Klaar Karl-Engelhard: Seite 76-80
******************
"Die Herrschaft der Eppensteiner in Kärnten" (1966)

Wenden wir unser Augenmerk den Zeugnissen des 9. Jahrhunderts zu, so finden wir den Leitnamen der betrachteten Adelssippe ähnlich selten belegt wie im frühen 10. Jahrhundert. Die bekanntesten MARKWARTE aus jener Zeit sind 2 geistliche Große: Der im Kampfe gegen die Normannen gefallene Bischof von Hildesheim (874-880) und vor ihm der unter LUDWIG DEM FROMMEN tätig gewesene Abt von Prüm (829-853). Ersterer weist uns nach Sachsen, wo dem Konvent von Corvey unter den Äbten Warin (836-856), Adalger (856-877) und Bovo II. (900-916) je wenigstens ein Markwart beitrat [Liber vitae von Corvey, ed. Philippi, 78,79,81; dazu Markwart in Zeugenliste eines Corveyer Gütertausches unter Adalger: Reg. Thuring. 1 nr. 263. Auch durch das 10. Jahrhundert kommen MARKWARTE im Corveyer Konvent vor; vgl. Liber vitae, a.a.O., 81ff.].
Auffallend und für die Beurteilung dieser sächsischen Quellen im fraglichen Zusammenhange entscheidend ist, dass sie alle zeitlich nach der Eingliederung Sachsens in das Fränkische Reich liegen. Für Corvey ist weiterhin an seine Funktion als Zentrum fränkischer Wirksamkeit unter den neugewonnenen Bewohnern des Landes zu erinnern; die mit den ersten Mönchen aus dem fränkischen Reichskloster Corbie herübergekommene Tradition blieb dort gewahrt. Näheres Zusehen führt demnach in andere Richtung. Der erste Markwart im sächsischen Bereich, ein Graf im Hochseegau, unmittelbar nach dem fränkischen Einbruch, kann die Vermutung nur bestätigen, dass nicht Sachsen, sondern Franken das ursprüngliche Herkunftsland der MARKWARTE gewesen ist. Auf den Abt im fränkischen Prüm wurde bereits hingewiesen. Mehr sagen angesichts der bekannten, eben am sächsischen Beispiel beobachteten Mobilität des karolingischen Adels jene Quellen aus, die uns MARKWARTE als Grundbesitzer in Franken zeigen. Es sind dies zwei räumlich getrennte, zeitlich sich berührende Gruppen von Zeugnissen aus dem 8. und 9. Jahrhundert. 766 bezeugt ein Markwart in Surburg vollzogene Schenkung elsässischer Güter an Kloster Weißenburg, und 781 tritt ein Markwart selbst als Schenker an Weißenburg auf, dem er einen Hof in Biblisheim (LK. Weißenburg) zuwendet. Umfangreicher ist das Quellenmaterial, das uns MARKWARTE in Beziehungen zu Kloster Fulda zeigt. Bereits unter Abt Sturm (744-779) übergibt ein Markwart Grundbesitz im Mulach- und Taubergau, eine weitere Tradition von Markwart-Besitz in Weikersheim (LK. Mergentheim; Taubergau) gehört möglicherweise bereits der Zeit Abt Baugulfs (779-802) an. In der Folgezeit erscheint der Name zwar nicht mehr unter den überlieferten Tradenten, wohl aber wieder um die Mitte des 9. Jahrhunderts unter den Schenkungszeugen der Fuldaer Quellen. Zur selben Zeit ist ein Marchoardus presbiter für Hersfeld bezeugt.
Diese Beobachtungen an den frühesten urkundlichern Markwart-Zeugnissen legen die Vermutung nahe, dass auch die ersten bayerischen Träger des so seltenen Namens letztlich fränkischen Stammes gewesen sind, wie schon der erste Markwart überhaupt, von dem wir wissen, der Vater des heiligen Theoderich, eines im Jahre 533 verstorbenen Schülers des heiligen Remigius.
