VII.    ADELBERT-ATTO


der Ahnherr des Geschlechtes der Markgrafen von Canossa, ein Langobarde, hat seine Laufbahn als Vasall des Bischofs Adalhard von Reggio [1
DONIZO, Vita Mathildis, v. 195ff. (MG SS XII Seite 356): Atto meus miles; Chron. Novalic. lib. V, cap. 10, Seite 254: fuerat illius episcopi.] begonnen. Als solcher trat er 951 das erste Mal in der Geschichte hervor; er nahm die aus der Burg Garda den Wachen Berengars II. entflohene Königin Adelheid, Witwe des 950 verstorbenen Königs Lothar, in seiner Burg Canossa auf und gewahrte ihr dort eine sichere Heimstatt, bis sie OTTO DER GROSSE 952 nach Pavia kommen ließ und heiratete. Wenn auch nicht mehr klar erkennbar ist, ob er dabei nur als Organ des Bischofs Adalhard oder aus eigenem Entschluß handelte, so scheint aber doch festzustehen, daß Berengar II. ihn später dafür zu strafen gedachte und in seiner Burg belagerte [2 Die Belagerung Canossas durch Berengar II. ergibt sich aus Chron. Novalic. lib. V, cap. 11 und DONIZO v. 227ff. - Zu diesen Geschehnissen, die zum Teil auch noch aus späteren Quellen rekonstruiert werden müssen, vgl. E. DÜMMLER, Otto der Große Seite 196,209,337 und H. BRESSLAU, Jahrbücher Konrads II., Band 1, Seite 431ff.].
Als Graf ist Adelbert-Atto zuerst in einer Urkunde vom November 958 bezeichnet. Laut dieser verkauft ein Atto, Sohn Attos aus der Grafschaft Parma, seinem Consobrinus Adalbertus qui et Atto, filius quondam Sigefredi de comitatu Lucensi, der im zweiten Teil der Urkunde auch comes genannt wird, sechs Massaricier-Liegenschaften im Gebiet von Parma [3
MURATORI, Antiqu. It. II Seite 776ff.]. Da aber diese Urkunde nicht im Original erhalten ist, sondern nur von MURATORI der Historia Ecclesiastica Regiensi Fulvii Azarii entnommen wird, bei deren Abfassung auch nur eine von Notaren Guelfonis ducis angefertigte Copie vorlag, kann es höchst fraglich erscheinen - zumal der Comes-Titel im ersten Teil der Urkunde für Adelbert-Atto nicht vorkommt -, ob der Titel aus späterer Sicht bei den Abschriften lediglich interpoliert worden ist. Fehlt doch auch in der Urkunde über den Gütertausch vom 25. August 961, den Albertus qui et Atto, filius bone memorie Sigifredi de comitatu Lucensi, qui profitebatur lege vivere langobardorum, mit dem Archipresbyter Martinus von der S. Michaelskirche in Reggio vornahm, für Adelbert-Atto der Comes-Titel [4 CdL Seite 1112, nr. 646 (= TIRABOSCHI, Modena I Seite 122, nr. 102 und TORELLI, Regesto Mantovano Seite 18, nr. 24).]. So scheint es, daß Adelbert-Atto, der nach Angaben DONIZOS aus seiner belagerten Burg noch eine Bitte um Hilfe an OTTO richtete [5 DONIZO v. 282ff.], erst nach OTTOS zweitem Erscheinen und seinem endgültigen Machtantritt in Italien (961/62) für die ehedem seiner Gemahlin Adelheid gewährte Hilfe belohnt und mit den Grafschaften Modena und Reggio, später auch mit der Grafschaft Mantua ausgestattet wurde. Sagt doch auch DONIZO, daß erst OTTO muneribus magnis Attonem ditat et altis, cui nonnullos comitatus contulit ultro [6
DONIZO v. 344. - Das Chron. Novalic. lib. V, cap. 12 berichtet: denique Atto remuneratur ab Ottone, quia fidelis et servitor esset uxoris suae.].
