CIX.    LIUTFRID II.


Unter der Urkunde über die im Februar 876 in Pavia vollzogene Wahl KARLS DES KAHLEN zum König des schon ziemlich selbständig gewordenen regnum Italiae findet sich auch ein Signum Liutfridi comitis [1
MG Capit. 11 Seite 98, nr. 220.]. - Im Oktober 879 wird der Liutfridus comes von Papst Johann VIII. dafür, daß er die aus dem Piacentiner Kloster entflohene Nonne Gerlindis, wohl eine Verwandte, bei sich aufnahm, daß er und seine Frau mit ihr Gemeinschaft hielten und daß er der Kaiserin-Witwe Angilberga gehörende, unter p:ipstlichcn Schutz genonnnene Güter :in sich gerissen hatte, aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen - exkommuniziert. Mitteilung davon erging an oberitalienische Bischöfe und Edle [2 MG Epist VII Seite 212, nr. 241 und Seite 210, nr. 238,].
Bei dem Liutfrid comes, der sodann in einigen italienischen Urkunden aus den Jahren 902 und 905 auftritt, hat man es wohl bereits mit einem anderen Grafen gleichen Namens zu tun, dessen spezieller Amtsbereich in der Provence lag und der nur mit LUDWIG III. nach Italien zog [3
Am 12. Februar 902 und am 21. April 902 tritt dieser Liutfridusr comes als Intervenient in den Urkunden LUDWIGS DES BLINDEN hervor (SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. Seite 47, nr. 16 und Seite 51, nr. 18). Und im März 905 setzte dieser Liutfrid sein Signum Liudfredi comitis unter eine Urkunde, mit der der Bischof Audax von Asti una cum consilio Oberti vicecomitis (nicht Liutfredi comitis!) den Kanonikern seiner Kirche die curtes Quarto und Azzano schenkte etc. (BSSS 28 Seite 59, nr. 37 = Mhp, Chart. I Seite 111, nr. 66). In Asti scheint außerdem zu dieser Zeit ein Graf Gotfrid gewaltet zu haben. In der Provcnce ist Liutfrid als Graf nachgewiesen durch POUPARDIN, Recueil des actes des Rois de Yrovenec Seite 78, nr. 42 - von 903 Juni 6.]. War doch auch Liutfrid II., wie neuere Forschungen ergeben [4 Vgl. F. VOLLMER, Die Etichonen Seite 173f.], um diese Zeit gar nicht mehr in Italien.
Auf den bereits zu 876 und 879 bezeugten Liutfrid II. bezieht sich dafür aber noch eine weitere Urkunde vom Oktober 879, mit welcher der Luitfredus inlustris comes, ... qui curte ecclesie beatissimi precursoris Joh(ann)is baptiste sita Modicia (= Monza) de datu domni regis in benefitio habere videbatur, einige „auf der Abahöhe" (ad abaalta) gelegene Landstücke (Eigengut und Lehmgut) gegen andere in benachbarter Lage vertauschte [5
FRISI, Memorie storiche di Monza II Seite 8, nr. 5: ... petia una de terra vitata cum campo seu uno insimul tenente qui pertinet de iure predicte ecclesie et sunt posita in eodem vico et fundo Modicia in locus qui nominatur ad abaalta non longe da horatorio S. Petri. In CdL Seite 488, nr. 289 wird auf in locus qui nominatur ad Riba alta umgebessert; da in dieser Edition aber unverständliche Stellen öfters (ohne Kenntlichmachung) ausgebessert werden (vgl. Skizze Samson, Anm. 10), entscheide ich mich für die Lesart FRISIS.].
