XXIV. AMELRICH (II.)
tritt in einigen Urkunden aus den Jahren zwischen 945 und 955 als
marchio
hervor. Immer ist dabei auch seine
Gattin Franca, die Tochter
des Pfalzgrafen Lanfranc
(Langobarde), genannt. Im Jahre 945 gab der
Erzbischof Petrus von Ravenna
an nobili genere et glorioso viro
Amelricus Christi
misericordia marchio et Franca gloriose comitisse
jugali ... fundum qui vocatur Baltonis zu Libell [1 MURATORI,
Ant, It. III Seite 145.] am 30. Januar 954
schenkten Almlricus marchio et dux ex genere Francorum filius
quondam
fitem Amelrici comitis et marchionis et
Franca filia bone memorie Lanfranci comes palacii jugalibus dem
Kloster des Erzengels Michael in
Brondolo (an der Mündung der Brenta in die Adria) die curtis
Bagnoli
(10 km sö. Monselice) [2
GLORIA, Padua I Seite 61, nr. 42 (= CESSI, Documenti II Seite 62, nr.
39).]; und im August 955 übertrugen
Amelricus filio
bonememorie idemque Amelrici et
Francha honorabilibus
jugalibus, qui
lege Salicha vivere visi sumus, Güter in loco et f undo Cavezana
(=
Cavazzana, 12 km westlich Rovigo) an die S. Marienkirche von Vangadizza
an
der Etsch [3
GLORIA, Padua I Seite 65, nr. 43 (= MURATORI, Ant. It. II Seite 133 -
wegen der Indiktion X zu 952). Güter, welche ad predictam
ecclesiam
sancte Marie predictus Amelrigo marchio offerunt seu
tradidit,
werden noch am 27. Mai 993 vom Markgrafen
Hugo von Tuszien der Abtei
Vangadizza bestätigt (MURATORI, Ant. It. V Seite 401 ; =
MITTARELLI,
Ann. Camaldul. I, App. Seite 120, nr. 53).]. Am
6. Dezember 955 war Markgraf Amelrich bereits
verstorben; damals schenkte Francha Lanfranchi et relicta
supradicti Almerici (olim marchiones) - nun wieder nach
Langobardischem Recht lebend - der Marienkriche von Vangadizza
Güter in Merlara, Altauro und Casale di Scodosia (10 km
nordwestlich Badia Polesine) [4
GLORIA, Padua ISeite 66, nr. 44 (MURATORI, Ant. It. II Seite
129 - zu 954/Dezember/6). Auch an die Kirche von Rcggno schenkte
Franca Besitzunge; diese wurden 962/April/20 von OTTO I. der
Reggianer
Kirche bestätigt (MG DD Otto I. Seite 343, nr. 242).].
Die beiden Eheleute waren demnach im Gebiet der unteren Etsch reich
begütert. Eine über Seiten sich hinziehende Aufzählung
von Besitz dieser Eheleute im Gebiet von Ferrara, Comacchio, Parma,
Bologna, Modena, Persiceta und Adria könnte man noch geben, wenn
man dazu weitere 5 Urkunden auswerten wollte, die meines Erachtens als
Fälschungen angesehen werden müssen. Es handelt sich hier um
eine Urkunde von 938 für die Kirche von Adria [5 MURATORI,
Ant. It. III Seite 737.], zwei sich nur in
geringen Varianten unterscheidende Urkunden mit dem Datum des 18. Juli
948 zugunsten der Kirche von Ferrara [6
MURATORI, Ant. It. II Seite 173 und Seite 177.],
eine Urkunde vom 10. September 946 für die Kirche von Bologna [7 SAVIOLI,
Annali Bolognesi I, Pars II, Seite 42, nr. 24 =
CENCETTI, Le carte Bolognesi Seite 28, nr. 2 und A. GAUDENZI, Il
monastero di Nonantola, Bull. 36, Seite 106, der die Echtheit dieser
Urkunde schon anzweifelte.] und eine Urkunde vom
3. Mai 903, in der vom Ravennater
Diacon Azo verschiedene Höfe im Gebiet von Adria Amalrico et Franca jugalibus zu Libell
gegeben werden [8
MURATORI, Ant. It. III Seite 143 (= VESI, Romagna Doc. Seite 150).].
