XXIX.    ANSELM (II.)

Schnell war 896 nach dem Abzug ARNULFS VON KÄRNTEN die Herrschaft der Deutschen in Italien zusammengebrochen. Maginfred, der Statthalter ARNULFS im westlichen Ober-Italien, war in Kaiser LAMBERTS Hände gefallen und hingerichtet worden; Waltfred, der das östliche Ober-Italien für ARNULF zu halten versuchte, war nach tapferer Verteidigung Veronas gegen den sich erneut ausbreitenden BERENGAR in Verona gestorben (oder gefallen) [1
Vgl. Skizzen: Pfalzgraf Maginfred und Waltfred von Verona.]. In Verona setzte BERENGAR, der damals seine Herrschaft bis zur Adda zurückgewinnen konnte [2 Ann. Fuldens. ad 896: Post mortem Waltfredi ... ilico Perngarius regnum Italicum invasit et usque ad flumen  Adduam quasi hereditario iure contra Lantbertum in participalionem recepit.], darauf den Grafen Anselm ein. Dieser blieb einer der getreuesten Anhänger und Ratgeber des Königs, und sehr oft ist er in der Umgebung BERENGARS nachweisbar.
Zum ersten Male wird er in einem Diplom BERENGARS vom 23. August 901 genannt; BERENGAR bestätigt dem S. Zenokloster von Verona einige Besitzungen und Zinse, dabei auch res eidem iam dicto monasterio ab Anselmo comite quondam delatas, nämlich einen Speicher in Verona und anderes Gut in und außerhalb der Stadt [3
SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 100, nr. 34. - Dieser Teil der Urkunde wurde auch in ein Diplom LUDWIGS DES FROMMEN vom 19. Nov. 815 interpoliert; vgl. Skizze Anselm I. Anm. 3. Im März 877 unterzeichnete in Brescia ein Anselmus (ohne Titel) neben anderen Großen des oberitalienischen Raumes das Testament der Kaiserin-Witwe Angilberga (BENASSI, Parma I Seite 146, nr. 22=CdL Seite 452, nr. 270). Vielleicht liegt hier noch ein früherer Beleg für diesen Grafen vor.]. - Anselmum insignem et gloriosum comitem dilectissimumque nostrum consilarium nennt BERENGAR ihn dann in einem Diplom, in welchem Graf Anselm für die Überlassung von Landstücken in Garda wiederum an das Veroneser S. Zenokloster interveniert [4 SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 127, nr. 44 - Verona, 904/April/4.]. - Am 23. Januar 905 ist Anselm mit seinem König in Castelrotto. Er setzt sich dort für die Übergabe der in der Gewalt des Grafen von Verona stehenden S. Peterskapelle in Duos Robores, einer in Runco Boniacum gelegenen Manse und des Klerikers Leo samt Familie an den Diacon Audibert, qui Audo vocatur, von der Veroneser Kirche ein. Die dafür ausgestellte Urkunde bezeugt wieder die Hochachtung, die Anselm bei BERENGAR genoß: gloriosissimus comes wird er diesmal genannt; sie gibt auch den Grund hierfür an; er war des Königs Gevatter (dilectus compater) [5 SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 151, nr. 53. Vielleicht bestand sogar eine echte Verwandtschaft zwischen König BERENGAR und Graf Anselm. In der unten (Anm. 9) zitierten Noticia vom 29.9.911 heißt es jedenfalls, daß Anselm seine Schenkung
an das Kloster Nonantola vornahm pro anima domni Berengarii piissimi reges et pro anima ipsius domni Anselmi comiti vel parentes eorum.
] - Der beste Hinweis auf das Ansehen, das Anselm genoß, ist aber das Königs-Diplom BERENGARS vom 27. Juli 910, in dem die Königin Bertilla bei BERENGAR pro quodam fideli nostro Anselmo glorioso comite nostroque compatre et consiliario ob fidei illius puritatem, quam sepe probavimus, die Schenkung des zur Grafschaft Verona gehörigen Fiskalgutes Duas Robores und Landes in Rovescello erwirkt [6 SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 194, nr. 72.].
