XXXII.    ARDUIN GLABRlO,
[1
Den Beinamen Glabrio, der Kahle, erhält Arduin zweimal vom Verfasser des Chron. Novalic., und zwar in lib. V, c. II, Seite S. 255 und in lib. V, c. 21, Seite 263.]

durch dessen Wirken die Machtstellung der späteren Markgrafen von Turin begründet wurde, war zunächst als Sohn Graf Rogers I. in der Grafschaft Auriate nachgefolgt [2
Auriate steht nachweislich noch unter der Verwaltung der Nachkommen Arduins, vgl. H. BRESSLAU, Jahrbücher Konrads II., Band 1, Seite 365.]. In diesem Land, das von den in Fraxinetum (Gardefraisnet) postierten Sarazenen öfters heimgesucht wurde, scheint er bald eine sehr feste Basis gehabt zu haben. Er konnte sich in Kämpfe mit Sarazenen einlassen [3 Nach Chron. Novalic., lib. V, c. 1, Seite 243 hielt er zwei Sarazenen in Turin in Gefangenschaft. Nach lib. V, c. 18, Seite 261 f. führt er zusammen mit dem Grafen Robald aus der Provence gegen die Sarazenen einen vernichtenden Schlag aus.], ja sogar das Tal von Susa, das die Sarazenen anscheinend besetzt hatten, okkupieren und dem nach Breme verlegten Kloster Novalese zur Verwaltung übertragen [4 Chron. Novalic. lib. V, c. 19, Seite 262. - Daß das Tal von Susa von den Sarazenen heimgesucht und besetzt gehalten wurde, ergibt sich aus der Verlegung des Klosters Novalese nach Breme, vgl. Chron. Novalic., App., c. 3, Seite 286.]. Wann diese Kämpfe mit den Sarazenen stattfanden - schon vor oder erst nach 941, als Arduin nach dem Tode Anskars II. und der Flucht Berengars II. nach Deutschland noch die Grafschaft Turin zu betreuen hatte [5 Vgl. H. Breslau, a.a.O. S. 365 ff.] -, läßt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen [6 E. DÜMMLER, Jahrbücher Ottos des Großen Seite 485, Anm. 1 setzt Arduins Sarazenenkämpfe vornehmlich zum Jahre 972. Wenn er aber das eroberte Tal von Susa dem Kloster Breme schenkte, dann muß das vor 950 geschehen sein, denn nachher stand er mit ihm in schlechten Beziehungen.].
Zum 13. April 945 ist er das erste Mal sicher bezeugt. Er befand sich mit dem Pfalzgrafen Lanfranc und den Grafen Maginfred, Aledram, Milo, Otbert I. und Adelbert bei König Lothar und seinem summus consiliarius, dem aus Deutschland zurückgekehrten und nunmehrigen eigentlichen Regenten Berengar II., in Pavia [7
SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo e di Lothario Seite 232, nr. 80 ( = MANARESI, I placiti Seite 551, nr. 144).]. Von einigen dieser Begleiter ist aber die Parteigängerschaft Berengars II. bekannt. So ist es sicher, daß auch er sogleich beim Umschwung der Machtverhältnisse in Italien im Frühjahr 945 sofort seine Wendung zu Berengar vollzog und sich dessen Gunst erwarb. Wenn er weiterhin auch seine Position in Turin wahren konnte, wo er am 13. November 950 noch König Lothar empfing und sich die Überlassung der Abtei Breme erbat [8 SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 372, nr. 2. Vgl. auch Chron. Novalic. lib. V, c. 3, Seite 246.], so darf man mit Recht vermuten, daß Berengar II., der damals offensichtlich schon nach dem Königtum strebte, ihm diese Grafschaft bewußt belassen hatte. Als Verbündeter Berengars zeigt sich Arduin auch bei einer Belagerung der Burg des Grafen Adelbert-Atto, Canossa, - einer Belagerung, die jedoch, soweit ersichtlich, nicht mit der Aufnahme (951) der aus Berengars Haft entflohenen Witwe des am 22. November 950 verstorbenen
Königs Lothar, Adelheid, in Verbindung gesetzt werden kann [9
Vgl. E. DÜMMLER, Jahrbücher Ottos des Großen Seite 196 und 209.], wie es das Chronicon Novaliciense tut [10 Chron. Novalic. lib. V, c. 11, Seite 255.]. Doch war Arduin nicht mit vollem Eifer bei der Sache. Er soll sogar dem Belagerten, der sein Schwiegersohn geworden war, den Abzug der königlichen Truppen verschafft haben. Und daran wird man kaum zweifeln dürfen [11 Schon E. DÜMMLER, a.a.O. Seite 209 bringt weitere Quellen für die Belagerung Canossas bei. Die Ehe von Maginfredus marchio, filius bone memorie Ardoini marchio, mit Prangarda, filia bone memorie Adelberto marchio, wird erwiesen durch eine Urkunde von 991/März/8; DREI, Le carte Parmensi Seite 238, nr. 78 (= AFFO, Parma I Seite 369, nr. 78).].
