XVI. ALEDRAM
Vom Grafen Aledram und dessen Vater Wilhelm stammen einige
vornehmlich
im 11. und 12. Jahrhundert sehr bedeutende Markgrafen-Geschlechter ab:
so die Markgrafen von Sezze, die von Vasto, die Markgrafen von
Montferrat, die Linien von Albissola, Bosco und Ponzona [1 Vgl. H.
BRESSLAU, Jahrbücher Konrads II. Band 1 Seite 380ff., dessen
Exkurs über
„Das Haus der Aledramiden" noch immer grundlegend ist, und L.
USEGLIO, I marchesi di Monferrato, vol. 1.]. Die
spätere Stellung dieser Häuser beruht zu einem großen
Teil auf der Leistung und geschickten Politik Aledrams I., dem unter König Hugo, Berengar II. und OTTO I. der
Ausbau einer starken Machtposition gelang. Bei allen Herrschern hat er
in gutem Ansehen gestanden, und die Verlagerungen der politischen
Kräfte hat er jedesmal rechtzeitig zu erkennen gewußt.
Aledram begegnet uns zuerst in
einer Urkunde der Könige Hugo und Lothar
vom 25. Juli 933, in der diese beiden Herrscher cuidam frdeli nostro
Alledramo
comiti die curtis Auriola in der Grafschaft Vercelli und
alles Gebiet zwischen den Flüssen Amporio und Stura schenken [2
SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 107, nr. 35.].
Am 6. Februar 940 (oder 935?) erhält er dann von den gleichen
Königen den Hof Forum am Tanaro in der Grafschaft Acqui mit allem
Land zwischen dem Tanaro und der Bormida einerseits und zwischen den
Orten Bareile und Carpanum andererseits, dazu auch die Rechte der
öffentlichen Gerichtsbarkeit mit missarischen Befugnissen für
die villa Ronco und die dort
wohnenden Arimannen [3
SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 158, nr. 53.]. - Im
März 945 intervenierte Aledram
in Pavia bei Hugo
und Lothar
für die Schenkung einiger in der Grafschaft Tortona gelegener
Besitzungen an den Grafen Elisiard
und dessen Gemahlin Rotlind mit ihrer Mutter Rotrud [4
SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 230, nr. 79.]. Da aber
um diese Zeit Hugo
und Lothar
gar nicht mehr die tatsächlichen Herren Ober-Italiens
waren, sondern die eigentliche Macht schon in den Händen Berengars II.
ruhte [5
Vgl. LIUDPRAND, Antapod. lib. V, cap. 30, Seite 148f.],
ist es durchaus anzunehmen - zumal noch der bei der Verschiebung der
Machtkonstellation sofort zu Berengar übergegangene
Graf Lanfranc zugegen war -,
daß Aledram damals auch
schon einen politischen Stellungswechsel vollzogen hatte und bei diesem
Auftreten schon Interessen Berengars vertrat.
Einige Tage später, am 13. April 945, ist er sodann auch im
Gefolge Berengars II. und seiner
Begünstiger - Milo, Otbert, Lanfranc, Arduin, Manfred und Adelbert - in Pavia nachweisbar [6
SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 232, nr. 80 (= MANARESI, I placiti
Seite 551, nr. 144).]. Im Juli 948 war Aledram mit König Lothar, der nach dem
Thronverzicht und Abgang Hugos nach der Provence (946) als
alleiniger anerkannter König in Italien verblieben war, in Lucca.
Er intervenierte dort für ein Königsdiplom zugunsten eines fidelis
Vuaremund [7
SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 274, nr. 10.]; sicher
handelte er dabei wieder im Einverständnis mit Berengar II.,
der auch an der Reise teilgenommen zu haben scheint [8 Am 11. Juni
des Jahres hielt sich Lothar in
Vignola (südlich Modem)
und am 14. Juni in Parma, dem Eingang der Paßstraße nach
Tuszien, auf.
In Vignola intercedierte Berengar II. und
in Parma sein Freund, der
Bischof Atto von Vercclli
(SCHIAPARELLI, I dipl. di Ugo Seite 267, nr. 8
und Seite 270, nr. 9). Es sind dies die einzigen bekannten Urkunden,
die
Lothar
bei der Reise nach Lucca ausstellte. Am 8. August 948 war er
bereits wieder in Pavia.]. Ja die Verbindungen zu
Berengar
wurden von da ab noch enger: Aledram
heiratete in 2. Ehe die Tochter Berengars II., Gilberga.
