LII.      Graf CUNIBERT


war im Februar 876 mit vielen anderen oberitalienischen Grafen in Pavia, wo Karl der Kahle, nachdem er bereits die tatsächliche Macht Italiens an sich gerissen und auch in Rom die Kaiserkrone erlangt hatte, noch nachträglich zum König des Regnum Italiae gewählt wurde. Bei den Unterschriften der Wahlurkunde und auch unter dem zur gleichen Zeit in Pavia erlassenen Capitulare findet sich das Signum Cuniberti comitis [1
MG Capit. II Seite 98, nr. 220 und Seite 100, nr. 221].
Graf Cunibert muß eine im Nordwesten Italiens gelegene Grafschaft verwaltet haben, sich also vornehmlich in dem Gebiet aufgehalten haben, von dem kaum eine Urkundenüberlieferung vorliegt. Auf dieses Gebiet verweist nämlich ein Brief aus dem Register Papst Johanns VIII. aus dem Jahre 878. Der Papst gebot mit diesem Schreiben dem Cuniperto glorioso comiti, daß er die in den Cottischen Alpen (in Alviscutia) gelegene curtis sancti Petri, welche er mit fortia et avaritia und contra Deum et nostram voluntatem an sich gerissen habe, den homines sancti Petri zurückgebe, widrigenfalls er ihn aus der Kirchengemeinschaft ausschließen müsse [2
MG Epist. VII Seite 77, nr. 81. Zur Lage der Alpes Cottiae vgl. P. DARMSTÄDTER, Reichsgut Seite 201 Anm. 1.]. Mit der Exkommunikation wurde Graf Cunibert auch noch einmal im Oktober 879 bedroht, weil er - ebenso wie Graf Odelrich von Asti und Liutfrid II. - Güter der Kaiserin Angilberga entfremdet hatte und diese nicht zurückgeben wollte [3 MG Epist. VII Seite 212, nr. 242.].
Verschiedene Anhaltspunkte lassen erkennen, daß Graf Cunibert zur Reihe der Grafen nordalpiner Herkunft zu rechnen ist [4
Unter denen, die im Oktober 846 (nach L. DUPRAZ Sommer 847, vgl. Alberich Anm. 1) gegen die Sarazenen aufgeboten wurden und die beneficia in Italien hatten, wird auch ein Cunibertus genannt. Er konnte mit dem hier behandelten Grafen identisch sein. Gegen die Identifizierung spricht nicht, daß eine Spanne von 30 Jahren zwischen diesen Belegen liegt; auch andere in der Aufgebotsliste gegen die Sarazenen genannte Grafen sind in dieser langen Spanne bezeugt; vgl. Boderad, Alberich. Die Ausstattung mit beneficia in Italien ist dann aber auch ein Hinweis auf Cuniberts Zuwanderung und anschließende Lehensausstattung (vgl. zum Beispiel Boderad, Liutfrid, Eberhard von Friaul). Im Verbrüderungsbuch von Brescia (Valentini, Cod. necrol.-lit. Seite 43 = 25 r. des Originals) findet sich auch die Eintragung cunibertus comes. Da diese jedoch zu der Abschrift einer älteren Liste gehört, bietet sie keinen weiteren Aufschluß. Auf Seite 7 (= 7r. des Orig.) steht ein kunibertus neben buoso und ermengarta, das heißt wohl neben Boso von der Provence und seiner 877 aus Italien entführten Gemahlin Irmingard, Tochter Kaiser LUDWIGS II.]. Privaturkunden, die unbezweifelbare Auskunft über das Herkommen dieses Grafen geben könnten, fehlen allerdings [5 Einer Gerichtsurkunde vom 1. Juni 1021 ist zu entnehmen, daß das S. Bartolomäuskloster in Pavia von einem bone memorie Aginulfus, qui fuit filius bone (memorie) Cuniberti comitis, dereinst gegründet worden war. Beim Placitum mußte Markgraf Adalbert (OTBERTINER) bekennen, daß er keinerlei Anrechte auf verschiedene genannte und im Gebiet von Lodi gelegene Besitzungen habe (MANARESI, Le pergamene di S. Bartolomeo Seite 336, nr. 1). Diese Besitzungen fuerunt iuris Adelberti marchionis et Berterada coniux sue et Ricardi comitis seu Waldeberdem atque Petri episcopus et predicti Aginulfi et ab eorum fuerunt possessis et defensatis. Ob gleich man geneigt sein könnte, den genannten Grafen Cunibert mit dem hier behandelten gleichnamigen Großen zu identifizieren, Ricardus comes mit Richard von Piacenza (875-879) in Verbindung zu bringen und Adelbertus marchio et Bertrada coniux für Adelbert den Reichen von Tuszien (884-915) mit seiner Frau Berta zu halten, wird man hier vorsichtig sein müssen. Eine Dorsualnotiz des 15. Jahrhunderts sagt nämlich : Hoc instrumentum dicit, monasterium habere ius
cum quibusdam terris loci Valleatici ei Riturbii et nominat Aginulfum filium Cuniberti comitis, qui habuit privilegium ab imperatore de loco Parpanere factum 999. Und in der Tat ist eine terra Cuniberti comi(tis) zum September 996 in einer Urkunde aus Novara (BSSS 78 Seite 181, nr. 110) bezeugt, desgleichen wirkte ein Cunibertus comes am 9. September 997 bei einem Gerichtstag in Pavia mit (CdL Seite 1613, nr. 9l7- zum Datum vgl. C. SANTORO, Rettifiche Seite 252). MANARESI vermutet, daß die in dieser Urkunde genannten Großen eine von Adelbert dem Reichen von Tuszien über Graf Richard, Waldebert und Bischof Petrus von Pavia (970 bis 983) zu Graf Cunibert und Aginulf reichende Verwandtenkette darstellten. Dies ist jedoch durchaus abzulehnen. Vgl. jetzt auch B. DRAGONI, Ancora sui conti palatini di Lomello Seite 156 ff.
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