Calmette, Joseph: Seite 333-336
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"Die großen Herzöge von Burgund."
Am 27. Mai 1476 verläßt Karl
der Kühne Lausanne. Acht Tage kampiert er etwa zehn Kilometer
entfernt auf der Hochebene von Morrens, von wo aus er am 4. Juni den Weg
über Echallens durch das Broye-Tal nimmt und am 9. vor Murten (Kanton
Fribourg) eintrifft. Tags zuvor war der Überläufer Adrian von
Bubenberg, ein vornehmer Berner, der früher vom Herzog eine Pension
bezogen hatte. mit 1.500 bis 2.000 Mann in diese kleine befestigte Stadt
eingezogen, die das Südufer des nach ihr benannten Sees beherrscht.
Das Städtchen war gewissermaßen das vorgeschobene Bollwerk der
Berner, die es dem Grafen von Romont entrissen hatten. Etwa 1.000 Bewaffnete
standen in Fribourg. Fall die solchermaßen angelegte Linie zusammenbrechen
sollte, hatte man eine zweite Verteidigungslinie entlang dem Sarine- und
Saane-Tal mit den Brückenköpfen Laupen und Gümmenen eingerichtet.
Nachdem Romont eine Rekognoszierung bis in die Umgebung
von Aarberg vorgenommen hatte, kam er zurück und ließ die Zelte
im Nordosten von Murten afschlagen, während Karl
der Kühne im Süden des Ortes, auf den Höhen von
Courgervaux Stellung bezog. Man schrieb den 10. Juni. Tags darauf wurde
die Belagerung von Murten begonnen. Murten hielt über den See die
Verbindung mit Bern aufrecht. Der Herzog läßt seine Leute bis
zur Erschöpfung Laufgräben ausheben, seine schwere Geschütze
richten große Verwüstungen an. Die Verteidiger, weit entfernt,
sich aus der Ruhe bringen zu lassen, antworteten mit heftigen Ausfällen.
Ein Sturmangriff am 10. Juni mißlingt wegend er schweren Verluste
der Belagerer. Am 21. tritt eine lächerliches Ereignis ein: auf den
ausdrücklichen Befehl seines Vaters, des Königs
Ferdinand von Neapel, verläßt Friedrich
von Tarent das Feldlager.
Am gleichen Tag, als Friedrich
von Tarent Karl den Kühnen verläßt, stellt sich
in frappierender zeitlicher Übereinstimmung Rene von Lothringen, der
in das Lager des Gegners geeilt ist, den Kantonen zur Verfügung. Das
war die diplomatische und militärische Lage, als bei Murten die Entscheidungsschlacht
statfand.
Den See im Rücken, ohne die Möglichkeit eines
Fluchtweges im Fall einer Niederlage, wurden die Belagerer am 22. von den
schweizerischen Heerhaufen angegriffen. Die wackeren Gebirgler hatten eine
ausgezeichnete Kenntnis des Terrains. Darüber hinaus waren sie im
Vorteil, weil sie die Hänge herabkamen und die zusammenlaufenden Täler
sowie die Deckung der Wälder ausnutzen konnten. Während Bubenberg
den Grafen Romont in Schach hielt, ließ der Herzog sich von der Offensive
des Gegners überraschen und konnte das Schlachtfeld nicht behaupten.
Am Morgen hatte sich eine feindliche Abteilung durch den Wald von Murten
herangeschlichen, war aber wieder verschwunden, als sie der zwischen Cressier
und Coursiberle schön in einer Schlachtreihe aufgestellten Burgunder
ansichtig wurden. Es regnete, um um 11 Uhr läßt der Herzog im
Glauben, die Sache sei zu Ende und der Feind ziehe sich zurück, seine
Leute wieder ins Quartier einrücken. Um 12 Uhr jedoch brechen die
Schweizer nach einem getarnten Marsch in hellen Haufen über den "Grünhag"
bei Cressier vor. Obwohl sie von englischen Bogenschützen und der
burgundischen Artillerie beschossen werden, gewinen sie das Plateau. In
einem Hohlweg werden der Herzog von Lothringen und Hans von Hallwyl an
der Spitze der eidgenössischen Vorhut handgemein mit den Burgundern.
Damit die Reiterei vorstürmen kann, nimmt der Herzog die Artillerie
zurück, aber dieser Befehl verursacht wie in Grandson eine Panik.
Das Fußvolk weicht. Die Reiterei versucht die Schlacht zu retten.
Aber das Eintreffen der schweizerischen Nachhut unter Führung Kaspars
von Hertenstein besiegelt die Niederlage.
Was dann folgte, war ein grauenhaftes Gemetzel. Viele
Flüchtlinge ertranken im See. In Wahrheit konnten sich die in Lausanne
hastig zusammengerafften Söldner, die schlecht geführt und ungenügend
einexerziert waren, nicht mit den rauhen Burschen aus den Alpen messen,
die noch dazu glühende Patrioten waren. Die Schlacht von Murten war
noch viel mörderischer als die Schlacht bei Grandson. Etwa 8.000 Kämpfer,
zum größten Teil Fußvolk, waren dabei umgekommen.