Otto                                                Graf von Haldensleben
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    -26.6.1057 gefallen
     bei Haus-Neindorf
 

Sohn des Grafen Bernhard II. von Haldensleben aus seiner 2. Ehe mit einer Tochter von Großfürst Wladimir I. von Kiew
 

Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1873
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Haldensleben, Markgrafen von
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Nachdem Bernhards Sohn, Markgraf Wilhelm, am 10. September 1056 gegen die Lutizen gefallen war, wurde dessen nicht ebenbürtiger Halbbruder Otto 1057 vom sächsischen Adel in den Ansprüchen auf das gräfliche Erbe und die Markgrafschaft unterstützt und zugleich ermutigt, HEINRICH IV. die Königskrone zu entreißen. Jedoch starb Otto bereits am 26. Juni 1057 bei einem Gefecht mit den BRUNONEN Brun und Ekbert I.



Althoff Gerd: Seite 403
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"Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung"

                                             G 71

Lü:     26.6.  Oddo lai   + 1057

Vgl. Kommentar G 70.
Otto galt als Kopf der anti-salischen Kräfte in Sachsen; vgl. Giese, Der Stamm der Sachsen und das Reich, S. 150; Fenske, Adelsopposition, S. 23 f.



Thiele Andreas: Tafel 218
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"Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte"
Band I, Teilband 1 Deutsche Kaiser-, Königs-, Herzogs- und Grafenhäuser I

OTTO
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    + 1057

Er ist ohne Erbrecht, erstrebt jedoch trotzdem die Nachfolge in der Nordmark; wohl auch in Meißen/Lausitz; ist ein übler Fehdetyp und wird von Ekbert I. von Meißen erschlagen.



Otto lebte in Böhmen in der Verbannung, kehrte nach seines Stiefbruders Tode zurück, um ihn zu beerben. Von der Partei der aufständischen Sachsen zum Anführer erkoren, wollte er auf dem Wege nach Quedlinburg den jungen König HEINRICH IV. abfangen und töten und selbst an dessen Stelle treten.

Lampert von Hersfeld: Seite 60,62
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"Annales/Annalen"

