XXXIII. ATTO
ist als Graf von Lecco durch
eine ganze Reihe von Urkunden bekannt.
Diese zeigen uns Atto immer
wieder als Partner im Grundstückskauf,
-tausch oder -verkauf und geben uns damit auch einen Hinweis auf die
starke wirtschaftliche Machtposition, die dieser Graf gehabt haben
muß.
- Die erste Quelle, die ihn nennt, ist eine Bergamenser Urkunde vom
Juli 956, die einen Tausch von Gütern in Briolo, Curno und Locate
beinhaltet. Über ein in Locate gelegenes Grundstück wird
dabei
vermerkt: coerit ei da mane Atoni comes [1 CdL Seite 1055, nr. 617.].
Von da an finden wir ihn fast
immer als Atto comes filius bone memorie Wiberti item comiti de loco
Lecco genannt. So zeigt ihn die Urkunde vom Juni 957,
laut welcher er
einem Langobarden Nandulf porcionem de turre una, que est edificata
ante
porta de castro illo qui dicitur Palusco, quod est medietatem ex ipsa
curte, abkauft [2
CdL Seite 1067, nr. 623], und so nennt ihn die
Urkunde vom März 959, mit
welcher
er Häuser und Grundstücke in
suprascripto vico et fundo
Palosco von den
Brüdern Raistannius und Tadilo, den Söhnen des Alemannen
Otolioni,
erwirbt [3
CdL Seite 1079, nr. 629. ]. Für weiteren
Besitz in Palosco gibt er im Mai 959
Häuser und
Landstücke in Turre prope
castro Modelaco et in Trivilio seu
in
Gendobio, adque vinea una in vico Pranzanica [4 CdL Seite
1080,
nr. 630.]. Seinen Besitzstand
in
Palosco vermehrte der Ato comes, quondam Wiberti
item comiti filius de
loco Leoco, durch einen weiteren Ankauf im April 960 [5 CdL Seite
1093, nr. 636]. Im Juni des Jahres
dagegen erwarb er durch Gütertausch vom Bischof Dagibert von
Cremona
castrum unum et rebus
terretoreis ... in loco et fundo Camisiano,
Häuser und Land in vico
et fundo Gabiano, sowie in
valle
Cremonense in
villa Ceriune et Bergi und in
vico Vidolasco etc. Er selbst gab
dafür
die curtis Sesto mit castrum et capellis und anderem
Zubehör [6
CdL Seite 1098, nr. 639 (nach Abschrift im Codex Sicardianus). Edition
nach dem neuerdings in Rußland wieder aufgetauchten Original in:
Akty
Krcmony X-XIII vekov v sobranii Akademii Nauk SSSR. Podgotovil k
iedaniin S. A.
Anninskii, Predislovie O. A. Dobias-Rodzestvenskoi. „Akademiia Nauk
SSSR-Institut Istorii" Moskwa-Leningrad 1937. Urk, nr. 1. Diese Edition
war mir nicht zugänglich ; Zit. nach U. GUALAZZINI,
Documenti
medievali italiani in Russia Seite 399.].
Im März 961 treffen wir den Grafen
Atto auf der Isola Comense;
er
schließt
dort mit dem Grafen von Seprio,
Nantelmus, einen Kaufvertrag
über
Güter in Gossenago ab [7
CdL Seite 1108, nr. 644.]. Diese Insel, gegenüber Sala im Comersee
gelegen, war seit byzantinischer Zeit stark befestigt und spielte auch
für die
Langobarden-Könige als fester Ort eine bedeutende Rolle [8 Vgl. P.
DARMSTÄDTER, Das Reichsgut in der Lombardei Seite 97 und F.
SCHNEIDER, Entstehung von Burg und Landgemeinde in Italien Seite 24f.].
Es
könnte
vermutet werden [9
Vgl. N.G. GUASTELLA, La marca settentrionale Seite 178f.],
daß Atto und Nantelm in jener Situation, in der
jederzeit mit dem Einfall OTTOS DES GROSSEN in
Italien gerechnet werden mußte [10
Es waren ja bereits viele Große aus Italien an den Hof OTTOS DES GROSSEN
geflohen, andere hatten durch Boten OTTOS
Eingreifen erbeten; vgl. oben Seite 91.], von König
Berengar II. mit der
Verteidigung der an den großen oberitalienischen Seen
einmündenden
Paßstraßen betraut waren und dabei auch dieses wichtige
Eiland im
Comersee als Stützpunkt erhalten hatten. Bereits im Januar 958 war
ja
Atto bei Berengar
II. und Adelbert in Gunst
gestanden und als ihr
Getreuer bezeichnet worden [11
SCHIAPARELLI, I dipl. di Bcrcngario II. Seite 319, nr. 10.].
