Legl Frank: Seite 141
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"Studien zur Geschichte der Grafen
von
Dagsburg-Egisheim."
Exkurs 2
Zu den angeblichen Schwestern und Verwandten Leos IX.
Neben der sicher nachgewiesenen
Schwester Leos IX., der Mutter
des Grafen Adalbert von Calw [776
Siehe oben Seite.], und der erschlossenen Schwester Hildegard [776 Siehe oben Seite 51ff.], werden
in späteren Quellen oder in der Literatur durch die Jahrhunderte
immer wieder Personen genannt, die als Schwestern
oder als Verwandte Leos IX. bezeichnet werden. Wie auch bei
weltlichen Dynasten das Bestreben dahin ging, ihre eigene Familie durch
illustre cognati zu
schmücken, so finden wir bei geistlichen Institutionen, zum
Beispiel bei Klöstern, eine ähnlich geartete Motivation,
nämlich das eigene Kloster auf die Stiftung durch eine
möglichst hochangesehene Familie zurückzuführen. Es
bietet sich gerade bei (teil meist aus den Quellen nicht allzu
bekannten Gemahlinnen der adeligen Stifter von Klöstern ein
idealer Anknüpfungspunkt, denn die Herkunft dieser Frauen kennt
man oft schon nach ein paar hundert Jahren nicht mehr. So ist es
zumeist kaum nachprüfbar, wenn behauptet wird, die Gemahlin des
Stifters eines Klosters komme aus der durch die Person des Papstes Leo IX. besonders
hervorgehobenen Familie. Als angebliche
Schwestern des elsässischen Papstes können wir Gertrud, die Mutter der berühmten Ida von Elsdorf,
ausmachen, des weiteren die Witwe des
Grafen Hermann von Mons, Richilde,
und als Gemahlinnen von Klosterstiftern sind sowohl eine gewisse Tuta von Egisheim, die Gemahlin des Grafen Manegold von Werth,
Stifter des Klosters Heiligkreuz bei Donauwörth, eine Adelheid vom Elsaß, Gemahlin des Sigiboto von Ruck,
einer der Stifter des Klosters Blaubeuren, sowie die Äbtissin Gepa von Neuss als Schwestern Leos IX.
bekannt.
Gertrud, die Mutter der Ida von Elsdorf
Von der hochadeligen Dame namens Ida
von Eisdorf, Tochter des
Grafen Liudolf von Braunschweig, behauptet der um 1240
schreibende Albert von Stade, sie sei filia fratris imperatoris Heinrici III.
filia quoque sororis Leonis pape, qui et Bruno [777 Annales
Stadenses auctore Alberto, ed. I. M.
LAPPENBERG, MGH SS XVI, ad 1112, Seite 319.]
gewesen, die nach
dem Mord an ihrem Sohn Ekbert
durch Markgraf Udo II. von Stade
zu
Papst Leo IX., ihrem avunculus,
nach Rom gereist sei und von diesem den
Ratschlag erhalten habe, Udo
sowohl zu verzeihen als auch als Erbe
einzusetzen, was schließlich auch geschehen sei [778 Ebda.: Habuit etiam Ida filium Ecbertum
comitem, quem primus Udo
marchio [= Udo II.]
Wistede prope Elstorpe occidit, cum
tamen
esset cognatus suus. Ida vero
orbata heredibus, Romam profecta est ad avunculum suum
papam Leonem, et salubribus monitis dimittendi debitoribus suis
debita ab ipso
instructa, rediit Elsthorpe, plenarie
Udoni dimittens iniuriam de nece
filii, et
ut quietius suis passet uti possessionibus, ipsum Udonem
suum fecit heredem, adoptans eum in
filium.]. Idas
Vater
Liudolf von Braunschweig war ein
Sohn der Kaiserin Gisela
aus ihrer
ersten Ehe mit Graf Brun von
Braunschweig, einem Stief-Bruder
Heinrichs
III. Zu Idas Mutter,
einer angeblichen Schwester Leos IX.,
namens
Gertrud [779 Zum
Namen Gertrud siehe Annalista
Saxo, MGH SS VI,
ad 1019, Seite 674.], haben sowohl Hans Dobbertin
[780 H.
DOBBERTIN, Das Verwandtschaftsverhältnis
der „schwäbischen" Edlen Ida von Elsdorf zum Kaiserbruder Ludolf
IV. von Braunschweig
(† 1038)
und zu Papst Leo IX. († 1054), in: Braunschweigisches
Jahrbuch, 43. Band,
Wolfenbüttel 1962, Seite 44-76.], Hermann
Jakobs [781
H. JAKOBS, Der Adel in der Klosterreform von St.
Blasien, Köln, Graz 1968, Seite 184-188 und Seite 197-204.]
als auch
Eduard Hlawitschka ausführlich geschrieben [782 E.
HLAWITSCHKA, Untersuchungen zu den
Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur
Adelsgeschichte
Süddeutschlands. Zugleich klärende
Forschungen um »Kuno von Öhningen«, Sigmaringen
1987, Seite 144-148.].
Hans Dobbertin meint, daß Leos
IX. Mutter Heilwig vor ihrer Ehe
mit Graf Hugo IV. von Egisheim
mit einem gewissen Ekbert verheiratet
gewesen sei und sieht Gertrud
als Halb-Schwester Leos IX. an
[783 DOBBERTIN,
Verwandtschaftsverhältnis, Seite 64f. Dobbertin (ebda., Seite 76)
redet bezüglich der Tochter
Gertruds, Ida von Eisdorf,
von einer
„Stief-Schwester-Tochter" Leos IX., meint
aber 'Halb-Schwester-Tochter'.].
