Legl Frank: Seite 232-235
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"Studien zur Geschichte der Grafen von Dagsburg-Egisheim."

                                          Die Molsheimer Fehde

Gegen Ende des Jahres 1122 waren Hugo VIII. von Dagsburg und der mit ihm verbündete Herzog Berthold III. von Zähringen in eine Fehde mit den Bürgern von Molsheim geraten [461
Siehe Ausgewählte Quellen zur "Zähringergeschichte, zusammengestellt von N. GÄDEKE, in: Die Zähringer. Anstoß und Wirkung, hrsg. v. H. SCHADEK und K. SCHMID, Sigmaringen 1986, Nr. 17 b, Seite 463ff., Zitat, Seite 464: ... Berchtoldus prior natu, cum in ducatum successisset, civitatem Friburg condidit anno dominice incantationis MCXVIII, et postea cum comite Hugone de Tagsburg vicum quemdam Alsacie Molnsheim dictum descendens violenter hospitatus est ab irruentibus ciuibus, sociis suis dissipatis, indigna morte peremptus est anno quarto, postquam ciuitutem iam dictam condiderat, et sepultus est in capitulo nostro ante sedem abbatis anno ab incarnatione Domini MCXXII; älterer Druck Genealogia Zaringorum, ed. G. WAITZ, MGH SS XIII, Seite 736. Vgl. auch J. SATTLER, Chronik der Stadt Freiburg im Breisgau, unv. Ndr, d. 1698 von J. SCHILTER hrsg. Ausg., Freiburg im Breisgau 1979, Seite 16f.], in deren Verlauf am 3. Dezember der ZÄHRINGER-Herzog von den Molsheimer Bürgern getötet wurde [462 Zum Todesjahr von Herzog Berthold III. siehe Notitiae fundationis et traditionum S. Georgii in Nigra silva, ed. O. HOLDER-EGGER, MGH SS XV, 2, cap. 47, Seite 1014. Zur Ermittlung des genauen Todesdatums von Berthold III. siehe S. MOLITOR, Das Todesdatum Herzog Bertolds III. von Zähringen im Reichenbacher Seelbuch in Kopenhagen, in: Die Zähinger. Eine "Tradition und ihre Erforschung, hrsg. v. K. SCHMID, Sigmaringen 1986, Seite 38f. Unter dem 3. Dezember ist im Reichenbacher Seelbuch Herzog Berthold eingetragen (ebda.), der von Molitor mit Berthold III. identifiziert werden konnte (ebda.). Der letzte sichere Nachweis Bertholds datiert vorn 23. September 1122. Er unterzeichnet als einer der Zeugen im Wormser Konkordat abgedruckt in: MGH Const. 1, Nr. 107, Seite 159f.]. Möglicherweise war auch der Straßburger Bischof Cuno in die Auseinandersetzung involviert [463 Zu Cuno siehe RegBfeStr. I, Nrn. 369-411, 426 und 427. Neuerdings ausführlich zu Cuno SEILER, Territorialpolitik, Seite 145-150 und 156-160. Cuno war der Nachfolger Balduins, der nach dem Tode Ottos von Staufen gewählt worden war, aber schon ein paar Wochen nach seiner Wahl starb (RegBfeStr. I, Nr. 368).]. Worum es in diesem Konflikt ging, verschweigen uns leider die Quellen [464 Als Quellen, die uns von der Molsheimer Fehde berichten, seien neben der in Anm. 461 zitierten, als weitere genannt Annalista Saxo, MGH SS VI, Seite 759; Chronica regia Coloniensis, Seite 61; Annalen Marbacenses, Seite 41; Annalen Maurimonasterienses, in: Annalen Marbacenses, Seite 105 (auch in MGH SS XVII, ed. Ph. JAFFE, Seite 181).]. Wir können mir Vermutungen anstellen. In Molsheim kann man im späten neunten und im zehnten Jahrhundert bischöflich-straßburgischen Besitz nachweisen [465  Siehe RegBfeStr. I, Nr 68, Seite 231, Nr. 129, Seite 241, Nr. 130, Seite 244f., Nr. 186, Seite 254; zu den frühen bischöflichen Besitzungen im Breuschtal vgl. auch J. FRITZ,Territorium, Seite 31-37.]. Außerdem machte seine geographische Lage den Ort sowohl in wirtschaftspolitischer als auch in strategischer Hinsicht für den Bischof, ebenso wie für das DAGSBURGER Grafen-Haus interessant. Die alte Salzstraße, die das Unter-Elsaß mit Lothringen verband, führte an Molsheim, das am Ausgang des Breuschtales liegt, vorbei [466 Vgl. auch W. MAIER, Stadt und Reichsfreiheit. Entstehung und Aufstieg der elsässischen Hohenstaufenstädte (mit besonderer Berücksichtigung des Wirkens Kaiser Friedrichs II.), Zürich 1972, Seite 65.]. In nicht geringer Entfernung von Molsheim lag das dagsburg-egisheimische Hauskloster Altdorf, eine einstmals von Graf Eberhard III. initiierte und von seinem Sohn Hugo III. raucus vollendete Stiftung [467 Zur Stiftung und Gründung von Altdorf siehe oben, Seite 187ff.]. Weiter westlich im Breuschtal erhob sich in beherrschender Stellung mit Girbaden eine der strategisch wichtigsten Burgen des Grafen-Hauses [468 Das Breuschtal war zum Beispiel das Aufmarschgebiet der lothringischen Truppen des ersten Gemahls der letzten DAGSBURGER Gräfin Gertrud, Herzog Theobald I. von Ober-Lothringen, bei dessen Vorstoß nach Rosheim im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit dem jungen STAUFER-König FRIEDRICH II. im Jahre 1218; siehe dazu unten das Kapitel 'Die Zeit bis 1220 - Die Ehe Gertruds mit Herzog Theobald I. von Oberlothringen'; zu Girbaden siehe unten im Kapitel 'Besitzungen' den Artikel 'Girbaden'], und schließlich gruppierte sich um Girbaden ein Schwerpunkt des Allodialbesitzes der Grafen von Dagsburg-Egisheim. Es ist also durchaus wahrscheinlich, daß sich in oder um Molsheim Interessen zwischen dem Straßburger Bischof und dem DAGSBURGER Grafen kreuzten und daß die Fehde zwischen dem DAGSBURGER und den Molsheimer Bürgern aus der jeweiligen territorialpolitischen Interessenlage sowohl des Grafen als auch des Bischofs ihren Urspnmg nahm.
