENEDIKT vom Monte Soracte (ZUCCHTTI, Il Chronicon
di Benedetto Seite 178ff. und 184).], so wurde es
- wie es scheinen will - auch langsam Tradition, sich nach der
Provecnce oder nach Burgund zu wenden. Die Frage der persönlichen
Bindungen trat dabei in den Hintergrund. Schon bei den Einladungen an Rudolf II. von
Hoch-Burgund scheinen die persönlichen Beziehungen nicht
allein ausschlaggebend gewesen zu sein. Dies wird etwa am Langobarden Giselbert ersichtlich,
der maßgeblich daran beteiligt war und der damals in die
Führungsschicht aufsteigen konnte. Offenkundig wird die
Verlagerung von der persönlich bestimmten zur mehr oder weniger
rein politischen Beziehung aber erst an den Ereignissen, die auf den
mißglückten Versuch, Hoch-Burgund an Italien anzugliedern,
folgten. Hugos
Burgund-Unternehmen hatte OTTO DEN GROSSEN auf den
Plan gerufen und die Blicke der eigenen unzufriedenen Großen auf
eine Persönlichkeit gelenkt, zu der die führende
Adelsgesellschaft Italiens zwar bislang weder in verwandtschaftlichen
noch in sonstigen persönlichen Beziehungen stand, die aber die
Macht besaß, Hugos
großem Ehrgeiz Schranken zu setzen.
Der erste, für den OTTO I. von
Bedeutung werden sollte, war Markgraf
Berengar von Ivrea. König Hugo hatte bei seinen
Bestrebungen, die Macht des Hauses
von IVREA zu schwächen, bereits Anskar II., Berengars Bruder,
nach Spoleto und Camerino versetzt, dann aber, da er offenkundig gegen Hugo agitierte, 940 durch den Pfalzgrafen Sarilo, einen seiner
Leute aus Burgund, bekriegen und töten lassen. Die
Verschwörung, die Berengar
darauf gegen Hugo
zu schmieden begann, war auch bald aufgedeckt worden. Damals griff Berengar,
ein Enkel des ehemaligen Grafen Anskar von Ouche,
nicht mehr auf Beziehungen nach West-Franken, das heißt nach der
Heimat seiner Vorfahren, zurück. Er floh nach Aufdeckung seiner
Pläne vielmehr zu Herzog Hermann
von Schwaben, der ihn zu OTTO I. weiterleitete
[86
Ausführlicher Bericht bei LIUDPRAND, Antapod. lib. V, cap. 10,
Seite 135. - Die Flucht Berengars von Ivrea
scheint im Herbst 941 erfolgt zu sein. Noch im Februar
941 hält er nämlich in Mailand ein Placitum ab (CdL Seite
951, nr. 558), und im Juli 941 wird noch zur Landbegrenzung bei einem
Gütertausch in Casalmaggiore angegeben: a sero Berengario marchio
... (CdL Seite 961, nr. 563). Das läßt darauf
schließen, daß er damals noch nicht geflüchtet war und
seine Güter noch besaß. Auf den Herbst 941 deutet auch die
Angabe LIUDPRANDS, daß Wila ihrem Gemahl Berengar bald nachfolgte
und zur Winterszeit (941/42) - tempore
brunaae - die Alpen überqueren maßte.].
Seine Verbindungen nach West-Franken scheinen schon abgerissen oder
zumindest bedeutungslos gewesen zu sein. Entscheidend für das
Handeln Berengars
von Ivrea wurde die politische Überlegung. Nur der deutsche
König, der bei der Bevölkerung Italiens - wie bezeugt wird [87 LUIDPRAND,
Antapod. lib. III, cap. 48, Seite 100: (Heinricus), cuius ex hoc apud Italos nomen maxime tunt
clarebat, quod Danos ... tributarios faceret.]
- schon seit den Siegen HEINRICHS I.
