BUCH II
9. Von Sifrid und des Königs Sohn Thankmar.
Auch starb um diese Zeit Graf Sigifrid, dessen
Markgrafschaft, welche Thankmar sich
angemaßt hatte, weil er ihn mit verwandt war - es war nämlich
seine Mutter, mit welcher König Heinrich
den Thankmar zeugte, die
Tochter von Sigifrids Mutterschwester - durch königliche Schenkung
dem Grafen Gero anheimfiel, worüber Thankmar
in große Betrübniß gerieth. Der König aber zog nach
Baiern, und kehrte, nachdem er die dortigen Angelegenheiten gebührlich
geordnet nach Sachsen zurück.
20. Wie die Barbaren dem Gero nach dem Leben trachten.
Wie die Barbaren dem Gero nach dem Leben trachten und lange Zeit den Krieg fortsetzen.
Die Barbaren aber, durch unsre Uneinigkeit übermüthig
geworden, hörten nirgends auf mit Morden und Brennen das Land zu verwüsten,
und trachteten danach, den Gero, welchen der König über
sie gesetzt hatte, mit List zu tödten. Er aber kam der List mit List
zuvor, und räumte ungefähr an dreißig Fürsten der
Barbaren, die nach einem schwelgerischen Gastmahle vom Weine trunken waren,
in einer Nacht aus dem Wege. Da er aber gegen alle Völkerschaften
der Barbaren allein nicht ausreichte - es hatten sich nämlich um diese
Zeit auch die Apodriten empört, vernichteten unser Heer und erschlugen
den Anführer desselben, Namens Haica - so führte der König
selbst mehrere Male ein Heer gegen sie, fügte ihnen vielen Schaden
zu und brachte sie fast in das äußerste Verderben. Nichtsdestoweniger
zogen jene den Krieg dem Frieden vor, indem sie alles Elend der theuren
Freiheit gegenüber gering achteten. Es ist nämlich dieser Menschenstamm
abgehärtet und scheut keine Anstrengung; gewöhnt an die dürftigste
Nahrung, halten die Slaven für Genuß, was den Unsern als eine
große Beschwerde
erscheint. Wahrlich, viele Tage gingen darüber hin,
während von beiden Seiten mit abwechselndem Glücke gekämpft
wurde, da die einen für den Kriegsruhm und die Ausbreitung ihrer Herrschaft
stritten, für jene aber Freiheit entweder oder die
äußerste Knechtschaft auf dem Spiele stand. Vieler Feinde Angriffe
hatten nämlich in jenen Tagen die Sachsen zu bestehen; die Slaven
im Osten, die Franken im Süden, die Lotharinger im Westen, im Norden
die Dänen und gleichfalls Slaven; und deshalb zog sich auch der Kampf
mit den Barbaren in die Länge.
30. Von Markgraf Gero.
Während dieser Zeit wüthete ohne Unterlaß
der Krieg mit den Barbaren. Und da die Krieger, welche den Markgrafen
Gero zugewiesen waren, durch die häufigen Feldzüge aufgerieben
wurden und durch Gaben oder Anweisung von Zinsgefällen zu wenig unterstützt
werden konnten, weil die Abgaben häufig verweigert wurden, entbrannten
sie von aufrührerischem Hasse gegen Gero. Der König aber
stand zum allgemeinen Wohle des Staates immer auf Gero's Seite.
Daher kam es, daß sie heftig erbittert ihren Haß auch auf den
König selbst warfen.
BUCH III
37. Liudulf bittet um Frieden, erlangt ihn aber
nicht.
Liudulf bittet um Frieden, erlangt ihn aber nicht, und von Arnulfs Tod.
Deshalb ging Liudulf mit
den angesehensten Häuptern der Seinen aus der Stadt heraus und verlangte
Frieden, erhielt ihn aber nicht, weil er seinem Vater den Gehorsam verweigerte.
In die Stadt zurückgekehrt warf er sich auf Gero, hochberühmt
durch eben so viele Siege, als er Schlachten geliefert hatte, welcher vor
dem östlichen Thore lagerte. Von der dritten Stunde bis in die neunte
ward hier gekämpft; vor dem Thore der Stadt stürzte ein Pferd
und sein Reiter Arnulf, seiner Wehr beraubt, erlag sogleich
von Geschossen durchbohrt. Nach zwei Tagen wurde durch eine Frau, welche
der Hungersnoth halber aus der Stadt floh, sein Tod bekannt, während
man vorher darüber in Ungewißheit war. Durch seinen Tod geriethen
die Städter in große Bestürzung und ließen sich auf
Friedensverhandlungen ein.
