ADB: GEBHARD (Bischof von
Würzburg)
Gebhard, Bischof von Würzburg (1122–1127 und 1150–1159). Er stammte aus dem Geschlechte der Grafen von Henneberg; als Zeit seiner Geburt darf man den Übergang vom 11. zum 12. Jahrhundert annehmen. Zum Zwecke wissenschaftlicher Ausbildung weilte er anfangs der zwanziger Jahre des 12. Jahrhunderts zu Paris; da traf ihn, der noch keine kirchliche Weihe empfangen, aus seiner Heimat ein Ruf, durch den er sich unvemuthet mitten in die damaligen kirchenpolitischen Kämpfe hineingezogen sah. Bischof Erlung von Würzburg war am 28. Dezember 1121 gestorben. Kurz vorher hatte Kaiser HEINRICH V. in Würzburg mit den Fürsten ein Abkommen getroffen, das zur Wiederherstellung des Friedens zwischen Staat und Kirche führen sollte, ein Abkommen, das vor allem in der Investiturfrage zunächst große Vorsicht und Zurückhaltung auferlegte. Trotzdem benutzte der Kaiser die Erledigung des Würzburger Stuhls, um hier sofort eine Neubesetzung vorzunehmen. Die wahrscheinlich im Februar 1122 unter seinem Einflusse vorgenommene Wahl fiel auf den jungen Gebhard, der, wie es scheint, einflußreiche Fürsprecher am Hofe hatte, und unbedenklich erteilte ihm HEINRICH sofort die Investitur. Im Gefolge des Hofs begab sich dann der Neugewählte nach Breitungen im Hennebergischen, wo eine Zusammenkunft mit Erzbischof Adelbert von Mainz stattfand, der ihm als Metropolit die Weihe in Aussicht stellte. Unterdessen hatte sich aber in Würzburg rasch eine Gegenpartei unter Führung des Dompropstes Otto gebildet, die den Canoniker Rudger zum Bischof wählte. Auch diese Partei setzte sich alsbald mit Erzbischof Adelbert in Verbindung, und bei einer Zusammenkunft an der Werra, wo auch die damals mit dem Kaiser auf gespanntem Fuße stehenden STAUFER Friedrich und Konrad, sowie Legaten des Papstes sich einfanden, wurde Rudgers Wahl bestätigt. Damit war das Zeichen zum Kampfe gegeben. Würzburg erscheint, wie so oft im 11. Jahrhundert, jetzt abermals in zwei feindliche Heerlager gespalten, und nicht etwa bloß die engeren Würzburgischen Interessen, sondern ebensosehr die großen das Reich bewegenden Gegensätze waren es, die auf diesem Kampfplatze aufeinanderstießen. Zunächst faßte Gebhard in Würzburg, wo er die Bürgerschaft für sich gewann, festen Fuß. Es kam im Sommer 1122 mit der Gegenpartei zu Kämpfen, die es letzterer rätlich erscheinen ließ, vorerst von weiteren Angriffen auf die Stadt abzustehen und die Weihe Rudgers im Kloster Schwarzach vorzunehmen. Gebhard behauptete sich in der Stadt und Umgegend, Rudgers Gewalt erstreckte sich über den am Neckar liegenden Theil des Bistums. Bald darauf gelang der Abschluß des langersehnten Friedenswerkes zwischen Kaisertum und Papsttum; allein in dem Würzburger Schisma wollte dadurch noch keine Lösung eintreten. Einen Teil der Schuld davon trug jedenfalls die eigentümliche, mehrfach schwankende Haltung des Erzbischofs Adelbert, der Anfangs unter dem Druck der Gegenwart des Kaisers, Gebhard Versprechungen gemacht hatte, um sich hinterher auf die andere Seite zu schlagen; im September 1122 verwendete er sich beim Papste in einem Schreiben auf das Entschiedenste für Rudger. Dieser ungewisse Zustand währte, wie es scheint, ohne wesentliche Aenderung bis zum Jahre 1124, wo dann die Schlichtung des Streites aufs neue in Angriff genommen wird. Papst Calixt II., seit dem Friedensschluß stets zum Entgegenkommen geneigt, schien Gebhard als dem Kandidaten des Kaisers nicht abgeneigt. Er entsandte hauptsächlich wegen dieser Angelegenheit den Cardinal-Bischof Wilhelm von Präneste nach Deutschland. Auf einer deshalb stattfindenden Versammlung zu Worms im Sommer 1124 gewann, wenn man Gebhards eigenem Bericht Glauben schenken darf, dessen