1057
Die sächsischen Fürsten verhandelten in häufigen Zusammenkünften über die Ungerechtigkeiten, die ihnen unter dem Kaiser zugefügt worden waren, und sie glaubten sich dafür eine herrliche Genugtuung zu verschaffen, wenn sie seinem Sohn die Reichsregierung entrissen; solange noch seine Jugend günstige Gelegenheit zu solcher Gewalttat böte; und die Annahme war ja naheliegend, daß der Sohn in Charakter und Lebensart, wie man zu sagen pflegt, in die Fußtapfen des Vaters treten werde. Unverhofft fanden sie ein ausgezeichnetes Werkzeug für ihre Umsturzpläne in Otto, einem Bruder Markgraf Wilhelms [von der Nordmark], aber aus unebenbürtiger Ehe - seine Mutter war nämlich Slavin -, einem Mann  von scharfem Verstand und stets kampfbereiter Faust. Dieser hatte schon von Kindheit an als Verbannter in Böhmen gelebt. Als er aber den Tod des Bruders erfuhr, kehrte er in der sicheren Erwartung zurück, dessen Erbe zu werden, nach Sachsen zurück und wurde dort von allen Fürsten freundlich aufgenommen; sie stachelten ihn alle mit großen anfeuernden Worten auf, das Ziel seines Strebens nicht nur auf die Macht zu richten, die ihm ja kraft Erbrechts zustehe, sondern auch auf die Königskrone. Als sie ihn dazu aufgelegt und tatbereit fanden, versicherten sie ihn alle ihrer Treue, jeder einzelne versprach, ihm seinen Arm, seine Hilfe zu leihen, und sie beschlossen, den König zu töten, wo immer das Schicksal Gelegenheit dazu böte.
Da wurden alle von Furcht ergriffen, denen das Schicksal des Reiches auch nur einigermaßen am Herzen lag, und eifrig darauf bedacht, den Umtrieben gleich zu Beginn Einhalt zu tun, hielten sie es für richtig, daß der König unverzüglich nach Sachsen komme und alle nur möglichen Mittel anwende, um der dem Reich drohenden Gefahr entgegenzutreten. Daher wollte er den Tag der hl. Apostel Petrus und Paulus in Merseburg feiern; hierher ließ er sämtliche Fürsten Sachsens zu einer Beratung entbieten. Als sie nun auf dem Wege dahin waren, jeder von einer seinen Verhältnissen entsprechenden Schar Bewaffneter begleitet, traf es sich, daß Brun und Ekbert, des Königs Vettern, zufällig auf die Mannschaft Ottos stießen, der mit dicht zusammengedrängten Mannen zum königlichen Hoflager ritt [In der Nähe von Quedlinburg.]. Diese waren abgesehen von politischen Gegensätzen auch wegen persönlicher Feindschaft dessen erbitterste Gegner. Unverzüglich geben sie ihren Kriegern das Zeichen zum Angriff, spornen die Rosse, und beide Parteien stürzen mit gleicher Kühnheit, mit gleichem Haß in das wechselseitige Morden. In vorderster Reihe trafen Brun und Otto aufeinander, beide voller Haß, beide, ohne an ihre eigene Deckung zu denken, nur darauf bedacht, den Gegner zu treffen, rannten sie mit so hitzigem Ungestüm gegeneinander, daß sie sich beim ersten Anprall gegenseitig durchbohrten und tödlich verwundet vom Pferde warfen. Nach dem Tode der Führer fesselte ein hin und her wogender Kampf beide Mannschaften noch eine zeitlang aneinander. Doch da stürzt sich Ekbert trotz schwerer Verwundung in tierischer Wut vor Schmerz über den Tod seines Bruders in rasenden Ansturm blindlings in die dichtesten Reihen der Feinde und erschlägt Graf Bernhards Sohn, einen ausgezeichnten, aber kaum zum Kriegsdienst herangereiften jungen Mann; die übrigen, die nun nach dem Verlust des Führers lässiger kämpften, schlug er in die Flucht. So ward das Reich von schwerer Sorge befreit, und die Sachsen, denen der Bannerträger der Rebellion genommen war, unternahmen nun nichts Feindseliges mehr gegen den König.

Giese Wolfgang: Seite 150
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"Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und salischer Zeit"

Das Verhältnis des Sachsen zu HEINRICH IV. unterlag augenscheinlich von Anfang an gewissen Belastungen. So schreibt Lampert zum Jahr 1057: "Principes Saxoniae crebis conventiculis agitabant de iniuriis, quibus sub imperatore affecti fuerant, arbitrabanturque pulchre sibi de his satisfactum, si filio eius, dum adhuc aetas oportuna iniuriae esset, regnum eriperent; nec procul ab fide aberat filium in mores vitamque patris pedibus, ut aiunt, iturum esse." In Otto, der aus einem slawischen Gebiet nach Sachsen gekommen war, um die Nordmark als Erbe seines verstorbenen Bruders Wilhelm zu beanspruchen, glaubte man den Kopf für diesen "Putsch" gefunden zu haben, "magnisque omnium adhortationibus instigatur non modo marcham, quae sibi iure hereditario competeret, sed ipsum quoque regnum affectare". Den Ernst der Lage kennzeichnet die Tatsache, dass der Hof sich mit dem kleinen HEINRICH unverzüglich nach Sachsen begab, um dort nach dem Rechten zu sehen. Noch bevor intensive Verhandlungen mit der sächsischen Führungsschicht aufgenommen waren, fiel Otto einer Fehde zum Opfer. Da nun der "signifer" fehlte, brach diese Rebellion zusammen.

