CLXVIII. WIBERT
Im Jahre 949, als bereits Berengar II. die
Macht in Ober-Italien an sich
gerissen hatte und der junge König
Lothar nur
willfähriges
Werkzeug in
den Händen des mächtigen Markgrafen war [1 Vgl. Skizze Lanfranc Anm. 7.]„
fertigte der Notar
und
Königsrichter Adalbert in Cremona eine Urkunde über
einen
Gütertausch
zwischen Bischof Dagibert von Cremona
und dem Presbyter Lupus von
der Cremonenser Kirche aus; dies geschah per datam licentiam Wiberti comes et missus domni regis [2 CdL Seite
1007, nr. 590.].
Welche spezielle Haltung dieser Graf
Wibert im Machtkampf der oberitalienischen Großen einnahm,
wie sein Stand in den Wirren der ersten Hälfte des 10.
Jahrhunderts war, ist vollstündig unbekannt. Die Zeit seines
Wirkens fällt in die an Überlieferung so arme, an politischen
Umschichtungen jedoch so reiche Zeit. Diese spärliche Nachricht
ist bis heute das einzige direkte Quellenzeugnis seiner Wirksamkeit. -
Aber dennoch läßt sich zumindest der Umkreis bestimmen, in
dem er wirkte: es ist die Grafschaft Lecco. Durch viele Urkunden kennen
wir nämlich seinen Sohn,
den Grafen Atto von Lecco. Atto
comes filius bone memorie Wiberti item comiti de loco Leoco, qui
vixit lege salicha, nennt dieser sich immer wieder [3 CdL Seite
1067, nr. 623; Seite 1079, nr. 629; Seite 1080, nr. 630;
Seite 1095, nr. 636; Seite 1098, nr. 639; Seite 1108, nr. 644; Seite
1135, nr.
657; Seite 1258, nr. 720; Seite 1305, nr. 750; Seite 1328, nr. 757;
Seite 1330, nr.
758; Seite 1333, nr. 759; Seite 1334, nr. 760; Seite 1341, nr. 763
(hier
fälschlich Umbert
für Wibert); DREI, Le
carte Parmensi II Seie 1, nr. 1
(zu deren Datierung vgl. Skizze Atto,
Anm. 24).]. Damit waren Wibert und Atto Nachfolger der Grafen und Markgrafen Konrad und Radald. Wenn man das castrum Leminne (= Almenno) dazu in
den Händen sowohl Attos
wie auch dieser beiden sieht [4 Almenno
unter Graf Atto: CdL Seite
1333, nr. 759; Seite 1334, nr. 760; Seite 1341, nr. 763; E.
HLAWITSCHKA, Muntverkaufsurkunde Seite 332.],
dann darf man, zumal auch noch bei allen die Konstanz im
Rechtsbekenntnis der lex salica nachweisbar
ist, doch wohl die Filiation Konrad
- Radald - Wibert - Atto behaupten [5 Vgl. auch
Skizzen Konrad und Radald. Für die Filiation
spricht außerdem das Auftreten einer Tochter Wiberts
mit Namen Ermingard.
Sie erhielt offenbar den Namen der
Gemahlin
Konrads. Diese Ermingard
hatte nach einer ersten Ehe mit einer uns
unbekannten Persönlichkeit (vielleicht einem gewissen Conrad, vgl. CdL
Seite 1196, nr. 688) in zweiter Ehe den Langobarden Gandulf, später (ab
967 - vgl. MG DD Otto I. Seite 464, nr. 340) Graf von Verona, geheiratet.
Am 26. Mai 988 tauschten Gandulfus comes filius quondam Riprandi
itemque comes, et Ermengarda
iugalibus filia bone memorie Wiberti
similiter comes, et item
Riprandus seu item Wilbertus iermanis filii ipsorum
iugalium
Besitzungen mit dem Bischof Odelrich
von Cremona. Dabei professa
erat
ipsa Ermengarda ex nacione sua
legem vivere salicha, sed nunc per
eundem vir suum legem vivere langobardorum. Dabei stimmen zum
Rechtsakt auch weitere Verwandte der Ermengarda
zu: id sunt Ato filio
suo, que ipsa Ermengarda
de anterior vir suum abet, et Gandulfus
abiatico suo, seu Giselbertus
nepus suum. (Bei den Unterschriften:
Signum manibus suprascriptorum Atoni et Gandolfi seu Giselberti, qui
eadem Ermengarda cenetrix et
avia seu amita euorum interrogaverunt
ut supra); CdL Seite 1474, nr. 844. - Am 14. Juni 995 war Ermengarda
bereits verwitwet. Ermengarda
comitissa filia bone memorie Vviberti,
qui fuit comes, et relicta quondam Gandulfi, quii fuit item comes,
que professa sum lege vivere Salica, nimmt zu dieser Zeit eine
Schenkung an die Veronescr Marienkirche vor; DIONISI, De duobus episc.
Aldone et Notingo Seite 182, nr. 44. (UGHELLI, Italia sacra V Seite 669
(1.
Auflage), Seite 750 (2. Auflage) setzt diese Urkunde (nur Auszug!) zu
998/Juni/l4). Zwei weitere Urkunden vom Jahre 1010 zeigen sie noch
einmal als Ermengardacometissa
filia bone memorie Wiberti qui fuit
comes, qui professa sum ex
nacione mea lege vivere salica, bei Güterverkäufen;
vgl. ASTEGIANO, Cod. dipl Cremon. Seite 48, nr. 13 und
Seite 49, nr. 14. - Außer Ermengard
und dem schon im Text genannten Atto
ist noch ein zweiter Sohn Wiberts,
der Diacon Abo, bekannt (vgl.
Skizze Atto, Anm. 29).
Th. WÜSTENFELD, Über die Herzoge von Spoleto Seite
423 identifiziert diesen Wibert von
Lecco mit dem im Gefolge Markgraf
Anscars II. 940 in Spoleto gefallencn Wibert, den
LIUDPRAND, Antapod. lib. V, cap. 5-7, Seite 132f. einen treuen
Anhängcr
und tapferen Kämpfer nennt. Dies ist jedoch durch das in Anm. 2
zitierte Dokument von 949 als unmöglich erwiesen.
Wenn I. MALAGUZZI VALERIE, I Supponidi Seite 38 schreibt:
„anche il Supponide Wiberto ha in Piacenza un visconte distinto dal
cattaristico nome di Franset, i1 quale alla sua volta agogna al
possesso della corte di Rivalta e l'ottiene infatti nel 926 ... `,
darf man ohne weiteres annehmen, daß hierbei - ganz abgesehen
davon,
daß in der Urkunde vom 25. Januar 926 von einem
Unterordnungsverhältnis
Framsits unter einen Grafen
gar nichts vermerkt wird - wohl Wibert
mit
Wifred II. von Piacenza
verwechselt ist. Kritiklos ist MALAGUZZI VALERI
übernommen von C.G. MOR, L.'eta feudale I Seite 194, nr. 13:
„Fransit
visconte piacentino pel Supponide Wibert nel 926 ...].
Graf Wibert war also
fränkischen Herkommens, wie aus den zahlreichen Urkunden seines Sohnes Atto klar hervorgeht.