Und als Befehlshaber dieser Insel sehen
wir Atto dann auch 964.
Wenn aber Graf Atto mit einer
im Mai 962 in Trasolcio, 10 km
östlich
von Bergamo, ausgestellten und nach den Regierungsjahren OTTOS
zählenden Urkunde seinen Besitzstand in Palosco weiter
vergrößert, so
ist das ein Zeichen dafür, daß er zunächst doch eine
Schwenkung zu OTTO
vollzogen und ihn als Herrn anerkannt haben muß [12 CdL Seite
1258, nr. 720. Atto hatte ja
auch 957 beim 2. Italienzug
Liudolfs
die Oberhoheit OTTOS schon anerkannt;
vgl. die in Anm. 2 zitierte
Urkunde.]. Als sich dann
aber
964 die Isola Comacina dem Belagerungsheer OTTOS DES GROSSEN ergibt, ist er
der Befehlshaber derselben [13 Contin.
Reginonis ad 964, Seite 175.]. So scheint es,
daß er sich erst
963 bei
der Reaktion gegen OTTO I. [14
Ders., ad 963, Seite 172: Interim Adalbertus huc illucque
discursans, quorcumque poterat, sibi undique adtraxit ...
Daß die Isola Comense nicht
sogleich 961 wie die Burgen Garda,
„Travallium" und die Insel S. Giulio im See von Orta
(Contin.
Reginonis ad 962, Seite 171) Zufluchtsort für die Anhänger
Berengars II. wurde,
kann auch aus dem Diplom MG DD Otto I. Seite.353, nr. 246 geschlossen
werden, mit dem OTTO
am 28. August 962 die homines
habitantes in insula
Cumana et in loco qui dicitur Menasie in Königsschutz
nahm. Gegen den von SICKEL unter
aanderem geäußerten Fälschungsverdacht siehe jetzt auch
Ch. E. ODEGAARD,
Imperial diplomas for Menaggio and Comacina Seite 344ff.],
bei der auch Papst Johann XII.
seinen
Versprechungen untreu wurde, wieder auf seiten Berengars
und Adelberts
schlug. - Atto hatte
während der Verteidigung Verbindung zu dem
mit
OTTO I. nach
Italien gekommenen Grafen Udo
aufgenommen, ja dieser hatte
ihn sogar in seinen Schutz genommen und versprochen, ihn mit dem Kaiser
zu versöhnen. Das letztere scheiterte aber, was Udo und besonders
Atto
in eine üble Lage brachte, da Bischof
Waldo von Como die Befestigungen der Insel inzwischen
zerstören ließ [15
DERS., ad 964, Seite 175: Ea
tempestate Waldo Cumannus
episcopus insulam in Cumano lacu cepit et munitiones in ea a solo
destruxit; quod Udoni comiti
initium malorum fuit. Nam Hattonem
eiusdem
insulae tutorem in suam fidem suscepit et destructa insula non, ut
optaverat eum imperatori recoraciliari potuit ...].
Bis 970 hören wir von Atto
nichts mehr. Ob er für einige Zeit sein Amt verlor, wie Graf Egelrich von Verona und Graf Bernhard von Pavia mit seinen
Brüderm [16
Vgl. Skizzen Egelrich und Maginfred von Parma, Anm. 16.],
ist nicht bekannt. Im Mai 970 sehen wir ihn wieder als comes ein
Massariergut in Briviro erwerben [17
CdL Seite 1258, nr. 720.]. Im Juli 973 schenken Ato comes
et Ferlinda jugalibus
et Widone filium nostrum Gebäude
und Grundstücke, que rejacent in
comitatu Veronensis - vornehmlich in Cereto et Inglare et ceterisque locis
rejacentes ejusque comitatu Veronensis, seu in comitatu Brixiencis vico Gargniano
- an die S. Marienkirche in Verona, auf daß deren Kleriker bei
Gott für die Vergebung ihrer Sünden bitten [18 CdL Seite
1305, nr. 750.].
Im April 975 trifft man den Grafen
Atto wieder in Lecco an, jedoch bereits als alten schwerkranken
Mann, qui propter infirmitatem suam
minime scribere potuit [19
CdL Seite 1328, nr. 757 und Seite 1333, nr. 759.].