Fenske Lutz: Seite 23
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"Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen"

Seinen Bericht über die konspirativen Absichten sächsischer Fürsten verknüpft Lampert mit einem Ereignis, das in die letzte Lebenszeit HEINRICHS III. und in die Zeit unmittelbar nach seinem Tod fällt: Im September 1056 hatte ein sächsisches Heer unter Führung Markgraf Wilhelms von der sächsischen Nordmark eine schwere Niederlage im Kampf gegen die Liutizen erlitten, wobei der Markgraf den Tod fand. Da sein Geschlecht - die sogenannten Grafen von Haldensleben - mit ihm erlosch, gelangte die Markgrafschaft an den Grafen Udo von Stade. Markgraf Wilhelm hatte jedoch einen nicht ebenbürtigen Bruder, Otto, der einer Verbindung seines Vaters Bernhard mit einer Slawin entstammte und als Verbannter in Böhmen lebte. Auf die Nachricht vom Tode Wilhelms kehrte dieser in der Absicht, dessen Erbe anzutreten, nach Sachsen zurück und fand mit seinen Erbansprüchen unter den sächsischen Fürsten Fürsprecher. Dabei ging es ihm nicht nur um das Allodialerbe, sondern er beanspruchte auch die Markgrafschaft. So begann sich ein ernster Konflikt zu entwickeln, der in den Kreisen der sächsischen Fürsten, die Otto unterstützten, bewußt dazu genutzt worden zu sein scheint, um das Vormundschaftsregiment der Kaiserin auf die Probe zu stellen. Schon war ein Hoftag in Merseburg auf den 29. Juni 1057 angesagt, auf den der Streitfall verhandelt werden sollte, als Otto, begleitet von seinen Anhängern und Vasallen, auf dem Wege dorthin mit den beiden gräflichen Brüdern Ekbert und Brun, den Vettern des Königs, zusammenstieß, die als Gegner Ottos galten. Bei dem heftigen Kampf, der sich sofort entwickelte, töteten sich Brun und Otto gegenseitig, so dass, wie Lampert das ganze Geschehen kommentiert, das gewaltsame Ende Ottos das Reich von großer Sorge befreite. An dem Bericht Lamperts bleibt vieles undeutlich. Weder läßt sich erkennen, welche Personen aus dem sächsischen Adel den illegitimen Abkömmling Bernhards unterstützten, noch ist es zu entscheiden, ob die BRUNONEN Otto als Vertreter und Sachwalter königlicher Interessen oder als Konkurrenten bekämpften.

Black-Veldtrup Mechthild: Seite 128-129
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"Kaiserin Agnes (1043-1077) Quellenkritische Studien"

Lampert von Hersfeld berichtet zu 1057, als der Kaiser acht Monate tot ist, von konspirativen Zusammenkünften der principes Saxoniae, die sich wegen der unter ihm erlittenen Ungerechtigkeiten in einem Aufstand gegen seinen Sohn Genugtuung verschaffen wollten. Ziel der Erhebung, die unter der Führung Ottos, eines Halbbruders des 1056 gefallenen Markgrafen Wilhelm von der Nordmark, stand, war der Sturz der Reichsregierung. Ob Agnes die Politik ihres Mannes tatsächlich so konsequent weiterführte, wie die Forschung es behauptet, sei zunächst dahingestellt; sie übernahm das Problem des unter seiner Regierung erwachsenen schwelenden Unmuts der Sachsen, der sich 1057 entlud. Es spricht für die Stärke HEINRICHS III., dass der Aufstand erst nach seinem Tode losbrach, und es spricht  für die Macht der Regentin und ihrer Anhänger [Zu dem Problem, ob die BRUNONEN im Interesse des Königs oder als Konkurrenten um die Krone gegen Otto, Halbbruder Markgraf Wilhelms von der Nordmark, Partei nahmen, Fenske, Adelsopposition], dass er schnell niedergeschlagen werden konnte.

Giese Wolfgang: Band I Seite 284
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"Adel in Ostsachsen" in: Die Salier und das Reich

