CXXXII.    RAGINERIUS


war in der Zeit König Hugos Graf in Piacenza. Er ist zunächst durdi zwei Urkunden bekannt, in denen 962 bzw. 963 sein Sohn, der Albericus bone memorie Raginerii comiti filius de comitatu Placencia, genannt wird [1
CdL Seite 1156, nr. 668 - vom 8. Febr. 963. Eine Gerichtsurkunde vom 5. Juli 962 aus Reggio (CdL Seite 1136, nr. 658) nennt folgende Personen: Ermenaldus episcopus, Albericus filius bone memorie Romedii    .... missus domni imperatoris, Giselbertus, Roschildus qui et Rozo, Ariberius etc. Eine weitere Gerichtsurkunde vom 20. Juli 963 (CdL Seite 1163, nr. 672) überliefert noch einmal den Text der ersten Gerichtsurkunde als Insert. Der Text ist fast an der gleichen Stelle verderbt. Er lautet: Ermenaldus episcopus,..... iginora comite vassus domni imperatoris, Eiselbertus, Rotchildus qui et Azo, Aribertus etc. Bedenkt man, daß bei beiden Lesarten Schwierigkeiten bestanden, und berücksichtigt man dazu die Urkunde vom 8. Febr. 963, dann wird man sich wohl bei einer Rekonstruktion der in den Gerichtsurkunden verderbten Stelle für folgende Lösung entscheiden dürfen: Ermenaldus episcopus, Albericus filius bone memorie Raginerii comiti vassus domni imperatoris, Giselbertus, Rotchildus qui ei Rozo, Aribertus etc.]. Der Regierungszeit König Hugos ist er mit Hilfe der Miracula S. Co1umbani zuzuordnen. In ihnen heißt es: Tempore Hugonis Langobardorum regis erant quidam principes in Italia, qui ... Servorum Dei bonis inhiabant;inter quos Wido episcopus Placentinus eiusdemque frater Rainerius nomine necnon alii plures, qui caeca cupiditate praedia ecclesiae Bobiensis erepta sibi asciverunt [2 MG SS XXX, 2 Seite 996,1001,1008. Zur Datierung der Ereignisse auf 929 (vielleicht noch 930) vgl. SCHIAPARELLI in Bollettino dell'Istit. stor. ital. nr. 34 Seite 215ff.; DERS., I dipl. di Ugo Seite 153f., Einleitung zu nr. 51; CIPOLLA, Cod. dipl. Bobbio I Seite 310f.]. König Hugo scheint nach diesem Benda vorerst gegen die
Übergriffe, die sich die principes dem Kloster Bobbio gegenüber erlaubten, nicht eingeschritten zu sein [3
Erst nachdem die Mönche selbst die Initiative ergriffen, verhandelte Hugo mit den Übeltätern in Pavia. Auf dem Rückwege von Pavia nach Piacenza verunglückte Raginer durch einen Sturz vom Pferde. Im Sommer 930 ist dann auch schon Gandulf als Graf in Piacenza tätig. Das Verhalten Bischof Widos und Raginers gegen das Kloster Bobbio resultiert aus dem Versuch des Abtes Theudelassius von Bobbio, sich der Aufsicht des Bischofs Wido von Piacenza zu entziehen; vgl. dazu das Schreiben Papst Johannes X. aus den Jahren 914-28 bei KEHR, Italia pontif. V Seite 446, nr. 18 und Göttingische Nachrichten 1900 Seite 20, nr. 1.]. Das kann ein guter Hinweis dafür sein, daß die Stellung dieser Magnaten sehr gefestigt war. Gehörte doch auch Bischof Wido von Piacenza (904-940) schon zu BERENGARS vertrautesten Ratgebern und Freunden; er war dessen karissimus auricularius [4 Vgl. E. DÜMMLER, Gesta Berengarii Seite 56, und die zahlreichen Nennungen Widos in den Diplomen BERENGARS I. - In den Gesta Berengarii lib. 11, v. 32, Seite 98, wird übrigens auch ein Raginer genannt. Hat er etwas mit dem hier behandelten Grafen zu tun? In BERENGARS I. Urkunden erscheint ein Rainerius vassus regis; Schiaparelli, I dipl. di Berengario I. Seite 196, nr. 73 und Seite 201, nr. 74.]; et quoniam Wido, Placentinae civitatis episcopus, Berengarii partibus favebat, war es am 17. Juli 923 auch in Piorenzuola bei Piacenza zur Schlacht zwischen BERENGAR I. und dem von einer Gegenpartei herbeigerufenen König Rudolf II. von Hoch-Burgund gekommen [5  LIUDPRAND, Antapod. lib. Il, cap. 65, Seite 66.].
Für den Grafen Raginer und seinen Bruder Bischof Wido ist langobardische Abkunft anzunehmen; Raginers Sohn Alberich lebte nach Langobardenrecht [6
Die in Abschrift des 12. Jahrhunderts überlieferte Urkunde (CdL Seite 1156 nr. 668) hat bei Albericus et Millerada jugalibus, que professa cum ex nacione mea lege vivere languobardorum, set nunc pro ipse vir meus nunc lege vivo languobardorum, einen Abschreibfehler. Wie aus den Übergabeformen Milleradas und den fränkischen Zeugen ersichtlich ist, bekannte Millerada vor der Ehe mit Alberich das salfränkische Recht.]. Raginer gehört somit zu den ersten Langobarden, die im 10. Jahrhundert in die fränkisch geprägte Führungsschicht Italiens gelangten. Das indessen ist nicht verwunderlich, da er in enger Verwandtschaft mit der salfränkischen Familie des Vicegrafen Framsit von Piacenza und des Grafen Gandulf gestanden zu haben scheint [7 Der Name Raginer taucht in der Verwandtschaft des Vicegrafen Framsit von Piacenza auf (vgl. Framsit, Anm. 5). Für eine Verwandschaft Raginers mit der Familie Framsits spricht auch, daß Framsits Sohn Gandulf auf Raginer in der Verwaltung der Grafschaft Piacenza folgte.].
Die Namen Raginer und Wido kommen aber auch in der Familie der in Pistoia beheimateten Grafen vor. Ein Wido comes (in erster Ehe vermählt mit Richilda, in zweiter Ehe mit Gervisia) und Raginerius diaconus waren die Söhne des Grafen Teudegrim (von Pistoia) und Ingelradas, einer Enkelin des Pfalzgrafen und ripuarischen Franken Hucpold (vgl. Hucpold, Anm. 7). Bestanden verwandtschaftliche Beziehungen zu diesem in Pistoia beheimateten Grafen-Geschlecht, so läßt sich auch daran - und zwar über lngelrada - die enge Verbindung zu einer eingewanderten Franken-Familie erkennen.