CLII.    SUPPO (II.)

ist einer der bedeutendsten und einflußreichsten Grafen des oberitalienischen Raumes in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts. (Von S. PIVANO [1
S. PIVANO, Il comitato di Parma e la marca lombardo-emiliana Seite 69ff.] wird er als Leiter einer von ihm vermuteten Mark Lombardei-Emilia angesehen.)
Eine Urkunde vom 13. Oktober 874 kennzeichnet ihn zunächst als Besitzer einer mansio in Piacenza [2
BENASSI, Parma I Seite 134, nr. 17 - fehlerhaft bei CAMPI, Piacenza I Seite 458, nr. 9.], welche allerdings aus dem Heiratsgut seiner Frau (siehe unten) gestammt haben dürfte. Er ist einer derjenigen oberitalienischen Großen, die nach dem Tode Kaiser Ludwigs II. im Februar 876 KARL DEN KAHLEN, der schon von Papst Nikolaus I. seit langem zur Nachfolge in Italien und im Kaisertum ausersehen war [3 Libellus de imperat. potestate Seite 206: Romani pontifices semper per oratores litteras mittebant invitatorias ad Carolum Calvum regem Francorum, invitantes eum clam ...], zum König Italici regni erhoben [4 MG Capit. II Seite 98, nr. 220 und Seite 100, nr. 221.]. Er war an der Wahl in Pavia mitbeteiligt, obgleich er nicht gerade lebhaft an dieser Lösung der Nachfolgefrage interessiert gewesen sein mochte; er stand nämlich in einem engen Kontakt mit der seit 873 für eine ostfränkische Nachfolgelösung eintretenden Kaiserin-Witwe Angilberga, die die Beachtung der ostfränkischen Ansprüche soweit durchgesetzt hatte, daß nach dem Tode LUDWIGS II. Einladungsboten nach West-Franken wie auch nach Ost-Franken abgegangen waren [5  Vgl. Andreae Bergomat. Historia c. 19, MG SS rer. Langob. Seite 229.], die sogar seine Schwester gewesen zu sein scheint und deren Testament er auch im März 877 in Brescia mitunterzeichnete und billigte [6 BENASSI, Parma I Seite 146, nr. 22. - Zur Verwandtschaftsfrage vgl. Exkurs Supponidengenealogie.]. Als sodann König Karlmann im Sommer 877 nach Italien kam, um seine Überlistung durch KARL DEN KAHLEN im Herbst 875 zu rächen, mußte KARL DER KAHLE erleben, daß quidam de suis, in quorum fidelitatem maxime confidebat, ab eo defecti, ad Carlemannum se coniungeba(n)t, was den Zusammenbruch der Italienpolitik KARLS DES KAHLEN einleitete [7 Vgl. oben Seite 69f.]. Da man nun bald darauf Suppo eine Art Reichsverweserstellung für König Karlmann in Italien einnehmen sieht (- so wie sie vorher Boso von der Provencc für KARL DEN KAHLEN ausübte [8 Ann. Bertin. ad 876, Seite 127f.: Karl der Kahle.... Papiam rediit. Ubi et placitum suum habuit et Bosone, uxoris suae fratre, duce iprius terrae constituto et corona ducali ornato ... Dazu vgl. A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 248.] -), wird man wohl in ihm den nun mit der neuen Funktion betrauten Hauptverantwortlichen für den Umschwung der Verhältnisse erblicken dürfen. Er ist nun der Mittler zwischen Italien und den ostfränkischen Königen. Im Juli 878 reiste er zum Beispiel zu König Karlmann nach Deutschland, um dort Aufträge des Papstes Johann VIII., des Nachfolgers Nikolaus I., zu erledigen [9 MG Epist. VII Seite 114, nr. 128. - Ob auch er oder etwa Suppo III. der Empfänger des nur bruchstückhaft überlieferten Briefes Johannes VIII. ist, welcher einen Grafen Suppo auffordert, sich beim Kaiser für die Einsetzung eines gewissen Williarius an die Stelle des verstorbenen Bischofs von Luni einzusetzen (MG Epist. VII Seite 274, nr. 2), kann nicht entschieden werden.]. Als er jedoch im Herbst desselben Jahres von Johann VIII. gebeten wurde, ihm bei der Rückkehr von einer Reise ins West-Franken-Reich bis zum Mont Cenis entgegenzukommen [10 MG Epist. VII Seite 106, nr. 116.], zeigte er sich nicht geneigt, den päpstlichen Wünschen zu entsprechen. Cur fili carissime, nobis iter tua dilectio clauserit, curque ut audistis nos in tuos honores venisse, obviam non concurreris, miramur, klagt der Papst [11 MG Epist. VII Seite 110, nr. 121.]. Offenbar wußte Suppo, daß Papst Johann nach dem Bekanntwerden der schweren Erkrankung König Karlmanns [12 Karlmann war schon im November 877 von einer Seuchenkrankheit befallen worden und war - begleitet von seinen Truppen - in einer Sänfte über die Alpen zurückgetragen worden. Vgl. BM² nr. 1529a.] erneut eine westfränkische Lösung der Nachfolgefrage anstrebte. Und auch der Papst hatte den Eindruck, daß Suppo II. seinen Entschluß hauptsächlich pro fidelitate zu seinem senior König Karlmann gefaßt hatte.
