Wenden wir unser Augenmerk den Zeugnissen des 9. Jahrhunderts
zu, so finden wir den Leitnamen der betrachteten Adelssippe ähnlich
selten belegt wie im frühen 10. Jahrhundert. Die bekanntesten MARKWARTE
aus jener Zeit sind 2 geistliche Große: Der im Kampfe gegen
die Normannen gefallene Bischof von Hildesheim (874-880) und vor ihm der
unter LUDWIG DEM FROMMEN tätig
gewesene Abt von Prüm (829-853). Ersterer weist uns nach Sachsen,
wo dem Konvent von Corvey unter den Äbten Warin (836-856), Adalger
(856-877) und Bovo II. (900-916) je wenigstens ein Markwart beitrat
[Liber vitae von Corvey, ed. Philippi, 78,79,81; dazu Markwart in Zeugenliste
eines Corveyer Gütertausches unter Adalger: Reg. Thuring. 1 nr. 263.
Auch durch das 10. Jahrhundert kommen MARKWARTE
im Corveyer Konvent vor; vgl. Liber vitae, a.a.O., 81ff.].
Auffallend und für die Beurteilung dieser sächsischen
Quellen im fraglichen Zusammenhange entscheidend ist, dass sie alle zeitlich
nach der Eingliederung Sachsens in das Fränkische Reich liegen. Für
Corvey ist weiterhin an seine Funktion als Zentrum fränkischer Wirksamkeit
unter den neugewonnenen Bewohnern des Landes zu erinnern; die mit den ersten
Mönchen aus dem fränkischen Reichskloster Corbie herübergekommene
Tradition blieb dort gewahrt. Näheres Zusehen führt demnach in
andere Richtung. Der erste Markwart im sächsischen Bereich,
ein Graf im Hochseegau, unmittelbar nach dem fränkischen Einbruch,
kann die Vermutung nur bestätigen, dass nicht Sachsen, sondern Franken
das ursprüngliche Herkunftsland der MARKWARTE
gewesen ist. Auf den Abt im fränkischen Prüm wurde bereits hingewiesen.
Mehr sagen angesichts der bekannten, eben am sächsischen Beispiel
beobachteten Mobilität des karolingischen
Adels
jene Quellen aus, die uns MARKWARTE
als Grundbesitzer in Franken zeigen. Es sind dies zwei räumlich
getrennte, zeitlich sich berührende Gruppen von Zeugnissen aus dem
8. und 9. Jahrhundert. 766 bezeugt ein Markwart in Surburg vollzogene
Schenkung elsässischer Güter an Kloster Weißenburg, und
781 tritt ein Markwart selbst als Schenker an Weißenburg auf,
dem er einen Hof in Biblisheim (LK. Weißenburg) zuwendet. Umfangreicher
ist das Quellenmaterial, das uns MARKWARTE
in Beziehungen zu Kloster Fulda zeigt. Bereits unter Abt Sturm (744-779)
übergibt ein Markwart Grundbesitz im Mulach- und Taubergau,
eine weitere Tradition von Markwart-Besitz in Weikersheim (LK. Mergentheim;
Taubergau) gehört möglicherweise bereits der Zeit Abt Baugulfs
(779-802) an. In der Folgezeit erscheint der Name zwar nicht mehr unter
den überlieferten Tradenten, wohl aber wieder um die Mitte des 9.
Jahrhunderts unter den Schenkungszeugen der Fuldaer Quellen. Zur selben
Zeit ist ein Marchoardus presbiter für Hersfeld bezeugt.
Diese Beobachtungen an den frühesten urkundlichern
Markwart-Zeugnissen legen die Vermutung nahe, dass auch die ersten bayerischen
Träger des so seltenen Namens letztlich fränkischen Stammes gewesen
sind, wie schon der erste Markwart überhaupt, von dem wir wissen,
der Vater des heiligen Theoderich, eines im Jahre 533 verstorbenen Schülers
des heiligen Remigius.
Je seltener der von der betrachteten bayerischen Sippe
so zäh festgehaltene Leitname tatsächlich gewesen ist, desto
wahrscheinlicher ist die Annahme eines Zusammenhanges der fränkischen
MARKWARTE aus der
KAROLINGER-Zeit mit den späteren
bayerischen MARKWARTEN.
Eine wertvolle Möglichkeit, die Aussage des urkundlichen Materials
in namensstatistischer und stammesmäßiger Hinsicht zu prüfen,
bieten die auf uns gekommenen Gedenkbücher des früheren Mittelalters.
Unter Zehntausenden dort eingetragener Personennamen kommt der Name Markwart
nur
etwa 35 Mal vor, wobei also die statistisch hier nur bedingt verwertbaren
späteren Einträge, welche den Befund für die frühere
Zeit freilich ergänzen und unterbauen, und die Fälle sehr wahrscheinlicher
Personenidentität bereits mitgerechnet sind. Nach Ausscheiden dieser
Gruppen verbleibt für die Zeit vor 950 nur noch ein Dutzend Markwart-Belege
in den Gedenkbüchern. - Der Versuch, diesen wenigen Einträgen
für den statistischen Befund hinaus sachliche Aussagen abzugewinnen,
führt nicht sehr weit. Er bestätigt aber die oben anhand anderer
Quellen getroffenen Festsstellungen zur Herkunft der MARKWARTE.