Dass die Verschwörergruppe sich 1057 öffentlich artikulierte, lag daran, dass eine Gallionsfigur für ihre subversiven Absichten gefunden worden war. Als im Vorjahr die Nachricht vom Tode Markgraf Wilhelms von der Nordmark sich verbreitet hatte, war sein von Kindheit an nach Böhmen verbannter Halbbruder Otto ins Reich geeilt, um sein vermeintliches Erbe anzutreten. Mit der Markgrafschaft war aber in der Zwischenzeit bereits Udo von Stade, ein naher Verwandter des Königshauses, belehnt worden, und Otto um seine Hoffnungen betrogen. Die Verschwörer stachelten ihn nun an, nicht nur um das entgangene Erbe zu kämpfen, sondern gleich nach der Königswürde zu greifen und gelobten dafür Hilfe und Treue. Am Hof nahm man diesen Vorfall so ernst, dass man sich unverzüglich nach Sachsen begab und alle dortigen Fürsten zu einer Unterredung, am Peter- und Paulstag, den 29. Juni, nach Merseburg zusammenrief. Auf dem Weg dorthin traf Otto auf persönliche Feinde, die sofort über ihn herfielen und ihn erschlugen. Mit ihm verlor - um eine Formulierung Lamperts von Hersfeld zu gebrauchen - der rebellionis signifer das Leben, worauf die rebellio selbst in sich zusammenfiel. Es nimmt sich sehr merkwürdig aus, dass die Rebellierenden ihren aktiven Widerstand so auf Gedeih und Verderb an die Person eines einzelnen banden, eines Mannes noch dazu, der als Sohn einer Slawin nicht eigentlich ebenbürtig war und als ein seit Kindheit Verbannter nie im Lande gelebt hatte. Zweifellos bedarf eine umstürzlerische Bewegung eines Kopfes, der die nötigen Aktionen leitet, der der Bewegung eine Identifikation und ein personelles Ziel verleiht. Doch hätte die sowohl vor, wie erst recht nach Otto, wo die Geheimhaltung aufgegeben worden war, auch von einem anderen Mitglied der Gruppe übernommen werden können. Es müßte folglich so gewesen sein, dass die beteiligten Herren untereinander so stark rivalisierten, dass keiner sich unter das Kommando des anderen begeben wollte. Die sächsischen Adligen opferten ihren internen Eigensüchteleien eine gemeinsame politische Vision.

Reuter Timothy: Band III Seite 305
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"Unruhestiftung, Fehde, Rebellion, Widerstand" in: Die Salier und das Reich

In einer vieldiskutierten Episode unmittelbar nach dem Tde HEINRICHS III. kam es zur offenen Schlacht zwischen den EKBERTINERN und dem Bruder Markgraf Wilhelms, Otto, in der sowohl Brun als auch Otto und ein nicht genau zu identifizierender Sohn eines Grafen Bernhard starben. Es ging hier zwar um einen Versuch Ottos, HEINRICH IV. zu stürzen und selber König zu werden, aber auch um private Feindschaft zwischen den Kontrahenten [Lampert, Annales, Seite 71 f. Dazu siehe Fenske, Adelsopposition (wie Anm. 3), Seite 23 f., K.Leyser, The crisis of medieval Germany, in: Procceedings of the British academy 69, 1983, Seite 409-443, hier Seite 440.].
 
 
 
 

Literatur:
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Althoff, Gerd: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Wilhelm Fink Verlag München 1984 Seite 403 - Annalista Saxo: Reichschronik Seite 65,69,71 - Black-Veldtrup Mechthild: Kaiserin Agnes (1043-1077) Quellenkritische Studien. Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 1995 Seite 128-129 - Die Salier und das Reich, hg. Stefan Weinfurter, Jan Thorbecke Verlag 1991, Band I Seite 284/Band III Seite 305 - Fenske, Lutz: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1977 Seite 23 - Giese, Wolfgang: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und salischer Zeit. Franz Steiner Verlag Wiesbaden 1979, Seite 47,150 - Hlawitschka, Eduard: Untersuchungen zu den Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur Adelsgeschichte Süddeutschlands, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1987 Seite 127 - Lampert von Hersfeld: Annales/Annalen Wissenschaftliche Buchgemeinschaft Darmstadt 2000 Seite 60,62 - Rockrohr, Paul: Die letzten Brunonen, Dissertation Halle-Wittenberg 1885 Seite 11-15 - Thiele, Andreas: Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte Band I, Teilband 1, R. G. Fischer Verlag Frankfurt/Main 1993 Tafel 218 - Wies, Ernst W.: Kaiser Heinrich IV. Canossa und der Kampf um die Weltherrschaft, Bechtle Esslingen 1996, Seite 37 -