Thietmar von Merseburg: Seite 36,48,54
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"Chronik."
 

Kapitel 1

 
Alle Fürsten des Reichs erwählten sogleich, getrieben von dem Wunsche, den großen Schmerz der Königin Mathildis zu lindern, der Anordnung und Bitte des Vaters gemäß, deren Sohn Otto einstimmig zu ihrem König und Herrn, indem sie, die Rechte erhebend, ausriefen: "Es lebe und regiere unser König für und für!", und damit zogen sie mit ihm nach Aachen. Als sie sich der Stadt näherten, kam ihnen der ganze Rath entgegen, versprach dem jungen Fürsten Treue und Gehorsam, geleitete ihn bis zur Krönungsstadt hin, setzte ihn an die Stelle seiner Vorgänger und rief ihn laut aus zum Könige, und dankte Gott. Ihn weihte Hillibert, der Hüter des Stuhles zu Mainz, mit Genehmigung des Erzbischofs Wigfried von Köln, in dessen Sprengel dies vorging, und unterstützt von dem Erzbischofe von Trier, im Jahre des Herrn 936, in der St. Marienkirche, welche einst Karl der Große mit allem Fleiße erbaute. Als darnach Otto, der Scepterträger Größter, in Gott zum Herrscher bestätigt war, da befahl er auch seine Gemahlin Editha, die gottesfürchtige Tochter König Ethmunds von England, welche er noch bei Lebzeiten ihres Vaters heimgeführt hatte, zu krönen.
 
Otto's Glück trübte manch widriges Geschick. Denn der verruchte Bolizlaw, der seinen eigenen Gott und dem Könige getreuen Bruder, den Böhmenherzog Ventizlav, erschlug, widerstand Otto I. lange Zeit tapfer, schließlich aber wurde er doch vom Könige mannhaft besiegt und seinem Bruder Heinrich, Herzog von Baiern, zur Haft übergeben.
 
Auch die Avaren, die sich schon wider seinen Vater erhoben hatten, aber längst bezwungen waren, erhoben sich aufs neue, kehrten aber schnell geschlagen heim.
 
Dann entstand unter Mitbürgern und Landsleuten gewaltige Zwietracht, welche Tammo, der Sohn des Königs und der Liudgerde [13 irrig: Sohn HEINRICHS I. und der Hatheburg, vgl. I, 5 und 9. Aufstand der Fürstenopposition Sachsens gegen die Ernennung Geros zum Markgrafen 937. - Herzog Eberhard von Frankren schloß sich an. Vgl. Widukind II, 9.11.], ausreizte, darüber, daß das Amt des Grafen Siegfried von Merseburg [14 + wohl 3. Dezember 937 Necrol. Mers.], auf welches er selbst Anspruch gemacht hatte, dem Markgrafen Gero [15 937-965 Markgraf der Sorbenmark rechts der mittleren Elbe und Saale, die nach seinem Tode geteilt wurde.] verliehen und ihm außerdem seine ganze mütterliche Erbschaft entzogen sei. Ihn belagerte der König in Eresburg [Stadtberge] [16 bei Ndr. Marsberg an der Diemel in Franken.], und suchte ihn mit Drohungen und mit Güte von seiner Anmaßung abzubringen: aber vergebens; da drang das Heer in die eroberte Stadt ein und trieb den vom Kampfe ermatteten Jüngling bis in die St. Peterskirche, wo einst im Alterthum die Irmensäule stand. Zuletzt aber hauchte er, durch's Fenster herein von Maginzo's Lanze getroffen, neben dem Altare seinen Geist aus. Den Maginzo aber strafte der König nachher mit schmählichem Tode, im zweiten Jahre seiner Regierung.
 

Kapitel 8

 
In Otto's Zeiten brach das goldene Jahrhundert an. Es ward zuerst bei uns eine Silberader entdeckt. Auch Wigmann wurde besiegt.
 
Bei den Dänen, wo damals Harald herrschte, ward das dort sehr verachtete Christenthum durch den Priester Poppo neu belebt. Denn dieser tadelte den König sammt seinem Volke, daß er, abweichend von dem Dienste des wahren Gottes, den seine Vorfahren doch angebetet hätten, Götzen und Dämonen diene, und verkündete ihnen den einigen Gott der Dreieinigkeit als den einzig wahren. Als ihn nun der König fragte, ob er seine Worte vermittelst glühenden Eisens erweisen wolle, antwortete er freudigen Sinnes, dazu sei er bereit, trug auch am nächsten Tage ein  außerordentlich schweres Stück Eisen an einen vom Könige bezeichneten geweihten Ort, und hob, indem er unerschrocken keinen Augenblick wankte, die unverletzte Hand in die Höhe. Hocherfreut über das Wunder unterwarf sich der König mit allen den Seinigen sofort demüthig dem Joche Christi, und gehorchte bis an sein Ende als gläubiger Christ den göttlichen Geboten. Der Kaiser aber berief, als er das vernahm, den ehrwürdigen Poppo zu sich, fragte ihn, ob er ein Streiter Christi wäre, und erhob ihn zur bischöflichen
Würde.
 

