Kapitel 8.
Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1040 brachte
das Gerücht, das schlimmste Übel in der Welt, welches sich von
Lügen nährt, Wenigem Vieles hinzufügt, Wahres mit Falschem
vermischt und im Weiterverbreiten wächst, zu den Ohren des Kaisers
Heinrich II. hundertmal mehr, als wahr war, in Betreff der Menge
Goldes und Silbers, das die Böhmen aus Polen weggeschleppt haben sollten.
Von da an suchte der Kaiser nach einer Gelegenheit zu Händeln mit
denselben, um ihnen auf irgend eine Weise das Gold, von dem man ihn erzählt
hatte, entreißen zu können. Er schickte also Häscher und
bedrohte sie mit Krieg im Falle, daß sie das in Polen geraubte Gold
ihm nicht innerhalb einer bestimmten Frist bis auf den letzten Heller zuschicken
würden. Darauf antworteten die Slaven: "Wir waren unbeschadet unseres
Gesetzes immer dem Reiche König Karls unterthan
und sind es auch heute noch; unser Volk hat sich auch gegen seine Nachfolger
niemals empört, war dir bei allen Kriegen treu und wird es auch bleiben,
wenn du uns nur Gerechtigkeit widerfahren lassen willst. Denn das Gesetz
hat uns König Pippin, der Sohn
des großen Königs Karl,
gegeben, daß wir den Nachfolgern der Kaiser jährlich hundert
zwanzig auserlesene Ochsen und fünf hundert Mark entrichten sollten
- die Mark zu zweihundert Pfennigen unseres Geldes gerechnet - wie von
Geschlecht zu Geschlecht unserer Voreltern bestätigt ist; dieses haben
wir dir jedes Jahr ohne alles Widerstreben entrichtet und wollen es auch
deinen Nachfolgern entrichten. Willst du uns aber gegen das bestehende
Gesetz eine neue Last auferlegen, so sind wir bereit, lieber zu sterben,
als ein ungewohntes Joch zu tragen." Darauf antwortete der Kaiser: "Es
ist die Art der Könige, dem bestehenden Gesetze immer etwas Neues
beizufügen, auch ist nie eine Gesetzgebung auf einmal vollendet worden,
vielmehr vermehrte sich die Zahl der Gesetze durch die Nachfolger der Könige.
Denn die, welche das Gesetz geben, stehen nicht unter dem Gesetze, weil
dasselbe, wie man sagt, eine wächserne Nase hat, die Könige aber
einen eisernen und langen Arm, um dieselbe biegen zu können, wie es
ihnen gefällt. König Pippin that
was er wollte, wenn aber ihr nicht thut was ich will, so werde ich euch
zeigen, wieviel ich gemalte Schilde habe, und was ich im Kriege vermag."
Kapitel 9.
Und sofort schickte er Schreiben im ganzen Reich herum und sammelte ein sehr starkes Heer. Auf dem einen Wege, welcher durch Zribia führt, und auf welchem man bei der Burg Hlumec aus dem Walde in's böhmische Land eintritt, ließ er die Sachsen ziehen, deren Herzog damals Occard war, und welchem ganz Sachsen in Allem, wie einem Könige gehorchte. Denn er war ein Mann von großer Klugheit, mit besonderem Geschick für Ordnung der Reichsangelegenheiten begabt und von Jugend auf mit dem Kriege vertraut, obgleich er niemals glückliche Erfolge im Krieg errungen hat. Der Kaiser aber schlug sein Lager zu beiden Seiten des Flusses Rezna. Des anderen Tages zog er bei der Burg Kanb vorüber und näherte sich dem Walde, welcher Bayern von Böhmen trennt. Als er sah, daß die Böhmen die Wege durch den Wald verrammelt hatten, schwieg er voll Entrüstung eine kurze Weile, dann schüttelte er dreimal das Haupt und machte seinem Zorne, der eines Kaisers würdig war, durch folgende Worte Luft: "Und wenn sie auch Mauern aufführen, höher als die Wälder, und Thürme bauen, die bis zu den Wolken reichen, so nützen doch die Schutzwehren der Böhmen gegen die Deutschen ebensowenig wie Netze, welche man vor den Augen der Vögel stellt. Mögen sie über die Wolken hinaufsteigen und sich einschließen zwischen den Sternen, so nützt doch alles dies nicht dem verdorbenen und erbärmlichen Volke."
Sprach's und gab den Befehl an Alle, den Wald zu erstürmen.
Er selbst begab sich den Anderen voraus auf einen hohen Berg, mitten im
Walde gelegen, und hier auf einem Dreifuß sitzend sprach er zu den
umherstehenden Fürsten des gesammten Reiches:
"Hier im Thale hat sich der erbärmliche Haufe der
Böhmen feig versteckt, wie Mäuse sich in ihre Schlupfwinkel verkriechen."
