Wolf Armin: Seite
64-74
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"Ein Kampf um Genf: Das
Geblütrsrecht
König Rudolfs von Rheinfelden, Herzog von Schwaben"
Die Erhebung Rudolfs
von Rheinfelden, Herzogs von
Schwaben zum König gegen HEINRICH IV. im Jahre 1077 galt lange Zeit
als eine freie Wahl der Fürsten ohne Berücksichtigung eines
Geblütsrechts. Dieses ruhte auf Abstammung vom ersten und
Verwandtschaft zum letzten König und war eine Voraussetzung der
Wahl [1
Vgl. H. SCHULZE, Thronfolge, in: J.C. Bluntschli und
K. Brater, Deutsches Staats-Wörterbuch 10, Stuttgart 1867, Seite
518-534,
hier Seite 523,526. DERS. Das Erb- und Familienrecht der deutschen
Dynastien des Mittelalters, Halle 1871, Seite 50,64. Vor allem O. FRH.
v.
DUNGERN, Thronfolgerecht und Blutsverwandtschaft der Deutschen Kaiser
seit Karl dem Großen, Papiermühle 1910, Seite 171f.]. Nach Wilhelm Maurenbrecher habe Rudolf «nicht
die entfernteste Spur eines Anrechtes auf den deutschen Thron geltend
machen» können [2 W. MAURENBRECHER, Geschichte der Deutschen
Königswahlen vom zehnten bis dreizehnten Jahrhundert, Leipzig
1889, Seite 115.]. Fritz Rörig stellte dann
fest: «hier gilt freie Wahl alles, Geblütsrecht
nichts». Es sei 1077 «mit dem Geblütsrecht
gebrochen» worden, und dies sei «etwas vollkommen und
grundsätzlich Neues, ja eigentlich Unerhörtes gewesen» [33 F.
RÖRIG, Geblütsrecht und freie Wahl in ihrer
Auswirkung auf die deutsche Geschichte, Untersuchungen zur Geschichte
der deutschen Königserhebung (911-1198), Abh. der Dt. Akad. d.
Wiss.
Berlin, Jg. 1945/46, Berlin 1948, Seite 28-30.].
Heinrich Mitteis sprach hier von einem «Einbruch in das System
des Geblütsrechtes», der allerdings nicht endgültig war
[4 H.
MITTEIS, Die Krise des deutschen Königswahlrechts,
(1950) abgedruckt in: Königswahl und Thronfolge in
ottonisch-frühdeutscher Zeit, hg. von Eduard
Hlawitschka (Wege der Forschung 178), Darmstadt 1971, Seite 216-302,
hier Seite 290,294.]. Walter Schlesinger
bestritt gegen Rörig lediglich, daß «die freie Wahl
1077 etwas völlig Neues gewesen sei». Es sei vielmehr
«ein schon immer vorhandenes Prinzip» völlig freier
Wahl gegenüber dem Erbrecht als «einer Gewohnheit, die sich
eingebürgert hatte, zu neuem Leben erweckt» worden [5 W.
SCHLESINGER, Die Wahl Rudolfs von Schwaben zum
Gegenkönig 1077 in: Forchheim, in: Vorträge und Forschungen
17,
Sigmaringen 1973, Seite 61-85, hier Seite 74.].
Nach Hagen Keller sollte für die Wähler Rudolfs
künftig «auch die Wahl des Königs frei, das heißt
an Würde und Eignung der Kandidaten orientiert und nicht an die
Nachkommen des Herrschers gebunden sein» [6 H. KELLER,
Schwäbische Herzöge als Thronbewerber, in:
ZGO 131 (1983) Seite 123-162, hier Seite 150. Die Abstammung
gehörte meines Erachtens mit
zur Würde und Eignung.]. Alle diese
Erwägungen über die Nicht-Geltung eines Geblütsrechts
bei der Wahl von 1077 beruhten jedoch auf keiner genauen Kenntnis der
tatsächlichen Abstammung und Verwandtschaft Rudolfs von
Rheinfelden. Sicher war seinerzeit nur, daß Rudolfs
Vater Kuno von Rheinfelden
war [7 Chono comes de
Rinfelden genuit Rudolfum
regem. -
[...] comitem
Chono [...] patrem
Rudolfe reges (Acta
von Muri ed.
