GELDERN
 

Lexikon des Mittelalters: Band IV Seite 1198
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Geldern
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ehemaliges Fürstentum im niederrheinisch-niederländischen Bereich

I. FAMILIE

Nach den Annales Rodenses gehen die Ursprünge der Familie der Grafen von Geldern auf zwei als "flamenses" bezeichnete Brüder zurück: Gerhard und Rutger, deren Herkunft umstritten ist (Flandern oder Moselraum). Sie erhielten zu Beginn des 11. Jh. vom Kaiser (HEINRICH II.?) Besitz und Lehen in Wasserberg und Kleve. Unter der Familie des Grafen Gerhard formte sich das spätere Geldern. 1085 besitzt die Familie die Burg Wasserberg, seit 1096 wird das Geschlecht "DE GELDRE" tituliert. Der Verlust von Wasserberg durch Erbgang gab wohl den Anstoß zur Gründung der Burg Geldern. Seit der Erbschaft der Grafschaft Zütphen in den 1130-er Jahren nannte sich die Familie Grafen von Geldern und Zütphen. Nach dem Aussterben dieses ersten geldrischen Grafenhauses (1371) kam Geldernüber die weibliche Erblinie an den Jung-Herzog von Jülich. Als sich nach dem Aussterben der Jülicher Linie 1423 die Möglichkeit zu einem Großterritorium Geldern, Jülich und Berg unter dem bergischen Grafenhaus bot, widersetzten sich die geldrischen Stände und wählten mit Arnold von Egmond ein Mitglied des geldrischen Adels zum Herzog. Dieses 3. und letzte geldrische Grafenhaus starb 1538 aus. Unter den Erbanwärtern setzte sich Kaiser KARL V. durch (Vertrag von Venlo, 1543).