Fälschungsgrund dürfte ein spaterer Besitzstreit gewesen sein
[9 Fallen
diese Urkunden schon äußerlich durch ihre
außergewöhnliche Dinge auf, so werden durch die ersten 3
Urkunden
sowohl die Kirchen von Adria wie auch die von Ferrara in mehreren
Fallen in den Besitz ein und derselben Güter gesetzt. Alle
fünf
Urkunden sind in der Datierung auffällig. Die erste hat ohne
Tagesangabe: Domno nostro
serenissimo augusto Ugone et Lothario
fi1io
ejus magnis regibus Langobardorum, Imperium vero Romanorum anno
duadecimo et anno octavo, per indictionem XI. Hugo und Lothar waren aber niemals
römische Kaiser. -
Die beiden nächsten Urkunden für Ferrara datieren: Anno pontificatus
vero, Domno nostro Agapito
summo et universali papa in apostolica sacratiissma
beati Petri apostoli Domini sede duodecimo (2. Urkunde: secundo),
sicque imperante Domno nostro Ugo et Lothario
filio ejus anno
vigesimo secundo (2. Urkunde: anno
XII), XVIII die mensis Julii,
indictione VI. Ferrarie. Auch hier scheinen Hugo und Lothar als
Kaiser angesehen zu werden; dazu gibt es die Diskordanz in der
Jahreszählung: Agapit II. begann
seine Pontifikatszeit etwa im
April 946, so daß in der ersten Urkunde die Zählung nach
Papstjahren
auf 18. Juli 957, die Zählung nach Jahren der Herrschaft Hugos auf 18.
Juli 947 deuten würden, in der zweiten Urkunde dagegen die
Pontifikatsjahre Agapits auf
18. Juli 947, die Regierungsjahre Hugos
und Lothars
auf 18. Juli 937 hinwiesen (Für Hugo und Lothar wird dabei
merkwürdigerweise auch ein und derselbe Tag des Regierungsbeginns
angenommen!). Die Indiktion 6 entspricht jedoch dem Jahre 948; und
danach datiert MURATORI in seiner Edition die Urkunden auf 18. Juli
948.
Nun trägt die zweite der beiden Urkunden ein Signum Ugonis regis Italiae und
ein Signum Hlothari
regis Italiae. Kommen Unterschriften der Könige
unter Privaturkunden in Italien in diesen Jahrhunderten an und für
sich schon nicht vor (zum 2. bekannten
Beispiel einer Königsunterschrift auf einer Privaturkunde vgl.
Skizze
Adalbert von Ivrea, Anm. 24), so ist es
dazu auch vollig unmöglich, daß Hugo 948
in Ferrara weilte, da er bereits im Vorjahr Italien verlassen und sich
nach der Provence zurückgezogen hatte, ja dort am 10. April 948 bereits
verstorben war (SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo S. XI.). Lothar ist
übrigens am 5. Juli 948 in Lucca nachweisbar (SCHIAPARELLI, a.a.O.
Seite
274, nr. 10). Außerdem fehlen die Unterschriften der beiden
Schenker,
das heißt Amelrichs und Francas, was bei Originalen niemals
der Fall
sein konnte. - Auch die vierte Urkunde für die Kirche von Bologna
scheint Hugo
und Lothar
als Kaiser anzunehmen und für beide die gleiche
Regierungsdauer vorauszusetzen, wenn sie datiert: Pontificatus Domne
nostri Agapito anno primo ... imperante Dominis nostris Ugo et Lothario
filio ejus anno
quindecimo et decimo die mensis setembris per indicionem quarta decima.
