CXXIV.    ODELRICH (II.)


war einer der häufigsten Intervenienten in den Urkunden BERENGARS I. und damit auch eine der angesehensten Persönlichkeiten bei diesem Herrscher. Er ist vornehmlich als BERENGARS Pfalzgraf bekannt.
Ab November 910 ist er zunächst als vassus domni regis nachweisbar [1
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 196, nr. 73 und Seite 200, nr. 74 (= MANARESI, I placiti Seite 441, nr. 119 und Seite 446, nr. 120).]; im Oktober 911 bezeichnet ihn BERENGAR schon als nostrum karissimum fidelem et nobilem virum [2 SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 214, nr. 79.], am 9. August 912 sodann nochmals als Königsvasall [3 SCHIAPARELLI, a. a. O. S. 226, nr. 85.]. Ab 913 übt er auch missarische Funktionen aus; als vassus et missus domni regis hält er im April 913 und im April 915 - jeweils in Gegenwart BERENGARS - Placita in Verona und Pavia ab [4 SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I, Seite 235, nr. 88 und Seite 256, nr. 98 (= MANARESI, I placiti Seite 466, nr. 125 und Seite 471, nr. 126).]. Vassus et missus BERENGARS wird er auch in der Urkunde über das am 10. November 915 in Lucca abgehaltene Placitum zur Beilegung von Streitigkeiten zwischen dem Bischof von Lucca und dem von Lodi genannt [5 MANARESI, I placiti Seie 475, nr. 127 (= Mem. e doc. di Lucca V, 3 Seite 87, nr. 1166 und CdL Seite 807, nr. 466).]. Er befand sich damals mit seinem Herrn auf dem Wege nach Rom, wo dieser von Papst Johann X. am Weihnachtstage 915 zum Kaiser gekrönt werden sollte. - Bei diesem Romzug scheint er auch zum Mark- und Pfalzgrafen bestellt worden zu sein: ein undatiertes Bruchstück einer Urkunde aus der Königszeit BERENGARS, das man bei dieser Laufbahn nur in den November-Dezember 915 setzen kann, zeigt nämlich Odelrich als marchio et comes sacri palacii [6 SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 266, nr. 102. - Diese Datierung nimmt schon A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 377, Anm. 6 vor, dem ich auch in der Ansicht folge, daß das in der Kopie aus dem 10. Jh. überlieferte Odelricus comes et marchio sacri palaiii nostri ein Flüchtigkeitsfehler des Abschreibers ist, der in marchio et comes sacri palatii verbessert werden muß.]. Inclitus marchio und dilectissimus fidelis wird er dann auch 916 und illuster marchio sacrique palatii nostri comes et dilectus fidelis im August 917 genannt [7 SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 294, nr. 114 und Seite 296, nr. 115.]. Elf weitere Diplome BERENGARS aus den Jahren 918 bis 920, in denen er als Intervenient fungiert, nennen ihn desgleichen als gloriosissimus marchio, amabilis consiliarius und sacri palacii gloriosus comes [8 SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 302, nr. 117-918/Januar. Verona -: Odelricus illuster marchio et missus domni imperatoris; Seite 311, nr. 119 -  918/November/13 -: Odelricum gloriosum marchionem dilectumque fidelem nostrum; Seite 313, nr. 120 - 917 od. 918/Dezember/18. Verona -: Grimaldum gloriosum comitem et Odelricum inclitum marchionem carissimos fideles nostros; Seite 315, nr. 121 - 918/Dezember/26. Monza -: Grimaldum gloriosum comitem nec non et Orlelricum inclitum marchionem; Seite 318, nr. 122 - 919/Oktober/14. Ivrea -: Odelricus fidelissimus marchio noster; Seite 319, nr. 123 - 919/November/17. Pavia -: Grimaldus et Odelricus gloriosissimi marchiones et amabiles consiliarii nostri; Seite 326, nr. 125 - 920/ Juli/l. Corteolona -: consultu Odelrici incliti marchionis sarrique palatii nostri gloriosi comitis; Seite 328, nr. 126 - 920/September/4. Pavia -: Odelricum gloriosum marchionem et Guntari inclitum comitem nostros fideles et eximios consiliarios; Seite 331, nr. 127 - 920/September/6. Pavia -: Odelricum gloriosum marchionem dilectumque fidelem nostrum; Seite 334, nr. 129 - 920/ September/8. Pavia -: supplicatione Odelrici incliti marchionis. - Eine Gerichtsurkunde aus Massafiscaglia, die auf den 9. Mai 920 (oder 921?) datiert ist und die Odelrich als vassus et missus Kaiser BERENGARS zeigt, muß wohl als Fälschung verworfen werden; vgl. MANARESI, I placiti Seite 609, nr. 3 mit Vorbemerkung.].
Auffällig an diesen Bezeugungen ist, daß sie Odelrich immer im Gefolge BERENGARS nachweiscn. Nicht nur als Königsvasall, auch als marchio zieht Odelrich dauernd mit BERENGAR durch das Land. Man kam dabei jedoch nicht feststellen, daß er in einer Gegend besonders hervortritt. Es ist deshalb auch mehr als fraglich, ob man ihn als Markgrafen des immer wieder von den Ungarn bedrohten Grenzgebietes von Friaul bzw. von Istrien ansehen darf oder ob sein Titel ihn nur als hohen Hofbeamten ausweisen soll [9
Vgl. schon A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 376f.].
In seiner sehr einflußreichen Stellung am Hofe ist Odelrich bis zum September 920 nachzuweisen. Wenn er dann von BERENGAR im November 920 nur noch als comes bezeichnet wird [10
SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 338, nr. 131.], so läßt das vielleicht schon auf eine Verschlechterung der Beziehungen schließen. Im folgenden Jahr muß Odelrich sodann von BERENGAR in Haft genommen worden sein [11 LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 58, Seite 64: Odelricum palatii comitem, quem praediximus, vinctum Berengarius tunt tenebat.]". Zu seinem Bewacher wurde der eben im September 921 auf den Stuhl des Erzbischofs von Mailand erhobene Lampert bestimmt. Diesen konnte Odelrich jedoch für eine Verschwörung gewinnen, der sich auch Markgraf Adalbert von Ivrea, der zu einflußreicher Stellung aufgestiegene Langobarde Giselbert, der Graf Samson und andere Große anschlossen. Man sandte erste Boten nach Hoch-Burgund, um König Rudolf II. zur Übernahme der Herrschaft in Italien aufzufordern. Durch eine Schar Ungarn, deren Beistand BERENGAR in dieser Stunde erbeten hatte, wurde Odelrich bald darauf in den Brescianer Bergen, wo sich die Aufständischen zur Beratung versammelt hatten, getötet, während die anderen Verschwörer in Gefangenschaft gerieten [12 Den Aufstand der italienischen Großen gegen BERENGAR schildert LIUDPRAND, Antapod. lib. 11, von cap. 57 bis 64. Zur zeitlichen Festlegung des Aufstandes auf Jahresende 921 vgl. E. DÜMMLER, Gesta Berengarii Seite 28, Anm. 1.].
Odelrich gehörte der Gruppe der in Italien lebenden Alemannen an. LIUDPRAND sagt von ihm: ex Suevorum sanguine duxerat originem; und auch sein Sohn Wifred aus der Ehe mit der Burgunderin Liutkarda bezeugt diese Abkunft [13
Vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. II, cap. 57, Seite 63 und Skizze Wifred (III.), Anm. 1.].