CXXXVI.    RICHARD


Im Februar 876 versammelten sich die Bischöfe und Grafen des oberitalienischen Raumes in Pavia und erwählten den schon am Weihnachtstage 875 in Rom zum Kaiser gekrönten KARL DEN KAHLEN zum König ihres italienischen Reiches. Unter ihnen befand sich auch ein Graf Richard. Das Signum Richardi comitis findet sich sowohl unter der Wahlurkunde wie auch bei den Unterschriften unter dem zu dieser Zeit in Pavia erlassenen Capitulare Karls [1
MG Capit. II Seite 98, nr. 220 und Seite 100, nr. 221.]. - Als kaiserlicher Missus war ein Graf Richard auch im März 877 in Brescia, als dort die Witwe Kaiser LUDWIGS II., Angilberga, ihr Testament abfaßte und dieses von vielen angesehenen Personen unterzeichnen ließ [2 BENASSI, Parma I Seite 146, nr. 22 (= CdL Seite 452, nr. 270).].
In der Forschung hat man - ausgehend von den Darlegungen R. POUPARDINS [3
R. POUPARDIN, Le royaume de Provence Seite 70 und 81.] - diese Nennungen bislang immer auf den Grafen Richard von Antun, den Bruder Bosos von der Provence, bezogen. Nun läßt sich aber einer Piacentiner Gerichtsurkunde entnehmen, daß am 30. Mai 879, - also zu der Zeit, in der die westfränkische Herrschaft in Italien bereits durch den ostfränkischen König Karlmann und einige italienische Große gestürzt war [4 Vgl. oben Seite 69f.], - in Piacenza ein Richard Stadtgraf war. Ein Gulfardus sculdassio Adelberti, qui et Acco vocitatur, vicecomes civitate Placentia ... per data licentia Richari comes ipsius civitatis hielt damals zusammen mit dem scavinus et sculdassio Paulus in Mormiano finibus Castellana (= Moragnano) einen Gerichtstag ab. Diese Urkunde zählt nach Regierungsjahren König Karlsmanns [5 MANARESI, I placiti Seite 312, nr. 87 (= BOSELLI, Delle storie Piacentine I Seite 284): - scripsi tercio kalendas iuni anni domni Karlomanni regis hic in Italia secundo indictione duodecima.]. Es ist nun schwer vorstellbar, daß der Graf Richard von Antun, auch wenn er von KARL DEM KAHLEN 875 grundsätzlich die Grafschaft Piacenza erhalten haben konnte, nach dem Zusammenbruch der westfränkischen Herrschaft in Italien verblieb, zumal er im Juli 879 bei Boso in der Provence nachweisbar ist und dessen Urkunde für die Abtei Montieramey mit unterzeichnete [6 POUPARDIN, a.a.O. Seite 130, Anm. 6.]. Man wird deshalb wohl den Unterzeichner der Wahlurkunde von 875 mit dem Stadtgrafen von Piacenza (879) identifizieren und als selbständige Persönlichkeit dem westfränkischen Richard entgegensetzen müssen [7 Bei Richardus comes et missus imperialis, der mit dem westfränkischen Hugo abbas et missus imperialis bei der Abfassung des Testaments der Angelberga in Piacenza zugegen ist, wird allerdings die Erwägung einer Identifizierung mit dem Bruder Bosos nicht ohne weiteres auszuschließen sein.].
Über Herkunft und Familie dieses Grafen Richard von Piacenza ist freilich bei dieser kargen Quellenlage keine sichere Angabe zu machen. Es ist nur zu vermuten, daß er zur Verwandtschaft der SUPPONIDEN gehörte, die mit dem Salfranken Wifred I. von 843 bis ca. 870 und dann mit dessen Enkeln Adelgis II. und Wifred II. von 885 bis 922 den Comitat von Piacenza verwalteten [8
Eine Unterbrechung erfolgt in den Prätendentenkämpfen nach 888 durch den WIDO-Anhänger Sigefred.]; seine Amtszeit fällt in die Lücke zwischen Wifred I. und Adelgis II. [9  Möglicherweise war er der Sohn Wifreds I. und kinderlos, so daß dann die Grafschaft auf die Kinder seiner Schwester Berta, Adalgis II. und Wifred II., überging.]. Seine fränkische Abkunft wäre bei dieser Zuordnung gegeben. - Identiflzicrt man ihn aber dennoch mit dem Bruder Bosos von der Provence, was heißen würde, daß KARL DER KAHLE den SUPPONIDEN wegen ihrer nahen Verwandtschaft mit der ihm nicht wohlgesonnenen Angilberga nicht traute und ihnen durch einen Eingriff die Grafschaft Piacenza entzog [10 Dann bliebe aber völlig unverständlich, daß der sogleich bei König Karlmann in höchster Gunst stehende Suppo II. nicht eine sofortige Rückgabe erwirkte.], dann wäre dieser Graf von Piacenza eo ipso als Franke anzusehen.