CXLVIII. SIGEFRED
Das Lebensbild des Grafen Sigefred
ist recht bezeichnend für das bei
den oberitalienisdien Großen der Zeit nach 888 übliche
Streben nach
einer eigenen starken Machtposition und das damit oft verbundene
Lavieren zwischen den einzelnen Kronprätendenten.
Sigefred wird zunächst
durch die Gesta Berengarii als
eifriger Parteigänger WIDOS ausgewiesen. Semper cum Widone fuerunt,
vermerkt der zeitgenössische Glossator dieses Lobgedichtes von
einigen
Großen, zu denen er ausdrücklich auch Sigefred zählt [1 Gesta
Berengarii Seite 99-lib. 11, v. 42-52 mit Glossen zu v. 42 und v. 50: de Sigefredo
dicit. Die früheste Nennung des Grafen Sigefred scheint in einer
Urkunde vom
29. Dezember 877 vorzuliegen, in der Bischof
Wibod von Parma die
Ausstattung der Kirche von Parma mit mehreren Landstücken
verfügt und
unter der sich unter anderem auch die Unterschrift + Ego Siginfredus
Comes
rogatus subscripti findet (BENASSI, Cod. dipl. Parmense
I Seite 34,
nr. 13 = AFFO, Parma I Seite 289). Doch ist in Piacenza zu dieser Zeit
ein Graf Richard nachweisbar;
auch gehört diese Urkunde zur großen
Reihe der Parmcnser Fälschungen. Vgl. hierzu C. MANARESI, Alle
origini
del potere dei vescovi Seite 231ff.]. Auch wenn
dieser Graf im Juni 892 in Piacenza als Sigefredus
comes ipsius
ciuitatis einen Gerichtstag abhält und die dabei
ausgestellte Urkunde,
mit der der Kirche von Varsi Besitzungen im Gebiet von Piacenza
bestätigt werden, nach den Regierungsjahren WIDOS
datieren läßt [2
SCHIAPARELLI, Documenti inediti dell'arch. capit. di Piacenza Seite
190, nr. 2 (= MANARESI, I placiti Seite 355, nr. 99).],
zeigt er sich als dessen Anhänger. Die Grafschaft Piacenza, die
bis zum Ausbruch der Prätendentenkämpfe von dem
SUPPONIDEN Adelgis II. verwaltet
wurde, scheint er von WIDO nach der
Vertreibung des
bisherigen Inhabers erhalten zu haben. Nach WIDOS
frühzeitigem Tode
(894) wandte sich Sigefred dessen Sohn, Kaiser LAMBERT, zu.
Als dieser
im Januar 895 auf Bitten des Grafen
Everard dem (Vicegrafen von
Piacenza) Amalgisus vier
Massariciergrundstücke in
comitatu et pago
Placentino de eodem pertinentes comitatu schenkte, da tat er es cum
consensu ac consilio Sigefredi
comitis
nostri fidelissimi, qiu tunc
ipsum comitatum regere videbatur [3
SCHIAPARELLI, I dipl. di Guido e di Lamberto Seite 71, nr. 1.].
Bei Kaiser LAMBERT setzte sich
Graf Sigefred auch im Februar
895 für eine Bestätigung des Besitzes der
Kirche von Piacenza ein [4
SCHIAPARELLI, I dipl. di Guido e di Lamberto Seite 73, nr. 2. Das
Diplom
LAMBERTS
vom Jahre 895, mit dem einem Ottherius vassus Sigefredi
comes ... massaricias sex pertinentes de comrtatu Placentino
überlassen werden, ist eine Fälschung noch des 10.
Jahrhunderts
(SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 101, nr. + 1).].
Bald darauf scheint er sich aber für den friedlichen Ausgleich
zwischen
LAMBERT
und BERENGAR,
der auch im Sommer oder Herbst 896 zustandekam [5 Vgl. L.
