VIII. ADELGISUS I.
wird von PIVANO in eingehender Untersuchung als Graf von Parma erwiesen [1 S. PIVANO,
Il comitato di Parma Seite 5ff. Aus der
Placitumsurkunde von 910/November (SCHIAPARELLI, I dipl. di
Berengario I. Seite 198, nr. 73), in der es bei der Bestätigung
eines
früheren Diploms heißt: Adelgisus comes Cremonensis
advenisset ...,
darf keineswegs geschlossen werden, daß Adelgis Graf von Cremona war.
Glücklicherweise ist die diesem Placitum zugrunde liegende Urkunde
von
841/März/22 erhalten, woraus sich ergibt, daß Cremonensis
hier ein
Schreibfehler für Cremonam ist. Richtige Wiedergabe jetzt bei
MANARESI, I placiti Seite 441, nr. 119.]. In
Parma unterzeichnete er am 15. Juni 835 die Schenkungsurkunde der Königin Kunigunde, Witwe des 817 geblendeten und
verstorbenen Königs Bernhard, für das
Kloster der hl. Maria und des hl. Alexander in dieser Stadt als
einziger zur Unterschriftsleistung herangezogener Graf. Schon vorher
hatte er zusammen mit dem Pfalzkaplan
Ructald und dem Pfalzgrafen
Maurin von Kaiser LOTHAR den Auftrag
erhalten, zu untersuchen, inwieweit die Kleriker der Diözese von
Cremona parafreda et currus
für die kaiserliche Kammer zu leisten hätten [3 BENASSI,
Parma I Seite 101, nr.2]. Am 22. März 841
hielt er als kaiserlicher Missus
eine Gerichtsverhandlung in Cremona ab, bei der auch Leute aus Brescia
und Parma als vasalli suprascripti
comitis zugegen waren [4 MANARESI, I
placiti Seite 567, nr. 7 (= CdL Seite 250, nr. 143); bestätigt wird
dieses Placitum durch eine Urkunde LOTHARS I. von
841; Mai/12 (CdL
Seite 243, nr. 139 - vgl. dazu BM² nr. 1084). Wenn PIVANO wegen
der
Anwesenheit einiger judices
und Zeugen aus Bergami und Brescia
schließt, daß Adelgisus der
Verwalter einer Mark Lombardei-Emilia
(Großdukat) gewesen ist, so können wir ihm dabei nicht ganz
folgen. Das
Gebieten eines Grafen über mehrere Grafschaften, das hier
möglicherweise vorliegt, berechtigt noch nicht, von der Bildung
einer
Mark, ähnlich der von Friaul, Tuszien oder Spoleto, zu sprechen.
Die
Zusammenfassung dieser Gebiete zu einer Mark ist jedenfalls
quellenmäßig in keiner Weise faßbar.].
Als Missus war er schon im Mai
838 im Grenzgebiet des Exarchats von Ravenna (in Rovigo) tätig, wo
ein Vertreter der S. Apollinariskirche gegen den vassus domni imperatoris Bruningus um verschiedene
Besitzungen klagte [5
MANARESI, I placiti Seite 139, nr. 43 (= VESI, Storia
di Romagna (Doc.) Seite 86 und FANTUZZI, Mon. Rav. II Seite 5, nr. 2).].
Seine hervorragende Stellung in Italien ergibt sich neben den Missaten
auch aus seiner Anwesenheit bei der Königskrönung LUDWIGS II.
im Juni 844 in Rom [6
Liber pontif. II Seite 89-90 mit Note 8 auf Seite 101.],
aus seiner Funktion eines Anführers (missus) in der prima scara bei der Expedition von
846 gegen die Sarazenen [7
MG Capit. II Seite 65, nr. 203.], aus der
Anwesenheit Adelgis' bei der
Kaiserkrönung LUDWIGS II.
in Rom 850 [8
BM² nr. 1179a; vgl. auch JAFFE, Regesta pontif. Rom. 2. Auflage
Seite 331-332.], wo er unter anderem als einer
der vier kaiserlichen Bevollmächtigten einen Streit zwischen der
Kirche von Arezzo und der von Siena mit einem Urteilsspruch zugunsten
der letzteren mitentschied [9
MANARESI, I placiti Seite 176, nr. 53, bes. Seite 185 (= PASQUI, Arezzo
I Seite 50, nr. 37).], und schließlich auch
daraus, daß Angilberga,
die LUDWIGS
II. 851 zur Gemahlin nahm, seine
Tochter gewesen zu sein scheint [10
BENASSI, Parma I Seite 109, nr. 5 (851/Oktober/5).
Zur Frage der Herkunft Angilbergas
vgl. besonders den Exkurs über die
Genealogie der SUPPONIDEN.].
