XLIII. BERTALDUS
war in den ersten Jahren des 10. Jahrhunderts Graf von Reggio/Emilia. Die erste
mit Sicherheit auf ihn zu beziehende Nachricht ist einer Urkunde Kaiser LUDWIGS
DES BLINDEN aus dem Februar 902 zu entnehmen. Einem Richardo
vasso Bertaldi überließ Kaiser LUDWIG
damals Landstücke in Reggio sowie andere hactenus pertinentes de comitatu Regiense
[1
SCHIAPARELLI, I dipl. di Lodovico III. Seite 47, nr. 16.].
Der Bertaldus
comes hingegen, der mit einigen Grafen KARL III. zur
Kaiserkrönung nach Rom begleitet hatte und im März 881 auf
dem Rückwege von Rom mit KARL und seiner
Begleitung in Siena zu Gericht saß [2 MG DD
Karl III. Seite 51, nr. 31 (= MANARESI, I placiti Seite 332, nr. 92).],
dürfte wohl kaum mit dem Grafen von Reggio identisch sein. Da KARL III..
auch von multis de Francia seu
Suevia begleitet war, wäre eher eine Identifizierung mit
dem schwäbischen Pfalzgrafen Berthold denkbar,
welcher den Kaiser schon 880 und dann wieder 883 in Italien begleitet [3 Vgl.
Contin. Erchanberti in MG SS II Seite 329; MG DD Karl III.
Seite 24, nr. 16 und MANARESI, I1 placiti Seite 617, nr. 92 bis. Diese
ldentifizierung wird auch schon vorgeschlagen von E. DÜMMLER, GdO
III², Seite 183, Anm. 1. - Sehr fraglich ist auch, ob der in einer
am 30. Mai
879 in Moragnano/Parm. ausgestellten Gerichtsurkunde genannte Paulus
scavino et sculdassio Bertaldi de
suo minisierio, der mit einem
Gulfardus
sculdasio Adelberti qui ei Acco vocitatur vicecomes civitate
Placencia den Gerichtstag abhielt (MANARESI, I placiti
Seite 312, nr. 87 =
BOSELLI, Delle storie Piacentine I Seite 284), schon als ein Vertreter
des
hier behandelten Grafen angesprochen werden darf. Vgl. dazu auch Seite
294, Anm. 5.]. Den nackten Beleg für Bertald von Reggio liefert uns eine Urkunde aus
dem Mai 906. Diese zeigt Bertald
als missus König BERENGARS in
Vologno/prov. di Reggio tätig [4
SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 115, nr. 39 - Insertum in
eine Gerichtsurkunde vom 18. Sept. 935 (= MANARESI, I placiti Seite
436,
nr. 118). Zur Frage der Echtheit dieser Urkunde vgl. C. MANARESI, Alle
origini del potere dei vescovi Seite 238ff.]. In
der Grafschaft Rcggio findet man dann auch des öfteren Bertalds Witwe und Nachkommen
erwähnt. So schenkte im Januar 935 ein Presbyter Ildeprand all seine in
Budrio im Gebiet von Rcggio gelegenen Erbbesitzungen an die St.