SCHIRMEYER, Kaiser Lambert Seite 50f.],
eingesetzt zu haben. Da ja von König
BERENGAR am 29. Juli
896 - auf dem
Hinweg nach oder auf dem Rückweg von Pavia, dem
Friedensschlußort -
einem Agino vassallo Sigifredi incliti comitis
nostri fünf Grundstücke
in der Grafschaft Mantua übergeben werden [6
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 49, nr. 15.],
Sigefredus am 1. August 898
in Piacenza als comes
ipsius civitatis aber wieder zusammen mit
Pfalzrichtern Kaiser LAMBERTS Gericht
hält [7
MANARESI, I placiti Seite 396, nr. 107 (= BOSELLI, Delle storie
Piacentine I Seite 286).], muß man in ihm,
dessen
Grafschaft gegenüber der Einmündung der Adda in den Po, der
Grenze
zwischen den beiden Machtbereichen, lag, einen von beiden Seiten
geachteten Großen sehen. Nach dem Tode Kaiser LAMBERTS († 15. Oktober
898) stand er daher bei BERENGAR
schnell in Gunst. Sigifredus
illuster
comes et fidelissimus consiliarius noster wird er deshalb auch
am 6.
Januar 899 von BERENGAR
genannt, als er für die Überlassung von drei
zur Grafschaft Piacenza gehörigen Fiskallandstücken an einen
gewissen
Vulferius intervenierte [8
SCHIAPARELLI, I dipl. di Bercngario I. Seite 75, nr. 25.].
Und als illustrem
comitem dilectissimum
fidelem weist ihn auch das Diplom BERENGARS vom
8. März 899 aus, in dem
er zusammen mit dem Bischof Amolo
von Turin für die
Bestätigung von
Besitzungen der S. Nicomediskirche in Fontana Brotcola Einspruch
erhob [9
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 77, nr. 26.].
Nach Regierungsjahren BERENGARS
zählt auch die Urkunde über das
von ihm im Mai 900 in Mailand abgehaltene Placitum [10 MANARESI, I
placiti Seite 405, nr. 110 (= CdL Seite 665, Innert. in nr. 396).].
Bald darauf aber, als König LUDWIG VON DER PROVENCE
in Italien
erschien, war Sigifred von Piacenza
neben dem Markgrafen Adalbert von
Tuszien und dem Markgrafen
Adalbert von Ivrea einer der ersten und
eifrigsten von dessen Helfern. Bestanden vielleicht von Piacenza aus,
wo die Kaiserin-Witwe Angilberga Vorsteherin
eines Frauenklosters geworden war, noch enge
Beziehungen zur Kaiser-Tochter
Ermengarda
und deren Sohn, König
LUDWIG VON DER PROVENCE?
[11
Auffällig ist immerhin, daß Ermengarda,
die Tochter Kaiser LUDWIGS
II.
und Mutter LUDWIGS DES BLINDEN, am
30. November 891 - also in der
Regierungszeit WIDOS
- aus der Provence kommend in Piacenza war und
dort dem von ihrer Mutter Angilberga
gegründeten S. Sistus-Kloster die
beiden curtes Felina (=
Guastalla) und Luzzara schenkte (MANARESI, I
placiti Seite 424, Insert. in nr. 114). LUDWIG
DER BLINDE führte dann am 19.
Januar 901 diese Schenkung erneut durch (SCHIAPARELLI, I dipl. di
Lodovico III. Seite 16, nr. 5). Eine weitere Urkunde Ermengardas,
die
bislang immer auf „ca. 909" datiert worden ist (CdL Seite 748, nr.
434),
dürfte gleichfalls im Herbst 891 in Piacenza entstanden sein;
Ermengarda
scheint ja doch am 22. Juni 896 schon verstorben gewesen zu
sein (vgl. POUPARDIN, Les actes des Rois de Provence Seite 57, nr. 31).
Es
ist auch noch darauf aufmerksam zu machen, daß im August 929 ein Franke
namens Agio alles das in Bonate superiore (bei Bergamo)
verkauft, was
ihm einst ab Ermengarda et
Ludowicus
filio eius obvenit (CdL Seite 909,
nr. 533). Ist hier desgleichen an eine Veräußerung Ermengardas von der
Provence und eventuell an eine Besitzbestätigung LUDWIGS DES BLINDEN
zu
denken?] Bereits am 12. Oktober 900 war Sigefred bei
LUDWIG
in Pavia und intervenierte dort mit
Adalbert von Tuszien und
dem Grafen Adelelm von Valence
für eine Bestätigung des Besitzes der Kirche von
Arezzo [12
Schiaparelli, 1 dipl. di Lodovico IIL S. 5, nr. 2.]''.
