Widukind von Corvey: Seite 117,133,143,191,193,209,211,215,219,221,233
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"Die Sachsengeschichte."
 

BUCH II
 

9. Von Sifrid und des Königs Sohn Thankmar.

 
Auch starb um diese Zeit Graf Sigifrid, dessen Markgrafschaft, welche Thankmar sich angemaßt hatte, weil er ihn mit verwandt war - es war nämlich seine Mutter, mit welcher König Heinrich den Thankmar zeugte, die Tochter von Sigifrids Mutterschwester - durch königliche Schenkung dem Grafen Gero anheimfiel, worüber Thankmar in große Betrübniß gerieth. Der König aber zog nach Baiern, und kehrte, nachdem er die dortigen Angelegenheiten gebührlich geordnet nach Sachsen zurück.
 

20. Wie die Barbaren dem Gero nach dem Leben trachten.
 

 Wie die Barbaren dem Gero nach dem Leben trachten und lange Zeit den Krieg fortsetzen.

 
Die Barbaren aber, durch unsre Uneinigkeit übermüthig geworden, hörten nirgends auf mit Morden und Brennen das Land zu verwüsten, und trachteten danach, den Gero, welchen der König über sie gesetzt hatte, mit List zu tödten. Er aber kam der List mit List zuvor, und räumte ungefähr an dreißig Fürsten der Barbaren, die nach einem schwelgerischen Gastmahle vom Weine trunken waren, in einer Nacht aus dem Wege. Da er aber gegen alle Völkerschaften der Barbaren allein nicht ausreichte - es hatten sich nämlich um diese Zeit auch die Apodriten empört, vernichteten unser Heer und erschlugen den Anführer desselben, Namens Haica - so führte der König selbst mehrere Male ein Heer gegen sie, fügte ihnen vielen Schaden zu und brachte sie fast in das äußerste Verderben. Nichtsdestoweniger zogen jene den Krieg dem Frieden vor, indem sie alles Elend der theuren Freiheit gegenüber gering achteten. Es ist nämlich dieser Menschenstamm abgehärtet und scheut keine Anstrengung; gewöhnt an die dürftigste Nahrung, halten die Slaven für Genuß, was den Unsern als eine große Beschwerde
erscheint. Wahrlich, viele Tage gingen darüber hin, während von beiden Seiten mit abwechselndem Glücke gekämpft wurde, da die einen für den Kriegsruhm und die Ausbreitung ihrer Herrschaft
stritten, für jene aber Freiheit entweder oder die äußerste Knechtschaft auf dem Spiele stand. Vieler Feinde Angriffe hatten nämlich in jenen Tagen die Sachsen zu bestehen; die Slaven im Osten, die Franken im Süden, die Lotharinger im Westen, im Norden die Dänen und gleichfalls Slaven; und deshalb zog sich auch der Kampf mit den Barbaren in die Länge.
 

30. Von Markgraf Gero.

 
Während dieser Zeit wüthete ohne Unterlaß der Krieg mit den Barbaren. Und da die Krieger, welche den Markgrafen Gero zugewiesen waren, durch die häufigen Feldzüge aufgerieben wurden und durch Gaben oder Anweisung von Zinsgefällen zu wenig unterstützt werden konnten, weil die Abgaben häufig verweigert wurden, entbrannten sie von aufrührerischem Hasse gegen Gero. Der König aber stand zum allgemeinen Wohle des Staates immer auf Gero's Seite. Daher kam es, daß sie heftig erbittert ihren Haß auch auf den König selbst warfen.
 

BUCH III
 

 37. Liudulf bittet um Frieden, erlangt ihn aber nicht.
 

Liudulf bittet um Frieden, erlangt ihn aber nicht, und von Arnulfs Tod.

 
Deshalb ging Liudulf mit den angesehensten Häuptern der Seinen aus der Stadt heraus und verlangte Frieden, erhielt ihn aber nicht, weil er seinem Vater den Gehorsam verweigerte. In die Stadt zurückgekehrt warf er sich auf Gero, hochberühmt durch eben so viele Siege, als er Schlachten geliefert hatte, welcher vor dem östlichen Thore lagerte. Von der dritten Stunde bis in die neunte ward hier gekämpft; vor dem Thore der Stadt stürzte ein Pferd und sein Reiter Arnulf,  seiner Wehr beraubt, erlag sogleich von Geschossen durchbohrt. Nach zwei Tagen wurde durch eine Frau, welche der Hungersnoth halber aus der Stadt floh, sein Tod bekannt, während man vorher darüber in Ungewißheit war. Durch seinen Tod geriethen die Städter in große Bestürzung und ließen sich auf Friedensverhandlungen ein.
 