über Dänen und Ungarn in hohem Ansehen stand und der eben
noch Hugo
in Burgund entgegengetreten war, sollte eine dem eigenen König
ebenbürtige Macht dar, die erfolgversprechend in das
Kräftespiel auf italienischem Boden einbezogen werden konnte. Nur
er konnte Berengar
die erhoffte Hilfe gewähren.
OTTO I.
unterstützte Berengar, und
zwar - wie es scheint - nachdem dieser sich in seine
Lebensabhängigkeit begeben hatte [88
Die Frage, ob sich Berengar v. Ivrea 941 Otto 1.
kommendicrte, ist sehr umstritten, doch scheinen die Argumente der
Verneinet gegen zwei klare Quellenbelege nicht stichhaltig genug zu
sein. - W i d u k i n d v. C o r v c i sagt nämlich im
Zusammenhang mit
der Unterwerfung Berengars 11. in Augsburg 952, daß dieser tunc
tarnen renovata fade coram omni exercitu farnulatui regis se cum
filio subiugavit, da er schon Olim Hugonem Jugiens regi (sc. Ottoni)
subderetur (W i d u k i n d, lib. III, cap. 11, S. 110). Der zweite
Beleg findet sich bei H r o t s v i t h a , Gesta Oddonis v. 675-680 (M
G S S I V S. 317 f.). Zur Deutung vgl. C h r. F i c t z, Geschichte
Berengars von Ivrea S. 10, wo auch die Frage der Lehensabh:ingit;keit
Berengars von Otto 1. nach ausgiebiger Erörterung bejaht wird.].
Er lehnte nicht nur König Hugos Bitte um
Auslieferung Berengars
ab; er gestattete diesem in der Folge vielmehr, in Schwaben ein kleines
Heer anzuwerben [89
L i u d p r a n d , Antapod. lib. V, cap. 17 und 26, S. 139 und 145.]
, mit dem er zu Anfang 945 nach Italien zurückkehren und Hugo die
Macht entreißen konnte.
Die politischen Beziehungen zu den Gebieten jenseits der Alpen auf
Grund alter persönlicher Bindungen hatten politischen Beziehungen
ohne jeden erkennbaren persönlichen Hintergrund Platz gemacht.
Beim Betrachten der Nachwirkungen der Verpflanzung von so vielen
Adligen aus den Gebieten nördlich und nordwestlich der Alpen nach
Italien darf aber auch das nicht außer acht gelassen werden. Sind
doch diese neuen Beziehungen nur zusammen mit den voraufgegangenen
Wechselbeziehungen recht verständlich. Sie stehen in der Tradition
der vorangegangenen Bindungen und Kontakte.
Es ist aus keiner Quelle ersichtlich, daß OTTO
DER GROSSE bereits vor dem Eintreffen Berengars von Ivrea
Italien als Aufgabenfeld in seine politischen Pläne einbezogen
hatte. Einmal von einem Großen Italiens, der dazu noch sein
Lehensmann geworden war, um Hilfe gebeten, verlor aber OTTO I.
Italien nicht mehr aus seinen Augen. Nachdem Berengar am
15. Dezember 950 nach einer Übergangsstellung als summus consiliarius bei König Lothar, dem Sohne Hugos,
ohne auf OTTO Rücksicht zu
nehmen, das Königtum in Italien übernommen hatte und OTTO darin
den Versuch erblicken mußte, die übernommene
Abhängigkeit abzuschütteln, kam es zum Eingriff des deutschen
Königs. Er zog 951 nach Italien, ut
resisteret superbienti Berengario und
um einen in seinen Augen verkehrten Zustand zur rechten Ordnung
zurückzuführen: distortum
ad rectitudinem cogere
[90
Hierzu vgl. Vita Mathildis poster., cap. 15,
MG SS IV Seite 293 und MG Briefe der Deutschen Kaiserzeit, Rather von
Verona,
Seite 41, nr.7.]. Damit begannen aber auch schon
die Rückwirkungen aus jener Einbeziehung des deutschen Königs
in das Kräftespiel der oberitalienischen Großen. Man hatte
sich eben nicht - wie bei LUDWIG DEM BLINDEN, Rudolf II. von
Hoch-Burgund und Hugo - an
einen Mann gewandt, der nur kam, wenn er gerufen wurde; OTTO war in
diesem Beziehungsverhältnis von vornherein der stärkere Teil
und war auch nicht gewillt, einmal geknüpfte Faden politisch
ungenutzt zu lassen.