Michaelskirche in Reggio, - mit Ausnahme jedoch jener Güter, die per cartula ... in Rodberto filio quondam Bertaldi comitis
überlassen wurden, und mit Ausnahme auch jener Besitzungen, die dem Vualperto
actor et ministeriale domine Bertillane
übergeben waren [5
TORELLI, Le carte Reggiani Seite 122, nr. 48 (= TIRABOSCHI,
Modena I Seite 104, nr. 84). - Obgleich es im barbarischen Latein der
ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts heißt: Excepto tantum antepono quem
ego per cartula datum abeo in Rodberto
filio quondam Bertaldi comitis
et in Vualperto actor
et ministeriale domini Bertillani,
... müssen in
Anbetracht der weiteren zitierten Urkunden die letzten beiden Worte als
domine Bertillane
verstanden werden.]. Wenn man dann zum Jahre 937
einen gewissen Prando
ministeriale
Bertille comitisse et filiorum
eins inclitis comitibus Guidone
et Adelberto simul et Rodiberto gleichfalls in
einer Reggianer Urkunde nachweisen kann [6 TORELLI, Le
carte Reggiani Seite 124, nr. 49 (= TIRABOSCHI,
Modena I Seite 104, nr. 85). - Breve
recordationis ad memoriam retinendum,
qualiter Johannes archidiaconus
et prepositus canonice sande Regensis
ecclesie et Gauso advocato ipsius
canonice una cum Leone presbitero
et
Eurardo subdiacono predicie
canonice et Prando ministeriale
Bertille
commitisse et filiorum eius incitis comitibus Guidone et Adelberto,
simul et Rodiberto et Giseverto et Madreverto germanis libellarii iam
predicte canonice coniunxerunt omnes insimul in Villa que dicitur
Quingente super res predicte canonice, quod suprascriptis germani per
cartulam emiserunt ... - Als Grafen und Söhne der Bertilla kommen nur
Wido, Adelbert und Rodibert in Betracht. Gisevert und Madrevert sind
dagegen in die Reihe der Versammelten (Johannes,
Gauso, Leo, Restanus,
Martin, Eurard und Prando) zu setzen. Sie fungieren
bereits in der in
Anm. 5 zitierten Urkunde als Zeugen (Signum
manuum Giseverti et
Madreverti german. de Quingente
et Pelroni de Canole seu Johannis de Quingente testis.) und
führen dabei weder den Comestitel noch stehen
sie in der gesamten Zeugenreihe an bevorzugter Stelle.
Unverständlich
wäre sonst ja auch das nochmalige germani bei der schon vorhandenen Bezeichnung filii Bertille.],
dann besteht kein Zweifel mehr, daß Graf Bertald mit einer gewissen Bertilla vernählt war und die drei Söhne Wido, Adelbert und Rodbert hinterließ. Gesichert
wird diese Aussage durch eine Urkunde OTTOS I., die
den Besitz der Kirche von Reggio bestätigt und dabei auch alle
jene namentlich angeführten und in der Umgebung von Reggio
nachweisbaren Güter einschließt, quae a Bertaldo
comite et a Rotberto filio
ejus et a Bertila genetrice
ipsius der Reggianer Bischofskirche übergeben worden waren [7 MG DD Otto
I. Seite 365, nr. 256 von 963/Juni/27. - Bereits am
20. April 962 hatte OTTO I. der
Kirche der hl. Maria und des hl.
Prosper in Reggio unter anderem auch res
universas canonice eiusdem
aecclesie, quae a Bertaldo vel
a filiis eius comitibus ... predicte
canonice conlata atque oblata sunt, bestätigt (MG DD O t to
I. Seite
343, nr. 242). Zur Beurteilung dieses Diploms vgl. C. MANARESI, Alle
origini del potere dei vescovi Seite 249ff.].
Daß Bertald und Bertilla drei Söhne
hinterließen und das Kastell Rastellino besaßen sowie in
vielen anderen Orten des Gebietes um Modena, Bologna und Rcggio
begütert waren, kann schließlich auch noch aus einer Urkunde
des Klosters Nonantola vom 26. März 1017 erschlossen werden [8 Nach einer
von FALCE, Documenti inediti Seite 258, nr. 2
veröffentlichten Urkunde versprachen die Brüder Markgraf Bonifaz und
Konrad am 26. März 1017
dem Abt Rudolf von Nonantola,
daß sie sich an
verschiedenen genannten Besitzungen des Klosters nicht vergreifen
würden. Wie aus einer anderen Urkunde vom gleichen Tage
ersichtlich ist
(TIRABOSCHI, Nonantola II Seite 146, nr. 112), hatte Markgraf Bonifaz diese
genannten Besitzungen zum größten Teil vom Markgraf Anselm (ALEDRAMIDE,
vgl. H. BRESSLAU, Konrad II., Band 1 Seite 390ff.,396,419) erworben,
zum
geringeren Teil von seinem Vater
Teudald geerbt. Über
einen
Zwischenträger gingen diese Güter an jenem Tage in das
spezielle
Besitzrecht der Frau des Bonifaz,
Richilda, über (vgl.
