XII.    ALBERICH,

der Graf von Mailand, ist aus einer ganzen Reihe von Urkunden bekannt. - Schon im Oktober 846 wurde er zu einem der drei signiferi der prima scara im italienischen Aufgebot Kaiser LOTHARS gegen die Sarazenen ausersehen [1
MG Capit. II Seite 65ff., nr. 203. Schon W. LIPPERT, Das Capitulare Lothars I. vom Jahre 846, Seite 541 zieht zur Identifizierung Alberichs die in Anm. 2 und 3 genannten Urkunden heran. Mit dem Albericus filius Richardi der Spalte 3 der Aufgebotsliste hat unser Alberich von Mailand nichts zu tun; vgl. L. DUPRAZ, Le Capitulaire de Lothaire I. Seite 279, wo außerdem auf  Seite 244ff. dieses Capitulare auf 847/Sommer umdatiert wird.]. Im März 848 bezeichnen sich dann drei Leute ex genere francorum bzw. allamannorum in Mailand als vasalli Alberici comitis [2 Cdl, Seite 281, nr. 165 und Seite 284, nr. 167.], und in den Jahren 864, 865 [3 MANARESI, I placiti Seite 237, nr. 66 und Seite 242, nr. 67 (= CdL Seite 382, nr. 229 und Seite 391, nr. 234).] und 874 [4 MANARESI, I placiti Seite 283, nr. 78 (= CdL Seite 435, nr. 258). ] sieht man Alberich in Mailand als comes ipsius civitatis zusammen mit seinem Gastalden (Vicecomes) Waldericus oder dessen Sohn Amalricus Placita abhalten.
Als sich im Februar 876 die meisten Großen Ober-Italiens in Pavia zusammenfanden, um den am Weihnachtstage 875 von Papst Johann VIII. - trotz aller vorherigen Hinderungsversuche von ostfränkischer Seite - in Rom zum Kaiser gekrönten KARL DEN KAHLEN noch nachträglich offiziell zum König Italiens zu erwählen, da war auch Graf Alberich mit dabei und unterzeichnete mit den vielen anderen Grafen die Wahlurkunde wie auch das im Anschluß an die Wahl erlassene Capitulare KARLS [5
MG Capit. II Seite 98, nr. 220 und Seite 100, nr. 221.].
Als dann aber KARL III. 880 seine Macht über Ober-Italien ausbreiten kann, ist auch Alberich in dessen Gunst. Er fungiert am 17. Mai 880 als Missus KARLS zusammen mit dem Bischof Johann und einem Grafen Adelbert (vgl. Seite 100) in Como und läßt 6 Mansen im Gebiet von Limota als Besitz des  S. Ambrosiusklosters in Mailand anerkennen [6
MANARESI, I placiti Seite 581, nr. 8 (= CdL Seite 502, nr. 296); vgl. dazu MG DD Karl III. Seite 39, nr. 23 a.]. Schon vorher, am 21. März des Jahres hatte KARL III., als er für das Mailänder S. Ambrosiusklostcr urkundete, unter anderem auch die Bestätigung für die Benutzung eines Seitenpfades ausgesprochen, die sich der Abt Petrus bereits a venerabile antistite Anspertum seu comite Alberico sowie von Klerus und Volk erbeten hatte [7 MG DD Karl III. Seite 34, nr. 21.]. Wenn Papst Johann VIII. allerdings dem Erzbischof Romanus von Ravenna im April 881 vorwirft, daß er Albericum comitem quasi ex parte imperiale adsciscere et nobiles cives ipsius ... distringere innormiter coegi(t) [8 MG Epist. VII Seite 247, nr.280.], dann wird man es hier wohl mit einem anderen Grafen Alberich, der im östlichen Oberitalien tätig gewesen zu sein scheint und 889 auf BERENGARS Seiten kämpfte, zu tun haben.
Privaturkunden Alberichs mit der professio iuris sind nicht erhalten. Deshalb läßt sich auch nur schwer etwas über seine Herkunft aussagen. Aus der Tatsache aber, daß er fränkische und alemannische Vasallen hatte und daß auch sein erster Untergebener in Mailand, der Vicegraf Walderich, von fränkischer Abstammung war, darf auch auf sein oder seines Vaters Herkommen aus den Gebieten nördlich der Alpen geschlossen werden [9
F. GUASCO DI BISIO erklärt in seinem Dizionario feudale degli antichi Stati Sardi e della Lombardia (BSSS 55), Stichwort Mailand Seite 1002ff., Alberich als „conte de1 Seprio e figlio di Manfredo conte d'Orleans". Eine gesicherte Quellenbasis kann ich für diese Aussage nicht finden.]. Fränkische oder alemannische Vasallen sind ja doch immer wieder bei fränkischen oder alemannischen Grafen nachweisbar [10 Vgl. zum Beispiel auf der Karte auf Seite 40f. das Auftreten von Bayern. In Tuszien, wo sie häufiger auftreten, sind sie ganz eindeutig im Gefolge des bayrischen Grafen Bonifaz und seiner Nachfolger. Vgl. weiter die Skizzen Autbert, Liutfrid I., Anselm II., Framsit, Ingelfred, Hucpold, Guntari, Waldericus, Adelbert von Ivrea etc.]. Eine kurze Notiz über eine von Bischof Ogglerius von Lodi vorgenommene Güterinvestitur - die in der Skizze Maginfred (von Mailand) abzuhandeln ist - wird dazu weiteres Licht auf die Familie Alberichs werfen [11 Die domino Karolo serenissimo imperatore praesente am 14. September 886 in Santelpedio in der Diözese von Fermo ausgestellte Gründungsurkunde des S. Salvatorklosters in Santelpedio (FIORAVANTI, Dissertatione sopra la basilica eretta nel territorio di Santelpedio diocesi di Fermo Seite 69, nr. 2) ist ganz offensichtlich eine Fälschung, da KARL III. sich zu dieser Zeit in der Gegend von Pavia, nicht in Fermo, aufhielt (vgl. MG DD Karl III. Seite 227, nr. 141 u. 142): der Albericus comes, der diese Urkunde nach vielen Bischöfen und Klerikern unterzeichnet, ist deshalb weder mit unserem Grafen Alberich von Mailand noch dem späteren Markgrafen von Spoleto zu identifizieren und kann ganz aus dem Erörterungskreis herausbleibcn. - Auch der Alberich, der mit Uuarath comes in einer auf 840-853 datierten Urkunde einer Grenzbeschreibung zwischen den Gebieten von Verona und Monselice als Leiter eines Placitums erwähnt wird (FAINELLI, Cod. dipl. Veronese, Seite 219, nr. 156 = GLORIA, Padua I Seite 18, nr. 9) kann hier meines Erachtens unbeachtet bleiben, zumal er auch gar keinen Comes-Titel führt. Der Albericus comes, der am 13. April 902 bei LUDWIG DEM BLINDEN in Pavia interveniert, wird schon von A. HOFMEISTER, Markgrafen Seite 417 mit Alberich von Spoleto identifiziert (SCHIAPARELLI, I dipl. di  Lodovico III. Seite 49, nr. 17).].