Dieser Gütertausch gibt zugleich Auskunft über das Herkommen des Grafen Liutfrid. Die in seinem Besitz befindliche „Abahöhe" führt uns auf die mit dem karolingischen Kaiserhaus eng verbundenen Eheleute Aha und Hugo, die auch nachweislich zu Monza - wie nun Liutfrid - in nahen Beziehungen standen: An Ava coniux Ugonis obtimatis nostri hatte Kaiser LOTHAR am 10. August 836 den Fiskalhof Locate südlich Mailand geschenkt [6
CdL Seite 228, nr. 128 (= FRISI, Monza II Seite 7, nr. 4).]. Ava hatte diesen aber an die Kirche Johanns des Täufers in Monza weitergegeben [7 Der Necrolog von Monza erwähnt die Todestage von Hugo und Ava. Ohne Jahresangabe ist für Hugo vermerkt: XIII. Kal. Nouemb. 0 (= obiit) Hugo Dux, wozu eine etwas spätere Hand erläuternd hinzugesetzt zu haben scheint - der einer modernen Editionstechnik völlig ungenügende Druck läßt darüber keine volle Klarheit gewinnen -: Obiit Dns Vgo Dux qui dimisit huic eccle omnes possessiones de locate pro remedio anime sue. cuius corpus requiescit in coro capelle sce Marie (FRISI, Monza III S. 136). Für Aba ist zu finden: II. Nonas Sept. ... O. aba coniux Hugonis Ducis de Locate; dazu die anscheinend spätere erläuternde Hand: o. Dna Aba coniux Dni Ugonis ducis de locate. et socrus Dni Lotharii Imperatoris. supervixit uiro pene annis duobus religiosissimam ducens uitam. Obiit pridie nonas septembris anno ab incarnatione Dni ... Wenn hier Hugo und Ava als Besitzer von Locate noch einmal genannt werden, Hugo sogar als Schenker von Locate an die Kirche Johannes des Täufers bezeichnet wird, und wenn weiterhin die in Anm. 8 zitierte Grabinschrift die beiden als Wohltäter dieser Kirche erweist, dann darf wohl die in einem Diplom Karls III. (MG DD Karl III. Seite 75, nr. 46) erwähnte Verleihung der curtis Locate an die Kirche des hl. Johannes in Monza durch Kaiser LUDWIGS II. als Besitzbestätigung in Form einer Neuschenkung gedeutet werden.]. In der Kirche Johanns des Täufers zu Monza, deren Zubehör Liutfrid lehensweise überlassen ist, waren Hugo und Ava auch beigesetzt worden [8 FRISI, Monza I Seite 81: vennero i loro Corpi tumulati in quella stessa Chicsa, nella Capclla di S. Maria, oggi dcnominata „del S. Chiodo", in due urne di sasso colla seguente epigrafe: DUX JACET HIC UGO CONIUX SIMUL ABBA SEPULCRO
                                              TEMPLUM BAPTISTE EA DITARUNT UXOR ET ISTE
. Vgl. auch Anm. 7.
]. Und die Todesdaten Hugos und Avas - wie auch das Liutfrids [9 Vgl. Anm. 7 und FRISI, Monza III Seite 119: XLII. Kal. iunii O(biit) Liuthfridus Comes.] - gibt dazu der Nccrolog von Monza wieder. Stellt man außerdem fest, daß Liutfrid II. den Namen einer Tochter Hugos und Avas, Adclais, einem eigenen Kinde gab [10 Adelais hieß die dem WELFEN Konrad, dem Bruder der Kaiserin Judith, zur Frau gegebene Tochter Hugos (vgl. R. PARISOT, Le royaume de Lorraine Seite 250, Anm. 7). - Der Codice necrolog.-lit. di S. Salvatore in Brescia, ed. VALENTINI enthält auf Seite 80 (= f. 43v des Originals) die Notiz: Liutfrid comis tradidit filiam suam adelei. Diese Notiz kann sich nur auf unseren Liutfrid II. beziehen, da sie unter den nach 865 aufgenommenen Nachträgen steht (vgl. E. MÜHLBACHER in MIOG 10 Seite 472) und also zu einer Zeit eingetragen wurde, in der Liutfrid I. (siehe diesen) gar nicht mehr in Italien war.], dann ist die enge Verwandtschaft Liutfrids zu diesem 834 mit Kaiser LOTHAR und vielen anderen fränkischen Großen nach Italien ins Exil gegangenen Paar [11 Vgl. BM² nr. 931d.]erwiesen. Und es ist damit auch klargestellt, daß Liutfrid II. von einem eingewanderten fränkischen Geschlecht abstammte. Die Unterschriften von Ingilhald, Rodiland seu Uuaribert, Adelbald adque Fol ....     vasalli ipsius comitis francorum genere unter der Tauschurkunde vom Oktober 879 können das nur bekräftigen. Und zwar war er ein Enkel Hugos und Avas und ein Sohn Liutfrids I., welcher in die Dienste Lothars II. im lothringischen Mittelreich eintrat. In den elsässischen Stammgütern dieses Geschlechtes war ein Bruder Liutfrids II., Hugo, nachgefolgt [12 Vgl. Skizze Liutfrid I., Anm. 18 (BM² nr. 1310) und Ann. Bertin. ad 869, Seite 108: KARL DER KAHLE iter in Elisacias partes arripuit, ut Hugonem, Liutfridi filium, .. .obtineret.]. Als dieser aber noch vor 884 verstarb, trat Liutfrid - wohl begünstigt durch die gemeinsame Beherrschung aller Reichsteile unter KARL III. - dessen Erbschaft an und ging nach Lothringen zurück. Bereits 884 interveniert er dort für eine Bestätigung des Klosterbesitzes von Münster-Granfelden, das schon seine Vorfahren innehatten [13 MG DD Karl III. Seite 172, nr. 108 (verunechtet) ; vgl. schon oben Seite 223.]. Seine Söhne Hunfrid, Liutfrid und Hugo treten noch in der nordalpinen Reichsgeschichte, aber nicht mehr in Italien hervor [14 Vgl. BRUCKNER, Regesta Alsatiae Seite 398, nr. 662; dazu Fr. VOLLMER, a.a.O. Seite 174f.].