Und deshalb ist er von diesem Zeitpunkt an immer wieder als Adelbertus qui et Atto comes, filius bone memorie Sigifredi . . ., nachzuweisen; das erste Mal am 20. Januar 962 in Reggio, dann am 20. April 962 als Intervenient bei OTTO in Pavia, wo er auch als comes Regensis sive Motinensis ausgewiesen wird, usw. Das letzte Mal wird er im Januar 982 (oder im März 984?) genannt [7
Auf folgende Belege ist zu verweisen:
CdL Seite 1122, nr. 652 (Reggio. 962/Januar/20). MG DD Otto I. Seite 343, nr. 242 (Pavia. 962/April/20). CdL Seite 1136, nr. 658 (Reggio 962/ Juli/5). CdL Seite 1144, nr. 662 (Castrum S. Stephani. 962/Oktober/10). CdL Seite 1146, nr. 663 (Vico Longuo. 962/Oktober/12). CdL Seite 1156, nr. 668 (Villa Ariole. 963/Februar/8). CdL Seite 1163, nr. 672 (Reggio. 963/Juli/20). MG DD Otto I Seite 381, nr. 268 (Lucca. 964/August/8). MG DD Otto I Seite 383, nr. 269 (Lucca. 964/August/9). CdL Seite 1194, nr. 687 (Pavia. 964/Dezember/6). CdL Seite 1214, nr. 698 (Gonzaga. 966/ November/14). MG DD Otto I Seite 464, nr. 340 (Ravenna. 967/April 17). CdL Seite 1218, nr. 700 (S. Severo. 967/April/22). PIATTOLI, Le carte di Firenze Seite 47, nr. 16 (Florenz. 967/Juni/25). CdL Seite 1295, nr. 744 (Vico Arbunco.973/Februar/14). TORELLI, Le carte Reggiani Seite 170, nr. 65 (Mandria. 976/März/22). TORELLI, Regesto Mantovano Seite 26, nr. 36 (976/Juli/2l), dort auch die meisten anderen hier zitierten Urkunden in Regestenform. CdL Seite 1359, nr.774 (Venzago.976/Juli/23). FALCE, Docununti inediti Seite 74, nr. 4 (976/Dezember/11). FALCES Datierung auf 961/Dezember ist abzulehnen. Die bruchstückhaft erhaltene Datierung ist nicht mit FALCE als Octo gracia Dei imperator augustus, anno imperii eius [in Italia] XI, die mensis de(cember), indictione quarta anzunehmen, sondern doch wohl auf ... anno imperii eius [nono], XI. die mensis de(cembris), indictione quarta abzuändern; daß die Ergänzung „in Italia" unzeitgemäß ist, dazu vgl. die Urkunden
datierungen dieser Zeitspanne im CdL. MURATORI, Antiqu. Ital. V Seite 207 (976/Dezember/29). CdL Seite 1366, nr. 777 (Sirmione. 977/ Juni/10). TORELLI, Le carte Reggiani Seite 176, nr. 68 (Sirmione 980/Mai/23 oder 980/Juni/22). CdL Seite 1409, nr. 805 (Gonzaga. 981/ November/6). TORELLI, Le carte Reggiani Seite 187, nr. 72 (Reggio. 982/Januar/19). TIRABOSCHI, Nonantola II Seite 124, nr. 92 (Pavia. 984/ März/8). Doch könnte hier auch der ALEDRAMIDE Otto gemeint sein; vgl. MORIONDI, Mon. Aquensia I Seite 9, nr. 7. In den Urkunden seiner Nachfolger wird Adelbert-Atto noch häufig erwähnt, und zwar als marchio. Marchio wird er auch in einem Lektionar der Kirche von
Brescia (971-1025), in einer Marginalnotiz des Missale von Modena und in einem Schreiben Papst Paschals II. genannt; vgl. F. FABBI, La famiglia degli Attoni di Canossa Seite 42f.
]. Er verstarb wahrscheinlich am 13. Februar 988, seine Frau Ildegarda wohl schon sechs Jahre vor ihm [8 Eine Marginalnotiz im Missale der Kathedralkirche von Modena (sec. IX) lautet: Id. Febr. obiit Ato marchio qui et Adelbertus de hoc seculo ad uitam per indic. I (BORTOLOTTI, Vita di S. Geminiano Seite 119). Die Indiction I deutet auf das Jahr 988. Aus DONIZOS Angabe (Vita Mathildis v. 588, Seite 363f.) ist das Todesjahr nicht ersichtlich: Mors Ildegardam rapit ldus tertio Sabat. Idus Attonis animam Februi tulit olim. Zur Bestimmung des Todesdatums Ildegardas vgl. BORTOLOTTI, a.a.O. Seite 35. Daß Ildegarda der Familie der (fränkischen) SUPPONIDEN entstammte, wird seit Th. WÜSTENFELD immer wieder angenommen; vgl. A. OVERMANN, Gräfin Maibilde Seite 19. Möglicherweise hat diese Verbindung Adelbert-Attos Aufstieg begünstigt; vgl. oben Seite 95f.].
Seine Anhänglichkeit an Otto d. Gr., der Ausbau Canossas und der Aufstieg seiner Familie sind hier nicht mehr zu behandeln [9 Vgl. dazu H. BRESSLAU, a.a.O.; F. FABBI, La famiglia degli Attoni di Canossa; N. GRIMALDI, La contessa Matilde e la sua stirpe feudale.].