42. Wie die Ukrer von Gero unterworfen werden.

 
In diesem Jahre wurden die Slaven, welche Uchrer heißen, von Gero mit großem Ruhme besiegt, da ihm Herzog Konrad vom Könige zu Hülfe gesandt worden war. Ungeheure Beute wurde weggeführt und in Sachsen ward die Freude groß.
 

54. Von Markgraf Gero.

 
Gero nämlich war durch viele gute Eigenschaften ausgezeichnet, des Krieges kundig, von gutem Rathe in bürgerlichen Angelegenheiten, nicht ohne Beredsamkeit, von vielem Wissen und solches Schlages, daß er seine Klugheit lieber durch Thaten als durch Worte bewies; im Erwerben zeigte er Thatkraft, im Mittheilen Freigebigkeit, und was das vorzüglichste war, löblichen Eifer für den Dienst Gottes. Der Markgraf also begrüßte den Barbaren über den Sumpf und den Fluß welcher an den Sumpf stößt;  worauf der Slave in ähnlicher Weise erwiederte. Darauf sprach der Markgraf: "Es würde für dich genug sein, wenn du gegen einen von uns, von meines Herrn Dienern, Krieg führtest, und nicht auch gegen meinen Herrn, den König. Was für ein Heer hast du, was für Rüstungen, um dich zu solchem zu vermessen? Wenn ihr etwas Tapferkeit, etwas Geschick und Kühnheit besitzt, so gebt uns Raum, zu euch hinüber zu kommen, oder wir wollen euch zu uns  herüberkommen lassen, und auf gleicher Wahlstatt möge dann die  Tapferkeit des Streiters sich zeigen." Der Slave nach barbarischer Sitte mit den Zähnen knirschend und viele Schimpfworte ausstoßend, verspottete Gero und den Kaiser und das ganze Heer, da er dasselbe von vielen Beschwerden bedrängt wußte. Gero aber hierdurch gereizt, wie er denn sehr hitzigen Gemüthes war, entgegnete: "Der morgende Tag wird zeigen, ob ihr, du und dein Volk, stark von Kräften seid, oder nicht; denn morgen werdet ihr uns ohne Zweifel mit euch handgemein werden sehen." Gero war nun zwar schon längst durch viele herrliche Thaten berühmt aber gerade damals feierte man ihn ganz besonders aller Orten mit großem Lobe, weil er die Slaven, welche Uchrer heißen, mit so großem Ruhme überwunden hatte. Er kehrte also in das Lager zurück und meldete, was er gehört hatte. Aber der Kaiser erhob sich vor Tagesanbruch und befahl mit Pfeilen und anderem Geschoß den Feind zur Schlacht herauszufordern und den Schein anzunehmen, als ob man mit Gewalt den Sumpf und den Fluß überschreiten wolle. Die Slaven, welche nach der Drohung vom vorigen Tage nichts anderes vermutheten, brannten gleicherweise auf die Schlacht und vertheidigten den Uebergang aus allen Kräften. Allein Gero zog mit seinen Freunden, den Ruanern, ungefähr eine Meile vom Lager abwärts und erbaute vom Feinde unbemerkt in aller Eile drei Brücken; dann sandte er einen Boten an den Kaiser, und forderte das ganze Heer auf, ihm nachzukommen. Als dies die Barbaren sahen, eilten auch sie sich den Legionen entgegen zu stellen, allein ihr Fußvolk hatte den längeren Weg zurückzulegen, und da sie vom Lauf ermüdet den Kampf begannen, wichen sie bald erschöpft den Rittern; da sie nun in der Flucht Schutz suchten, wurden sie unverweilt niedergehauen.
 

60. Wie sich Wicmann dem Gero als Gefangener ergab.

 
Als zum dritten Male ein Heer gegen Wichmann geführt wurde, erlangte er mit Mühe, daß Gero und dessen Sohn seine Ergebung annahmen, und beim Kaiser für ihn auswirkten, daß er sich der Heimath und des Erbgutes seiner Gemahlin mit des Kaisers Gnade wieder erfreuen durfte. Er schwor, wie ihm geheißen, einen furchtbaren Eid, daß er gegen den Kaiser und des Kaisers Reich niemals weder durch die That noch durch Rath sich in etwas vergehen wolle. Nachdem er so Treue gelobt, wurde er in
Frieden entlassen und durch gute Verheißungen vom Kaiser aufgerichtet.
 