II. GRAFSCHAFT/HERZOGTUM

Grundlage des Herrschaftsbereichs der ersten geldrischen Grafen waren zum Teil auf Kölner Kirchenlehen beruhende hoheitliche Befugnisse beiderseits der Niers und gräfliche Rechte in der Betuwe. Durch den Anfall von Zutphen und die Übertragung der Veluwe als Lehen von Utrecht (1128) wurde das nördliche Geldern erheblich vergrößert. Der geldrische Machtbereich umfasste Ende des 12. Jh. weite Teile des Stromgebietes zwischen Maas, Waal, Rhein und Yssel. Die geographische Lage als niederländisch-niederrheinisches Zwischen-Territorium bestimmte die künftige Politik Gelderns. Zur Entwicklung eines relativ geschlossenen Territoriums im 13. und 14. Jh. trugen bei: Erwerb von Pfalz, Stadt und Umgebung von Nimwegen (1247), aktive Stadtgründungspolitik und Anschluss selbständiger domini an den geldrischenLandesverband. Im Limburgischen Erbfolgestreit (1280-1288) verzichteten die erbberechtigten geldrischen Grafen auf die Möglichkeit einer Ausdehnung nach Süden, verkauften ihre Erbrechte den Grafen von Luxemburg, waren aber nicht gewillt, Limburg kampflos in die Hände des mächtigen Nachbarn Brabant fallen zu lassen. Die Schlacht bei Worringen (1288) entschied diese Frage zugunsten von Brabant. Für Geldern hatte die Niederlage zwar keine territorialen, wohl aber finanzielle Konsequenzen. Die Grafschaft war längere Zeit an Flandern verpfändet.
Seit Ende des 13. Jh. wurde in Gelderneine für alle anderen rheinischen Territorien vorbildliche Zentralverwaltung aufgebaut. Das Interesse des reiches an einer starken Stellung im Westen führte 1339 zur Erhebung der Grafschaft zum Herzogtum. Herzog Rainald II. (1326-1343), mit König Eduard III. von England verschwägert, hinterließ 2 unmündige Söhne, deren Erbstreit, eingebettet in die Fehde zwischen den geldrischen Adelsfraktionen der Bronkhorst und Hekeren, erst 1361 endete, als sich Eduard, der jüngere Sohn, gegen seinen älteren Bruder durchsetzte. Mit dem Tode Eduards (gefallen bei Baesweiler) und seines Bruders starb 1371 das erste geldrische Grafenhaus aus.
Die wiederaufflackernden Fraktionsfehden wurden durch den neuen Herzog aus dem Hause JÜLICH, Wilhelm, bis 1377 gemeistert, und als er 1393 die Nachfolge in Jülich antrat, regierte er das mächtigste Territorium am Niederrhein. Geldernwurde damit stärker an den niederrheinisch-westfälischen Raum gebunden; seine Beziehungen zu diesen Gebieten waren wesentlich enger als zu den westländisch-niederländischen Territorien. Im 13. und 14. Jh. hatten dynastische Schwierigkeiten und landesherrliche Finanznöte zum Aufblühen der Stände geführt. Geldrische Ritterschaft und Städte - vor allem die vier Hauptstädte Nimwegen, Zutphen, Arnheim und Roermond - gewannen entscheidendes Mitspracherecht nicht nur in Finanzfragen, sondern auch im politischen Bereich. 1418 schlossen die Stände quartierweise einen Bund mit dem Anspruch, das Land zu repräsentieren. Im Falle des absehbaren kinderlosen Todes Rainalds IV. (1402-1423) sollte das Territorium zusammengehalten und nur ein von der Mehrzahl der Ritterschaft anerkannter Landesherr akzeptiert werden. Mit der Durchsetzung dieses Beschlusses bei der Wahl von Rainalds Nachfolger, Arnold von Egmond, hatte sich der Ständestaat in Geldern endgültig etabliert. Er bewährte sich, als 1425 König SIGISMUND Herzog Adolf von Jülich und Bergmit Geldernbelehnt und 1431 die Reichsacht gegen Herzog Arnold von Egmond und die geldrischen Stände verhängte. Mit Hilfe Burgunds überstand Arnold diese Krise, geriet jedoch immer tiefer in dessen Abhängigkeit. Als er sich 1448 dem antiburgundischen Lager anschloss, suchte Burgund, seinen am burgundischen Hof erzogenen Sohn Adolfans Ruder zu bringen, was 1456 mit Willen der Stände gelang. Da aber Adolf die antiburgundische Politik seines Vaters fortsetzte, ließ ihn Karl der Kühne gefangen nehmen und verleibte Geldern 1473 seinem Machtbereich ein. Nach dem Zusammenbruch der burgundischen Expansionspolitik 1477 gelang Geldern die Loslösung aus dem burgundisch-habsburgischen Erbe; nach kurzer Statthalterschaft durch Katharina von Egmond erhielt es 1492 mit Adolfs Sohn, Karl von Egmond (+ 1538), nochmals wieder einen eigenen Herrscher.


Ehemaliges deutsches Herzogtum am Niederrhein

Durch den Vertrag von Meersen 870 kam Geldern als Teil des Herzogtums Lothringen an Deutschland. Es fiel 1061 an die Grafen von Nassau, wurde 1339 Herzogtum; 1472 an Burgund, 1543 an die habsburgischen Niederlande. Der Norden schloss sich 1579 der Utrechter Union an, der Süden wurde 1713 bzw. 1815 zwischen Preußen und den Niederlanden geteilt.
 
 
 
Otto I. von Nassau 1061-1096
Gerhard I. 1096-1118
Gerhard II. 1118-1134
Heinrich II. 1134-1182
Otto I. 1182-1207
Gerhard III. 1207-1229
Otto III. 1229-1271
Rainald I.  1271-1320
Rainald II. 1320-1343
Rainald III. 1343-1361
Eduard 1361-1371
Rainald III. 1371
Johann von Chatillon 1371-1381
Wilhelm von Jülich 1381-1402
Rainald IV. 1402-1423
HAUS EGMONT 1423-1538
Arnold 1423-1472
Adolf 1472-1477
Karl der Kühne 1472-1477
Katharina + 1496  1477-1481
Maria von Burgund 1481-1482
MAXIMILIAN I. 1482-1492
Karl 1492-1538