MARTIN KIEM, in: Quellen zur Schweizer Geschichte III, Basel 1883, p.
3 und 19). Zu älteren Theorien über weitere väterliche
Vorfahren
Rudolfs
kritisch E. HLAWITSCHKA, Zur Herkunft und zu den Seitenverwandten des
Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden, in: Die
Salier und das Reich, hg. von St. Weinfurter, Band 1, Sigmaringen 1991,
Seite 175-220, hier Seite 183-192.].
Eduard Hlawitschka leitete diesen dann aus einer Nebenlinie des burgundischen Königs-Hauses
her und konnte damit Rudolfs «Trotzhaltung»
aus dessen «eigener, dem SALIER-König
gleichsam ebenbürtiger Herkunft» verstehen [8 HLAWITSCHKA
(wie Anm. 7), Seite 203-209,219.]. Für
Tilman Struve unterlag es dann keinem Zweifel mehr, daß Rudolf auf
die Krone «kraft seiner Abstammung und seiner engen Beziehung zum
salischen Hause einen Anspruch erheben konnte» [9 T. STRUVE,
Rudolf von Rheinfelden, in: LexMA VII
(1995) Sp. 1071. Anders noch DERS., Das Bild des Gegenkönigs
Rudolf von
Schwaben in der zeitgenössischen Historiographie, in: Festschrift
für
Harald Zimmermann, Sigmaringen 1991, Seite 459-475, hier Seite 464.]. Dieses neuere Urteil soll im folgenden auf eine breitere
Grundlage gestellt, dabei aber auch teilweise modifiziert werden. Dazu
dienen insbesondere Überlegungen über die bisher völlig unbekannte Mutter König Rudolfs und dessen
Vorfahren in den weiblichen Linien.
1. Die Schwester Berthas (von Genf)
Über die Mutter König Rudolfs geben die von
Alois Schütz neu entdeckten und von Eduard Hlawitschka erstmals
genutzten St. Galler Annalen zum Jahre 1063/64 einen wichtigen
Anhaltspunkt. Danach führte Herzog
Rudolf (von Schwaben,
der spätere König) ein Heer gegen die Burgunder, schaffte
viele insignia weg und
eroberte tapfer Genf, die von den Königen zuvor nicht eroberte
Stadt seines gegen ihn aufständischen sororinus
Gerold [10 His diebus Ruodolfus
dux contra Burgundiones exercitum movens multa insignia
viriliter egit et Genevam, sui sororini sibi valde rebellis Geroldi civitatem, antea regibus
inexpugnatam fortiter expugnavit. HLAWITSCHKA (wie Anm. 7),
Seite 191,210.]. Dieser Gerold von Genf ist bekannt. Er wird
zum Jahre 1034 als princeps jener Region und
Gegner KONRADS
II. bezeichnet [11Wipo, Gesta Cuonradi imp. cap. 32, MGH SS rer. Germ. [51],
Seite 51.]. 1045 unterwarf er sich HEINRICH III.
vor Solothurn [12 HERMANN VON REICHENAU, Cronicon ad 1045, MGH SS 5, Seite 125.].
In unserem Zusammenhang von größter Wichtigkeit ist die
Bezeichnung Gerolds als Rudolfs
sororinus. Du Cange
gibt für diese Verwandtschaftsbezeichnung drei Bedeutungen an:
a) Gemahl der Schwester (sororis
maritus),
b) Bruder der Gemahlin (uxoris frater)
und
c) kleiner Sohn der Schwester (filiolus
sororis) [13 DU CANGE, Glossarium mediae et infimae latinitatis, Band VI
(1883-87), ND Graz 1954, Seite 531-532.]. Davon
scheiden die erst seit dem 13. und 14. Jahrhundert belegten Bedeutungen
b) und c) für Rudolf und Gerold aus chronologischen und
sachlichen Gründen aus [14 HLAWITSCHKA (wie Anm. 7), S. 211. In einer Rezension
dieses Aufsatzes in: Genealogie 22, 1994, Seite 181 habe ich weitere
Argumente mit dem gleichen Ergebnis genannt.].