Im Oktober 879 empfahl Johann VIII. ihm und einigen anderen italienischen Grafen den Schutz der Güter der verwitweten Kaiserin Angilberga [13
MG Epist. VII Seite 210, nr. 239.]. Auch nachdem KARL DER DICKE 879 die Herrschaft über Italien erlangt hatte, ist er in führender Stellung. Im April 880 finden wir ihn nämlich als Missus König KARLS bei einem Gerichtstag in Turin tätig [14 Inserierte Urkunde in MG DD Karl III. Seite 41, nr. 25 (= Monum. Novalic. vetust. I Seite 88, nr. 32 und MANARESI, I placiti Seite 318, nr. 89).]. Wenn am 1. August 880 ein Baterico vicecomis in curte ducati civitate Astense in vice Supponi inluster comes zu Gericht sitzt [15 MANARESI, I placiti Seite 315, nr. 88 (= BSSS 28 (Asti) Seite 18, nr. 14 und Mhp., Chart. I Seite 60, nr. 36).], so ist allerdings nicht zu sagen, ob dabei Suppo die Grafschaft Asti als reguläres Verwaltungsgebiet unterstand, oder ob Suppo auch hier nur wie drei Monate vorher in Turin als Missus den Gerichtstag einberief. Wahrscheinlicher ist wohl das letztere. Im November desselben Jahres finden wir Suppo im Gefolge KARLS III. in Pavia [16 MG DD Karl III. Seite 41, nr. 25 (= MANARESI, I placiti Seite 318, nr. 89).]. Auch in den folgenden Jahren scheint er starken Anteil an den Beziehungen zwischen KARL III. und Papst Johann VIII. gehabt zu haben. In einem Brief vom Januar 882, in dem der Papst den König zu einer Zusammenkunft in Ravenna auffordert, bittet dieser, daß KARL auch Supponem gloriosum comitem et commulein fidelem mitbringe [17 MG Epist. VII Seite 259, nr. 297.].
Wenn eine Urkunde vorn 9. Mai 882 eine terra Supponis comitis et de consortis in Quercedo (= Carzeto, 20 km nodwestlich von Parma) aufzeigt [18
BENASSI, Parma I Seite 45, nr. 15.], haben wir hier Suppo zum letzten Male als lebend erwähnt gefunden, werden aber auch in die Gegend gewiesen, in der die Familie Suppos noch weiteren pachweisbaren Besitz in den Händen hielt [19 Vgl. Exkurs: Genealogie der Supponiden.]. Im November 883 scheint Suppo bereits verstorben gewesen zu sein [20 Eine Piacentiner Urkunde vom 30. November 883 nennt als Begrenzung eines Landstückes in Niviano bei Piacenza: alio lato in eredes quondam Suponi (FALCONI, Piacenza Seite 84, nr. 49). Im November 886 werden die Angrenzer etwas genauer bezeichnet, und zwar als eredes Supponi comes (FALCONI, a.a.O. Seite 95, nr. 55). Am 10. Juni 888 urkundet sodann Berta, qui fue relicta quondam Suponi qui fuet comes, in Fogliano (BENASSI, Parma I Seite 60, nr. 19).].
Suppos II. Gattin war Berta, die Tochter des Grafen Wifred von Piacenza [21
BENASSI, Parma I Seite 60, nr. 19; DREI, Parma I Seite 104, nr. 32; BOSELLI, Piacenza I Seite 288; SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 344, nr. 134; DERS., I dipl. di Rodolfo II. Seite 100, nr. 3. Zur Genealogie vgl. weiter Exkurs.: Genealogie der Supponiden.]. Seine Söhne Adelgis II., Wifred II. und Boso III. haben sich im Kampf zwischen den beiden rivalisierenden Königen WIDO und BERENGAR (888-889) auf seiten des letzteren tapfer geschlagen. Der berühmte Bischof Arding von Brescia ist ebenfalls sein Sohn. Mit dem Markgrafen von Friaul und späteren König und Kaiser BERENGAR verbanden Suppo enge Beziehungen. Mit ihm ist er im November 880 am Hofe KARLS III.; ihm gab er auch seine Tochter Bertilla zur Frau.
Er war, wie aus den Urkunden seines Sohnes Arding und seiner Witwe Berta eindeutig hervorgeht [22
DREI, Parma I Seite 72, nr. 18 (= CdL Seite 831, nr. 482); BOSELLI, Piacenza I Seite 288.], ein Franke.