TIRABOSCHI, a.a.O. und FALCE, Documenti Seite 256, nr. 1), die diese
dann an das
Kloster Nonantola - mit Vorbehaltsrechten? Urkunde fehlt als einzige
aus einem Komplex! übertragen zu haben scheint. In der von FALCE
edierten Urkunde nr. 2 heißt es aber von diesen Liegenschaften:
nominative casis et omnibus rebus
illis qui fuit iuris quondam
Bertaldi, quod est tercia pars
de castrum unum cum tonimen et fossatum
et tercia pars de capellas duas, una est infra eodem castro est
consecrata in onore sancte Marie et alia foris eodem castro: quibus
esse
videtur ipsam terciam pars de eodem castro ei de iamdictis capellas in
loco ubi dicitur Rastellini. Seu et terciam porcionem de casis et rebus
foris eodem castro in predicta loco Rastellino seu et in locas et
fundas in Athili, Covriani, Casiellioni ... (und weitere 27
Ortsnamen;
zur Identifizierung vgl. FALCE Seite 252). Vor Markgraf Bonifaz hatten die
Güter also Markgraf Anselm
(und Teudald?) und noch
früher ein gewisser
Bertald inne. Von letzterem
vermerkt FALCE (Seite 243): „del
Bertaldo ...
gia mono nel 1017, non possiamo dir nulla". Sicher ist aber hier an
unseren Grafen zu denken. Wer sollte wohl die Möglichkeit gehabt
haben,
ein mit Wall und Graben versehenes Kastell zu verwalten und zu
besitzen? Welcher gewöhnliche Freie dieses Raumes konnte so reich
(31
Orte!) begütert sein? Und bei wem trifft wohl zugleich auch eine
Erbteilung in drei Teile (tercia pars!)
zu? Es bleibt freilich dunkel,
über welche Beziehungen das Dritteil in die Hand der ALEDRAMIDEN
gelangte. - Übrigens werden auch am 7. April 989 heredes quondam
Bertaldi noch als
Landbesitzer in Gavrila bei Reggio genannt (TORELLI,
Le carte Reggiani Seite 199, nr. 76).]. Stellt
man dazu noch fest, daß Bertald
auch einige dem S. Benediktskloster in Leno bei Brescia
gehörige Güter zu Lehen trug, deren Lage nicht näher
bestimmt ist und welche von Berengar II.,
OTTO I. und
OTTO II.
dem Kloster bestätigt wurden [9
res Bertaldi
comitis, quas in precariam habuit. - SCHIAPARELLI, I
dipl. di Ugo e di Berengario II. Seite 319, nr. 10; MG DD Otto I. Seite
334, nr. 240; MG DD Otto II. Seite 273, nr. 243.],
so ist das noch ein Hinweis auf die wirtschaftlich starke Stellung, die
dieser Mann in der Emilia besessen haben muß [10 Eine
Urkunde BERENGARS
I., mit der dieser den Kanonikern
von Reggio am 6. November 907 den Besitzstand bestätigte, wobei
auch
sortes duas in Argene prope corte qui
Nova dicitur, que Bertaldus comes
in ipsa kanonica in commutacionem dedit, erwähnt werden,
ist eine Fälschung aus dem 12. Jahrhundert
(SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 382, nr. 48); doch
scheinen
vom Fälscher echte Vorlagen benutzt worden zu sein.].
Es läßt sich nun noch ermitteln, daß auch dieser Graf
einem aus dem Norden zugewanderten Geschlecht angehörte. Die Witwe des Grafen Wido (des einen Sohnes des Grafen Bertald), die im
März 944 mit Zustimmung ihres
Sohnes Bertald ihre Besitzungen in Conche und Fogolana an den Dogen Petrus (Candiano) von Venedig verkaufte, bekannte
nämlich, nach fränkischem Recht zu leben, und bestätigte
ausdrücklich, daß auch ihr Gatte nach diesem Recht lebte [11 GLORIA,
Padua I Seite 57, nr. 37 (= CESSI, Documenti II Seite 59, nr. 37): Constat me Anna comitissa relicta boni viri
comes per legem Francorum
vivere visa sum sic equidem bonus
Vividoni comes vivere visus fuit
ceterisque parentibus meis vixerunt et una per consensum et
votuntatem Bertaldum flio
atque mundualdo meo ... tradidi tibi vero Petroni dux Venet. ...].