42. Wie die Ukrer von Gero unterworfen werden.
In diesem Jahre wurden die Slaven, welche Uchrer heißen,
von Gero mit großem Ruhme besiegt, da ihm Herzog Konrad vom
Könige zu Hülfe gesandt worden war. Ungeheure Beute wurde weggeführt
und in Sachsen ward die Freude groß.
54. Von Markgraf Gero.
Gero nämlich war durch viele gute Eigenschaften
ausgezeichnet, des Krieges kundig, von gutem Rathe in bürgerlichen
Angelegenheiten, nicht ohne Beredsamkeit, von vielem Wissen und solches
Schlages, daß er seine Klugheit lieber durch Thaten als durch Worte
bewies; im Erwerben zeigte er Thatkraft, im Mittheilen Freigebigkeit, und
was das vorzüglichste war, löblichen Eifer für den Dienst
Gottes. Der Markgraf also begrüßte den Barbaren über den
Sumpf und den Fluß welcher an den Sumpf stößt; worauf
der Slave in ähnlicher Weise erwiederte. Darauf sprach der Markgraf:
"Es würde für dich genug sein, wenn du gegen einen von uns, von
meines Herrn Dienern, Krieg führtest, und nicht auch gegen meinen
Herrn, den König. Was für ein Heer hast du, was für Rüstungen,
um dich zu solchem zu vermessen? Wenn ihr etwas Tapferkeit, etwas Geschick
und Kühnheit besitzt, so gebt uns Raum, zu euch hinüber zu kommen,
oder wir wollen euch zu uns herüberkommen lassen, und auf gleicher
Wahlstatt möge dann die Tapferkeit des Streiters sich zeigen."
Der Slave nach barbarischer Sitte mit den Zähnen knirschend und viele
Schimpfworte ausstoßend, verspottete Gero und den Kaiser und
das ganze Heer, da er dasselbe von vielen Beschwerden bedrängt wußte.
Gero aber hierdurch gereizt, wie er denn sehr hitzigen Gemüthes
war, entgegnete: "Der morgende Tag wird zeigen, ob ihr, du und dein Volk,
stark von Kräften seid, oder nicht; denn morgen werdet ihr uns ohne
Zweifel mit euch handgemein werden sehen." Gero war nun zwar schon
längst durch viele herrliche Thaten berühmt aber gerade damals
feierte man ihn ganz besonders aller Orten mit großem Lobe, weil
er die Slaven, welche Uchrer heißen, mit so großem Ruhme überwunden
hatte. Er kehrte also in das Lager zurück und meldete, was er gehört
hatte. Aber der Kaiser erhob sich vor Tagesanbruch und befahl mit Pfeilen
und anderem Geschoß den Feind zur Schlacht herauszufordern und den
Schein anzunehmen, als ob man mit Gewalt den Sumpf und den Fluß überschreiten
wolle. Die Slaven, welche nach der Drohung vom vorigen Tage nichts anderes
vermutheten, brannten gleicherweise auf die Schlacht und vertheidigten
den Uebergang aus allen Kräften. Allein Gero zog mit seinen
Freunden, den Ruanern, ungefähr eine Meile vom Lager abwärts
und erbaute vom Feinde unbemerkt in aller Eile drei Brücken; dann
sandte er einen Boten an den Kaiser, und forderte das ganze Heer auf, ihm
nachzukommen. Als dies die Barbaren sahen, eilten auch sie sich den Legionen
entgegen zu stellen, allein ihr Fußvolk hatte den längeren Weg
zurückzulegen, und da sie vom Lauf ermüdet den Kampf begannen,
wichen sie bald erschöpft den Rittern; da sie nun in der Flucht Schutz
suchten, wurden sie unverweilt niedergehauen.
60. Wie sich Wicmann dem Gero als Gefangener ergab.
Als zum dritten Male ein Heer gegen Wichmann geführt
wurde, erlangte er mit Mühe, daß Gero und dessen Sohn
seine Ergebung annahmen, und beim Kaiser für ihn auswirkten, daß
er sich der Heimath und des Erbgutes seiner Gemahlin mit des Kaisers Gnade
wieder erfreuen durfte. Er schwor, wie ihm geheißen, einen furchtbaren
Eid, daß er gegen den Kaiser und des Kaisers Reich niemals weder
durch die That noch durch Rath sich in etwas vergehen wolle. Nachdem er
so Treue gelobt, wurde er in
Frieden entlassen und durch gute Verheißungen vom
Kaiser aufgerichtet.
