Schlacht bei Nancy 5. Januar 1477

Calmette, Joseph: Seite 340-343
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"Die großen Herzöge von Burgund."

Karl der Kühne verließ sein Feldlager in La Riviere am 25. September. Sein Ziel war, die mit seinen Waffen eroberte Hauptstadt von Lothringen zu schützen. Er marschierte über Besancon, Vesoul, Joinville, Bulgneville und Neufchateau auf Toul. Als er am 11. Oktober, sechs Tage nachdem Nancy gefallen war, in Toul eintraf, hatte er nur die Wahl, entweder sich zurückzuziehen oder an der Rückeroberung der verlorenen Stadt festzuhalten. Er entschied sich für das letztere, ohne die Unzulänglichkeit seiner Truppen zu bedenken. Nancy mit Waffengewalt wieder an sich zu bringen, war zu diesem Zeitpunkt ein Vabanquespiel. Rene II. war seinem Gegner an Streitkräften weit überlegen. Dank der finanziellen und diplomatischen Hilfe, mit der Ludwig XI. nicht geknausert hatte, standen ihm außer seinen lothringischen Truppen nch 12.000 Schweizer zur Verfügung.
Solcher Art gestützt, bezieht Rene II. mit annähernd 15.000 Mann in Saint-Nicolas-de-Port Stellung. Trotz aller Enttäuschungen auf sein Glück vertrauend, wagt sich Karl der Kühne an die Belagerung der Festung Nancy, ohne mit der Wimper zuzucken. Daß der Graf von Campobasso, Condottiere im Dienst des Herzogs von Burgund, zum Feind überging, trug dazu bei, die kritische Lage der zahlenmäßig unterlegenen Belagerer noch zu verschlimmern. Von den insgesamt 10.000 Mann, die, wie es scheint, in den Musterungslisten eingetragen waren, konnte Karl nach der zuverlässigen Aussage von Olivier de la Marche in Wirklichkeit mit nicht mehr als 2.000 einsatzfähigen Kämpfern rechnen.
Unter diesen Umständen stand die Partie allzu ungleich. Nichts beweist schlagender, daß Karl seinen Beinamen zu Recht trägt, als die Verwegenheit, mit der er in dieser Situation sich eigensinnig darauf versteifte, trotz des schreienden Mißverhältnisses seiner Kräfte zu denen des Feindes das Schicksal herauszufordern. Dem Grafen von Chimay, der ihm die erdrückende Übermacht des Gegners entgegenhielt, wußte er lediglich mit der Prahlerei zu antworten: er werde "die Schlacht liefern, selbst wenn er ganz allein kämpfen müßte." Es zeigt sich, daß der Herzog bei seiner blindwütigen Jagd nach Wiederherstellung seines Prestiges jeden vernünftigen Rat in den Wind schlägt und, nach dem berufenen Urteil von Commynes, sich "wie ein Verrückter" aufführt.
Unter solchen Umständen konnte die Schlacht von Nancy am 5. Januar 1477 nur in einem fürchterlichen Desaster enden.
Karl stellte seine Truppen auf einem Plateau im Südosten von Nancy auf, das zwischen den in die Meurthe mündenden Flüßchen Madeleine und Jarville gelegen ist. Der treu gebliebene Condottiere Jacopo Galeotto bezieht mit der Vorhut, die sich als linker Flügel entfaltet, am Abhang des Hügelrückens Stellung.mit dem Blick auf Tomblaine. Die Nachhut bildet den rechten Flügel und nimmt am Wad von Saurupt Aufstellung, von wo aus man das Vorrücken Renes überblicken zu können glaubt. Außerdem kann hier die burgundische Artillerie zuverlässig Sperrfeuer legen.
Der Stab der Bundesgenossen hingegen beschließt, die Taktik der Schlacht von Murten wieder anzuwenden und die von den Jarville-Wäldern gedeckten feindlichen Stellungen zu unmgehen. Die Angreifer passieren den Bach Heillecourt und gewinnen die Ebene von La Malgrange. Dann schwenken sie nach rechts in die Wälder von Saurupt ab und brechen genau im Rücken der burgundischen Gefechtsordnung hervor. Jean de Baude vond er Kompagnie des jungen Johann von Lothringen, ein Sohn des Grafen Antoine de Vaudemont, trug das große Banner der Muttergottes.
Der unvorhergesehene Angriff führt fast sofort eine Panik herbei. Wieder erschallen die Alpenhörner von Uri und Unterwalden mit großem Getöse und verbreiten Angst und Schrecken. Unter den Burgundern ergreifen viele die Flucht, die übrigen werden an Ort und Stelle niedergehauen. Campobasso und seine Italiener, die zum Feind übergegangen waren, schnitten die Übergänge über die Meurthe ab. Da Galeotto und seine Gefährten noch rechtzeitig entkamen, eilten sie nach Metz, um Schutz in dieser Festung zu finden. Die Kriegsbeute war unermeßlich. Das burgundische Feldlager wurde von den lothringern, Elsässern und Schweizern geplündert. Was man nicht fortschleppen konnte, wurde in Brand gessteckt. Der Helm des Herzogs wurde an Ludwig XI. gesandt. Sein Ring wurde von einem Schweizer aufgelesen und 1478 von den gebrüdern Schacht dem herzog von Mailand geschenkt. Der Waffenrock des Herzogs, welchen die Elsässer vond er Leiche gerissen hatten, wurde als Trophäe am Straßburger Münster aufgehängt und ist leider verschwunden; die Fahnen befinden sich im Zeugahus von Solthurn, dessen Miliz an der Schlacht teilgenommen hatte; der Trinkbecher Karls des Kühnen, der vom Feldzeugmeister Heinrich Strübin vom Boden aufgelesen wurde, ist in Liestal, dessen Soldaten das Baseler Korps verstärkt hatten.
Zwei Tage nach der Schlacht entdeckt man den Leichnam des letzten der großen Herzöge nackt und entstellt im Schlamm des Teiches von Saint-Jean, auf dessen Eisdecke gekämpft worden war. Er wurde auf Grund der eingeschlagenen Zähne des Herzogs und der Narben einer bei Montlhery erhaltenen Verwundung identifiziert.

Pleticha, Heinrich: Seite 220
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"Deutsche Geschichte in 12 Bänden. Band 5 Das ausgehende Mittelalter 1378-1517"

Sein bescheidenes Aufgebot wurde zusammengehauen; er selbst fiel, verzweifelt fechtend, im Getümmel der Schlacht, vielleicht ein Opfer gedungener Mörder. Erst zwei Tage später zog man seinen nackten, von Hunden und Wölfen angefressenen Leichnam aus einem vereisten Tümpel; sein Gesicht war von einer Hiebwunde fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Kendall Paul Murray: Ludwig XI. König von Frankreich 1423-1483 Verlag Callway München 1979 Seite 384-385