CVI.    Graf LEO


war ein sehr einflußreicher Vertrauter LOTHARS I. in Italien. Als LUDWIG DER FROMME im Sommer 837, also zur Zeit der unüberbrückbar gewordenen Spannungen mit seinem Sohne LOTHAR, einen Italien- und Romzug plante, ja bereits den Abt Adrebald von Flavigny zu Vorbesprechungen nach Rom geschickt hatte, bestimmte der in Italien gebietende LOTHAR  Leonem, qui tum apud illum loci magni habebatur, dazu, nach Bologna zu eilen und dort zwei päpstliche Gesandte zurückzuhalten, die Abt Adrebald auf der Rückreise nach dem Franken-Reich begleiten sollten. Durch starke Drohungen erreichte dieser auch sein Ziel; jedoch den beiden päpstlichen Boten gelang es, Adrebald einen Brief des Papstes an LUDWIG DEN FROMMEN noch heimlich zuzustecken [1
Vita Hludov. c. 56, MG SS II Seite 641. Vgl. dazu auch B. SIMSON, Ludwig der Fromme II Seite 165.].
Bereits im Dezember 824 war der Leo comes bei einem Gericht des aus Rom kommenden und auf dem Heimweg befindlichen Königsboten Wala in Reggio anwesend [2
MANARESI, I placiti Seite 109, nr. 36 (= FICKER, Urkunden IV Seite 12, nr. 9 und TIRABOSCHI, Nonantola II Seite 41 nr. 25, wo fälschlich Wido für Wala gelesen wird). - Vielleicht darf auch der Leo vassus, der in missatischer Funktion im April 823 in Spoleto tätig war, mit dem hier behandelten Grafen identifiziert werden (Reg. di Farfa II Seite 212, nr. 273) - so MANARESI, I placiti Seite 148 und desgleichen der Leo vassus et missus, der mit dem Grafen Aledram von Troyes (siehe oben Seite 29) 821 in Spoleto unterwegs gewesen ist (Reg. di Farfa II Seite 207, nr. 269; Seite 207, nr. 268; Seie 218, nr. 282; Seite 233, nr. 298; III Seite 1, nr. 318).]; im Januar 829 hatte er sogar als missus zusammen mit dem Bischof Joseph (von Ivrea) in Rom ein Placitum zugunsten des Klosters Farfa abgehalten [3 MANARESI, I placiti Seite 118, nr. 38 (= Reg. di Farfa II Seite 221, nr. 285 und CdL Seite 198, nr. 170).]; und auch in Mailand wurde in jener Zeit in presentia Leonis comitis et missi domni imperatoris ein Streit entschieden und Alpicharius comes de Alamannia im Besitz seiner 807 erworbenen Besitzungen bestätigt [4 MANARESI, I placiti Seite 147, nr. 45 (= CdL Seite 242, nr. 138). Die Urkunde ist undatiert, aber in die Zeit zwischen 820 und 840 zu setzen. - Faks. bei MORONI STAMPA, Codex palacograph. nr. 19.].
Im Februar 840 nominierte dann Kaiser LOTHAR auf Bitten des Bischofs Adalgis von Novara Leonem et Johannem filium eins commites sowie den Vogt des Bischofs zur Beschützung der Güter der Kirche von Novara, gibt ihnen das Inquisitionsrecht usw. [5
BSSS 78 (Novara) Seite 6, nr. 5 (= SCHIAPARELLI, Il rotolo Seite 10, nr. 2).]. Mit einer weiteren Urkunde vom 20. Juli 841 setzt LOTHAR I. die Grafen Leo und Johannes sodann auch noch als tutores et advocatos des Klosters der S. Maria Theodota in Pavia ein [6 CdL Seite 248, nr. 141.].
Wenn es von Graf Johannes, dem Sohne Leos, heißt: tune comitatum sepriense abebat [7
Cdl, Seite 265, nr. 154.], dann darf man vielleicht auch in Leo einen Grafen von Seprio sehen. Hat doch auch er schon mit Johannes zusammen die Beziehungen zu dem nahm Novara, und findet das Urteil über die südlich des Lago Maggiore gelegenen Güter des Grafen Alpcar doch auch gerade vor ihm statt.
Über einen zweiten Sohn, den vassus domni imperatoris Sigerardus filius bone memorie Leoni comitis [8
CdL Seite 393, nr. 235 (von S65/Februar/18). Faks. bei MORONI STAMPA, Codex palacograph. nr. 32.  - Ist Sigerad auch derjenige, der im Februar 881 als Missus KARLS III. in Piacenza mit seinem Sohn Leo ein Placitum abhielt (SCHIAPARELLI, Documcnri inediti de1L'arch. cap. di Piacenza Seite 195, nr. 3 - MANARESI, I placiti Seite 381, nr. 105)?], kann man noch weiteres Licht auf die Familie Leos werfen, vor allem einen Hinweis auf das Herkommen erhalten. Sigerat schenkt seine Besitzungen in loco et funao Balerne, ubi dicitur Oblino, judiciaria sebriensis, dem S. Ambrosiusklostcr zu Mailand, - und zwar pro remedium anime mee vel quondam Amelrici episcopo aviunculo meo. Der Bischof Amelrich (von Como) ist aber durch die Inschrift auf seinem Grabe als Franke zu erweisen [9 UGHELLI, Italia sacra V, 2. Auflage Seite 271 (1. Auflage Seite 255):
     Sub hac sterili gleba requiescunt
     Amalrici Francigenae
     praesentisqgue Cumanae ecclesiae episcopi
     corporis membra ...
Im Jahre 843 ist Bischof Amalrich von Como ebenso wie schon 840 (BM²  nr. 1072) nördlich der Alpen anzutreffen. Eine in Gondreville am 22. August 843 für das Kloster Bobbio ausgestellte Urkunde spricht jedenfalls davon, daß der vir venerabilis Amalricus Cumensis urbis vocatus episcopus et ex monasterio, quod nuncupatur Bobio, abba dem Kaiser LOTHAR alte Urkunden vorlegte und damit eine Bestätigung für Besitzungen und Rechte seines Klosters erwirkte (Cod. dipl. di Bobbio I Seite 142, nr. 37). Ein solcher Verweis auf ein Verweilen Amalrichs nördlich der Alpen mag die Aussage der Grabsteininschrift nur bestätigen. - Zum Todesdatum Amalrichs vgl. UGHELLI, Italia sacra V² Seite 267 und F. SAVIO, Gli antichi vescovi d'Italia II, 1 Seite 304ff.
]. So liegt es nahe, daß auch Graf Leo ein zugewanderter Franke war [10 Für unsere Auffassung spricht auch, daß Leo 829 bei seinem Missat nach Rom von einem Salfranken Lantbert begleitet war. Zumindest muß Leo, wenn man im avunculus nicht einen Bruder des Vaters, sondern der Mutter sieht, eine salfränkische Zuwanderin zur Frau genommen haben. Für avunculus im Sinne von patruus vgl. Exkurs Supponidengenealogie Anm. 37.].