XLVI. Pfalzgraf B O D E R A D
Unter den Leuten, die im Capitulare de expeditione contra
Sarracenos facienda vom Oktober 846 (oder Sommer 847) zum
Kriegszug aufgerufen werden, - und speziell in der Rubrik derjenigen
Aufgebotenen, qui in Italia
beneficia habent, befindet sich auch ein Bodradus [1 MG Capit. II
Seite 65 ff., nr. 203. - Zur Umdatierung auf
Sommer 847 vgl. L. DUPRAZ, Le capitulaire de Lothaire I. Seite 244ff.,
wo auch eine Identifizierung derjenigen Aufgebotenen gegeben wird, die
in der Rubrik Isti nihil habent in
Italia aufgezählt sind und die in der
scara francisca genannt werden.].
Man wird nicht fehlgehen, wenn man - mit E. DÜMMLER [2 Geschichte
des ostfränkischen Reiches II² Seite 286, Anm. 3. - W.
LIPPERT gibt in seiner Edition im Neuen Archiv XII Seite 531 ff. ebenso
wie BORETIUS in den MG Capit. II keinen Identifizierungshinweis
für Boderad.]-
in ihm den unter LUDWIG II.
des öfteren hervortretenden
Pfalzgrafen Boderad erkennt. Als Pfalzgraf begegnet uns Boderad zum ersten Male in einer am
14. August 865 in Anwesenheit Kaiser LUDWIGS II. in villa Stablo ausgestellten
Urkunde, die der Graf Ermenulf der
Kaiserin Angilberga übergab [3 BENASSI,
Parma I Seite 233, nr. 5 bis (Anhang): ubi ipse augustus preerat, ...
Diese Urkunde ist bei BM² nicht vermerkt, da von BENASSI erst 1910
zum ersten Mal veröffentlicht.]. Bei den
Ukundenunterschriften findet sieh nämlich auch das Signum + manus Boteradi,
comiti
palatio, tustis. Boderad
befand sich damals also im Gefolge des Kaisers und somit wohl
auch mit auf dem Wege von Friaul nach Orbe, wo LUDWIG Il.
mit seinem Bruder Lothar II.
zusammenzutreffen gedachte [4
BM² nr. 1231 a.]. Offenbar wurde Boderad damals mit den Beziehungen
zwischen Italien und dem lothringischen Mittelreich vertraut gemacht.
Deshalb braucht es nicht zu verwundern, daß gerade er es war, der
zusammen mit zwei päpstlichen Gesandten im Herbst 869 nach
Gondreville aufbrach, um dort vor KARL DEM KAHLEN die
Ansprüche des Kaisers auf das Reich seines (am 8. August des
Jahres) verstorbenen Bruders Lothar geltend zu
machen, das KARL in raschem Zug
besetzt hatte [5
BM² n r. 1242 c und E. DÜMMLER, Geschichte des
ostfränkischen Reiches II² Seite 286 ff.].
Mit ihrer Mission hatten jedoch Boderad
und die beiden römischen Bischöfe keinen Erfolg; - das nicht
zuletzt auch deshalb, weil LUDWIG II.
durch seinen Kampf gegen die in Bari verschanzten Sarazenen völlig
in Anspruch genommen war und an eine militärische Expedition nach
Lothringen gar nicht denken konnte.
Im Juli 874 saß der Pfalzgraf
Boderad zusammen mit den Bischöfen
Wibod (von Parma) und Paulus in Piacenza zu Gericht und
ließ einen
Güterstreit austragen [6
MANARESI, I placiti Seite 277, nr. 77 (= BOSELLI, Delle storie
Piacentine I Seite 280).]. Er ist dabei an der
Seite Angilbergas,
die in den letzten Jahren LUDWIGS II. einen immer stärker
werdenden Einfluß auf die Politik und Reichsverwaltung ihres
Gatten gewonnen zu haben scheint [7
Vgl. Ch. E. ODEGAARD, The Empress Engelberg, desgleichen G. VON
PÖLNITZ-KEHT, Die Kaiserin Angilberga.].
Sein hohes Amt hat er aber auch über den Tod seines Herrn hinweg
behalten. Als es KARL DEM KAHLEN
gelungen war, im Herbst 875 Italien gegen die Ansprüche der ostfränkischen KAROLINGER zu gewinnen
und am Weihnachtstage 875 die von Rom angebotene Kaiserkrone zu
erhalten, da fanden sich bald darauf - im Februar 876 - viele
Mächtige Italiens in Pavia zusammen, um KARL DEN KAHLEN
noch einmal förmlich zu ihrem König zu wählen. Auch Boderad war unter ihnen und
unterzeichnete die Wahlurkunde wie auch das gleich nach der Wahl
erlassene Capitulare als comes palatii [8 MG Capit. II
Seite 98, nr. 220 und Seite 100, nr. 221.]. Und
auch als nach dem Tode KARLS DES KAHLEN
(877) der ostfränkische Zweig
der KAROLINGER
in Italien zum Zuge kam, wußte er geschickt seine Stellung zu
wahren. Eine Urkunde über die vor dem Königsgericht KARLS III. in
Pavia vorgetragene Klage des Abtes
Amblulf von Novalese gegen zwei Hörige aus Oulx zeigt KARL III. und
Pfalzgraf Boderad nebeneinander
präsidierend, während andere Grafen wie Suppo II. und Berengar nur als Beisitzer fungieren
[9 MG DD
Karl III. Seite 41, nr. 25 (= MANARESI, I placiti Seite 318, nr. S9) -
von 880/Nov.]. So muß also auch zu der
neuen Herrschaft ein gutes Einvernehmen gefunden worden sein.
Über die Familie und das Herkommen dieser einflußreichen
Persönlichkeit gibt eine Urkunde des Euerardus comes,
filius
bonae memoriae Boderadi, qui
fuit comiti palatino,
nähere Auskunft [10
CAMPI, Piacenza I Seite 478, nr. 39 - von 899/Januar/2.].
Graf Everard schenkt der S.
Justinakirche zu Piacenza Liegenschaften in Planitias und Congimino finibus Parmense, sowie in Saldo et Cangelasio finibus Placentina;
- er tut dies für das Seelenheil quondam b. m. Boderadi comiti palatio et Raginildae
genitorurn et genitricis meae atque pro mercede anime Ordoici et Anifredi germanis meis. Dabei gibt
der Bischof Eberhard von Piacenza seine
Zustimmung, was auch auf dessen Zugehörigkeit zur Familie des Boderad schließen
läßt [11
Vgl. Deutung des Testaments der Kaiserin
Angilberga im
Exkurs: Zur Genealogie der Supponiden.]. - Graf Everard bekennt in dieser
Urkunde das salfränkische Recht. Dies bestätigt, daß sein Vater Boderad aus den
fränkischen Kernlanden zugezogen ist, in Italien mit Benefizien
ausgestattet wurde und dann zu seinem hohen Amt aufstieg.