Hlawitschka entschied sich daher für a) sororis maritus
und erklärte demgemäß Gerold
von Genf zu einem Gemahl
einer sonst unbekannten Schwester Rudolfs
von Rheinfelden. Beide wären also nur
verschwägert gewesen. Hlawitschka unterlag dabei aber einem Irrtum
von Du Cange, der als einzigen lateinischen Beleg für die
Bedeutung a) nur einen Teil einer Stelle zitiert, die von König Charles IV. von Frankreich,
seiner mit dem englischen König Edward II. verheirateten Schwester Isabella und deren Sohn, seinem sororinus,
Edward III.
spricht [15 Rex autem Anglie [Edward II.] habebat in uxorem sororem
[Isabella]
predicti regis [Charles IV. von
Frankreich], quam idem rex
[Edward II.] expulit de Anglia una cum filio suo
primogenito nomine
Eduardo
[III.]. Que [Isabella] veniens ad fratrem suum [Charles IV.]
permansit in Francia in exilio una cum suo primogenito [Edward III.].
Rex vero Francie indignattts propter
expulsionem sororis sue
[Isabella]
et sororini [Edward III.] rogavit socerum meum Karolum
[von
Valois] [...J. Vita Karoli Quarti ed. J.F. BÖHMER, Fontes
rerum
Germanicarum 1, Stuttgart 1843, Seite 234.]. Die
Stelle gehört also eindeutig zur Bedeutung c) Schwester-Sohn. Damit entfällt
jedoch die von Hlawitschka zugrunde gelegte angebliche Bedeutung a)
Gemahl der Schwester, und die von Hlawitschka darauf aufgebaute
Konstruktion einer Schwägerschaft Rudolfs von
Rheinfelden mit Gerold von Genf.
Was bedeutet aber die höchst seltene Verwandtschaftsbezeichnung
sororinus
hier wirklich? Sororinus
ist die etymologische Grundbedeutung
von sobrinus bzw. consobrinus, welches Wort von
Donatus als
<con>sororinus erklärt wird (in den Codices steht sororinus,
<con> wurde vom Herausgeber hinzugefügt) [16
Consobrinus (noster om.B) quasi <con>sororinus
(codd: sororinus). Sobrini
sunt de duabus sororibus, consobrini de
fratre ac sorore. Aeli Donati Commentum Terenti, rec. P. WESSNER,
Lipsiae 1905, S. 271. Entsprechend auch A. ERNOUT/ A. MAILLET,
Dictionnaire etymologique de la langue latine, Paris 1967, 2' ed. 1985,
Seite 637.]. Consobrini
und consororini
werden im römischen Recht als «Kinder zweier
Schwestern» definiert: consobrini
consobrinaeque (id est qui
quneve ex duabus sororibus nascuntur, quasi consororini). Diese
Definition von Gaius im Buch über die Verwandtschaftsgrade wurde
in die
Digesten
Justinians übernommen (38, 10, 1, 6). Das viel
häufigere Consobrinus
ist mit der Bedeutung <Kinder zweier
Schwestern> bis in die Zeit Rudolfs von
Rheinfelden belegt [17 Leg.
Visig. 4,1,4: consubrini, qui ex duobus sororibus
nascuntur. - Ein merovingisches
Konzil schärfte ein
Heiratsverbot
ein: non licet consubrinam, hoc est,
quod de duos fratres aut de duas
sorores procreantur, in coniugium accipere (MGH Conc. Merov. Seite 182, Zeile 11). - Ekbert der Einäugige wird als
consobrinus regis bezeichnet
(Widukind 111 18). Seine Mutter Bia war
eine Schwester von Mathilde, der Mutter OTTOS
I. - Bischof Adalbero von
Bamberg wird als consobrinus
Kaiser HEINRICHS III. genannt
(Hermann von
Reichenau ad a. 1054, MGH SS 5, Seite 133). Beider Mütter (Beatrix und die
Kaiserin Gisela) waren Schwestern.].
Demgemäß sind die sororini Rudolf von
Rheinfelden und Gerold von
Genf als Söhne zweier
Schwestern anzusehen. Die bisher unbekannte Mutter Rudolfs war also eine Schwester von Gerolds bekannter Mutter
Bertha. Deren Mutter,
die Königs-Tochter Mathilde von Burgund, war
folglich auch die Groß-Mutter Rudolfs von Rheinfelden.
