Sein Vater Philipp ernannte
ihn unverzüglich zum Grafen von Charolais und Ritter vom
Goldenen Vlies. Die Erziehung des zukünftigen Herzogs war ganz
besonders sorgfältig. Philipp der Gute wünschte,
daß sein Sohn die flämische Sprache erlerne. Mit dreizehn Jahren
machte er ihn zum Zunftmeister der Voetboog-Gilde in Brügge.
Neben dem Vater, der gewiß sein Kind liebte, der
aber seiner ganzen Veranlagung nach ziemlich unnahbar war, hatte der Eunfluß
der ernsten und besinnlichen Herzogin Isabella
von Portugal eine starke Wirkung auf Karl
den Kühnen. "Er erlangte niemals jene zumindest äußerliche
Leutseligkeit", schreibt Pirenne, "die Philipp
den Guten in den Niederlanden so beliebt machte. Temperamantvoll,
aber verschlossen, lebte er isoliert, ohne Freunde und Vertraute
unter seinen Höflingen". Einzig seine Mutter hatte Macht über
ihn. Er war ein Sanguiniker, ziemlich groß, ein
wenig vornüber geneigt, breitschultrig, lange Arme,
mit denen er heftig gestikulierte, schwarze Haarfarbe, dunkle
Gesichtsfarbe, blaue, klare Augen und ein verkniffener
Mund. Das bereits ausgebildete vorspringende Kinn, welches das
Merkmal seiner Nachkommen bleiben wird, trägt dazu bei, ihm "ein gewisses
Aussehen von Wildheit zu geben, das vollkommen übereinstimmt mit seiner
Vorliebe für Stürme und hochgehende See, welche seine Zeitgenossen
bei ihm feststellen." Im Gegensatz zu Philipp
war er ein verbissener Arbeiter. Er neigte wie sein Vater zu Zornausbrüchen,
vermochte aber nicht, sie aus Herzensgüte zu bereuen. Er war impulsiv,
"störrisch in seinem Wollen und scharf in seinen Worten". Vor
allem war er ehrgeizig, hochmütig, eigensinnig
und unfähig, Maß zu halten. Eine Neigung zum Argwohn,
die er nicht bezwingen konnte, gereichte ihm sehr oft zum Schaden. Er hatte
sie von seiner Mutter, die, wie der alte Herzog mit einem Lächeln
sagte, "die argwöhnischste Dame war, die er jemals gekannt habe."
Karl war hart gegen sich und andere, ungeduldig und
grob, rachsüchtig und jähzornig, und verstand es nicht,
eine Frage nach der andern zu behandeln, noch seine Ziele entsprechend
seinen Mitteln zu wählen.
Die Jugend des Prinzen war freudlos und mit Lernen angefüllt.
Gern studierte er die antiken Schriftsteller. Die Geschichte fesselte ihn.
Er hatte eine besondere Vorliebe für die Heldentaten Alexanders
den Großen, der wie er selbst der Sohn eines Philipp
war. Sein Traum ist es gewesen, es ihm gleichzutun. Er besaß ein
angeborenes
Rednertalent und befleißigte sich, diese Gabe zu pflegen. Da
er fähig war, eine Versammlung durch das Feuer seiner Worte mitzureißen,
berauschte er sich selbst bisweilen an der Begeisterung der andern. Er
schwärmte
für Kunst und Musik, führte ein absolut enthaltsames Leben
- und kümmerte sich nicht immer um die ritterliche Haltung, in die
der dritte Herzog seinen Stolz gesetzt hatte. Wir werden sehen, daß
er es in manchen Fällen an Unzuverlässigkeit mit seinem Gegner
Ludwig
XI. aufnimmt, den er von jeher verabscheut hat und der es ihm
gründlich heimzahlt.
Zudem "legte das Haus BURGUND,
das sich von einer Regierung zur andern Frankreich, aus dem es hervorgegangen
ist, immer mehr entfremdet, unter Karl dem Kühnen
die letzten Spuren seiner Herkunft ab." Karl
gibt sich unter Berufung auf seine Abkunft von Johann
von Gent bald für einen Engländer aus, bald nennt
er sich, auf seine Mutter anspielend, "portugalois", und eines Tages versichert
er, er liebe Frankreich so sehr, daß er ihm an Stelle eines Königs
deren sechs wünsche.
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Alle Fürsten des Landes gerieten direkt oder indirekt
in die Einflußsphäre Burgunds, und es war sogar die Rede von
einer Heirat zwischen dem Erben des Herzogs, dem Grafen
Karl von Charolais - dem Witwer Katharinas
von Frankreich, der Tochter Karls VII.,
seiner ersten Frau - mit Elisabeth von Österreich
(* um 1437 Wien, + 30.8.1503 Grodno), der Schwester Ladislaus'
von Ungarn.
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Die Heirat des Grafen Karl von
Charolais, des Erben des Herzogthrons von Burgund, mit einer
Tochter Karls VII., Katharina,
war 1438 beschlossen worden. Aber die Prinzessin starb 1440 [Richtigstellung:
1446] in sehr jungen Jahren.