Sache erheblich an Aussicht. Allein auch Rudger war unterdessen nicht untätig. Wohl gerade Angesichts jener für ihn bedrohlichen Wendung eilte er nach Rom; er fand dort gute Aufnahme, aber, wie es scheint, keinen bestimmten Bescheid; und alsbald nach der Rückkehr wurde er das Opfer einer gerade herrschenden Epidemie im Jahre 1125. Damit trat Gebhards Sache um so gewisser in ein neues Stadium, als der im nämlichen Jahre erfolgende Tod des Kaisers überhaupt einen großen Umschwung herbeiführte. Erzbischof Adelbert war jetzt angesichts dieser veränderten Lage nicht abgeneigt, für Gebhard sich zu erklären, um, wie er selbst sagt, eine völlige Zerrüttung der Würzburger Kirche zu verhüten. Eine Synode, die er auf den 18. Oktober 1125 nach Mainz berief, sollte darüber entscheiden. Nach Gebhards Darstellung, der einzigen, die wir darüber besitzen, wurde ihm dort die Weihe in Aussicht gestellt, während nach einer andern allerdings schwer zu begründenden Vermutung der Propst Embrico von Erfurt bereits damals zum Nachfolger auserlesen worden wäre. Bald darauf, wie es scheint, kam es jedoch in Würzburg selbst zu einem neuen heftigen Zusammenstoß der beiden Parteien. Den Gegnern Gebhards unter Führung des Dompropstes Otto gelang es, die Oberhand in der Stadt zu gewinnen; aber Gebhard und seine Anhänger antworteten darauf mit Einäscherung der Vorstadt, Besetzung des Marienbergs und Verwüstung der Stiftsgüter. Gerade diese Tat hat indessen Gebhard und seiner noch in der Schwebe befindlichen Sache mehr geschadet als genützt. Erzbischof Adelbert hatte wahrscheinlich schon gleich nach jener Mainzer Synode die Angelegenheit dem Papste vorgetragen. Jedoch Honorius II., der Nachfolger Calixt II., war einer von jenen Legaten, die ehedem der Weihe Rudgers beigewohnt hatten; er mochte daher von vorne herein Gebhard wenig geneigt sein. Die Entscheidung der Kurie fiel denn auch entschieden zu Ungunsten Gebhards aus. Eine vom 4. März 1126 datirte Antwort des Papstes gebot seine Entfernung. Jedoch Gebhard hatte sich unterdessen an König LOTHAR gewendet. Man beschied ihn auf einen Reichstag nach Straßburg, Herbst 1126, wo auch der mit Vollstreckung jener päpstlichen Sentenz betraute Cardinal-Legat Gerhard zugegen war. Noch einmal schienen sich hier für Gebhard Aussichten zu eröffnen; Erzbischof Adelbert erteilte ihm den Rat, seine Sache in Rom persönlich zu vertreten. Da führte ein neuer Gewaltstreich seiner Anhänger in Würzburg abermals eine ungünstige Wendung herbei. Gebhard bekam durch denselben die Stadt in seine Gewalt, allein die, wie es scheint, sehr rasch dem noch versammelten Reichstag zukommende Kunde davon führte nun die Verhängung der Exkommunikation über Gebhard herbei. Kaiser LOTHAR und Erzbischof Adelbert erschienen darauf selbst in Würzburg, wo der Bann gegen Gebhard wiederholt wurde. Die Sache blieb immerhin ungefähr noch ein Jahr lang in der Schwebe, und Adelbert scheint noch einmal Unterhandlungen mit angeknüpft zu haben; nach des letzteren Angabe hätte es sich dabei sogar um einen Bestechungsversuch gehandelt. Gebhards Lage in der Stadt war aber doch in Folge jener Vorgänge eine unhaltbare geworden, so daß er es vorzog, sich auf seine Familiengüter zurückzuziehen. Bei einem weiteren Aufenthalte LOTHARS und Adelberts in Würzburg im folgenden Jahre 1127 fand endlich der lange Streit seine entscheidende Lösung, indem um Weihnachten der Propst Embrico von Erfurt zum Bischof gewählt und sofort auch investirt und geweiht wurde. Noch ein paar Jahre lang hat Gebhard die Fortsetzung eines jedoch erfolglosen Widerstandes versucht. Gebhards Rolle war indes mit dieser Niederlage in dem Würzburger Bistumsstreit noch keineswegs ausgespielt. Als es sich im