CLXXVIII.    VULFUINUS


Papst Hadrian I. hatte im Jahre 778 gegen die Beneventaner und Griechen einen Feldzug unternommen, um die Campagna zu sichern; dabei war Terracina in seine Hände gefallen. Gegen das verlorene päpstliche Patrimonium im Gebiet von Neapel wollte er die eroberte Stadt herausgeben. Dem endgültigen Abschluß eines Vertrages kamen jedoch die Neapolitaner und Griechen zuvor und entwanden dem Papst das Faustpfand. Hadrian hütete sich, selbständig den Streit zu Ende zu führen. So bat er zunächst König KARL, ut disponere debeat et celeriter Vulfuinum dirigere. Mit Mannschaften aus Tuszien, Spoleto und Benevent solle die verlorene Stadt zurückgewonnen, Gaeta und Neapel erobert und das päpstliche Patrimonium um Neapel dem Papste, dem rechtmäßigen Besitzer, überantwortet werden [1
MG Epist. III Seite 591, nr. 64. -Vgl. dazu S. ABEL-B. SIMSON, Jahrbücher Karls des Großen I Seite 365ff.].
Obwohl tuszische und spoletinische Aufgebote im Zusammenhang mit Vulfuinus genannt werden, war dieser dennoch in Mittelitalien nicht eigens eingesetzt. Wir finden Vulfuinus nämlich als ersten fränkischen Grafen von Verona wieder. - Als Kaiser LOTHAR I. am 15. Januar 833 einen Streit zwischen dem Bischof Ratold von Verona und dem Grafen Goradus/Waradus entschied, bestätigte er auch zwei Tauschhandlungen, die olim predecessor Goradi, Uuluinus nomine, mit dem Bischof Chunibert von Brescia, und die Bischof Ratold von Verona, ein Alemanne [2
Beachte die Formel: per gleba et ramum arboris super sacro sancto altario iam nominate ecclesie ... iuxta morem et consuetudinem legis nostrae tradidi ..., die Anwesenheit eines alemannischen Zeugen bei dem von Ratold unter Beachtung dieser Formel vorgenommenen Rechtsakt (FAINELLI, Cod. dipl. Veronese Seite104, nr. 89 - von 809/Mai/13), seine Eintragung im Necrolog von Reichenau und dem von St. Gallen (MG Necrologia I Seite 279 und Seite 480) sowie seine Nennung in den Miracula S. Marci (MG SS IV Seite 450).], mit dem Nachfolger Chuniberts,
Bischof Petrus, de quibusdam rebus et manicipiis vorgenommen hatten [3
MANARESI, I placiti Seite 128, nr. 41 (= FAINELLI, Cod. dipl. Veronese Seite 194, nr. 143 und CdL Seite 208, nr. 115).]. Da man nun als Gorads Vorgänger den Grafen Hucpald kennt und dessen Vorgänger wiederum der 806 erwähnte Graf Hadumar ist, und da dazu Bischof Chunibert von Brescia ca. 790 lebte, so darf dieser olim predecessor Uacluinus unbedenklich mit jenem Uulualnus comes identifiziert werden, dessen Eingriffe in den Besitz des Veroneser S. Zenoklosters im April 806 im Gerichtsverfahren vor dem nunmehrigen Grafen von Verona, Hadumar, zur Sprache kamen. Der Gastalde Gaufridus, qui causam regis peragebat per iussionem Hademari comitis, mußte sich damals sagen lassen, daß das S. Zenokloster terris seo silvis que sunt positae in caput de Colomnellis locus ubi dicitur Rupta Adelmi finibus Veronensis besessen habe, usque in illum diem, quem Uulualnus comes das Kloster de ipsis rebus per fortiam expulit [4 MANARESI, a.a.O. Seite 57, nr. 18 (= FAINELLI, a.a.O. Seite 86, nr. 71).]. Wenn nun der Gastalde im Jahre 806 einen im Gericht geforderten 30jährigen Besitz nicht nachweisen konnte, dann muß die gewaltsame Besitzergreifung durch Graf Uulualnus - Vulfuinus in die Zeit zwischen 776 und 806 fallen; und das ist ja auch die Zeit, in der Papst Hadrian den (Grafen) Vulfuinus von König KARL zur Unterstützung anforderte.
Für den Grafen Vulfuinus von Verona hat nun vor kurzem G. TELLENBACH enge Verwandtschaft mit dem Neugründer des Klosters Rheinau bei Schaffhausen erwiesen [5
Vgl. G. TELLENBACH, Der großfränkische Adel und die Regierung Italiens Seite 52f. und K. SCHMID, Königtum, Adel und Klöster Seite 252ff.]. Ludwig der Deutsche bestätigte nämlich mit einem Diplom vom 12. April 858 dem fidelis vassus und Laienabt [6 domnus eiusdem loci wird er 873 genannt: Cartular von Rheinau Seite 16, nr. 12.] Uuoluinus von Rheinau neben verschiedenen Gütern im Gebiet von Bodensee und Hochrhein auch quicquid illi in Italia in pago Ueronense et Tartonense hereditario iure provenit [7 MG DD  Ludwig der Deutsche Seite 128, nr. 90. - Besitz im Gau Tortona ist auch erwähnt im Cartular von Rheinau Seite 16f., nr. 11 und 12.]. Mit Hilfe dieses Hinweises bei der Namensgleichheit kann also auch für unseren Veroneser Grafen Vulfuinus das Herkommen aus den Gebieten nördlich der Alpen festgestellt werden. Mit einiger Wahrscheinlichkeit darf sogar eine Identifizierung des Vulfuinus mit jenem Wolvinus vorgenommen werden, den eine St. Galler Urkunde als Enkel des altalemannischen Grafen Halaholf erwähnt [8 WARTMANN, UB St. Gallen I Seite 77, nr. 81 - von 776/-. Vgl. G. TELLENBACH, a.a.O.]. In diesem Falle könnte man ihn für einen Alemannen halten [9 Vgl. Skizze Cadolah, Anm. 6.].