Diese Einbeziehung OTTOS DES GROSSEN in den
Kampf der politischen Kräfte
südlich der Alpen führte schließlich zur deutschen
Vorherrschaft in Italien. Die Huldigung der Großen Ober-Italiens
952 in Pavia, die Verheiratung OTTOS
mit Adelheid,
der Witwe des 950 verstorbenen Königs Lothar,
welche OTTO
zugleich einen weiteren
Rechtstitel auf Italien einbrachte, und die abermalige Lebenshuldigung Berengars II. sowie seines Sohnes Adalbert
952 auf einem
Reichstag in Augsburg sind die bekannten Meilensteine auf dem Wege zu
diesem Ziel [91
Hierzu vgl. E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 184ff. und
190-209.]. Ein erneuter Abfall Berengars II.
und ein
mißglückter Kriegszug Liudolfs, des
Sohnes OTTOS, 956/57
gegen die ihrer Verpflichtung untreu gewordenen Könige Berengar
und
Adalbert vermochten den Beginn der deutschen Herrschaft in
Italien
nur kurzfristig zu verzögern [92
E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 285ff.].
Nachdem jedoch noch einige
Große Italiens vor Berengar II. geflüchtet
waren, bei OTTO
aber Zuflucht gefunden hatten, und nachdem sogar Papst Johann XII. und
die reliqui pene omnis Italiae
comites et episcopi OTTOS
Eingreifen
erbeten hatten [93
Vgl. Skizzen Otbert und Adelbert-Atto im Speziellen Teil;
dazu Contin. Reginonis ad 960, Seite 170; LIUDPRAND, Hist. Ottonis
cap. I, Seite 159f.; SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo e di
Berengario II. Seite 332, nr. 14; sowie E. DÜMMLER, Otto der
Große
Seite 317f.], stand OTTOS zweiter
Italienzug fest. Er führte
961 zur erneuten Unterwerfung Italiens und am 2. Februar 962 zur
Kaiserkrönung OTTOS in Rom.
Die Diskussion über die Gründe, die OTTO I. bewogen,
Italien
und die Kaiserkrone zu erwerben, ist seit HEINRICH VON SYBEL
und JULIUS FICKER unter den Historikern nicht mehr verstummt.
Ausgangspunkt für fast alle Überlegungen war dabei die
nordalpine politische Lage. Um die Herrschaft über den deutschen
Episkopat besser in die Hand zu bekommen, habe OTTO Italien
und Rom
gewinnen müssen. Auch wurde geäußert, zur
Missionspolitik im Osten sei eine ständige Kontrolle über das
Papsttum sehr erforderlich gewesen, oder die Angliederung Italiens
hätte sich als notwendig für die Verhinderung einer
eigenständigen Südpolitik der im deutschen Reich
mitvereinten süddeutschen Stämme erwiesen. Dazu habe ein
Zwang der Tradition bestanden, indem nämlich das Vorbild KARLS
DES GROSSEN auf OTTO gewirkt
habe. Ebenso könne die Legende vom
bevorstehenden Weltuntergang bei einer Nichtfortführung des
Römischen Reiches OTTO nicht
unberührt gelassen haben usw. Jedoch sind gegen alle Gründe
auch ebensoviel
Gegengründe laut geworden, so daß nun mehr oder weniger der
Eindruck entstanden ist, daß OTTO
überhaupt keine plausiblen Gründe
zwingender Art für seine Italien- und Kaiserpolitik hatte. Damit
ist aber die
ganze Südpolitik wieder recht rätselhaft geworden [94 Zu den
einzelnen Thesen ausführlich M. LINTZEL, Die
Kaiserpolitik Ottos des Großen (1943). Einige Überspitzungen
in LINTZELS Darlegungen weist F. RÖRIG zurück in seinem
Aufsatz:
Die Kaiserpolitik Ottos des Großen, Gedanken zu dem gleichnamigen
Buche M.