Der Kampf um Genf stellt sich auf diese Weise als ein Kampf zweier
Nachkommen in weiblicher Linie aus dem im Mannesstamm 1032
ausgestorbenen burgundischen Königs-Haus heraus,
ein typischer Fall alteuropäischer Erbfolgekriege. Gerolds Vorfahren sind aber nicht
nur bis zu Mathilde
von Burgund, sondern über diese hinaus bis zurück zum ottonischen und
zum karolingischen
Königshaus überliefert [18 Sed de genealogia, seu
de parentela, qua me praesente
narrare volebas, quod finde novi, litteris tibi mea cura mandat.
Mathildis
[Tochter des KAROLINGERS Ludwig IV.] et Alberada
filiae
fuerunt Gerbergae
[Tochter König HEINRICHS I.]. De Mathilde processit
Rodulfus
rex [III. von Burgund]
et Mathildis,
soror ejus [...]. De
Mathilde, filia Mathildae, Berta [...]. De Berta
Geraldus genevensis
(Flodoard, Annales ed. PH. LAUER, Paris 1905, Seite 158-159). Vgl. E.
BRANDENBURG, Die Nachkommen Karls des Großen, I.-XIV. Generation,
Leipzig 1935, Seite 10-11, und K.F. WERNER, Die Nachkommen Karls des
Großen bis um das Jahr 1000, in: Karl der Große, Bd. IV:
Das Nachleben,
hrsg. von W. Braunfels und P.E. Schramm, Düsseldorf 1967, Mathilde von
Burgund (VIII 84) Mathilde
von Franzien (VII 70), Ludwig IV.
(VI 47)
usw. bis zu KARL
DEM GROSSEN.]. Über die gleichen
Linien stammt also auch sein Vetter Rudolf von Rheinfelden
von König HEINRICH I. und von Kaiser KARL
DEM GROSSEN ab.
2. Graf Robert (von Genf)
Haben Gerold von Genf und Rudolf von
Rheinfelden auch gemeinsame Vorfahren in Genf? Gerolds Vater blieb bisher unbekannt
[19 P.
DUPARC, Le Comte de Geneve, Geneve/Paris 1955, Seite
78 und tableau genealogique. BRANDENBURG (wie Anm. 18), IX 65 nannte
den unbekannten Vater einfach «N.
Graf von Genf».]. Allerdings wurde
eine Verwandtschaft Graf Gerolds von
1034 «mit den früheren Grafen von Genf» angenommen,
von denen ein Graf Robert
«eine Stiftung für das Seelenheil des ihm also offenbar
verwandten Bischofs Gerold von Genf»
machte [20
BRANDENBURG (wie Anm. 18) Seite 96 zu IX 65 (schreibt Rudolf statt Robert). Ähnlich auch DUPARC
(wie Anm. 19), Seite 77-78.]. Zugunsten des von
diesem vor 988 in pago Genevense
gegründeten Priorats Peillonnex stiftete 1012/19 Graf Robert mit Zustimmung seines Sohnes Konrad für die
Seelen des Bischofs Gerold und Roberts Vaters Konrad, für ihre
eigenen Seelen und die eines verwandten Klerikers Hugo mehrere Güter in pago Genevense [21 [...] donat Robertus
comes de aloto suo hoc est
terram dominatam in pago Genevense [...] pro anima episcopi Geroldi,
qui locum construxit, et pro anima patris
sui Conradi et pro anima
ipsa Roberti, qui istam
eleemosinam fecit, et pro anima filii
sui
Conradi et pro anima Hugonis
clerici parentis Roberti.
[...] Signum
Roberti qui hanc donationem fieri et firmari rogavit. S. Conradi filii Roberti, qui
concessit et laudavit istam eleemosinam. Nach DUPARC (wie Anm.
19), Seite
57-58 Anm. 2.].
Luden Guy nahm nun 1964 - ohne weiteren Beweis - an, daß Graf Gerold den jüngeren Konrad zum Vater
gehabt habe. Guy nahm ferner an, daß dieser Konrad noch, ohne regiert zu haben,
vor seinem Vater Robert starb
und daß Gerold um
1030/32 unmittelbar seinem
Großvater Robert
in der Herrschaft folgte [22 L. GUY, Recherches sur 1'origine de Gerold Comte de Geneve,
in: Revue savoisienne 104 (1964) Seite 63-66.].
Ohne sich mit dem Aufsatz von Guy auseinanderzusetzen, hat Eduard
Hlawitschka plausibel gemacht, daß
Gerolds Vater jedoch Graf
Gerhard III. von Egisheim war.
