LXVII. EVERARDUS
Der anonyme Autor der Gesta Berengarii imperatoris meint, für den
Grafen Everardus, einen
unermüdlichen Parteigänger WIDOS, des
Rivalen
seines Helden beim Kampf um die Krone Italiens, wäre es besser
gewesen,
im Kampfe dieser beiden Gegner ehrenhaft unterzugehen, als diese
Auseinandersetzung zu überleben. Denn das Ende, das er später
fand, sei
unrühmlich gewesen. Verdurstet sei er, vor den Pfeilen ungarischer
Scharen fliehend (899) [1
Gesta Berengarii, ed. DÜMMLER Seite 99 - Glosse zu lib. 11, v. 42:
...
Nunc de his dicit, qui in primordio bellorum semper cum Widone
fuerunt. v. 45 ff.: Infandum!
Foret his satius cecidisse duello, Quam miseros uidisse dies. Nam
dirpare fato Dirperiere. ----------; siti perit alter in aruis (dazu
Glosse: Eurardum uult itelligi)
Vngrorum cupit infaustas differre sagittas. Zum geschichtlichen
Wert der Gesta Berengarii vgl. 13. DÜMMLER, a.a.O. Seite 43ff. und
besonders Seite 60. Bei dem Ungarneinfall ist ohne Zweifel wie
schon DÜMMLER Seite 25 bemerkt - der im August 899 unternommene
und
durch
ein volles Jahr fortgesetzte Verheerungszug der Ungarn gemeint. Vgl.
auch E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches
III² Seite 507f. -
Everards
Tod fällt demnach auf 899/900.
- Die Gerichtsurkunde vom
März 901,
in der Evrard neben anderen
auf einem von König BERENGAR geleiteten
Placitum erscheint, ist eine Fälschung aus dem 11. Jahrhundert
(SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 377, nr. + 6).].
Der Spott, mit dem Everard und
andere
Anhänger WIDOS
hier bedacht werden, kann bei der Nachwelt aber
kaum den
Ruf jener Persönlichkeiten mindern, die WIDO den Sieg
über
BERENGAR
erringen halfen.
Das Ansehen, das Everard
seinerzeit genoß, spiegelt sich in
seiner
einflußreichen Stellung am Königshofe wider. Kaiser LAMBERT,
der
jugendliche Sohn WIDOS, bezeichnet ihn in
seiner ersten uns erhaltenen
selbständigen Urkunde als Evurardus comes
inlustrissimus nosterque
per
cuncta fidelis dilectissimus [2
SCHIAPARELLI, I dipl. di Guido e di Lamberto Seite 71, nr. 1 - von 895/
Januar.], woraus die sehr enge Verbindung Everards zu seinem Herrn eindeutig
hervorgeht. In einem weiteren Diplom LAMBERTS, in
dem er illustris
comes genannt wird, interveniert Everard mit Erfolg für die
Überlassung von zwei Königshöfen in Viguzzolo und
Derillle samt Zubehör in Cisiniano und Memoriola und dem
Jahrmarktsrecht in Viguzzolo an seinen eigenen gleichnamigen Vasallen [3
SCHIAPARELLI, I dipl. di Guido ... Seite 88, nr. 7 - von
896/November/24.]. - Wegen dieser Verwurzelung
des Vasallen Everards in der
Grafschaft Tortona (in comitato
Terdonensi) darf vielleicht mit Recht angenommen werden,
daß Graf Everard die Grafschaft Tortona verwaltete [4 So
schon E. DÜMMLER, Gesta Berengarii Seite 25 und 21, Anm. 2, und L.
SCHIRMEYER, Kaiser Lambert Seite 51, Anm. 4.].
Eine Urkunde vom 2. Januar 899 zeigt jedoch auch noch eine enge
Verbindung Everards zu
Piacenza, wo ein Verwandter damals den Bischofsstuhl bestiegen hatte,
für dessen Vicegrafen Amalgis
er sich bereits 895 bei LAMBERT
eingesetzt hatte und dessen S. Justinakirche er nun mit Besitzungen aus
der Umgebung von Piacenza und Parma beschenkt. Er bezeichnet sich dabei
auch als Sohn des Pfalzgrafen Boderad
[5 CAMPI,
Piacenza I Seite 478, nr. 39. - Für die Verwandtschaft Bischof Eberhards von
Piacenza vgl. Skizze Boderad.].
Bedenkt man diese nahen Beziehungen zum Hof in Pavia, in die Everard schon früh durch seinen
Vater gelangt sein muß, dann ist die Vermutung nicht mehr
unbegründet, in jenem Everardus vasso et
senescallo domni imperatoris (Kaiser
LUDWIGS II.), der im
März 865 bei einem Gerichtstag in Como auftrat [6 MANARESI, I
placiti Seite 246, nr. 68 (= CdL Seite 395, nr.
23C,). P. PASCHINI, Le vicende politiche, N. Arch. Ven. XXI, Seite 41
identifiziert diesen Everardus
mit Eberhard von Friaul.]
und im Winter 869/70 die kaiserlichen
Bevollmächtigten Graf Suppo (III.) und Anastasius bibliothecarius nach
Konstantinopel begleitete [7
MANSI, Conciliorum collectio Band XVI, col. 158. - Zitat: Exkurs
Supponidengenealogie Anm. 13.], auch den hier
behandelten Grafen Everard
erblicken zu dürfen. Die entscheidenden Verhandlungen auf der 8.
Allgemeinen Synode zur Beilegung der Streitigkeiten zwischen der
Ost-und Westkirche und zur Anbahnung einer Ehe der Tochter LUDWIGS II., Irmingard,
mit dem ältesten Sohn des byzantinischen Kaisers scheinen jedoch
den beiden älteren und erfahreneren Gesandten vorbehalten gewesen
zu sein [8
E. DÜMMLER, Geschichte des ostfränkischen Reiches II²
Seite 256. - Wenn
dazu an der Klage des byzantinischen Basileus, daß nämlich
die
kaiserlichen Gesandten in Konstantinopel stets mit gezücktem
Schwert
umhergingen und auch Tiere und Menschen töteten, überhaupt
etwas
Wahres ist, dann vielleicht soviel, daß der junge Everard für den
Schutz der Räte beigegeben war und das in einer besonderen Art,
das
Schwert zu tragen, auch zu erkennen gab (MG Epist. VII Seite 392/93).
Unentschieden lasse ich, ob auch der Eurardus dilectus fidelis noster
König Karlmanns, der am 10. und
11. Mai 879 in Ötting/Bayern zugunsten
des Bischofs Wibod von Parma
vorspricht, mit dem betrachteten Grafen
etwas zu tun hat (MG DD Karlmann Seite 318, nr. 23 und Seite 320, nr.
24).].
Graf Everard bekennt in seiner
Schenkungsurkunde vom 2. Januar 899, nach der lex salica zu leben. Sein Vater Boderad war vor 846, aus
den fränkischen Kernlanden kommend, mit Benefizien in Italien
ausgestattet worden.