Thietmar von Merseburg: Seite 174,232
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"Chronik."

Kapitel 37

 
Im Jahre des Herrn 992, im zehnten Regierungsjahre Otto's III, am 25. Mai, ging der schon bejahrte Miseco von einem Fieber ergriffen aus diesem Pilgerleben in seine wahre Heimath hinüber, indem er sein Reich sehr vielen zur Theilung hinterließ. Indeß zog sein Sohn Bolizlav [222 Boleslaw Chrobry 992-1025. Er vertrieb seine 3 miterbenden Brüder. - S. Zakrzewski, Boleslaw Chrobry Wielki. 1925.], indem er seine Stiefmutter und seine Brüder vertrieb, und seine Verwandten Odilienus und Pribuwoi blendete, wie ein listiger Fuchs dasselbe nachher wieder in eins zusammen. Er setzte, um nur allein zu herrschen, alles Recht und Gesetz aus den Augen. Er heirathete eine Tochter des Markgrafen Rigdag [223 wohl 984. Name unbekannt, Tochter des Markgrafen von Meißen (979-985).], entließ sie jedoch nachher wieder; darauf nahm er eine Ungarin zur Frau, von der er einen Sohn, Namens
Besprim [224 986/87. R. Holtzmann setzt ihn gleich mit Otto (VIII, 1), vgl. Anm. 226.] erhielt, die er aber auch wieder fortwies. Die dritte hieß Emnildis; sie war eine Tochter des ehrwürdigen Herrn
Dobremir. Diese, eine gläubige Christin, lenkte den unbeständigen Geist ihres Gemahls zu allem Guten und ließ nicht ab, durch reiche Almosen und Enthaltsamkeit ihre und ihres Gemahls Sündenmakel zu sühnen. Sie gebar zwei Söhne, den Miseco [225 Herzog Mieszko II. = Lambertus, * 990, 1025-1034.] und einen andern, dem der Vater den Namen seines geliebten Lehnsherrn gab [226 senior = "Vater" oder "Lehnsherr"? Holtzmann = Dobromir. Jedlicki Seite 225 Anm. 313 = Otto (vgl.. VIII, 1).]; außerdem drei Töchter, von denen die eine Aebtissin ist; die zweite heirathete den Grafen Herimann [von Meißen], und die dritte einen Sohn des Königs Wlodemir [von Rußland], wie ich weiter unten erzählen werde [227 Name der ältesten Tochter unbekannt; Reglindis, vermählt (V, 36) 1002 mit Markgraf Hermann von Meißen (1009-1032, + 1038); 3. Tochter vermählt mit Swentepolk, Neffe und Adoptivsohn Wladimirs des Heiligen von Kiew, vgl. VII, 65,72f., VIII, 32.]
 

Kapitel 22

 
Während der König unterdeß Graf Heinrichs Burg Crusni [Creußen] belagerte, sammelte Bolizlav, der sich sehr beeiferte, ihm irgendwie beizukommen, heimlich ein Heer und ließ durch Abgesandte seinen Bruder Guncilin auffordern, eingedenk seines alten Versprechens, ihm die Stadt Misni [Meißen] zu übergeben und die alte Freundschaft zu erneuern. Jener aber, der wußte, daß er durch Bolizlav's Beginnen die Huld des Königs und sein so schönes Lehen völlig verlieren würde, antwortete auf jenen Antrag: "Mein Bruder, gerne will ich dir alles gewähren, was du sonst von mir wünschen magst, nur dieses nicht. Und wenn sich jemals die Gelegenheit bietet, jenes auszuführen, so weigere ich mich auch nicht. Jetzt aber befinden sich Vasallen meines Lehnsherrn bei mir, die das nicht zugeben würden, und wird die Sache bekannt, so ist mein Leben mit allem, was ich habe, in Gefahr." Als Bolizlav diese Botschaft bekam, behielt er die Abgesandten in Haft, und gab seinem Heere Befehl, an die Elbe zu eilen. Er selbst erkundigte sich insgeheim nach den Furten des Flusses und kam am folgenden Morgen nach. Den Einwohnern von Strela machte er darauf, weil dieser Ort ein Leibgedinge seiner Tochter [131 Reglindis, Gemahlin von Hermann, Sohn des Markgrafen Ekkehard, vgl. IV, 58.] war, die Anzeige, sie möchten ganz unbesorgt sein, und nicht etwa durch Erhebung eines Geschreies ihre Nachbaren von dem Vorgefallenen in Kenntniß setzen. Unverzüglich ward darauf sein Heer in vier Theile getheilt und angewiesen, sich am Abend bei der Burg Cirin wieder zu vereinigen. Zwei Rotten aber, die voraufgeschickt wurden, suchten dafür zu sorgen, daß die Ihrigen vom Markgrafen nicht belästigt würden. Diese ganze Landschaft, welche Zlomizi heißt, ward, da sie damals auf das beste angebaut war, an dem Einen Tage durch Feuer und Schwert und Hinwegführung der Bewohner auf eine traurige Weise völlig verheert. Hier indeß kann ich doch nicht unerwähnt lassen, wie jener Listige, der jedermann hinter's Licht zu führen gewohnt war, von den Einwohnern der Burg Mogelin [Mügeln] angeführt wurde. Da diese nämlich von der gegen sie ausgeschickten Heerschaar angegriffen wurden, so sagten sie: "Warum thut ihr das? Wir kennen eueren Herrn als einen vortrefflichen und wollen ihn lieber, als den unseren. Ziehet nur vorauf, und zweifelt nicht, daß wir mit unseren Familien und allem, was wir haben, euch auf dem Fuße nachfolgen werden." Auf diesen Antrag setzten die Feinde ihnen nicht weiter zu, sondern meldeten ihrem Herrn für gewiß, sie kämen heran. Als aber der Herzog sah, daß über diesen Vorfall seine Krieger erst spät an dem bezeichneten Sammelplatz zusammenkamen und jene ruhig zu Hause verblieben, zürnte er sehr und drohte, den  lügenhaften Hinterbringer jener Meldung zu bestrafen. Am nächsten Tage, als die Sonne bereits aufgegangen war, ward unermeßliche Beute voraufgesandt. Ein großer Theil der Feinde aber versank in der Elbe; die übrigen, die unverletzt heimkehrten, theilten die Beute, indem sie ihrem Herrn von allem das beste zuwiesen. Gefangen genommen hatten sie wenigstens dreitausend, und wie  Augenzeugen versichern, noch viel mehr.