Lintzels Seite 203ff. Vgl. jetzt auch G. TELLENBACH, Otto der
Große, in: Die Großen Deutschen I Seite 49f.].
Vom Blickwinkel Italiens aus betrachtet ist aber das Eingreifen OTTOS im
Süden durchaus verständlich. Man muß es im Zusammenhang
mit den soeben ausführlich dargelegten Beziehungen betrachten, dir
die seit 875 in ungeheurer Weise erstarkte, aus dem Franken-Reich
stammende Führungsschicht Italiens zu den Großen in den
Heimatländern jenseits der Alpen unterhielt. Diese Beziehungen
hatten sich zunächst mehr auf die engeren nordalpinen Verwandten
konzentriert. WIDOS
Verbindungen zu Fulco von Reims,
die Angilbergas
zu Boso von
der Provence und LUDWIG DEM BLINDEN,
diejenigen des Grafen Bonifaz von
Bologna zu Rudolf II. von
Hoch-Burgund und auch die der Markgrafen von Tuszien und von
Ivrea zu Hugo
von der Provence wurden als Beispiele schon angeführt. In
der Stunde der Gefahr hatte ein italienischer Markgraf nun aber auch
Hilfe bei einem Nichtverwandten gesucht. Diese Einbeziehung OTTOS I. und Deutschlands in das Auf
und Ab der Politik südlich der Alpen war zu dem Zeitpunkt, als die
verwandtschaftlichen Bindungen sich zu lockern begannen und als die
anderen Nachbarstaaten Italiens - Nieder-Burgund, Hoch-Burgund und
Frankreich - entweder selbst eines eigenen Herrschers entbehrten oder
nur einen unfähigen Regenten aufzuweisen hatten, ein logisches
Fazit der bisherigen Entwicklung. Die Tendenzen dieser Großen,
die darauf hinausliefen, Hilfe in den Heimatländern zu holen,
sobald eine Stärkung der königlichen Macht auf Kosten der
gräflichen oder markgräflichen eingeleitet werden sollte,
mußten beim Ausfall anderer Möglichkeiten auch OTTO
erreichen. OTTO
ergriff hier nur die gleichen Möglichkeiten, die vorher schon LUDWIG
DEM BLINDEN VON DER
PROVENCE und Rudolf II. von
Hoch-Burgund geboten
waren, er nutzte sie jedoch in meisterhafter Weise zu seinen und des
Deutschen Reiches Gunsten. Eine andere Frage ist allerdings, warum OTTO
die ihm gebotenen Möglichkeiten aufgriff. Eine
Notwendigkeit, ein direkter Zwang der politischen Situation bestand
dazu nicht. Doch warum sollte OTTO sich nicht für
die Steigerung von Macht und Ansehen entscheiden? Warum sollte er die
Vorteile, die sich ihm mit der Beherrschung Italiens boten,
ausschlagen? Konnte er damit ja zugleich alles das erreichen, was sein
entschiedenes Handeln notwendig gemacht haben soll: bessere
Beherrschung des deutschen Episkopats und bessere Durchführbarkeit
einer Ost- und Missionspolitik bei Unterstützung durch einen
gefügig gemachten Papst, Verhinderung der eigenen Südpolitik
der süddeutschen Stämme usw. Und er richtete seinen Blick und
sein Tun nur auf ein Land, das schon KARL DER GROSSE, sein
Vorbild - wenn man die Krönung
OTTOS
in Aachen in dieser Richtung deuten darf -, KARL III. und ARNULF
beherrscht und verwaltet hatten. Er nahm lediglich die Tradition
seiner Vorgänger wieder auf. Sicherlich wußte er dabei,
daß er in ein Land zog, in dem viele Franken und Alemannen, deren
König er doch war, ehedem eine Heimat gefunden hatten und in dem
vielleicht da und dort die teutonica
lingua auch noch gesprochen wurde [95 LIUDPRAND,
Antapod. lib. III, cap. 14, Seite 79f.