Und auch hier ist wieder für Hugo und Lothar der
gleiche
Regierungsantrittstag vorausgesetzt. - Die fünfte Urkunde gibt
sich als
Abschrift aus dem Jahre 1073. Wenn nach ihr am 3. Mai 903 Amelrich und
Franca bereits vermählt
waren, dann müßte Francas
Vater Lanfranc auch
bei der Annahme von Hochzeiten in sehr jungen Jahren - schon 870 von
Rotruda (die ihn als ihren
eigenen Sohn bezeichnet, vgl. CdL. Seite 1089,
nr. 634) geboren worden sein. Dies paßt aber keineswegs zu der
Tatsache, daß König Hugo nach 927 - also 57
Jahre später! mit Rotruda
noch eine Tochter, Rotlind,
zeugte (vgl. Skizze Lanfranc,
Anm. 4). Dazu
soll diese Urkunde unter Domno
nostro Lodoicus
magno Imperatore Augusto, anno ejus quarto, die tertio, mense madio,
per indictione sexta ausgestellt worden sein. Aber weder 903,
worauf die
lndiktion verweist, noch 904, worauf die Regicrungsjahre hindeuten,
war LUDWIG DER
BLINDE in Italien als Kaiser anerkannt.].
Wann Amelrich Markgraf wurde [10 B. BAUDI DI
VESME, Le origini della feudalita nel
Pinerolese Seite 6, Anm. 1 läßt Amelrich 940 Markgraf der Mark
Lombardia werden, wenn er schreibt: Nel 940 Berengario d'Ivrea
marchese d'Italia fuggi in Germania per salvarsi
da re Ugo ... Immidiatamente
Ugo insedio nella marca di Lombardia, gia propria di Berengario, Amelrico, figlio di un preccedente
marchese della medesima marca"Zu der angeblichen Mark Lombardia vgl.
schon A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 259-263.],
ob er einer Mark im eigentlichen Sinne (etwa einer Grenzgrafschaft in
der Nähe des Exarchats zur Abwehr der von der Adria her
einfallenden Sarazenen) vorstand oder seinen Titel aus einem anderen
nicht mehr erkennbaren Grund (wie zum Beispiel Abstammung aus einem
markgräflichen Hause) trug, bleibt dunkel. Eines kann aber gesagt
werden: Fallen die zwei Urkunden für die Kirchc von als
Fälschungen aus den Erörterungen aus, so stürzt damit
auch die ganzc Konstruktion einer „Mark Mantua" ein, die sich allein
auf die beiden Urkunden, in denen Almericus gloriocus
marchio de civitate Mantua genannt wird, stützt [11 A.
HOFMEISTER schlug vor, die Worte de
civitate Mantua als reine Herkunftsangabe aufzufassen, hegte
diesen Urkunden gegenüber jedoch noch keinen Zweifel.].
Am besten wird man in Almerich
wohl einen Großen sehen, dessen Grafschaft am Rande des
Kirchenstaats-Gebietes lag. Er bekannte sich, wie schon zitiert, zum
Stamm der Franken und bediente sich in seinen (echten) Urkunden der
Traditionsformen des salfränkischcn Rechtes [12 GLORIA,
Padua I Seite 65, nr. 43 und Seite 61, nr. 42. Ob der am 10. Juli 919 in curte Colognia in finibus Longuria
(CdL Seite 833, nr. 483) eine Urkunde mit unterzeichnende Almericus vivente lege salica mit
dem späteren Markgraten etwas zu tun hat, kann nicht entschieden
werden.]. Als seine Vorfahren sind Amelrich I. und der dux Adelbert
vom unteren Etschgebiet bekannt [13In der
Urkunde vom 30. Januar 954 wird Amelrich
I. als Vater bezeichnet und eine avia Ingelburga und ein
bisavus Adelbertus dux genannt (siehe oben
Skizze Adelbert). Die Kombinatonen Th. WÜSTENFELDS, Über die
Herzöge vo Spoleto Seite 420, nach denen Almerich I. mit dem in
den Gesta
Berengarii, lib. II, gcnannten Alberich identifiziert werden
mußte,
beruhen allein auf der falschen Lesung Anscherius für Alcherius
(lib.
II, v. 158 - ed. DÜMMLER Seite 106). Gänzlich abwegig und
jeder
Quellengrundlage entbehrend ist die Konstruktion F. GABOOTOS
(Bollettino storrico-bibliograf. subalpino, vol. XX (1916) Seite
245f.), in
der diese Familie mit den SUPPONIDEN
in Verbindung gebracht und Amelrich
I. zum Sohn Egifreds
und Enkcl eines unbelegten dux
Adalbert von
Spoleto sowie Ur-Enkel Suppos
I. von Brescia gemacht wird.].