Dieses geschenkte Land in Rovescello gab Anselm bald darauf zwei Freien zu Libell [7
TIRABOSCHI, Nonantola II Seite 94, nr. 72 - Gagium bei Rovescello, 910/ August/2.], die gesamte Schenkung übertrug er aber noch zu Ende dieses Jahres an das Kloster Nonantola [8 MURATORI, Antiqu. Italiae II Seite 249 Verona, 910/Dezember. König BERENGAR bestätigte dem Kloster Nonantola diese von Graf Anselm weitergeschenkten Güter am 28. Oktober 911 (SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 214, nr. 79).]. An dieses Kloster schenkte er im September 911 auch noch das halbe castrum Nogara [9 MURATORI, Antiqu. Italiae II Seite 247: do et cedo, quas ego habere videor hic in comitatu Veronensi in loco et fundo, qui vocatur castro de Nogaria, non valde longe a curte, que vocatur Duas Robores, ... - mihi suprascripto Anselmus comes jam ante har plurimos dies per cartam donationis ... da Audiberto diacono, qui Audo vocatur, sancte Veronensis
ecclesie advenit. - Eine „Noticia" vom 29. September 911 gibt in der Form einer Neuschenkung eine Bestätigung dieser und der in Anm. 8 verzeichneten Schenkung. Die Noticia ist inseriert in eine Gerichtsurkunde vom Januar 918 (SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 304, nr. 117 und MANARESI, I placiti Seite 478, nr. 128).
], das ihm der Veroneser Diacon Audibert, qui Audo vocatur, für den er sich 905 eingesetzt hatte und zu dem er gleichfalls wie zu BERENGAR in einer geistlichen Verwandtschaft stand, am 31. August 908 übergeben hatte [10 Die Urkunde von 908/August/31 ist inseriert in eine Gerichtsurkunde von 913/April (SCHIAPARELLI, I dipl. di Bereng. I. Seite 235, nr. 88): Domino Anselmo gloriosissimo comiti ei karissimo conpatri. Ego Audibertus diaconus sancte Veronensis ecclesie ... vesire fidelissimus conpater et donator dixi . . . - Zum Bau des Kastells Nogara hatte Audibert am 24. August 906 von BERENGAR die Erlaubnis erhalten (Abwehr der Ungarneinfälle!); SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 176, nr. 65.].
Graf Anselm, der in seiner testamentarischcn Schenkung an das Kloster Nonantola im Dezember 910 - wie auch offenbar schon in einem anderen Testament für ein Veroneser Xenodochium aus dem Jahre 908 [11
Unedierte Urkunde vom 12. Sept. 908. Hinweis aus G. Forchielli, Collegialitä di chierici S. 39, Anm. 48, und S. 99.] - von sich bekennt: absque filiis filiabusque legitimis esse invenior, war im April 913 bereits verstorben; beim Besitzstreit zwischen dem Kloster Nonantola und einer gewissen Gariberga um das von ihm zur Hälfte an Nonantola geschenkte Kastell Nogara wird er als bone memorie oder quondam Anselmus comes bezeichnet [12 SCHIAPARELLI, I dipl. di Berengario I. Seite 235, nr. 88 (= MANARESI, I placiti Seite 466, nr. 125).]. Er war der Sohn eines gewissen Waldo [13 perdonavit domnus Anselmus comes comitatu Veronensis et filius bone memorie Vualdoni ex genere Francorum una fuste ei duos vuantos ... (SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 304, nr. 117). - Anselmus gratia Dei comes comitatu Veronense, et filius bone memorie Waldoriensis Francorum genere, do et cedo ... (MURATORI, Antiqu. Italiae II Seite 247)]. Daß auch er zu den Franken in Italien zählt, beweist nicht allein die große Schar fränkischer Vasallen, die ihn umgab [14 Vgl. die in Anm. 7,13 und 15 zitierten Urkunden.], er bekannte seine fränkische Abstammung auch in allen vier Privaturkunden, die von ihm zu erwähnen waren [15 Vgl. Anm. 13 und TIRABOSCHI, Nonantola II Seite 94, nr. 72 (Sign. + man. suprasripti domini Anselmi comitis ex genere franquorum ... ) sowie MURATORI, Antiqu. Italiae II Seite 249 (Et quia ego supradcriptus Anselmus comes hunc membranam una simul cum calamo reu et atramentario, wasone terre, ramo pomis, cum fistuco nodato, et wantone, totum inrimul juxta legem meam Francorum, da terra levavi).].