gibt zum Beispiel folgendes als Grund für den Tod Burchards von Schwaben 926
vor Novara (siehe oben Seite 85) an: Vor der Stadtmauer von Mailand
reitend habe Burchard lingua propria, hoc est Teutonica, seinen
Begleitern seine Pläne offenbart in der Hoffnung, von den
Italienern
nicht verstanden zu werden. Aber ein einfacher Mann, welcher eius
tamen loquelae scius erat, konnte das verstehen,
das Gehörte Weitermelden
und somit die Sammlung von Burchards und
Rudolfs lI.
Gegnern
herbeiführen.].
Das Eingreifen OTTOS
I. fällt aber schon in die Zeit, in der der Prozeß
der Verschmelzung des Italiae populus
diverso sanguine mixtus zum italienischen Volk seiner Vollendung
entgegenging. Karlmann,
KARL
III. und ARNULF VON KÄRNTEN
hatten zum Beispiel eine zusammenfassende Bezeichnung für die
Bewohner Ober- und Mittel-Italiens wie das später übliche Italienses oder Italici noch nicht anwenden
können. Beim Zählen ihrer Regierungsjahre in Italien kamen
noch Zusammenstellungen wie rex
Bauariorum et in Italia (nicht et
Italicorum) zustande [96
Vgl. oben Seite 75 und MG DD Kar1mann Seite 301, nr. 12 und Seite 302,
nr. 13.]. Zur Zeit OTTOS I. aber
dürften die aus verschiedenen Völkerschaffen stammenden
Bewohner Ober- und Mittel-Italiens schon zu einem Volke verschmolzen
gewesen sein. OTTO konnte sich 951 bereits rex Italicorurn nennen [97 MG DD Otto
I. Seite 219, nr. 139 und Seite 219, nr. 140.];
auch bei dem zur Zeit OTTOS schreibenden
Bischof LIUDPRAND VON CREMONA
wurde, wie dann bei den folgenden Schriftstellern, der seit der Antike
bekannte geographische Begriff Italien schon auf die Gesamtheit der
Bewohner dieses Raumes angewandt [98
Bei LIUDPRAND ist übrigens - wie auch bei OTTO I.,
der sich in anderen Urkunden noch rex
Langobardorum nannte - die
Subnominierung aller Bewohner Ober- und Mittel-Italiens unter dem
Begriff Italienses noch
nicht völlig vollzogen. An einigen Stellen
bezeichnet LIUDPRNAD als Italienses
nämlich nur die Bewohner
Ober-Italiens und setzt diese in Gegensatz zu den Tuskern und
Spoletinern. (Italia als
Ober-Italien ist ja auch in den Urkunden zum Beispiel
König Hugos Tuszien
und Spoleto gegenübergestellt). Meist faßt er aber
mit dem Ausdruck Italici die
Bewohner der Gebiete des ehemaligen
karolingischen
regnum ltaliae zusammen. Diese
Unsicherheit zeigt, daß
sich hier etwas Neues anbahnte Entscheidend ist jedoch bei allem,
daß
die Anwendung eines vereinheitlichenden landschaftlichen Begriffs auf
die aus verschiedenen Wurzeln stammende Bevölkerung dieses Raumes
möglich geworden war. Der früheste urkundliche Beleg für
die Zusammenfassung aller Bewohner
(Reichs)-Italiens als Italienses bzw. Italici
ist meines Wissens in einer
Urkunden des Bischofs Giseprand von
Tortona aus dem Jahre 946 zu
finden. Dort wird berichtet, daß
König Hugo pro remedio anime sue
cunctorumque regum Italicorum die Abtei Vendersi der Kirche von
Tortona unterstellte (SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 362,
nr. 9). Nach SCHIAPARELLI, I dipl. die Berengario I Seite 15,
nr. 3 fänden sich Italici
bereits in einem BERENGAR-Diplom
vom Jahre 888
genannt. Doch wie schon bei der Edition dieses Abkommens mit Venedig in
FORSCHUNGEN X Seite 279
und in MG Capit. II Seite 143, nr. 238 bemerkt wurde, scheint gerade
dieses (in den Text sich auch nicht geschickt einfügende) Wort von
der
Einbeziehung einer Glosse (ita dicis?)