Kapitel 9

 
Gero, der Markgraf der Ostlande, unterwarf die Gauen Lusizi [Lausitz] und Selpuli, wie auch den Herzog Miseko [von Polen] und dessen Unterthanen der kaiserlichen Herrschaft. Herzog Hermann machte den Selibur und Mistui mit den Ihrigen dem Kaiser zinspflichtig. Des Kaisers Namensgenannter, ich meine den jüngern Otto, den Sohn der erhabenen Ethelheid, ward am  Weihnachtsfest in Rom zum Kaiser gekrönt, und zwar auf Geheiß seines Vaters, der sich damals in der Nähe von Capua in Campanien aufhielt. Da er nun diesem Sohne eine Gemahlin aus der Familie des Kaisers zu Konstantinopel zu verloben wünschte, so gab er den Gesandten desselben, die aus einem andern Grunde an ihn geschickt waren, seine mit dieser Botschaft beauftragten Großen vertrauensvoll mit. Die Griechen aber fielen unterwegs mit gewohnter Arglist über sie her und ermordeten einen Theil, einen andern aber stellten sie als Gefangene ihrem erhabenen Herrscher vor. Einige indeß entkamen und meldeten dem Kaiser den Ausgang der Sache. Dieser, empört über den Verlust der Seinen, sandte eiligst seine besten Ritter, den Markgrafen Günther [von Meißen] und den Grafen Siegfried nach Calabrien, um Rache zu nehmen für eine solche Schandthat. Diese machten jene Danaer, die ihnen, über den ersten Sieg aufgeblasen entgegen eilten, theils nieder, theils fingen sie sie auf der Flucht und schnitten ihnen die Nasen ab, und nachdem sie darauf von den Griechen in Calabrien und Apulien einen Tribut erzwungen hatten, kehrten sie reich an Beute freudig heim. Die zu Konstantinopel aber wurden über den Tod und die Gefangenschaft der Ihrigen traurig und unzufrieden, machten eine Verschwörung gegen ihren Herrn und ließen ihn auf den Rath der ränkevollen Kaiserin von einem Kriegsmann umbringen, den sie an seiner Statt zum Regenten des ganzen Reiches ernannten. Dieser nun sandte sogleich mit prächtigen Geschenken zwar nicht die früher gewünschte Jungfrau, doch aber seine Muhme, Namens Theophanu, unserm Kaiser über's Meer zu, löste damit die Seinen und gewann die erbetene Freundschaft des erhabenen Herrschers. Es gab aber Einige, welche
diese Verbindung beim Kaiser zu hintertreiben suchten und riethen, die Prinzessin wieder zurück zu schicken. Auf diese aber hörte er nicht, sondern gab sie seinem Sohne zur Gemahlin, zum  Wohlgefallen aller Fürsten Italiens und Deutschlands.
 

Kapitel 13

 
Markgraf Gero, der Vertheidiger des Vaterlandes, ging, als er durch den Tod seines einzigen Sohnes, des edeln Siegfried [85 Siegfried + 959 (nach VII, 3 war seine Witwe 55 Jahre Äbtissin, + 4.7.1014). Widukind III, 75.], heimgesucht wurde, nach Rom und legte als ein greiser Krieger, der seine Dienstzeit nunmehr vollendet hatte, vor den Altar des Apostelfürsten Petrus seine siegreichen Waffen nieder, und nachdem er durch seine Bitten von dem apostolischen Herrn [dem Papst] einen Arm des heiligen Cyriacus erlangt hatte, weihte er sich sammt seiner ganzen Habe Gott. Er kehrte nämlich ins
Vaterland zurück, und erbaute in einem Walde ein Kloster, das nach ihm [Gernrode] [86 Gernrode südlich Quedlinburg, vgl. D. O. I Nr. 229 vom 17. Juli 961.] genannt wird, in welches er Hathui
[Hedwig], die Wittwe seines Sohnes, die schon vorher den Schleier  genommen hatte, als Aebtissin einsetzte, nachdem sie vom Bischof Bernhard geweiht war. Hierauf ging er den Genannten in  seligem Abscheiden voran, am 20. Mai.