Aber der Kaiser täuschte sich, denn ihre Verschanzung
befand sich jenseits des anderen Berges. Darauf rief er Jeden mit Namen
und indem er zuerst die Markgrafen, dann die von höherem Adel in ihren
Waffen vorgehen ließ, befahl er ihnen, zu Fuß anzugreifen,
mit folgenden Worten ihnen den Sieg verheißend: "Ihr habt keinen
harten Kampf vor euch; steigt nur ab, sie werden sicher voll Furcht entfliehen,
denn sie können euerem Angriff nicht widerstehen. Geht, meine Lieben,
geht, meine Falken, und fangt die furchtsamen Tauben; macht es wie stolze
Löwen, oder wie Wölfe, welche, wenn sie in einen Schafstall einbrechen,
nicht nach der Zahl fragen und sich nicht eher zum Mahle begeben, als bis
die ganze Heerde gemordet ist."
Kapitel 10.
Sofort greifen die gepanzerten Haufen, wie es der König befohlen hatte, an. In erster Reihe kämpfen die Großen, es glänzen die herrlichen Scharen wie durchsichtiges Eis; und wie die Sonne von ihren Waffen zurückstrahlt, so leuchten davon die Blätter des Waldes und die Spitzen der Berge. Aber in's Thal herniedergestiegen finden sie Niemand, weil der Wald von allen Seiten außerordentlich dicht und undurchdringlich ist. Und wie es in allen Gefechten geht, daß die Nachfolgenden die, welche nicht weiter vorgehen wollen, auch gegen ihren Willen dazu drängen, so werden die schon ermüdeten Großen von denen, welche ihnen folgen, getrieben, auch den anderen Berg zu besteigen. Indessen klebt ihnen schon vor Hitze und Durst die Zunge am Gaumen, die Kräfte lassen nach, die Hände erlahmen, nur mühsam holen sie Athem, können aber gleichwohl nicht stehen bleiben. Einige werfen Schild und Panzer weg, Andere lehnen sich an Bäume und schnappen vergebens nach Luft, wieder Andere, fettleibige und des Fußkampfes ungewohnte Leute liegen da wie Klötze, und als man endlich an die Verschanzung gekommen war, entsteht allenthalben ein Geschrei und gleich einem Nebel erhebt sich über den Wald der Dampf von den ermatteten Körpern. Als dies die Böhmen sahen, waren sie einen Augenblick unschlüssig; da sie aber wahrnahmen, daß den Feind die Kraft verlassen, brachen sie ohne Verzug kühn aus ihrer Verschanzung hervor. Kühnheit gab ihnen Bellona, die unbesiegte Schwester des Glückes. O Zufall, o Glück! niemals bist du unwandelbar günstig.
Du mit deinem beweglichen Rad wirfst nieder die Großen, Sieh, den erhabenen Leib einst hochansehnlicher Männer beschmutzt der eisenbeschlagene Huf stampfender Rosse. Die Mähre zerquetscht den mit Leckerbissen gefüllten Bauch und die scharlachumgürtete Lende und zerrt die Eingeweide heraus wie Stricke oder Beinbinden.
Schämen müßte man sich und nicht verlohnt es der Mühe,
Ueber den Tod der edelen Herrn noch mehr zu berichten.
Denn es wurde ein so großes Blutbad unter den deutschen
Edlen angerichtet, daß deren mehr auf einmal zu Grund gingen, als
auf den Feldern von Emathia, oder zu den Zeiten des Silla, oder bei irgend
einer verheerenden Seuche, oder jemals durch das Schwert der Feinde. Mittlerweile
saß der Kaiser in arger Täuschung befangen auf seinem Berge.
Er glaubte nicht, daß die Seinigen besiegt würden; als er aber
die blutigen Sieger herankommen sah, sprang er auf sein Pferd, legte sich
auf den Hals vor und trieb es mit den Sporen an. Und wäre das Pferd
nicht so flüchtig gewesen, so wäre der römische Kaiser zur
Stunde in die Unterwelt hinabgestiegen.
Kapitel 11.
Während dies hier vorging, waren die Sachsen unter
Herzog Occard, von dem ich oben gesprochen, in Böhmen eingefallen
und hatten einen kleinen Theil des Landes an der Belina feindlich verheert.
Als aber der Herzog die Unglücksbotschaft erhielt, daß
die Slaven den Sieg über den Kaiser davongetragen, machte er bei der
Brücke von Gnevin an der Belina Halt, unschlüssig, ob er das
Kriegsglück versuchen, oder mit solcher Schmach beladen umkehren sollte.
Indessen wollte er doch vorher den Sinn des Herzogs erforschen und schickten
daher Boten an ihn mit dem freundlichen Rathe: "Du, der du dich jetzt deines
Sieges erfreust, du wärest viel siegreicher gewesen, wenn du durch
demüthige Bitten gesiegt hättest. Daher überhebe dich ja
nicht in eitler Weise, weil es schwer hält, wider den Stachel zu schlagen.
