CLXIX.    WIDO, comes Mutinensis,

hielt im Juli 898 in der villa Quingentas zusammen mit dem Vicegrafen Bertulf von Modena und anderen einen Gerichtstag ab [1
MANARESI, I placiti Seite 385, nr. 106 (= GAUDENZI, Nonantola, Bullettino 36, Seite 40, nr. 8).]. Da weitere Nachrichten über einen Grafen Wido in Modena um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert fehlen, ist es schwierig, Aussagen oder Vermutungen über die Familie, das Herkommen oder die Bedeutung dieses Grafen zu machen. - Man könnte zunächst daran denken, ihn mit jenem Wido IV. von Spoleto zu identifizieren, der durch seine süditalienischen Unternehmungen bekannt ist, zur Zeit des Totengerichtes über den Papst Formosus im Frühjahr 897 in Rom war [2 Vgl. A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 412ff. und E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches III² Seite 426, sowie H. MÜLLER, Topographische und genealogische Untersuchungen Seite 110f. und T. GASPARRINI LEPORACE, Chronologia dei Duchi di Spoleto Seite 30.] und nach der Nachricht des Cata1ogus regum Langobardorum et ducum Beneventanorum [3 MG SS rer. Langob. Seite 494.] nach einem Besuch der Kaiserin Ageltrude in Benevent im August 897 mit dieser nach Pavia zog, womit er aus der süditalienischen Geschichte verschwindet. In Modena könnte er also einen neuen Aufgabenbereich erhalten haben [4 Zu den Verbindungen, die zwischen Modena und Spoleto bestanden, vgl. Skizze Bonifazius und den in NA IX (1884) Seite 527ff. gedruckten Brief Erzbischof Johanns von Ravenna; dieser Brief zeigt Boten Alberichs (von Spoleto), des Nachfolgers Widos in Ravenna sowie in der Romagna in Argenta bei Ferrara, dazu Alberich selbst in Parma super ipsam ostem.]. Dieser Wido IV. wurde aber, wie der zeitgenössische Glossator der Gesta Berengarii [5 Gesta Berengarii Seite 95, lib. II, v. 30 mit Glosse: Certum est, quia Albericus interfecit comparem suum Widonem in ponte, cupidus honoris; ideocque obtat iste, peruenisse eum ad culmen honoris sine necee amici.]' zu berichten weiß, von seinem Nachfolger in Spoleto und Camerino, Alberich, auf einer Brücke ermordet [6 Daß das auf einer Tiberbrücke geschah, wie allgemein behauptet wird, läßt sich nur auf die Koppelung von Gesta Bereng. lib. II, v. 27 ff. (mit Glosse) mit lib. II, v. 89 ff. gründen. Doch ist der in v. 89 ff. und v. 190 ff. genannte Alberich ein Anhänger BERENGARS, der diesem 500 Streiter zuführte und nicht jener Anhänger Widos aus Spoleto und Camerino von lib. II, v. 27 ff. mit seinen 100 Kämpfern. Der Zwischensatz Tyherine, tuas non sanguine lymphas quis fraude infecit, (v. 89 ff.) bleibt allerdings beim Bezug auf den BERENGAR-Anhänger Alberich dunkel und ebenso unerklärt wie etwa die Vorstellung, daß Latium von den Wogen der Adria umspült wird (v. 100), oder wie auch die zweimalige Beschreibung des Todes Widos, des Bruders des Markgrafen Anskar I. (lib. II, v. 15 m. Glosse), - einmal durch die Hand des Grafen Waltfred von Verona (lib. II, v. 148), das andere Mal durch den BERENGAR-Anhänger Alberich (lib. II, v. 190). Nur wenn man in diesem Zwischensatz eine an verkehrter Stelle angebrachte Anspielung sieht - ähnlich dem Versehen der zweimaligen Schilderung des Todes Widos, des Bruders Anskars I. -, kann man vom Tod Widos IV. auf der Tiberbrücke sprechen. Kam es aber nicht eher auf einer Brücke in Parma (vgl. oben Anm. 4) zum Zusammenstoß?].
Wann das geschehen sein soll, ist ungewiß, da der auf etwa 897 zu datierende Herrschaftsbeginn Alberichs in Spolcto und Camerino ja schon mit den von der Kaiserin Ageltrude vorgenommenen mittelitalienischen Veränderungen zusammenhängen kann, aber nicht unbedingt die Ermordung Widos IV. zur Voraussetzung hat [7
Schon H. MÜLLER, Topographische und genealogische Untersuchungen Seite 110f. macht darauf aufmerksam, daß die Ermordung Widos IV. durch Alberich vor dem 15. Oktober 898, dem Todestag Kaiser LAMBERTS kaum geschehen sein wird, da LAMBERT gewiß den Tod seines Verwandten gerächt haben würde.]. - Vielleicht ist aber auch zu überlegen, ob man es hier nicht mit einem Mitglied der Familie des Grafen Bertald zu tun hat, welcher kurze Zeit danach in diesem Raum nachweisbar ist, Beziehungen zur obengenannten villa Quingentas hat und der auch - was hier auffällig ist - einen seiner drei Söhne Wido benannte [8 Vgl. Skizze Bertald.].
Ob man nun in Wido von Modena ein Mitglied des spoletinischen Markgrafen- und späteren Kaiserhauses erblickt, oder in ihm einen Verwandten des Grafen Bertald (von Reggio?) vermutet, - in beiden Fällen wäre er Abkömmling einer nordalpinen (fränkischen) Zuwanderer-Familie.