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Um zu verhindern, daß der Graf von Charolais, der
sich damals im Witwerstand befand, während seiner zu erwartenden Abwesenheit
nicht eine für die Politik des Chefs der Dynastie nachteilige Ehe
eingehe, greift Philipp zu der Vorsichstmaßnahme,
ihn in weiterer Ehe mit seiner Cousine Isabella
von Bourbon zu verheiraten.
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Karl war durch den
Tod Isabellas von Bourbon zum zweiten
Mal verwitwet und hält um die Hand Margaretes
von York, der Schwester König
Eduards IV. von England, an. Am 3. Juli 1468 finden in Brügge
mit auffallender Pracht die Hochzeitsfeierlichkeiten statt.
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Zu diesem Zweck haben sie am 25. Juli 1474 den Vertrag
von London geschlossen, der erschreckende Perspektiven eröffnet.
Der Herzog von Burgund wird Eduard
als König von Frankreich anerkennen. Er verpflichtet sich, ihm bei
seiner Ankunft in Frankreich mit mehr als 10.000 Mann zu Hilfe zu kommen.
Eduard
wiederum wird noch vor dem 1. Juni 1473 mit mehr als 10.000 Mann landen.
Die augenblicklich unter französischer Lehnshoheit stehenden Besitzungen
des Herzogs sollen jeder Lehnspflicht ledig werden. Ihnen sollen sich ausgedehnte,
ebenfalls unabhängige Gebiete als Abrundung angliedern, insbesondere
die Grafschaft Eu, Picquigny, die Somme-Städte, einige Domänen
des Grafen Saint-Pol, die Diözese von Tournai, die Grafschaften Guines
und Rethel, der französische Teil des Herzogtums Bar, die Grafschaft
Champagne, die Diözese von Langres, die Grafschaft Nevers und die
Baronie Donzy.
Im Besitz einer so vielversprechenden Urkunde wie des
Vertrags von London hätte Karl der Kühne
sich im Osten auf die Verteidigung beschränken, mit seinen vielen
Nachbarn ein gutes Verhältnis anstreben und alle Kräfte anspannen
müssen, um im Westen zum Zeitpunkt der englischen Landung bereit zu
sein. Er tat genau das Gegenteil, setzte sein Heer in Richtung auf den
Rhein in Marsch und begann sozusagen zum Zeitvertreib mit der Belagerung
der Stadt Neuß. Noch vor Neuß erhielt Karl
der Kühne am 10. Mai 1475 einen Fehdebrief des Herzogs
Rene II. von Lothringen, der der Allainz gegen Burgund beigetreten war.
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Trotz der von Karl dem Kühnen
begangenen
Fehler war die Lage Burgunds immer noch glänzend. Der Freundschaftsvertrag
mit König Johann II. von Aragon
war noch in Kraft. Das innige Einvernehmen zwischen Aragon und Burgund
war mit einem Vertrag zwischen Burgund und Neapel gekoppelt, und der Traum
einer Vermählung Marias von Burgund
mit dem Prinzen Friedrich von Tarent,
dem Sohn des Königs Ferdinand von Neapel,
war gerade zu diesem Zeitpunkt aktuell. Friedrich
von Tarent befand sich bei seinem zukünftigen Schwiegervater
und war bereit, an dem Überfall auf Lothringen teilzunehmen. Der von
Aragon ausgeübte Druck hatte Karl noch
zu einem weiteren Freund verholfen, dem mailändischen Sforza.
Um sich dem Problem Lothringen und seinen Ambitionen
im Osten widmen zu können, unterzeichnete er am 13. September 1475
einen neunjährigen Waffenstillstand mit dem König von Frankreich.
Während Karl der Kühne durch
einen Blitzfeldzug die festen Plätze und die Hauptstadt des lothringischen
Herzogtums, Nancy, in Besitz nahm, geschah es, daß Ludwig
XI. mit der Beihilfe des Herzogs sich am Konnetabel von Saint-Pol
rächte.
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Nach der Schlacht von Grandson (2.3.1476)
Die Gesundheit des Herzogs verschlechterte sich. Sein seelisches Gleichgewicht hat einen schweren Schock erlitten. Er wird geradzu zum Neurastheniker. Seine körperliche Verfassung ändert sich von Grund auf. Sein hitziges Temperament, dem man bis dahin durch Verzicht auf den Genuß von Wein, durch kühlende Getränke und Rosenkonfitüren Beruhigung verschafft hatte, verlangt nun stärkende und krampflösende Mittel. Er läßt sich einen Bart wachsen, den er erst dann abnehmen lassen will, wenn er seine Waffenehre wiederhergestellt hat. Der Herzog ist jähzorniger denn je und nicht mehr ganz bei Troste.
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Karl Tod
Zwei Tage nach der Schlacht entdeckt man den Leichnam
des letzten der großen Herzöge nackt und entstellt im Schlamm
des Teiches von Saint-Jean, auf dessen Eisdecke gekämpft worden war.
Er wurde auf Grund der eingeschlagenen Zähne des Herzogs und der Narben
einer bei Montlhery erhaltenen Verwundung identifiziert.