Denn der, welcher soeben, gleich als wollte er euch schonen und sich euerer
erbarmen, mit nur Wenigen in euer Land gekommen ist, wird, wenn ihr nicht
vorher noch Gnade bei ihm findet, bald mit so zahlreicher Heeresmacht über
euch kommen, daß euere Brunnen nicht für dieselbe hinreichen
und euer Ländchen sie kaum fassen kann. Dann werden die letzten Dinge
schlimmer werden, als die ersten. Deshalb ermahne ich dich und rathe dir,
damit du nicht Alles, was du hast, verlierst, schicke dem Kaiser durch
vertraute Freunde die Herrscherin, das Geld, welches Alles überwindet,
die Zürnenden besänftigt und die Feinde verführt, damit
es auch dir zu Hilfe komme und dir seine Gnade wieder erlange."
Herzog Bracizlaus aber, hierüber erzürnt, verachtete
die heilsame Ermahnung und auf sein Schwert gestützt entgegnete er:
"Sagt euerem Occard: es fehlt mir nicht an gutem Rath und du darfst
nicht glauben, daß du durch dein Zureden etwas ausgerichtet habest.
Dich mögen die Sachsen hören, welche härter sind als Stein,
und andere übelberathene Menschen, die glauben, du verstündest
etwas. Ich aber werde dir, wenn du mein Land nicht innerhalb drei Tagen
ohne jede weitere Gewaltthat verläßest, mit diesem Schwerte
den Kopf abhauen und ihn dir zu Füßen legen. Nichts liegt mir
ja daran, was am Hofe des Kaisers man handelt. So lange an Bracizlaus'
Seite ein Schwert hängt, soll aus des Kaisers Seite nicht Milch sondern
Blut fließen." Als man dies dem Herzog Occard hinterbrachte,
nahm er es zwar sehr übel, kehrte aber gleichwohl, wenn auch wider
Willen, mit Schimpf und Schande nach Sachsen zurück, gleich einem
Wolfe der, nachdem er seine Beute verloren, vor den verfolgenden Hunden
mit gesenkter Ruthe in den Wald flieht. Es wurde auch dem Herzog Bracizlaus
über den Grafen Pricos, der in der Burg Belina gebot, berichtet,
daß er, durch sächsisches Geld bestochen, sich dem Feinde nicht
zum Schutz der Burg entgegengestellt, sondern die Besatzung vor leicht
gangbaren Wäldern vertheilt hätte. Der Herzog hatte ihn nämlich
über den ganzen mährischen Haufen und über die drei aus
Ungarn gesandten Hilfslegionen gesetzt. Erzürnt ließ er ihm
sofort die Augen ausreißen, Hände und Füße abhauen
und ihn in die Tiefe des Flusses stürzen im Jahre der göttlichen
Menschwerdung 1041.
Kapitel 12.
Im Jahre der göttlichen Menschwerdung 1042 zog Kaiser
Heinrich, der allzeit ruhmvolle Sieger, um den Verlust seiner
berühmten Helden zu rächen, auf drei Wegen ins Land der Böhmen,
verheerte es fast gänzlich und zündete viele Städte an,
welche, weil man sie nicht vertheidigen konnte, verlassen waren. Als er
vor die Stadt Prag kam, pflanzte er ihr gegenüber auf dem Berge Sibenica
seine Adler auf. Ich habe nicht erfahren, daß daselbst etwas Erwähnenswerthes
geschehen, außer daß Bischof Severus Heimlich bei Nacht sich
begab aus der Stadt in das Lager des Kaisers,wie ich glaube, aus Furcht,
er könnte als ein Empörer gegen seinen Herrn der Bischofswürde
beraubt werden. Als dies Herzog Bracizlaus erfuhr,Wußte er nicht,
was thun, und Schmerz umnachtet den Geist ihm. Schon bereute er, sich mit
dem Kaiser in einen Kampf eingelassen zu haben, schon, daß er die
Worte des Herzogs Occard gering geachtet, und er zog es jetzt vor,
mit Bitten zu kämpfen, und den durch Bitten zu überwinden, den
er einst in der Schlacht überwunden. Durch folgende Worte suchte er
den Zorn des Kaisers abzuleiten:
"Kaiser, es fehlt der Triumph dem Krieg, den hier du
begonnen;unser Land ist dein Kammergut, wir sind dein und wollen dein bleiben,
wer aber gegen die Seinen wüthet, ist grausamer fürwahr als noch
so grausame Feinde. Wenn du die Stärke deines Heeres in Betracht ziehst,
so erscheinen wir dir kaum wie ein Stäubchen. Warum zeigst du deine
Macht einem Laub gegenüber, das vom Winde verweht wird? Der Wind verschwindet
ja, wenn sich ihm nichts entgegenstellt. Du bist schon der Sieger, der
du sein wolltest.Schmücke jetzt mit dem Lorber des Sieges die Schläfe
dir, Kaiser."
Überdies versprach er ihm tausendfünfhundert
Mark Pfennige, was der Tribut der letzten drei Jahre war. Gleich wie wenn
man in heftigen Feuers wogende Flammen Wasser schüttet und so die
Heftigkeit des Brandes mindert und endlich, wenn das Wasser die Oberhand
gewinnt, das Feuer erlischt,
Ebenso besänftigt das Geld das Zürnen des Kaisers,denn
er, der ungnädig in's Land gekommen war, kehrte nachdem er das Geld
empfangen und Friede geschlossen war, gnädig zurück.