Im Herbst 851 treffen wir den Grafen
Adelgis am kaiserlichen Hof in Pavia, wo Einwohner von Cremona
gegen ihren Bischof Klage erhoben [11
MANARESI, I placiti Seite 193, nr. 56 (= CdL Seite 303, nr. 180), zu
851/Oktober/5 - 852/Januar/29.]. Im Jahre 853 ist
er zuerst (29. Mai) in Ravenna und dann in Rom in der Funktion eines kaiserlichen Missus an der
Exkommunikation des berühmten Kardinals Anastasius beteiligt [12 MANSI,
Concil. Collectio XIV: Acta depositionis
Anastasii cardinalis tituli beati Marcclli, col. 1017-1021 und BM²
nr. 1191b. - Eine weitere Identifizierung unseres Grafen Adelgisus mit
dem Adelgis
comes
palacii et missus domni imperatoris, der
827/März/11 mit Graf Ragimund in
Ostiglia Gericht hält (CdL Seite 195,
nr. 108), halte ich trotz anderer Ansicht L. M. HARTMANNS
(Geschichte Italiens IIIa Seite 229, Anm. 14) mit B. SIMSON (Ludwig
der Fromme II Seite 146, nr. 2) für unmöglich. Ebenso scheint
es
ausgeschlossen, mit S. PIVANO (a.a.O. Seite 13) und P. HIRSCH
(Erhebung Berengars Seite 55, Anm. 1) den Grafen Adalgisus, welcher 836
zusammen mit dem Erzbischof Otgar von
Mainz, dem Bischof Hilti von
Verdun und dem Grafen Warin
als Gesandter LUDWIGS DES FROMMEN zu LOTHAR
nach Pavia kam (LIUTOLFI Translatio S. Severi c. 2, MG SS XV
Seite 292), mit dem Grafen von Parma zu identifizieren.].
Adelgisus I. scheint, wie im
Exkurs näher ausgeführt wird, der Familie der SUPPONIDEN angehört
zu haben und demnach fränkischer Herkunft gewesen zu sein [13 Vgl.
Exkurs: Supponidengenealogie. Im Verbrüderungsbuch von S. Giulia
in Brescia (Codice necrol-liturg. Seite
78, ed. VALENTINI) findet sich auch der Eintrag Adelgisus
comes
tradidit filiam suam Cunicunda.
Da diese Notiz auf Blatt 42 des
Originals ganz unten steht und die Initiale A nicht wie bei den anderen
laufenden Eintragen mit roter Tinte geschrieben ist, kann sie leicht
als Nachtrag erkannt werden. Während die Ersteinträge wohl im
Jahre 856
entstanden sind - das hat K. SCHMID, Kloster Hirnau Seite 83, soeben
klargestellt -, scheint dieser Nachtrag 861 angefertigt worden zu sein.
Ein zweiter Nachtrag, der gleichfalls der roten Initiale entbehrt und
der - wie mir eine übersandte Fotokopie zeigt - von derselben
Schreiberhand und derselben blasseren Tinte wie beim Nachtrag Adelgis'
geschrieben scheint, heißt nämlich: Domnus Hluduuicus imper. tradidit
filiam suam Gisla. Die
Übergabe dieser jungen Kaiser-Tochter an das
S.-Giulia-Kloster in Brescia läßt sich aber zeitlich genau
festlegen:
sie erfolgte im Januar 861, wie sich aus verschiedenen Urkunden ergibt
(vgl. BM² nr. 1218f. und nr. 1220. Gisla trat
damals an die Stelle
ihrer kurz vorher verstorbenen gleichnamigen
Tante). Wegen der
offenbaren Gleichzeitigkeit der Nachträge der Traditionen LUDWIGS II.
und des Grafen Adelgisus und
ihrer Datierung auf Januar 861 wird man
die hier behandelte Notiz wohl auf Adelgis
I., nicht den erst nach 885
hervortretendcnd Adelgis II.,
zu beziehen haben. Hingegen scheint die Berta
saliga veste sancte religionis induta filia b. m. Adelgis com. relicta qd. Berard id. comes, die 903 in
Siena urkundet (LISINI, Inventario Seite 498), nun nicht mehr eine Tochter Adelgis I., sondern Adelgis II. gewesen zu sein. Der
als verstorben erwähnte Graf
Berard war nämlich ein Sohn
des Grafen Winigis von Siena, der in der Zeit von 860 bis 881
(also in der Generation nach Adelgis'
I.) nachweisbar ist. (Zu Winigis und Berard vgl. die oben Seite 68, Anm.
6, und Seite 72, Anm. 21, zitierten Urkunden.)].