Von einer möglichen Verwicklung Bischof Cunos in die sogenannte Molsheimer Fehde erfahren wir durch den Annalista Saxo. Der Straßburger Bischof sei von Kaiser HEINRICH V. abgesetzt worden, so kann man dort lesen, weil er an der Ermordung von Herzog Berthold von Zähriugen beteiligt gewesen sei [469
Annalista Saxo, MGH SS VI, Seite 759: Cono Strazburgensis episcopus solo nomine, quia in nece Bertoldi ducis consensit, ab episcopatu deponitur, et Bruno Babenbergensis eclesie canonicus ibidem episcopus constituitur.].
Ob die Amtsenthebung des Bischofs, die aller Wahrscheinlichkeit nach im Januar 1123 erfolgte [470
Siehe RegBfeStr. I, Nr. 411, Seite 306ff. Zur Absetzung Cunos siehe neuerdings M. MEYER-GEBEL Bischofsabsetzungen in der deutschen Reichskirche vom Wormser Konkordat (1122) bis zum Ausbruch des Alexandrinischen Schismas (1159), Siegburg 1992, Seite 5-19.], im Zusammenhang mit der Molsheimer Fehde und der Ermordung des ZÄHRINGERS zu sehen ist, oder ob die Molsheimer Bluttat nur ein Vorwand für die Absetzung war, läßt sich aus heutiger Sicht kaum mehr entscheiden.
Als Faktum steht fest, daß sich HEINRICH V. und Bischof Cuno politisch entzweit hatten, weil der Bischof, ursprünglich ein Anhänger der SALIER, wohl nach 1119 ins päpstliche Lager übergewechselt war [471
Siehe RegBfeStr. 1, Nr. 411, Seite 306 ff; vgl, dazu G. RÖSCH, Studien zu Kanzlei und Urkundenwesen der Bischöfe von Straßburg (1082/84-1162), in: MIÖG 85, 1977, Seite 291, und neuerdings MEYER-GEBEL, Bischofsabsetzungen, Seite 10-17. SEILER, Territorialpolitik, Seite 149f., bewertet die Rolle von Bischof Cuno eher als passiv. Er bezeichnet Cuno als „Marionette im salisch-staufischen Bündnis" (ebda., Seite 150). Seiler konstatiert von seiten des Kaisers und Schwaben-Herzogs eine gezielte Ausbootung des Straßburger Bischofs, da HEINRICH V. das Straßburger Domkapitel und die Bürgerschaft als Rückhalt in seinem Kampf gegen Erzbischof Adalbert von Mainz benötigte, folglich Domkapitel und Bürgerschaft auf Kosten Cunos begünstigte. Bischof Cuno habe nun von der päpstlichen Partei eine Stärkung seiner Position erhofft und auf eine Einigung zwischen Kaiser und Papst gesetzt, die jedoch nicht zustande, kam (ebda, Seite 155-158).]. Zudem fand gerade in dieser Zeit nicht nur eine Annäherung zwischen dem SALIER und dem Straßburger Domkapitel statt, mit dem der Bischof immer wieder Schwierigkeiten hatte [472 Vgl dazu und zu den Urkunden des Bischofs für das Domkapitel RÖSCH, Studien, Seite 290-294 und daran angelehnt MEYER-GEBEL, Bischolsabsetzungen, Seite 10-17, vgl. dazu SEILER, Territorialpolitik, Seite 155f., der auch die 1118 für die Straßburger Marienkirche ausgestellte Urkunde Heilwigs von Egisheim (Strasbourg. AD BR, G 16) in diesen Zusammenhang einordnet und sie als Beleg dafür ansieht, daß zwischen den elsässischen Grafen-Häusern und den STAUFERN eine politische Annnäherung stattgefunden hat; zu der Urkunde Heilwigs siehe auch oben, Seite 74f.], es läßt sich darüber hinaus auch eine Kooperation zwischen HEINRICH V. und der ebenfalls in Rivalität zu ihrem Stadtherren stehenden Bürgerschaft von Straßburg erkennen [473 Vgl. MEYER-GEBEL, Bischolsabsetzungen, Seite 15ff.; ferner SEILER, Territorialpolitik, Seite 155f.]