Er verkauft nun seinen gewaltigen Besitz in Palosco, Ceredello, Cassenago,
Cassenedello et in Rudiliano, Malago, Adrevigo, Mapello, Cisiano, Brivio sowie 42 (!) zur curtis Palosco gehörige
Knechte und Mägde [20
Die beiden korrupten Urkunden vom 6. April 975 (CdL Seite
1328, nr. 757 und Seite 1330, nr. 758), die sich im Inhalt wie in den
Zeugenunterschriften im wesentlichen decken, stellen einmal die
Veräußerung durch Atto,
das andere bial die Besitzaufgabe durch
Ferlinda, Attos Gemahlin, dar. Wenn in der
ersten der Verkauf an
Lambertus
et item Lambertus germani
filii quondam Hedreverge
erfolgt,
in der zweiten Urkunde dagegen der Verkauf an Lambertus
et Wilielmus
germanis filiis Fredeberge
geschieht, so muß in der ersten bei dem
zweimaligen Lambertus ein
Schreibfehler vorliegen, die Leute müssen
aber identisch sein, denn ein und dieselben Guter können ja
schlecht an
verschiedene Leute verkauft worden sein. Vgl. dazu auch noch die
Urkunden CdL Seite 1607, nr. 914; Seite 1625, nr. 925; Seite 1640, nr.
933, wo
genau die gleichen hier verkauften Besitzungen in den Händen der
genannten Brüder Wilhelm
und Lambert nachweisbar sind.].
Am folgenden Tage, am 7. April 975, veräußert er dazu noch
die curtes Lecco und Almenno [21 CdL Seite
1333, nr. 759. - Almenno schon vorher genannt im Besitzstand Konrads und Radalds.],
wobei der Nießbrauch an dem alten Familiengut Almenno allerdings Atto und Ferlinda bis zu ihrem Tode
vorbehalten bleibt, wie das 2 Tage später ausgestellte Testament
des Käufers [22
CdL Seite 1334, nr. 760. - Nach späteren
Besitzbestätigungsurkunden (vgl. MG DD Heinrich II. Seite 359, nr.
293; DD
Konrad II. Seite 65, nr. 56; DD Heinrich III. Seite 257, nr. 200)
schenkten
Atto
comes et Ferlinda sua coniux...
cortem Lemennem (-
Almenno) cum
omnibus cartellis sibi pertinentlibus, videlicet Briuio et Lauello,
dem
Bistum Bergamo. Doch scheint dies weniger gut vereinbar mit den in Anm.
20-22 zitierten Urkunden.] beweist. Auch curtis und castrum Palasone in der Grafschaft
Parma, die bis 942 im Besitze Suppos
IV. standen und dann der S. Marienkirche von Parma
übertragen wurden, wohl durch Tausch schließlich an Atto kamen [23 Vgl. Skizze
Suppo IV.],
verkaufte er laut einer Urkunde, die mit aller Wahrscheinlichkeit in
diesen letzten Tagen, und zwar am 28. März 975, abgefaßt
wurde [24
DREI, Le carte Parmensi II Seite 1, nr. 1 (= AFFO, Parma I
Seite 374, nr. 85). Die Urkunde trägt die folgende Datierung: Otto gratia
Dei imperator augustus anno
imperii eius quinto octavo kalendas
aprilis, indictione tertia. AFFO setzt diese Urkunde zu 998/999,
DREI
zum Jahre 1001. Der Atto
comes filius quondam Vviberti item
comes de
loco Leuco war aber nachweislich (Cd L Seite 1341, nr.
736) im Juli 975
bereits verstorben. Eine sinnvolle Lösung der Datierung ist nur
möglich, wenn man mit N.G. GUASTELLA, La marca settentrionale e i
conti di Lecco Seite 180, Anm. 86 annimmt, daß quinto und octavo in
dieser Urkunde vertauscht sind. Dann stimmt die Indiction 3 zum 8.
Kaiserjahr OTTOS
II., dann wird es verständlich, daß die diese Urkunde
unterzeichnenden Zeugen die gleichen sind wie für die Urkunde vorn
6.
April 975 (CdL Seite 1328, nr. 757), und dann fällt die Urkunde
überhaupt in die Zeit, in der Atto
seinen Besitz abstößt.].