Diese schon 1867 von Edouard Secretan geäußerte Vermutung [23 E.
SECRETAN, Notice sur 1'origine de Gerold, comte
de Geneve, in: Memoires et documents publies par la Societe d'histoire
et d'archeologie de Geneve 16 (1867), Seite 201-303.] geht darauf zurück, daß Gerolds Mutter Bertha als Schwester-Tochter König Rudolf III. von Burgund
bezeugt ist [24 Siehe oben Anm. 18.] und daß Bruno von Egisheim, der spätere Papst Leo IX. im Jahre
1026 bei «einer Nichte
König Rudolfs von Burgund,
der Frau seines Bruders Gerhard»
Schutz fand [25 [...] nepte Rodulfi regis Jurensis,
conjuge stii
germani nomine Gerardi [...]. Vita Leonis IX., lib. I
cap. 100, ed. J.
M. WATTERICH, Pontificum Romanorum vitae I, Leipzig 1862, Seite 140.
Dazu
DUPARC (wie Anm. 19), Seite 71.]. Hlawitschka
zeigte, daß von allen Nichten König
Rudolfs III. -
außer Bertha, der Mutter Gerolds von Genf, - die
Ehemänner bekannt sind. So «bleibt eben nur Berta als mögliche Gemahlin Graf Gerhards von Egisheim
übrig» [26 E. HLAWITSCHKA, Zu den Grundlagen der staufischen
Stellung im Elsaß: Die Herkunft Hildegards von Schlettstadt,
München
1991, Seite 41-42 und Tafel Seite 52.]. Die
früher gegen diese Identifizierung erhobenen Argumente sind alle
zu entkräften [27
1. Gerhard von Egisheim sei
nicht mit einer Bertha,
sondern mit einer Richgardis
verheiratet gewesen (BRANDENBURG [wie Anm.
18],
Seite 96 zu X 65). Als Mann Berthas ist aber nicht der mit Richgardis
verheiratete Gerhard IV. († nach 1074), sondern Gerhard III. († 1038)
anzusehen (F. LEGL, Studien zur Geschichte der
Grafen von
Dagsburg-Egisheim, Saarbrücken 1998, Seite 62 und Stammtafel).
2. Gerhard
habe noch einen anderen Sohn Gerhard
gehabt (Gerold, Gerald sei nur
eine andere Form dieses Namens), der «mit Gerold von Genf keineswegs
gleichgesetzt werden kann» (BRANDENBURG, ebenda). Hier handelt es
sich
aber um Gerhard I. und seinen Sohn Gerhard II. von Egisheim (LEGL Seite 54
und Stammtafel).
3. Egisheim liegt im Elsaß; so müsse erklärt werden,
wie Gerhard (III.) von Egisheim die Belehnung seines Sohnes Gerold mit
der Stadt Genf erreicht haben könnte (DUPARC [wie Anm. 19], Seite
71).
Gerold braucht aber Genf gar
nicht von seinem Vater, sondern kann es
über seine Mutter Bertha
ererbt haben.].
Die scheinbar widersprüchlichen Auffassungen von Guy und von
Hlawitschka lassen sich durchaus vereinen, sobald wir annehmen,
daß Robert, dem Gerold in der Herrschaft über
Genf unmittelbar folgte, nicht - wie Guy annahm - sein
väterlicher, sondern sein
mütterlicher Großvater war. Meine Vermutung geht
dahin, daß Gerolds Mutter Bertha
eine Tochter von Graf Robert von Genf
war und dieser der bisher völlig unbekannte Gemahl der Mathilde von Burgund. Roberts Sohn Konrad, von dem
außer seiner Zustimmung zu der Stiftung seines Vaters 1012/19
nichts bekannt ist, der auch nie als Graf erwähnt wird, mag
wirklich, wie Guy annahm, vor seinem Vater gestorben sein [28 GUY (wie
Anm. 22), Seite 65f.], offenbar ohne
überlebende Kinder [29 Vielleicht war er mit dem vor 1025 regierenden Bischof Konrad von Genf identisch?]. Graf Robert
hinterließ jedoch offenbar zwei Töchter, nämlich die Mütter Gerolds von Genf und Rudolfs von
Rheinfelden [30 Es braucht nicht zu stören, daß die Töchter
nicht in
der Stiftungsurkunde von 1012/19 vorkommen. Die Urkunde nennt
überhaupt
nur Männer. Der Stifter Robert
nennt weder seine Mutter noch seine
Gemahlin.].