April 1131 um die Neubesetzung des Trierer Erzstuhls handelte, da taucht sein Name plötzlich wieder auf; eine mächtige Laienpartei macht ihn zu ihrem Kandidaten. Aber auch hier vermochte er nicht durchzudringen, indem bald darauf die Wahl des Albero von Montreuil erfolgte. Es war aber Gebhard doch noch beschieden, am Abend seines Lebens das Ziel zu erreichen, um das er Jahre lang vergeblich gestritten hatte. Gegen Ende des Sommers 1150 starb zu Würzburg Embricos Nachfolger, Bischof Siegfried von Truhendingen, und noch im nämlichen Jahre erfolgte die Wahl Gebhards für den erledigten Stuhl. Daß dieser Neugewählte dem Hause der Grafen von Henneberg angehörte, wird in einigen Urkunden klar ausgesprochen; und der weiteren Annahme, daß er identisch sei mit jenem früheren gleichnamigen Bistumskandidaten – eine schon von dem Würzburg’schen Chronisten L. Fries vertretene Anschauung – steht kein irgendwie triftiger Grund entgegen, um so weniger, wenn man das bei jener früheren streitigen Wahl noch sehr jugendliche Alter Gebhards in Betracht zieht. Über die inmitten liegenden Zeitpunkte aber (1131–1150) sind wir freilich bezüglich seiner Schicksale fast ganz im Unklaren; urkundliche Angaben führen auf die Vermutung, daß er in dem zweiten Jahrzehnt zu Würzburg im Domstifte, vielleicht auch im Collegiatstifte Neumünster eine Würde bekleidete; auch scheint er den bischöflichen Titel noch längere Zeit nach seiner Absetzung geführt zu haben. – Wie dem aber sei, aus Allem, was wir nun von dieser späteren Regierung Gebhards wissen, tritt uns das Bild eines energischen, besonders auf Erweiterung der politischen Rechte des Hochstifts eifrig bedachten Kirchenfürsten entgegen. Wir dürfen ihn als den ersten unter jenen Bischöfen von Würzburg betrachten, die es versuchten, jene dem Würzburger Stuhl angeblich über Ost-Franken verliehene Herzogsgewalt thatsächlich geltend zu machen. Er wollte das unter anderem besonders dem Hochstift Bamberg gegenüber durchführen, allein es kam darüber zu einem Prozesse, in dem bald nach Gebhards Tod, im Jahre 1160 durch kaiserlichen Spruch zu Ungunsten jener würzburgischen Bestrebungen entschieden wurde. Aber auch sein bischöfliches Amt hat Gebhard gewissenhaft verwaltet, wie das aus einer Reihe von Urkunden für kirchliche Institute hervorgeht. Endlich hat Gebhard auch seine Pflichten als Reichsfürst mit Eifer erfüllt. Schon bei den Vorbereitungen zur Wahl Kaiser FRIEDRICH I. scheint er beteiligt gewesen zu sein, und wir begegnen ihm in der Folge häufig am Hofe dieses Kaisers. So begleitete er ihn im Jahre 1158 auf seinem zweiten Zuge nach Italien und nahm noch an dem Reichstag auf den ronkalischen Feldern im November dieses Jahres teil; da erfaßte ihn dort, wohl im Vorgefühl seines nahen Endes, die Sehnsucht nach der Heimat. Mit des Kaisers Zustimmung begab er sich noch mitten im Winter 1159 auf die Heimreise, aber schon 7 Tage nach seiner Ankunft in Würzburg endete sein wechselvolles Leben, am 17. März (1159). – Die an Gebhard gerichtete Widmung des berühmten Codex Udalrici im Jahre 1125 spricht dafür, daß er auch Sinn für litterarische Bestrebungen besaß. Daß er selbst die Feder gewandt zu führen wußte, zeigt seine der genannten Briefsammlung nachher ebenfalls einverleibte Verteidigungsschrift aus dem Jahre 1127, eine Hauptquelle für jenen Würzburger Bistumsstreit, wenngleich als Parteischrift nur mit Vorsicht zu benützen.
- Ussermann, Episcop. Wirceburg. S. 60 ff. 66 ff. Schultes, Diplomat. Geschichte des gräfl. Hauses Henneberg. Bd. 1. S. 39 ff. V. Hefele, Der Streit um das Bisthum Würzburg in den Jahren 1122–27 im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. 9. Jahrg. Nr. 1–5. Giesebrecht, Kaiserzeit Bd. III u. IV.