Schon vorher hatte diese sich einmal bei ihrem Vater und ihrem Bruder Adalbert - beide ab 950
Könige - für die Übertragung großer
außerordentlicher Rechte (Marktmehr, Zollrecht, curatura etc.) an den inclitus marchio Aledram
eingesetzt (958-961) [9
SCHIAPARELLI, a.a.O. Seite 334, nr. 15.]. Ein
Dokument vom August 961 zeigt Aledram
und Gilberga
dann bereits als Paar. Aledramus marchio filius Gulielmi comitis et Gilberga filia domini Berengarii regis et Anselmus seu Oddo germani ... iugales et
genitores, pater et maternia seu filii et filiastri, statten das
von ihnen auf eigenem Grund und Boden in Grazzano bei Casale erbaute
Kloster mit ansehnlichem Besitz in der Umgebung von Casale ans [10 DURANDO,
Cartario dei monasteri di Grazzano, BSSS 42 Seite 1, nr. 1. - Anselm und Oddo stammten also aus 1. Ehe. -
Vgl.
auch E. Brandenburg, Die Nachkommen Karls des Großen Seite 91,
nr. 40.].
Trotz dieser engen Verbindung zur Familie
Berengars II.
hat sich Aledram auch unter
der 961 beginnenden italienischen Herrschaft OTTOS I. zu
halten verstanden. Aledram
wird als marchio
bestätigt. Ipsius fidelitatem
considerantes überläßt ihm OTTO am 23.
März 967 in Ravenna [11
MG DD Otto I. Seite 462, nr. 339.], wo er
am 17. April auch noch einem großen Placitum unter Vorsitz Papst Johanns XIII. und OTTOS
I. beiwohnt [12 MG DD Otto
I. Seite 464, nr. 340.], das Land zwischen
Tanaro, Orba und der Küste des ligurischen Meeres mit den darin
gelegenen Ortschaften und bestätigt ihm seinen ererbten oder
früher erworbenen Besitz in den Grafschaften Acqui, Savona, Asti,
Montferrat, Turin, Vercelli, Parma, Cremona und Bergamo.
Auf dieser Machtbasis konnten dann die beiden
Söhne Otto und Anselm
weiterbauen [13
Vgl. dazu H. BRESSLAU, a.a.O. - Ein 3.
Sohn mit Namen
Wilhelm wird in einer Urkunde vom 4. März 991 (MORIONDI,
Mon.
Aquensia I Seite 9, nr. 7) als verstorben erwähnt. Eine gute
Edition
dieser Urkunde mit Erläuterung der Ortsnamen bietet: V. POGGI,
L'atto
di fondazione del monastero di S. Quintino di Spigno, Seite 41ff.].
Aledram war fränkischer
Abkunft; das bezeugt klar seine im August 961 mit Gilberga und
den beiden Söhnen aus 1. Ehe gegebene Urkunde für das Kloster
Grazzano; sie alle sind viventes
lege salica [14 Hinfällig
sind dagegen sämtliche Vermutungen über eine
sächsische Abkunft der ALEDRAMIDEN,
die auf dem in der 1. Hälfte des
14. Jahrhunderts geschriebenen Chronicon imaginis mundi des JACOPO D'
ACQUI beruhen. Unbeachtet kann bei dem wenigen Wissen, das wir
vom Vater Aledrams, dem Grafen Wilhelm, und dessen Ahnen
haben, auch
die von GABOTTO des öfteren vorgetragene, aber keiner kritischen
Prüfung standhaltende These einer gemeinsamen Abkunft der ALEDRAMIDEN,
der ARDUINE und der KAROLINGER
etc. von einer Tochter König Chlodwigs und
ihrem Gatten, dem König von Kent, bleiben. Die vorliegende Arbeit
ist
ja nur auf die Feststellung des unmittelbaren Herkommens der im 9. und
10. Jahrhundert in Italien herrschenden Grafen-Geschlechter und ihrer
Mitglieder bedacht, nicht auf das Konstruieren langer genealogischer
Ketten. - F. GABOTTO, Gli Aleramici fino alla meta del sec. XII.;
DERS.,
L'elemento storico pelle „Chansons de Beste"; DERS. und T. ROSSI,
Storia di Torino I.].