3. Judith von Öhningen-Schwaben
Hermann Jakobs hat gezeigt, daß die Mutter Kunos von Rheinfelden (also
die väterliche Großmutter
König Rudolfs) Judith hieß und daß
diese «mit hinreichender Sicherheit [...] eine der Töchter Kunos von Öhningen
gewesen sein muß» [31 H. JAKOBS, Der Adel in der Klosterreform von St.
Blasien, Köln/Graz 1968, Seite 167 und 182-183. Die dort gefundene
Lösung
wird nunmehr bestätigt durch die neu gefundene Bezeichnung Graf Werners
(von Habsburg) als cognatus Rudolfs von
Rheinfelden: Judith war aus
ihrer 1. Ehe mit quidam
de Rinvelden über ihren
Sohn Kuno Großmutter
Rudolfs und aus
ihrer 2. Ehe mit Adalbert von Metz
über ihre Tochter
Ita Großmutter Werners. Danach waren Rudolf und Werner cognati. Die
Konstruktion HLAWITSCHKAS (wie Anm. 7), Seite 192-202 erscheint weniger
quellennah.]. Diesen in der 1125/26
verfaßten Genealogia Welforum als Vorfahre der RHEINFELDENER, der ZÄHRINGER und anderer
bedeutender Geschlechter erwähnten, lange Zeit als
«mysteriös» geltenden comes nobilissimus
[32 Is Chuono
vero quatuorgenuit filios [...] et quatuor
filias, quarum [...] alia
cuidam de Rinvelden parenti Zaringorum [...]
nupsit. Genealogia Welforum
cap. 4, ebenso Historia Welforum cap. 6,
ed. E. KÖNIG, Stuttgart 1938, p. 76 und 12.]
habe ich 1980 mit Herzog Konrad von
Schwaben († 997) identifiziert [33 A. WOLF, Wer war Kuno «von Öhningen»?
Überlegungen zum
Herzogtum Konrads von Schwaben († 997) und zur
Königswahl vom Jahre
1002, in: Deutsches Archiv 36 (1980) Seite 25-83. Wiederabdruck mit
einem
Nachwort: DERS., Zur Diskussion über Konrad von Öhningen und
die
Konradiner-Genealogie 1980-1998, in: Genealogisches Jahrbuch 39 (1999),
Seite 5-49 und 4956.], was inzwischen allgemein
akzeptiert wurde.
Nach der Genealogia und Historia Welforum war die Gemahlin Kunos «von Öhningen» - und das
heißt jetzt auch Herzog Konrads
von Schwaben - eine filia Ottonis Magni imperatoris
(Richlind)
[34 Wie
Anm. 32.]. Die Diskussion über die
Identität Richlinds
ist hier nicht zu wiederholen [35 Vgl. dazu WOLF, Nachwort 1999 (wie Anm. 33).]. Nur soviel: Sie war wahrscheinlich keine «Tochter» Kaiser OTTOS
DES GROSSEN, sondern - wegen der Vererbung der Namen Ita und Hermann - OTTOS
Enkelin, Tochter des
Kaiser-Sohnes Liudolf und
Itas, Tochter Hermanns von Schwaben. Filia/filius hat nämlich nicht
nur die Bedeutung Tochter/Sohn, sondern auch «Nachkomme, vom
Stamme des [...]» [36A. WOLF, Quasi hereditatem inter filios, Zur
Kontroverse über das Königswahlrecht im Jahre 1002 und die
Genealogie
der Konradiner, in: ZRG GA 112 (1995), Seite 64-157, hier 123.
Beispielsweise stammt in der Bibelvulgata Elisabeth de filiabus Aaron,
d.h. vom Stamme Aarons (Lukas 1, 5). Jesus, der auch im
zeitnäheren
Evangeliar Heinrichs des Löwen «Sohn Davids, Sohn
Abrahams» heißt, war
nicht deren Sohn, sondern aus deren Stamm.].
Es ist daher quellenmäßig begründet, daß König Rudolfs von Rheinfelden
über die Mutter seines Vaters
von Kaiser OTTO DEM GROSSEN
abstammte.