In den folgenden Jahren hat er sich bei den Mönchen von Breme das Ansehen, das er sich durch die Überlassung des Tales von Susa erworben haben muß, gründlich verdorben. Er konfiszierte, indem er sich auf das am 13. November 950 ausgestellte Diplom König Lothars berief, den Klosterbesitz mit den zugehörigen Knechten und Mägden und versuchte, das Kloster in filiorum hereditatem zu überführen. Der Anspruch sei aber unberechtigt gewesen, da das Diplom Lothars heimlich und ohne Wissen der Öffentlichkeit ausgestellt worden sei. OTTO I. ließ dieses deshalb, nachdem er 962 Italien unter seine Herrschaft genommen hatte, auch öffentlich schelten und verbrennen; Arduin aber ermahnte er, das Kloster nicht wieder zu belästigen. Jedoch scheint das nicht viel gefruchtet zu haben, denn der Abt Belegrim mußte (972) sogar die Hilfe des Papstes gegen den marchio Arduinus, rapax lupus, latens sub imagine candide ovis, ingensque destructor ecclesiae Christi, anrufen, ja dessen Exkommunikationsdrohung und Intervention bei OTTO I. erbitten [12
Chron. Novalic. App., c. 3, Seite 286; vgl. weiter Chron. Novalic. lib. V, c. 21/22, Seite 263f., wo von Arduinus Glabrio, qui rette aeoequari lupir potest, violenter auferens aliena et dispergens alienarum opum die Rede ist. In lib. II, c. 5, Seite 133 wird de quodam imp(iiss)imo marchione nomine Arduino, der einen Schatz im Romulusberg heben will, erzählt. - In lib. V, c. 20, Seite 263 wird sodann von einem Arduinus berichtet, welcher nach dem Tode des Abtes Belegrimus von Breme die Abtei für zwei Jahre dem Probst Johannes überläßt, der die Abtsweihe nicht erlangen kann. Hier dürfte wieder Arduin Glabrio gemeint sein.]. Johann XIII. und OTTO I. verbrieften dem Kloster darauf auch den Besitz [13 CIPOLLA, Monumenta Novalic. vetust. I Seite 109, nr. 45 von 972/April/21
und Seite 114, nr. 46 von 972/Mai/l.
]. Bei OTTO scheint Arduin aber weiter in Gnade geblieben, ja sogar noch mit der Verwaltung der Grafschaft Pavia betraut worden zu sein. Una cum notitia Ardoini marchio et comes istius comitatu Ticinensis übergaben jedenfalls am 1. März 976 in Pavia die „Ripuarierin" Bertilla und ihr Gatte, der Pfalzrichter langobardischer Abkunft Adam, ihrer Schwester und Schwägerin Ermengarda verschiedene Besitzungen an der Adda [14 CdL Seite 1342, nr. 764. Zur Datierung vgl. C. SANTORO, Rettifiche Seite 246].
Im April 976, als Dodo und Giselbert vites et terra(m) Ardoini marchio zu Pavone in ihrer Verkaufsurkunde erwähnten [15
CdL Seite 1357, nr. 772. - Die vites Ardoini marchio in Pavone werden bereits in einer Urkunde vom 20. Juni 967 genannt; CdL Seite 1223, nr. 703. Land Arduins in Radicate/Montferrat und Piano (6 km südwestlich Chivasso) zeigen zwei Urkunden aus Asti; BSSS 28 Seite 122, nr. 66 von 950 oder 951/Januar, und BSSS28 Seite 171, nr. 88 von 964/Januar.], scheint Arduin Glabrio noch gelebt zu haben. Ein genauer Todestag ist nicht zu ermitteln. - Er hinterließ 5 Kinder, die in ihren Urkunden die fränkische Abstammung, die sich schon durch die Einwandcrung Rogers I. aus West-Franken ergibt, bezeugen [16 Die Namen der Kinder sind Maginfred (Mhp, Chart. I Seite 470, nr. 277, und oben Anm. 11), Odo (CdL Seite 1595, nr. 906), Arduin IV. (Mhp, Chart. I, Seite 470, nr. 277), Allinde, Gemahlin des Pfalzgrafen Giselbert II. (CdL Seite 1552, nr. 875) und Richilda, Gattin des Markgrafen Konrad, Sohn König Berengars II. (BSSS 70 Seite 18, nr. 16).].