Dann holte er
LUDWIG nach Piacenza. Am 31. Oktober sind beide
dort nachweisbar. Wenn Sigefred
dabei als Pfalzgraf und geliebter
Berater erscheint [13
SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. Seite 10, nr. 4: Liutuardum
venerabilem prerulem archycancellarium nostrum ac Sigefredum illustrem
comitem palacii dilectosque
consiliarios nostros nostrae magnitudini
significasse ...], so beweist das,
daß er sich sehr um den Aufstieg
des neuen Herrn verdient gemacht haben muß, nun aber auch dessen
volles
Vertrauen genoß. Es scheint auch, daß Sigefred LUDWIG III. auf dem Zuge
nach Rom begleitete, wo jener im Februar 901 zum Kaiser gekrönt
wurde;
der Zug ging nachweislich über Bologna [14 Vgl.
SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. Seite 16, nr. 5.],
dort aber intervenierte er auch
bei LUDWIG
gemäß einem verfälschten, auf echter Grundlage
beruhenden
Diplom für die Kirche von Como [15
SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. Seite 63, nr. + 1., ... Ritengo
spurio il passo riguardante la donazione di Locarno e di Belinzona col
comitato fatta alla chiesa di Como etc. ... La rimanente parte del
testo colla conferma generale dei diplomi anteriori d'immunitä,
dei
documenti andati destrutti nell'incendio e della peschiera ha valore
storico, e stata cioe riprodotta, von tutta probabilita, del diploma
autentico che servi di base al presente". Ob man dagegen für die
ersten Teile der gefälschten Diplome nr. + 2 und
nr. + 3 (a.a.O. Seite 69 und Seite 71) von Februar-Mai 901 und 23. Mai
901, in denen Pfalzgraf Sigefred,
Graf Adalelm von Valence und Bischof
Garibald (von Novara)
zugunsten der Kirche von Bergamo intervenieren,
auch eine Vorurkunde annehmen darf, ist sehr fraglich.].
- Am 11. März 901 war er sodann mit
LUDWIG wieder
in Pavia [16
SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. Seite 26, nr. 9.].
Nach Regierungsjahren LUDWIGS III. in
Italien
ließ er auch im September 901 in Mailand eine Gerichtsurkunde
datieren,
in der er als Segifredus
comes palatii et comes comitatus Mediolanensis
sechs Arimannen die Freiheit von persönlichen
Dienstleistungen an der curtis
Palatiolo bestätigt [17
MANARESI, I placiti Seite 414, nr. 112 (= CdL Seite 663, nr.
396). Sein Vorgänger in Mailand war der im Herbst 896
hingerichtete
Maginfred. Ob der Pfalzgraf Amadeus zwischendurch in
näheren
Beziehungen zur Grafschaft Mailand stand, läßt sich nicht
feststellen.].
Am 7. Dezember 901 war der strenuus marchio atque
dilectus
summusque consiliarius Sigifredus wieder bei LUDWIG in
Pavia [18
SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. Seite 45, nr. 15. - Auch
am 11.
Februar 902 müßte er bei LUDWIG in
Pavia gewesen sein, denn
SCHIAPARELLI vermerkt in seiner Ausgabe des mit diesem Datum versehenen
gefälschten Diploms LUDWIGS nr. +
4 (Seite 76) für das Kloster Nonantola:
„ricorse ad un diploma autentico di Lodovico III., concesso
probabilmente allo stesso monastero di Nonantola".].
Merkwürdigerweise gelang es ihm trotz dieser ausgezeichneten
Position
bei LUDWIG III. recht gut, nach dessen
Vertreibung aus Italien wieder
in die Gunst BERENGARS
aufgenommen zu werden. Ja, er behielt sogar das
ihm von LUDWIG zugesprochene Pfalzgrafenamt. Sollte er zugleich
mit
Adalbert von Tuszien, von dem
LIUDPRAND es bezeugt [19
LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 35, Seite 53f.: Fecerat
namque Berengarius
plurimis conlatis muneribus Adelbertum, Tuscorum
marchiones, sibi valde fidelem, atque ideo Hulodoicus
tam fache est
expulsus.], kurz
vorher die Partei gewechselt und damit BERENGAR ein
Übergewicht
verschafft haben, wofür er belohnt werden mußte? Er hielt
jedenfalls im
Januar 903 als
Sigefredus comes palatii et comes ipsius comitis (=
comitatus) Placentinis vor
König BERENGAR in Piacenza
wieder ein Placitum
ab [20
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I.. Seite 107, nr. 37 (= MANARESI,
I placiti Seite 422, nr. 114).] und intercedierte
904 noch viermal als Pfalzgraf in
BERENGARS
Königsdiplomen [21
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 122, nr. 42 - von 904/
Januar/4. Pavia - precibus Hildegarii venerabilis episcopi seu
Sigefredi sacri
palatii comitis nostrorum fidelium; Seite 124, nr. 43 von
904/Februar/21.