4. quidam de Rinvelden
Von den vier Großeltern
König Rudolfs
bleibt schließlich sein väterlicher Großvater
übrig, der nach der welfischen
Überlieferung ein quidam de Rinvelden
war [37
Wie Anm. 32.]. Hlawitschka sieht in diesem den burgundischen Pfalzgrafen Kuno, der
möglicherweise ein bisher unbekannter
Sohn von dux Rudolf,
einem jüngeren Bruder König
Konrads I. von Burgund,
war. Die zahlreichen Belege für Rudolfs von
Rheinfelden Beziehungen zu Burgund (dabei auch die Namen Kuno/Konrad, Rudolf und Adelheid bei den RHEINFELDENERN), die Hlawitschka mit
Recht für dessen Abstammung aus dem burgundischen
Königs-Haus anführt [38 Dafür spricht vor allem, daß dieser um 1000 von König
Rudolf III. den Hof
Münsingen (im oberen Aaretal) für sich und seine
Erben (tam ipsi quam eius heredibus)
erhielt (MGH D Burg. 89), der
sich 1218 im Erbe der ZÄHRINGER,
der Nachkommen Rudolfs von
Rheinfelden, befand. HLAWITSCHKA (wie Anm. 7), Seite
203-206.], ließen sich freilich auch
über die hier vorgeschlagene burgundische Abstammung in weiblicher
Linie erklären. Und wenn die RHEINFELDENER
ein jüngerer Mannesstamm des burgundischen Königs-Hauses
waren, so bliebe offen, was beim Tode König Rudolfs III. 1032 aus Kunos von Rheinfelden agnatischen
Erbansprüchen wurde. Dennoch ist es möglich, daß Rudolf von
Rheinfelden sowohl väterlicher- als auch
mütterlicherseits von den burgundischen Königen abstammte.
Allerdings wären dann seine Eltern im dritten Grade verwandt
gewesen (3:3 wegen gemeinsamer Abstammung von König Rudolf II.). Solche Ehen
wurden um 1000 zwar bekämpft, muß es daher aber gegeben
haben [39
Vgl. die Kritik HEINRICHS
II. an bestehenden Ehen tertii
loci consanguinitatis, Vita Adalberonis, MGH SS 4, S. 663.].
5. Ergebnis
Zwei vielzitierte Stellen bedürfen noch einer Interpretation. Wenn
Rudolf
ein ius hereditarium auf das regnum als proprium zurückwies, so
begründete er damit auch seine eigene Legitimation. Rudolf war
nicht ein Königs-Sohn wie HEINRICH IV.,
der als Sechsjähriger seinem Vater auf dem Thron gefolgt war. Und
indem Rudolf anerkannte,
daß die Fürsten nach seinem Tode seinen Sohn nicht eher frei
wählen sollten als einen anderen, es sei denn, daß sie ihn
im Hinblick auf Volljährigkeit und Festigkeit des Charakters
für würdig erachteten [40 Qui utique regnum, non ut
proprium, sed pro
dispensatione sibi creditum reputans, omne haereditarium ius in eo
repudiavit et, vel filio suo se hoc adaptaturum fore, penitus
abnegavit; iustissime in arbitrio principum esse decernens, ut post
mortem eius libere non magisfilium eins, quam alium eligerent, nisi
quem ad id
culminis aetate et morum gravitate dignum invenissent. Paul von
Bernried, Vita Gregorii, cap. 95, ed. WATTERICH (wie Anm. 25), S.
531-532.], hat er nicht auf eine spätere
Wahl seines damals noch kleinen Sohn verzichtet. Rudolf war
sich mit seinen Wählern zwar einig, daß die königliche
Gewalt niemandem als Erbe (per
hereditatem) zufallen solle, wie es zuvor Gewohnheit war,
sondern daß (auch) der würdige Sohn eines Königs eher
in freier Wahl (potius per electionem
spontaneam) als durch Sohnesfolge (quam per successionis lineam)
König werden solle und daß, wenn der Königs-Sohn nicht
würdig sei oder wenn das Volk ihn nicht wolle, es in der Macht des
Volkes stehen solle, den zum König zu
machen, den es wolle [41 comprobatum, [...] ut regia potestas nulli per hereditatem,
sicut
ante fuit consuetudo, cederet, sed filius regis, etiam si valde dignus
esset, potius per electionem spontaneam quam per successionis lineam
rex proveniret; si vero non esset dignus regis filius, vel si nollet
eum populus, quem regem facere vellet, haberet in potestate populus.