Je seltener der von der betrachteten bayerischen Sippe so zäh festgehaltene Leitname tatsächlich gewesen ist, desto wahrscheinlicher ist die Annahme eines Zusammenhanges der fränkischen MARKWARTE aus der KAROLINGER-Zeit mit den späteren bayerischen MARKWARTEN. Eine wertvolle Möglichkeit, die Aussage des urkundlichen Materials in namensstatistischer und stammesmäßiger Hinsicht zu prüfen, bieten die auf uns gekommenen Gedenkbücher des früheren Mittelalters. Unter Zehntausenden dort eingetragener Personennamen kommt der Name Markwart nur etwa 35 Mal vor, wobei also die statistisch hier nur bedingt verwertbaren späteren Einträge, welche den Befund für die frühere Zeit freilich ergänzen und unterbauen, und die Fälle sehr wahrscheinlicher Personenidentität bereits mitgerechnet sind. Nach Ausscheiden dieser Gruppen verbleibt für die Zeit vor 950 nur noch ein Dutzend Markwart-Belege in den Gedenkbüchern. - Der Versuch, diesen wenigen Einträgen für den statistischen Befund hinaus sachliche Aussagen abzugewinnen, führt nicht sehr weit. Er bestätigt aber die oben anhand anderer Quellen getroffenen Festsstellungen zur Herkunft der MARKWARTE. Die in den Gedenkbüchern eingetragenen Konventslisten weisen den schon genannten Mönch und späteren Abt von Prüm nach. Ferner findet ein Markwart in einem Verzeichnis der Mönche der Abtei Lobbes im Hennegau, ein weiterer in einer Liste der angeblich von KARL DEM GROSSEN gegründeten Reichsabtei Feuchtwangen (ca. 835), schließlich einer in einer Liste aus Fulda. Außer in diesen fränkischen Klöstern taucht ein Markwart gegen 830 im Ellwanger Konvent auf, wobei daran zu denken ist, dass diese Abtei in der fränkischen Politik gegenüber Schwaben eine ähnliche Rolle gespielt hat, wie das schon vorhin berührte Corvey gegenüber Sachsen. Möglicherweise noch vor dieser Zeit der eingangs besprochenen ersten urkundlichen Zeugnissen für das Auftreten von MARKWARTEN in Bayern sind Träger dieses Namens im Salzburger Gedenkbuch eingetragen worden, und zwar im Gegensatz zu den bisher erwähnten Zeugnissen dieser Art nicht in den Konventslisten, sondern in Form eines über eine ganze Seite mit älteren Einschreibungen verstreuten Eintrages. Hier erscheint der Name Markwart (Marchuuart) gleich dreimal, doch ist daraus nicht unbedingt auf drei verschiedene Personen zu schließen, da auch andere der in diesem Zusammenhang eingeschriebenen Personen ganz offensichtlich mehrfach vorkommen. Verschiedene dieser Namen begegnen auch in den Zeugenreihen des Codex Odalberti, ebenso, wie es vorhin für den Namen Markwart (der Nrn. 4-5) festgestellt wurde. So führen die Markwart-Einträge im Salzburger Gedenkbuch zeitlich nicht weiter zurück als die urkundlichen Nennungen, vermögen deren Aussage jedoch zu bestätigen.
Die Beobachtung, dass die "EPPENSTEINER" nicht kärntischer oder bayerischer, sondern fränkischer Abstammung sind, fordert, auch wenn sie nur auf Indizien begründet ist, sogleich eine weitere Frage heraus: Wann und wie ist der Übergang von Franken nach Bayern vorzustellen? Natürlich ist eine genaue, beweisbare Antwort darauf hier nicht zu geben - sie schlösse ja den quellenmäßigen Erweis der Stammesheimat der MARKWARTE gewissermaßen ein. Auf eine Möglichkeit sei indes hingewiesen. Zeitlich zunächst ist eine Zuwanderung des Grafen Markwart unmittelbar vor oder wenig vor seiner ersten Bezeugung in Bayern (916; Nr. 2) freilich nicht ausgeschlossen, doch an sich nicht wahrscheinlicher als die Mutmaßung seines oder seiner Vorfahren bereits früheren Erscheinens dort. Vor sehr  weitem Zurückgehen warnt dabei das Fehlen von MARKWARTEN im sonst recht dichten Material der Traditionsnotizen, vor allem der Freisinger, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass der Vater des Markwart vor 916 nicht auch Markwart geheißen haben muss. Unter der Annahme, dass der Schritt von Franken nach Bayern kaum früher als eine Generation vor dem ersten bayerischen Markwart getan wurde, und unter Berücksichtigung dessen unbekannten Alters im Jahre 916, ergibt sich für die Zuwanderung eine Spanne von kaum mehr als 70 Jahren. Während dieser fraglichen Zeit waren die bayerisch-fränkischen Austauschbeziehungen im Adel am intensivsten unter der Regierung Ludwigs des Deutschen. Speziell der Depossedierung des Grafen Ernst und seiner Anhänger durch den König im Jahre 861 verdanken sehr wahrscheinlich die Vorfahren der EBERSBERGER ihre bayerischen Anfänge im Schutze von Ludwigs dort wirkendem ohne Karlmann. Es ist gut denkbar, dass zu den aliis nonnullis quasi conplices infidelitatis Ernsts, von denen die Fuldaer Annalen summarisch sprechen, auch MarkwartsVater gehört hat. Dergestalt ließe sich die nahe Verbindung zwischen EPPENSTEINERN und EBERSBERGERN im 10. und 11. Jahrhundert auf politische Zusammengehörigkeit bereits im 9. Jahrhundert, vielleicht auch auf die gleiche engere Heimat, zurückverfolgen. Für letztere kann ein Hinweis darin liegen, dass der 861 gestürzte Kraichgaugraf Sighart, der Vater oder Großvater des gleichnamigen Grafen in unserer Nr. 2, Besitz im Mulachgau hatte, in Gegenden also, in denen einige Jahrzehnte zuvor Markwart-Besitz bezeugt ist. In der ausgehenden KAROLINGER-Zeit dann ist unmittelbare Förderung der bayerischen SIGHARTE durch Kaiser ARNULF bekannt, für die Zeit von dessen Vater Karlmann wahrscheinlich. Karlmann, der Schwiegersohn des von Ludwig dem Deutschen 861 verurteilten Ernst, scheint dessen Anhänger, soweit sie sich nicht nach Westen absetzten, in den seit 856 von ihm verwalteten Gebieten des Südosten entschädigt haben. Der parallel dazu anzunehmende Aufstieg der MARKWARTE in Bayern scheint langsamer verlaufen zu sein, soweit nicht Überlieferungslücken dies nur vortäuschen. Seit der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts stehen sie jedenfalls den Nachkommen des Grafen Sighart gleich und sollten die später sogar überflügeln.