Die in den Gedenkbüchern eingetragenen Konventslisten weisen den schon
genannten Mönch und späteren Abt von Prüm nach. Ferner findet
ein Markwart in einem Verzeichnis der Mönche der Abtei Lobbes
im Hennegau, ein weiterer in einer Liste der angeblich von KARL
DEM GROSSEN gegründeten Reichsabtei Feuchtwangen (ca. 835),
schließlich einer in einer Liste aus Fulda. Außer in diesen
fränkischen Klöstern taucht ein Markwart gegen 830 im
Ellwanger Konvent auf, wobei daran zu denken ist, dass diese Abtei in der
fränkischen Politik gegenüber Schwaben eine ähnliche Rolle
gespielt hat, wie das schon vorhin berührte Corvey gegenüber
Sachsen. Möglicherweise noch vor dieser Zeit der eingangs besprochenen
ersten urkundlichen Zeugnissen für das Auftreten von MARKWARTEN
in Bayern sind Träger dieses Namens im Salzburger Gedenkbuch eingetragen
worden, und zwar im Gegensatz zu den bisher erwähnten Zeugnissen dieser
Art nicht in den Konventslisten, sondern in Form eines über eine ganze
Seite mit älteren Einschreibungen verstreuten Eintrages. Hier erscheint
der Name Markwart (Marchuuart) gleich dreimal, doch ist daraus nicht
unbedingt auf drei verschiedene Personen zu schließen, da auch andere
der in diesem Zusammenhang eingeschriebenen Personen ganz offensichtlich
mehrfach vorkommen. Verschiedene dieser Namen begegnen auch in den Zeugenreihen
des Codex Odalberti, ebenso, wie es vorhin für den Namen Markwart
(der
Nrn. 4-5) festgestellt wurde. So führen die Markwart-Einträge
im Salzburger Gedenkbuch zeitlich nicht weiter zurück als die urkundlichen
Nennungen, vermögen deren Aussage jedoch zu bestätigen.
Die Beobachtung, dass die "EPPENSTEINER" nicht
kärntischer oder bayerischer, sondern fränkischer Abstammung
sind, fordert, auch wenn sie nur auf Indizien begründet ist, sogleich
eine weitere Frage heraus: Wann und wie ist der Übergang von Franken
nach Bayern vorzustellen? Natürlich ist eine genaue, beweisbare Antwort
darauf hier nicht zu geben - sie schlösse ja den quellenmäßigen
Erweis der Stammesheimat der MARKWARTE
gewissermaßen ein. Auf eine Möglichkeit sei indes hingewiesen.
Zeitlich zunächst ist eine Zuwanderung des Grafen Markwart
unmittelbar vor oder wenig vor seiner ersten Bezeugung in Bayern (916;
Nr. 2) freilich nicht ausgeschlossen, doch an sich nicht wahrscheinlicher
als die Mutmaßung seines oder seiner Vorfahren bereits früheren
Erscheinens dort. Vor sehr weitem Zurückgehen warnt dabei das
Fehlen von MARKWARTEN im sonst recht
dichten Material der Traditionsnotizen, vor allem der Freisinger, wobei
allerdings zu berücksichtigen ist, dass der Vater des Markwart
vor
916 nicht auch Markwart geheißen haben muss. Unter der Annahme,
dass der Schritt von Franken nach Bayern kaum früher als eine Generation
vor dem ersten bayerischen Markwart getan wurde, und unter Berücksichtigung
dessen unbekannten Alters im Jahre 916, ergibt sich für die Zuwanderung
eine Spanne von kaum mehr als 70 Jahren. Während dieser fraglichen
Zeit waren die bayerisch-fränkischen Austauschbeziehungen im Adel
am intensivsten unter der Regierung Ludwigs des
Deutschen. Speziell der Depossedierung
des Grafen Ernst und seiner Anhänger durch den König im Jahre
861 verdanken sehr wahrscheinlich die Vorfahren der EBERSBERGER ihre bayerischen
Anfänge im Schutze von Ludwigs
dort wirkendem ohne Karlmann. Es ist
gut denkbar, dass zu den aliis nonnullis quasi conplices infidelitatis
Ernsts, von denen die Fuldaer Annalen summarisch sprechen, auch MarkwartsVater
gehört hat. Dergestalt ließe sich die nahe Verbindung zwischen
EPPENSTEINERN und EBERSBERGERN im 10. und 11. Jahrhundert auf politische
Zusammengehörigkeit bereits im 9. Jahrhundert, vielleicht auch auf
die gleiche engere Heimat, zurückverfolgen. Für letztere kann
ein Hinweis darin liegen, dass der 861 gestürzte Kraichgaugraf Sighart,
der Vater oder Großvater des gleichnamigen Grafen in unserer Nr.
2, Besitz im Mulachgau hatte, in Gegenden also, in denen einige Jahrzehnte
zuvor Markwart-Besitz bezeugt ist. In der ausgehenden
KAROLINGER-Zeit
dann ist unmittelbare Förderung der bayerischen SIGHARTE durch Kaiser
ARNULF bekannt, für die Zeit von dessen Vater Karlmann
wahrscheinlich.
Karlmann, der Schwiegersohn des von
Ludwig dem Deutschen 861 verurteilten
Ernst, scheint dessen Anhänger, soweit sie sich nicht nach Westen
absetzten, in den seit 856 von ihm verwalteten Gebieten des Südosten
entschädigt haben. Der parallel dazu anzunehmende Aufstieg der MARKWARTE
in Bayern scheint langsamer verlaufen zu sein, soweit nicht Überlieferungslücken
dies nur vortäuschen. Seit der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts
stehen sie jedenfalls den Nachkommen des Grafen Sighart gleich und sollten
die später sogar überflügeln.