BRUNO, De bello saxonico, cap. 91, ed. F.-J. Schmale, Darmstadt 1963,
Seite 334.]. Dies heißt aber nicht,
daß man in
Forchheim etwa beschlossen hätte, Könige ohne königliche
Abstammung und Verwandtschaft, d.h. ohne Geblütsrecht zu
wählen. Und man hat es tatsächlich nicht getan.
Rudolf II.
Kg. v.
Burgund
Liudolf
Rudolf II. Kg. v.
Burgund Ludwig IV. oo Gerberga
I
I
I
I
Rudolf Kuno
v.
(Richlind)
Konrad Konrad
I.
oo
Mathilde
dux
Öhningen
filia Ottonis oo NN Kg.
v. Burgund
oo NN Herzog
v.
magni
Schwaben
Imperatoris I
----------------------
I
----------------------I--------------------
I
I
I
I
Kuno
(Judith)
v.
Robert
Mathilde
Pfalzgraf v.
Öhningen
Graf v.
Genf
v. Burgund
Burgund =? Schwaben
.....................
quidam de
1
I
I
Rinvelden
1
I
oo
I
---------
oo -1--
-I--------------------------------I---
1
I
I
Kuno
N. (Schwester
Berta von Genf
Graf von
Rheinfelden
der Berta)
oo
Gerhard III. v. Egisheim
Bruder von Papst Leo IX.
I
I
I
---------------------------------------
I
I
I
Rudolf von Rheinfelden
Gerold von Genf
Herzog von Schwaben 1057
princeps 1034
erobert 1063/64 Genf
† vor 1080
König 1077, † 1080
sororinus Rudolfs von Schwaben
Zwar gehörte Rudolf von
Rheinfelden nicht zum Mannesstamm der
seinerzeit regierenden SALIER.
Darauf zielte der Seitenhieb Frutolfs,
Rudolf
sei ein Sproß Schwabens, «das dem königlichen
Stamm fremd» sei [42 Ruodolfus
indigena Suevie que regalis omnino stemmatis est aliena.
FRUTOLF, Chronicon, ed. F.-J. SCHMAL und I. SCHMALE-OTT, 1972, Seite
88. Dazu K. SCHMID, Frutolfs Bericht zum Jahr 1077, in: Festschrift
für Franz-Josef Schmale, Darmstadt 1998, Seite 181-198, hier Seite
183f.]. Er stammte aber nicht nur von
schwäbischen Herzögen, burgundischen Königen und Grafen
von Genf ab, sondern auch von Kaiser KARL DEM GROSSEN und
König HEINRICH I., was für
die Nachfolge im Reich noch
wichtiger war. Die Wahl blieb innerhalb der
Königsnachkommenschaft [43
Vgl. A. WOLF, Königskandidatur und Königsverwandtschaft, in:
Deutsches Archiv 47 (1991), Seite 45-117, hier Seite 114-116.]. Rudolfs
Wähler haben das
Geblütsrecht nicht gebrochen, sondern vielmehr gewahrt - auch
für die Zukunft zugunsten anderer mit königlicher Abstammung
unter den vielen tüchtigen und würdigen Königskandidaten
(multis, quos probitate dignos in
electione) [44 BRUNO, De
bello saxonico, cap. 91 (wie Anm. 41), Seite 332.]. Die
fürstlichen Wähler haben das Geblütsrecht sogar insofern
beachtet, als Rudolf
sowohl den gemeinsamen karolingischen
und Vorfahren (als den Ersterwerbern von Kaiser- und
Königtum) als auch HEINRICH Il. (als
dem letzten ottonischen
Kaiser) einen Verwandtschaftsgrad näher stand (3:4) als HEINRICH
IV.:
Konrad v. Burg. oo Mathilde (Karolingerin) Kuno v.
Öhningen oo Richlind (Ottonin)
I
I
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----------------------------------------
Mathilde Gisela
Gerberga oo Hermann v.
Schwaben
Judith
I
I
I
I
N. v. Genf Kaiser Heinrich II.
Kaiserin Gisela
Kuno v. Rheinfelden
I
†
1024
I
I
Rudolf v.
Rheinfelden
Heinrich III.
Rudolf v. Rheinfelden
König
1077
I
König 1077
Heinrich IV. König 1056