. Diese Opposition der lokalen Kräfte gegen Bischof Cuno wird man wohl als treibende Kraft bei der Absetzung des Bischofs ansehen können. Nun mag die dem Bischof vorgeworfene und wie auch immer geartete Mitschuld an der Ermordung des ZÄHRINGERS hinsichtlich der Amtsenthebung Cunos durchaus ein vorgeschobener Grund für den Kaiser gewesen sein, völlig aus der Luft greifen konnte dieser aber eine solche Anschuldigung auch nicht, um einen einwn politisch unliebsam gewordenen Bischof loszuwerden. Ein derartiges Vorgehen des Kaisers hätte sicherlich heftige Gegenreaktionen hervorgerufen, die sich auch in antisalisch eingestellten Quellen niedergeschlagen hätten, so daß wir berechtigt annehmen können, daß der Straßburger Bischof in die Molsheimer Affäre involviert gewesen ist.
In der Richtung könnte man noch weitere Umstände deuten. Zum einen kann man in zwei im Januar 1123 in Straßburg ausgestellten Urkunden Heinrichs V. den Bruder und Nachfolger des ermordeten Berthold III., Konrad, neben dem DAGSBURGER Grafen in den Zeugenreihen finden, Bischof Cuno jedoch nicht [474
Urkunde vom 23. Januar 1123 (STUMPF, Nr. 3186) für das Kloster Alpirsbach, abgedruckt in Wirtembergisches Urkundenbuch, 1. Band, Nr. 279, Seite 354f., Urkunde vom 24 Januar 1123 für das Kloster Waldkirch (STUMPF, Nr. 3187, abgedruckt bei MARIAN, Geschichte, 1. Teil, 2. Band, Seite 265ff.: Dux Conradus, ... Hugo Comes (Zitat ebda., Seite 267). Daß es sich bei den beiden hier genannten Personen um Konrad von Zähringen und Hugo von Dagsburg handelt, ergibt ein Vergleich mit der Zeugenreihe des am Vortag ausgestellten Diplomes HEINRICHS V. für Alpinbach]. Meyer-Gebel deutet dies wohl zu Recht in der Richtung, daß der ZÄHRINGER und der DAGSBURGER, die wegen der Ermordung Bertholds wahrscheinlich beim Kaiser interveniert hatten, zum Prozeß gegen Cuno nach Straßburg gekommen waren, der anscheinend in diesen Tagen erfolgte, wie zudem aus dem Fehlen Cunos in den Zeugenreihen der besagten beiden Urkunden geschlossen werden kann [475 MEYER-EBEL, Bischofsabsetzungen, Seite 8 und 17. Mit weiteren Anhaltspunkten; vgl. dazu
E. HEYCK, Geschichte der Herzoge von Zähringen, Freiburg im Breisgau 1891, Seite 259.
].
Zum anderen hat Cuno nach seiner Absetzung, vielleicht als Sühne - über seine Beweggründe kann man nur spekulieren - das Zisterzienserklostcr Baumgarten gestiftet [476
RegBfeStr I, Nr. 426, Seite 310f.]. Auffällig ist nun, daß die Schutzvogtei über dieses Kloster die DAGSBURGER Grafen innehatten [477 Siehe unten im Kapitel 'Vogteien' den Artikel 'Baumgarten'.]. Es wäre durchaus denkbar, daß die Übertragung der Schutzvogtei über dieses bischöfliche Kloster an die DAGSBURGER eine Folge der Molsheimer Ereignisse darstellt. Wir können jedoch über den letztendlichen Ausgang der Fehde mangels Quellen keine näheren Aussagen treffen, aber vielleicht war diese Maßnahme ja ein Ergebnis des Friedensschlusses zwischen den streitenden Parteien. Diese Überlegungen bleiben lediglich Vermutungen, beweisen lassen sie sich nicht.
Zu weiteren Konflikten, jetzt zwischen dem neuen Bischof von Straßburg, Bruno [478
Zu Bischof Bruno siehe RegBfeStr. I, Nrn. 412-425,429, 431-443.], und Graf Hugo VII., kam es nicht mehr, denn Hugo VII. verstarb, noch jung an Jahren, schon bald nach den Molsheimer Ereignissen, im Verlauf des Jahres 1123 [479 Annalista Saxo, MGH SS VI, ad 1123, Seite 760; zur Diskussion um das Todesjahr siehe oben, Seite 80f.].