66. Gero entließ seines Eides wegen den Wicmann.
Markgraf Gero also, jenes Schwures eingedenk,
gab Wichmann, als er sah, daß dieser angeklagt wurde, und
er ihn als schuldig erkannt hatte, den Barbaren, von welchen er ihn empfangen
hatte, wieder zurück. Von diesen mit Freuden aufgenommen, bedrängte
er die entfernter wohnenden Slaven durch häufige Treffen. Den König
Misaca, unter dessen Gewalt die Slaven standen, welche Licicaviker heißen,
überwand er zweimal, tödtete ihm seinen Bruder und erpreßte
von ihm reiche Beute.
67. Wie Gero die Lusiki besiegte.
Um diese Zeit besiegte auch Markgraf Gero die
Lusiker Slaven mit gewaltiger Kraft und brachte sie zu äußerster
Knechtschaft, jedoch nicht ohne eigene schwere Verwundung und den Verlust
seines Neffen, eines wackern Mannes, und viel andrer edler Männer.
Rückkehr des Kaisers aus Italien und von seinem Tod.
Als nun der Kaiser den Tod seiner Mutter und seines Sohnes
und der übrigen vornehmen Männer - denn auch Gero, ein
gewaltiger und mächtiger Mann, war schon vorher gestorben -
vernommen hatte, beschloß er von dem Feldzuge nach Fraxanetum abzusehen
und nach Anordnung der Verhältnisse in Italien in sein Vaterland zurückzukehren.
Es drang auch zu ihm das Gerücht, als ob die Mehrzahl der Sachsen
sich empören wollte, eine Sache, die wir nicht einmal der Mittheilung
für werth erachteten,
weil sie ohne alle Bedeutung war. So verließ er
denn Italien mit großem Ruhme, da er den König der Longobarden
gefangen genommen, die Griechen überwunden und die Saracenen besiegt
hatte; mit seinen siegreichen Heerschaaren zog er nach Gallien, um von
hier nach Germanien hinüberzugehen und das nächste Osterfest
an dem weitberühmten Orte Quidilingaburg zu feiern, wo eine zahlreiche
Menge aus verschiedenen Völkern zusammenkam und seine wie des
Sohnes Rückkehr in's Vaterland mit großer Freude feierte. Hier
blieb er aber nicht länger als 17 Tage, und zog abwärts,
um die Himmelfahrt des Herrn zu Mersburg zu feiern. Traurig aber durchwandelte
er diese Gegenden ob des Todes des trefflichen Mannes, des Herzogs Herimann,
der das Gedächtniß seiner Klugheit und Gerechtigkeit und seiner
wunderbaren Wachsamkeit in innern und auswärtigen Angelegenheiten
allen Sterblichen für ewige Zeiten hinterlassen hat. Darauf
empfing er Gesandte aus Afrika, die ihm mit königlicher Ehre und mit
Geschenken aufwarteten, und hieß sie bei ihm bleiben. Am Dienstag
aber vor Pfingsten kam er an einen Ort der Miminlevu heißt. In der
nächsten Nacht stand er wie gewöhnlich mit der Dämmerung
von seinem Lager auf und wohnte den nächtlichen Lobgesängen und
den Frühmetten bei. Darauf ruhte er ein wenig. Nachdem hierauf
das Meßamt gehalten war, spendete er nach seiner Gewohnheit den Armen,
genoß ein wenig und ruhte wiederum auf seinem Lager.
Zur Mittagstunde aber kam er fröhlich aus seinem
Gemach und setzte sich heiter zu Tisch. Nach vollbrachter Aufwartung wohnte
er den Abendgesängen bei. Als aber das Evangelium gesungen war, fing
er schon an, zu fiebern und matt zu werden. Als dies die umstehenden Fürsten
merkten, setzten sie ihn auf einen Sessel. Da er aber das Haupt neigte,
als wäre er schon verschieden, erweckten sie ihn noch wieder
zum Bewußtsein; er begehrte das Sacrament des Leibes und Blutes Gottes,
nahm es und übergab dann ohne Seufzer mit großer Ruhe den letzten
Hauch unter den Klängen der Lobgesänge dem barmherzigen Schöpfer
aller Dinge. Dann ward er von hier in sein Schlafgemach gebracht, und da
es schon spät war, sein Tod dem Volke verkündet. Das Volk aber
sprach viel zu seinem Lobe in dankbarer Erinnerung, wie er mit väterlicher
Milde seine Unterthanen regiert, und sie von den Feinden befreit, die übermüthigen
Feinde, Avaren, Sarazenen, Dänen, Slaven mit Waffengewalt besiegt,
Italien unterworfen, die Götzentempel bei den benachbarten Völkern
zerstört, Kirchen und geistliche Ordnung eingerichtet habe,
und indem sie untereinander noch viel anderes Gute über ihn redeten,
wohnten sie der königlichen Leichenfeier bei.