Monza -: Hildegarium venerabilem episcopum et
Sigefreduna gloriosum
sacri palatii nosiri comitem nec non et Alkerium comitem nostram
exorasse clementiam; Seite 130, nr. 45 - von 904/Juni/1.
Pavia -:
interventu Sigisfredi illustris sacri palacii nostri
comitis dilectissimi fidelis nostri; Seite 134, nr. 47 -
von 904/Juni/23. Monza -:
Hildegarium
venerabilem episcopum et Sigefredum
gloriosum sacri
palacii nostri comitem dilectos
consiliarios nostros nostram adiisse
mansuetudinem ...].
Die Gesta Berengarii legen aber die Vermutung nahe, daß er
im Jahre 905 noch einmal sein Glück auf Seiten des zum 2. Mal in
Italien erscheinenden LUDWIGS III. versuchte,
- auch wenn er in den nur
2 erhaltenen Diplomen LUDWIGS aus
dieser Episodenzeit nicht genannt
wird. Der anonyme Dichter berichtet nämlich, daß es auch
für ihn - wie
für den Pfalzgrafen Maginfred
und den Grafen Everard -
besser gewesen
wäre, in den Kämpfen 888/889 ehrenvoll unterzugehen, denn er
habe
später sein Ende auf der Flucht vor dem segenspendenden Szepter
(BERENGARS)
finden müssen, nachdem er auf hohen Gebirgen und in der
Weite eines Sees (auf einer Insel?) Schutz gesucht hatte [22 Gesta
Berengarii, Seite 99 - lib. II, v. 50: Tertius (Glosse: de
Sigefredo ducit) alta poli
scandit supremaque ponti / tristis, ut
almificis sese sustollere sceptris / forte queat. (Glosse: Alta poli
dicit propter altitudinem montis, ubi manitionem habuit.
Supprema autem ponti ideo, quia lacui
etiam se commisit.)
Als Träger des segenspendenden Szepters kann nach der ganzen
Anlage des
Lobgedichtes nur BERENGAR
verstanden werden.]. Wenn er 904
noch bezeugt ist, danach aber aus den Urkunden verschwindet, sollte es
dann für diese dunklen Andeutungen des Dichters eine bessere
Erklärung gehen, als die Annahme eines erneuten Abfalles Sigefreds zu LUDWIG mit
nachfolgender Rache BERENGARS?
Privaturkunden Sigefreds sind
nicht erhalten. Aussagen über seine Herkunft und Familie sind
deshalb kaum zu machen. Es läßt sich aber dennoch die
Vermutung aussprechen, daß er ein Franke war. Er hatte
nämlich fränkische Vasallen und fränkische Untergebene
um sich, was immer wieder bei den als Franken erweisbaren Grafen
vorkommt [23
Vgl. Skizze Alberich, Anm. 10.].
Eine Gerichtsurkunde vom 14. Mai 927 erwähnt, daß
früher einmal ein Anscharius, qui fuit vassus
Sigefredi comiti, filius bone
memorie Adelgisi de partibus Francie, verschiedene
Besitzungen, quibus abere visus fuit
in fra unc regnum Italicum, dem S. Petruskloster in Civate
verkauft hatte [24
MANARESI, I placiti Seite 497, nr. 133 ( = CdL Seite 891, nr.
524). - Schon DOZIO betont dazu in einer Anmerkung: Sigefredo tonte e
marchese di Milano, conte del sacro palazzo, detto anche duca, e
franco, come pare, o borgognone d'origine, e ricordato in piu diplomi
dei Primi anni del sec. X.]; ein Franke war auch Helmericus, Sigefreds Vicegraf in Piacenza.