66. Gero entließ seines Eides wegen den Wicmann.

 
Markgraf Gero also, jenes Schwures eingedenk, gab Wichmann, als er sah, daß dieser angeklagt wurde, und er ihn als schuldig erkannt hatte, den Barbaren, von welchen er ihn empfangen hatte, wieder zurück. Von diesen mit Freuden aufgenommen, bedrängte er die entfernter wohnenden Slaven durch häufige Treffen. Den König Misaca, unter dessen Gewalt die Slaven standen, welche Licicaviker heißen, überwand er zweimal, tödtete ihm seinen Bruder und erpreßte von ihm reiche Beute.
 

 67. Wie Gero die Lusiki besiegte.

 
Um diese Zeit besiegte auch Markgraf Gero die Lusiker Slaven mit gewaltiger Kraft und brachte sie zu äußerster Knechtschaft, jedoch nicht ohne eigene schwere Verwundung und den Verlust seines Neffen, eines wackern Mannes, und viel andrer edler Männer.
 

Rückkehr des Kaisers aus Italien und von seinem Tod.

 
Als nun der Kaiser den Tod seiner Mutter und seines Sohnes und der übrigen vornehmen Männer - denn auch Gero, ein gewaltiger und mächtiger Mann, war schon vorher gestorben  - vernommen hatte, beschloß er von dem Feldzuge nach Fraxanetum abzusehen und nach Anordnung der Verhältnisse in Italien in sein Vaterland zurückzukehren. Es drang auch zu ihm das  Gerücht, als ob die Mehrzahl der Sachsen sich empören wollte, eine Sache, die wir nicht einmal der Mittheilung für werth erachteten,
weil sie ohne alle Bedeutung war. So verließ er denn Italien  mit großem Ruhme, da er den König der Longobarden gefangen genommen, die Griechen überwunden und die Saracenen besiegt hatte; mit seinen siegreichen Heerschaaren zog er nach Gallien, um von hier nach Germanien hinüberzugehen und das nächste Osterfest an dem weitberühmten Orte Quidilingaburg zu feiern, wo eine zahlreiche Menge aus verschiedenen Völkern zusammenkam und  seine wie des Sohnes Rückkehr in's Vaterland mit großer Freude feierte. Hier blieb er aber nicht länger als 17 Tage, und zog  abwärts, um die Himmelfahrt des Herrn zu Mersburg zu feiern. Traurig aber durchwandelte er diese Gegenden ob des Todes des trefflichen Mannes, des Herzogs Herimann, der das Gedächtniß seiner Klugheit und Gerechtigkeit und seiner wunderbaren Wachsamkeit in innern und auswärtigen Angelegenheiten allen  Sterblichen für ewige Zeiten hinterlassen hat. Darauf empfing er Gesandte aus Afrika, die ihm mit königlicher Ehre und mit Geschenken aufwarteten, und hieß sie bei ihm bleiben. Am Dienstag aber vor Pfingsten kam er an einen Ort der Miminlevu heißt. In der  nächsten Nacht stand er wie gewöhnlich mit der Dämmerung von seinem Lager auf und wohnte den nächtlichen Lobgesängen und den Frühmetten bei. Darauf ruhte er ein wenig. Nachdem hierauf  das Meßamt gehalten war, spendete er nach seiner Gewohnheit den Armen, genoß ein wenig und ruhte wiederum auf seinem Lager.
Zur Mittagstunde aber kam er fröhlich aus seinem Gemach und setzte sich heiter zu Tisch. Nach vollbrachter Aufwartung wohnte er den Abendgesängen bei. Als aber das Evangelium gesungen war, fing er schon an, zu fiebern und matt zu werden. Als dies die umstehenden Fürsten merkten, setzten sie ihn auf einen Sessel. Da er aber das Haupt neigte, als wäre er schon verschieden,  erweckten sie ihn noch wieder zum Bewußtsein; er begehrte das Sacrament des Leibes und Blutes Gottes, nahm es und übergab dann ohne Seufzer mit großer Ruhe den letzten Hauch unter den Klängen der Lobgesänge dem barmherzigen Schöpfer aller Dinge. Dann ward er von hier in sein Schlafgemach gebracht, und da es schon spät war, sein Tod dem Volke verkündet. Das Volk aber sprach viel zu seinem Lobe in dankbarer Erinnerung, wie er mit  väterlicher Milde seine Unterthanen regiert, und sie von den Feinden befreit, die übermüthigen Feinde, Avaren, Sarazenen, Dänen, Slaven mit Waffengewalt besiegt, Italien unterworfen, die Götzentempel bei den benachbarten Völkern zerstört, Kirchen und geistliche  Ordnung eingerichtet habe, und indem sie untereinander noch viel anderes Gute über ihn redeten, wohnten sie der königlichen  Leichenfeier bei.