Im Juli 975 war Graf Atto bereits
verstorben. Attos Witwe Ferlinda
filia
bone memorie Bertarii de loco
Bevulco kaufte damals
von einem gewissen Umbertus aus
Caligo die curtis Bruscanti cum
castro qui dicitur Baliade zurück, welche dem Umbert ab quondam Atone comes quondam Umberti item comiti filius de loco Lecco
einst verkauft worden waren [25
CdL Seite 1341, nr. 763. Umbert als
Vater Attos ist wohl eine
Verschreibung oder Verlesung für das sonst übliche Wibert. Späte
Überlieferung, gibt den 20. Juli
975 als Attos Todestag
und die Kirche
S. Salvatore in Almenno als Begräbnisort an; vgl. N.G. GUASTELLA,
La
marca settentrionale Seite 181 f. und Th. WÜSTENFELD, Über
die Herzoge
von Spoleto Seite 425f.]. Attos Witwe, die cometissa Ferlinda, findet man noch
am 6. September 999 in castro
Portitari (= Portotaro), wo sie den Kanonikern von Parma meam porcionem ... in loco et fundo
Palavione cum castro et capella inibi constructas und eine Menge
weiteren genanten Besitz schenkt [26
DREI, Le carte Parmensi I Seite 266, nr. 90 (= AFFO, Parma
I Seite 376, nr. 87) zu 1000/September/6. - Ferlinda hatte die Hälfte von
Palasone als ihren Anteil anscheinend zurückbehalten (vgl. Anm.
20).
Wenn Besitzbestätigungsurkunden OTTOS II.
und OTTOS III.
für die Kirche
von Parma aus den Jahren 980/Dezember/28 und 996 (MG DD Otto II. Seite
622, nr. 210 und Seite 267, nr. 238) das castellum Palasioni mit
aufzählen, so ist das in Anbetracht der in der nächsten Anm.
zitierten
Urkunde nur schwer in Einklang mit der in Anm. 24 zitierten Urkunde zu
bringen. Vielleicht hat man hier zwei verschiedene Kastelle Attos in Palasone vor sich. Oder
erwarb Atto diese Anlage kurz
vor seinem Tode zurück und schenkte
sie sodann an die Parmenser Kirche? - Daß Ferlinda am 14. Oktober 1001
noch lebte, Iäßt sich aus MG DD Otto III. Seite 844, nr. 411
ersehen;
dort werden vasalli Ferlende cometisse genannt.].
Die curtis Palacioni, sicut hactenus Atto comes obtinuit, wird
daraufhin auch am 1. Januar 1000 von OTTO III. den
Parmenscr Kanonikern bestätigt [27
MG DD Otto III. Seite 773, nr. 343 (= DREI, a.a.O. Seite 264, nr. 89).].
Graf Atto war fränkischen
Herkommens, und zwar war er ein Glied der großen WIDONEN-Familie.
Er lebte - wie in den vielen Urkunden immer wieder betont wird - nach
der lex salica. Seine Gemahlin Ferlinda entstammte
einem langobardischen Geschlecht. Zu Lebzeiten ihres Gemahls unterstand
sie gemäß den Muntgesetzen dem salischen Recht, kehrte aber
nach dem Tode Attos in den
Rechtsstand ihres Herkommens zurück [28 Vgl. CdL
Seite 1330, nr. 758 und DREI, a.a.O. Seite 260, nr. 90.].
- Von dem Sohne der beiden, Wido,
ist außer der angeführten Nennung im Diplom für die
Veroneser Kirche nichts bekannt. Auch über den Diacon Abo, den Bruder Attos [29 Abo diaconus,
der Bruder Attos von Lecco, ist allein
durch eine Urkunde bekannt, die vor ca. 150 Jahren in der
Stittsbibliothek St. Gallen von einem Buchdeckel abgelöst und
dabei arg
verstümmclt wurde; WARTMANN, UB St. Gallen II Seite 399, nr. 24.
Vollständige Edition jetzt bei E. HLAWITSCHKA, Der Text der in der
Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrten oberitalienischen
Muntverkaufsurkunde vom Jahre 975. Abo
ist auch nicht bei dem Verwandteneintrag genannt, der im Gedenkbuch von
Brescia (VALENTINI,
Cod. neerol.-liturg. Seite 55 = f. 31 r.) zu finden ist: Albsinda,
Otto, Atto, Ferlinda, Gandulfo. Zu Gandulf vgl. Skizze Wibert, Anm.
5.], schweigen die Quellen.