in einige der erhaltenen
Abschriften herzurühren. Vorstufen für die Zusammenfassung
der Bewohner Italiens als Italienses
bzw. Italici sind schon in
den 915-924 verfaßten Gesta Berengarii insofern zu finden, als
dort einige Male dem Gallicus heros
WIDO und dem Germanus ARNULF
König BERENGAR als Italus princeps
gegenübergestellt wird (ed. DÜMMLER Seite 81, lib. I v. 28)
und als die Leute BERENGARS,
die freilich in der antikisierenden Tendenz des ganzen Gedichtes noch
als Etrusker, Latier, Tyrrhener usw. bezeichnet werden, more Italo die Lanzen führen
(Seite 102, lib. II v. 96). Der ager
Italus ist nach diesem Gedicht das Ziel Zwentibolds
(Seite 112, lib. III v. 9). Einmal läßt der anonyme Dichter
jedoch auch schon einen gewissen Hubert
seine Gegner als O Itali
ansprechen (Seite 108, lib. Il v. 201); das aber
könnte auch eine Anspielung auf die
alten Italiker darstellen. - Das alte Begriffspaar Roma et Italia bzw.
Romani et Itali wirkte in der Dichtung ja bis in diese Zeiten
fort: so
bei dem Verfasser des Epitaphium HIudarii imperatoris, bei
WANDELBERT VON PRÜM, WALAHFRID STRABO, SEDULIS SCOTUS und
HEINRICUS VON AUXERRE (Poetae Lat. II Seite 241,592,596,667; I Seite
371; III Seite 203,441). - Vgl. auch Seite 75, Anm.25.].
Vom lange bekannten geographischen Begriff her wurde der Name für
die werdende völkische Einheit entlehnt. Der völkische
Mischungsprozeß war damals zu einem gewissen Abschluß
gelangt. Die aus dem Franken-Reich Zugezogenen waren mehr und mehr in
die langobardisch-romanische Mischbevölkerung Italiens
eingegangen. lm Prozeß der Herausbildung der italienischen Nation
hatten sie ihre eigene Sprache, ihr fränkisches oder alemannisches
Stammesbewußtsein und ihre Beziehungen nach der Heimat
aufgegeben. Sie hatten sich in der ersten Hälfte des 10.
Jahrhunderts den damals in gegenseitiger Verschmelzung stehenden
Langobarden und Romanen mehr und mehr angeglichen. Gelegentlich waren
sie mit ihnen sogar schon in Mischehen eingetreten. Die nunmehr
beginnende Herrschaft der Deutschen war für sie bereits etwas
Fremdes [99
Vgl. dazu G. GRAF, Die weltlichen Widerstände in
Reichsitalien gegen die Herrschaft der Ottonen. - Das erste
unzweifelhaft nationale Empfinden wird nicht lange nach 972 bei dem
Mönch BENEDIKT vom St.-Andreas-Kloster auf dem Monte Soracte
spürbar. Ve regnum Italie, a
multis depressus nationibus! ... Vee
populum Italico! klagt dieser verschiedentlich (vgl. ZUCCHETTI,
Il Chronicon di Benedetto Seite 37 und Seite 162, bes. aber Seite 186;
dazu P.
E. SCHRAMM, Kaiser, Rom und Renovatio I Seite 66f.). Von da an
häufen sich auch die Belege für ein eigenständiges
nationales
Bewußtsein der aus dem großen Verschmelzungsprozeß
hervorgegangenen
Italiener.].