CXXX. RADALDUS,
Sohn des Markgrafen und Grafen von
Lecco, Konrad, und
damit zugleich
auch Mitglied der großen WIDONEN-Familier
[1 Vgl.
Skizze Konrad. - Die
früheste Bezeugung Radalds
scheint im
Testament der Kaiserin Angilberga
(877/März) vorzuliegen; BENASSI,
Parma I Seite 146, nr. 22. Dieses unterschrieb ein Radaldus (ohne Titel)
neben anderen ausdrücklich als comites
bezeichneten Zeugen.], war in den vier kurzen
Herrschaftsjahren des jungen Kaisers LAMBERT, die dieser ohne
die
schützende Hand seines Vaters WIDO und unter dauernder
Bedrohung von
König BERENGAR, Markgraf Adalbert von Tuszien, Graf Hildebrand von Lucca
und anderen durchzustehen hatte, LAMBERTS getreuer und
kraftvoller Helfer.
Eine Urkunde vom 6. Dezember 895 zeigt ihn als illustrissimus comes
atque summus consiliarius LAMBERTS [2
SCHIAPARELLI, I dipl. di Guido e di Lamberto Seite 70, nr. 3.];
wenn sie den Vicegrafen von Parma
Ingelbert daneben auch als vasso scilicet Radaldi
illustrissimi comitis
bezeichnet, so steht fest, daß es LAMBERT
zu dieser Zeit gelungen war,
in Parma, dem Ausgangspunkt der Straßen in die Toskana, die
Zügel fest
in die Hand zu bekommen, die auf seiten BERENGARS
stehenden Parmenser
Grafen aus dem Hause der SUPPONIDEN
[3
Vgl. Skizzen Adalgisus II., Wifred II., Boso III.]
abzusetzen oder zu vertreiben und
Parma der Oberaufsicht dieses Verwandten und verläßlichen
Getreuen zu
unterstellen [4
Im Jahr 1027 bestätigte KONRAD II. der
Bischofskirche von Parma quandam
terram in comitatu Parmensi iacentem, quae scilicet dicitur Corticella Radaldi (MG DD Konrad II.
Seite 141, in. 99 = DREI, Parma II Seite 88, nr. 41). Das genannte
Landstück dürfte nach dem hier behandelten Grafen benannt
worden sein;
das aber könnte noch einmal die Stellung Radalds im Raum von Parma
bestätigen. Zudem war noch
Radalds Enkel, Graf Atto von
Lecco, in
Palasone (18 km nodnordwestlich Parma) begütert.].
Nach dem frühen Tode Kaiser LAMBERTS scheint aber Radald sich recht
geschickt unter König BERENGAR verhalten zu
haben. Einer großen
Strafaktion, die ihn ein für allemal ausschaltete, unterlag er
jedenfalls nicht, - vielleicht war zu solchen Maßnahmen die
Stellung
des Königtums damals auch viel zu schwach. Und so finden wir Radald im
April 915 auf einem Placitum in Pavia, das unter persönlichem
Vorsitz
König BERENGARS abgehalten
wurde, wieder [5
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 256, nr. 98 (=
CIPOLLA, Cod. dipl. di Bobbio I Seite 284, nr. 85 und MANARESI, I
placiti Seite 471, nr. 126).]. Illuster comes et
marchio wird er dabei genannt. Radald
gibt vor diesem Gericht an, daß er Besitzungen des Klosters
Bobbio de parte regia in beneficio
hat, bekennt aber gegenüber den Klagen des Abtes Theodelassius, daß die curtis Barbada nihil a porcionem illarm pertinet
quod beneficiario nomen est ad abendum und daß er diesen
Hof folglich ohne Recht dem Nießbrauch der Klosterinsassen
entzogen habe. Das Gericht entscheidet deshalb zugunsten des Klosters.
Auch den Sturz BERENGARS
und Machtantritt Rudolfs II. von
Hoch-Burgund hat Radald überdauert.
Im März 926, also in der Regierungszeit des BURGUNDERS,
läßt er als marchio et comes
auf der seinem Vater Konrad
892 von Kaiser WIDO und LAMBERT
bestätigten curtis Almenno
zwei Hörige frei [6
CdL Seite 884, nr. 518.].
Das ist die letzte Nachricht über ihn.
In der Freilassungsurkunde wendet Radaldus
die Formeln des salischen Rechtes an [7
(Et per)gamena cum airamentario de terra elevans.].
Da er dazu in die WIDONEN-Familie
gehört und auch noch sein Enkel
(?) Graf Atto von Lecco im
salfränkischen Rechtsbekenntnis verbleibt, ist Markgraf [8 Inwieweit
sich im Markgrafen-Titel bei Radald wie
auch schon
bei seinem Vater Konrad die
Herausbildung einer Mark Mailand, einer
marca settentrionale oder marca lombarda-emiliana (etwa analog zu den
Marken Friaul, Toskana und Spoleto) äußert, oder wie sonst
der
Markgrafen-Titel zu erklären ist, muß hier unentschieden
bleiben. Von
italienischer Seite ist der Gedanke einer Nordmark wiederholt vertreten
worden
(C. DEDIMONI, Solle marche d'Italia Seite 202ff.; S. PIVANO, Il
comitato
di Parma e la marca lombardo-emiliana; N. G. GUASTELLA, La marca
settentrionale e i conti di Lecco). Schon A. HOFMEISTER, Markgrafen
Seite
261 verhielt sich gegenüber solchen Gedanken sehr
zurückhaltend. Wenn F. GUASCO DI BISIO in seinem nur mit Vorsicht
zu benutzenden
Dizionario Feudale degli Antichi Stati Sardi e della Lombardia (BSSS
55) Seite 1003 Radaldus als Rabaldus, Markgrafen der Mark Mailand in den
Jahren von 910 bis 922, wiedergibt, so geschieht das wie vieles andere
ohne rechte Quellenbeachtung; 926 ist dazu Radald als marchio noch am
Leben. - Kritiklos ist der „Rabaldo,
marchese, 910c" übernommen von A.
COLOMBO, Due ricordi toponomastici di Milano Seite 259.]
Radalds fränkische
Herkunft einwandfrei gesichert. Sein eigentlicher Aufgabenbereich war
neben der zeitweiligen Oberaufsicht
über das Gebiet von Parma die Grafschaft Lecco, wo der Vater Konrad und auch noch der
Enkel (?) als Grafen nachweisbar sind. Bei der bekannten Tendenz zur
Erblichkeit der Ämter [9
Vgl. Exkurs Supponidengenealogic, Anm. 22.] wird
man diese Aussage machen dürfen.