Dobbertin macht eine Tochter eines
Grafen Ekbert, namens Gertrud,
in
den Quellen aus, die 1019 von einem gewissen Gottschalk, Sohn des
Grafen Ekkehard, geschieden wurde [784 Annalista
Saxo, MGH SS VI, ad 1019, Seite
674.]. Er erklärt diese Gertrud mit
der Mutter Idas von Eisdorf identisch
[785
DOBBERTIN, Verwandtschaftsverhältnis, Seite
65.]. Gegen Dobbertins These von
einer angeblichen Erstehe Heilwigs
von Dagsburg mit einem Grafen
Ekbert
kann jedoch einiges vorgebracht werden. So ist aus den Quellen
nichts
hierzu bekannt [786
Auch die sonst so ausführliche Leonis IX
vita berichtet nichts von solch einer Ehe von Leos IX. Mutter.].
Außerdem ist eine solche Ehe schon deswegen
unwahrscheinlich, weil Heilwig
- die angebliche Mutter Gertruds
- die
Erb-Tochter des Grafen Ludwig von
Dagsburg gewesen ist. So hätten
doch mit Sicherheit die Kinder aus der ersten Ehe Heilwigs beim Tod
ihrer Mutter das dagsburgische Erbe
beansprucht. Auch wäre es
nicht so reibungslos und von den Quellen unbeachtet auf die Nachkommen
aus Heilwigs angeblicher
zweiter Ehe weitergegeben worden, wenn
Gertrud und ihre angeblichen
Geschwister [787
Zu den
angeblichen Geschwistern Gertruds
siehe die Stammtafel bei DOBBERTIN,
Verwandtschaftsverhältnis, Seite 75. Auf die
Problematik, ob Gertrud
überhaupt Geschwister hatte, soll hier nicht
eingegangen
werden.] Kinder der Heilwig von Dagsburg gewesen
wären.
Wir lesen jedoch überhaupt nichts von irgendwelchen Streitigkeiten
um Heilwigs Erbe. Die These
Dobbertins, Gertrud sei die Tochter Heilwigs gewesen, muß
also zurückgewiesen werden. Davon
unberührt bleibt freilich Dobbertins Behauptung, Gertrud sei mit
der Tochter des Grafen Ekbert identisch,
deren Ehe mit einem
Gottschalk 1019 geschieden
wurde [788
Siehe
oben, Anm. 784.].
Hermann Jakobs billigt zwar Dobbertins Thesen Glaubwürdigkeit
zu [789
JAKOBS, Adel, Seite 184; vgl. dazu auch die
Einschätzung von Dobbertins These bei K. SCHMID, Probleme um den
»Grafen Kuno von
Öhningen«. Ein Beitrag zur Entstehung der welfischen
Hausüberlieferung und zu den Anfängen der staufischen
Territorialpolitik im Bodensee, in:
DERS., Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter,
Seite 133f.], doch er hält gegenüber
dem Bericht Alberts von Stade
eine gewisse Skepsis für angebracht [790
Ebda., Seite 186.]. Er kommt, da in dem
Bericht des Albert von Stade Leo IX.
auch als avunculus Idas von
Eisdorf bezeichnet wird [791 Siehe
oben, das Zitat in Anm. 778.] und durch einen
Vergleich mit dem Chronicon
Rosenfeldense, das nach Jakobs' Meinung eine andere Version von Alberts
Text benutzt hat [792
JAKOBS, Adel, Seite 186f.], zu der Vermutung,
daß Albert von Stade das
Wort avunculus einfach
dahingehend interpretiert habe, daß Ida
von Eisdorf eine Schwester-Tochter
Leos IX. sein müsse, also der
Stader Annalist „eine gutgläubige Chronistenversion (eben für
avunculus) im genealogisch strengen Sinne" [793 Ebda.,
Seite 187f.] geliefert habe, „die
darum aber nicht gleich der historischen Wirklichkeit entsprechen"
müsse [794 Ebda.,
Seite 188.]. Der Satz, daß Ida eine Schwester-Tochter Leos IX.
sei, wirke „rhetorisch zugespitzt [795
Ebda., Seite 188.]. Jakobs geht wie Dobbertin
davon
aus, daß Gertrud die Tochter eines Ekbert gewesen sei [796 Ebda.,
Seite 197.]; zu der
These Dobbertins, Gertrud sei
eine Halb-Schwester Leos IX.,
wahrt er
allerdings Distanz [797 Ebda.,
Seite 198 ff.], sieht aber durchaus eine
Verwandtschaft
zwischen Gertrud und Leo IX. [798 Ebda.,
Seite 201f., nennt als eine Möglichkeit
der Verwandtschaftsbeziehung die Leo
IX. und Gertrud
gemeinsame Verwandtschaft zu den
SALIERN,
die er über die angebliche
Ahnfrau der RHEINFELDENER,
Judith, als gegeben ansieht. Eine weitere Möglichkeit der
Verwandtschaft zwischen
Gertrud und Leo IX. möchte JAKOBS, Adel,
Seite 201ff., in dem komplizierten Vererbungsgang
des berühmten
Egbert-Psalters erblicken.] und läßt
letztendlich offen, ob
Gertrud eine Schwester oder Halb-Schwester Leos IX. gewesen sei [799 Ebda.,
Seite 204.].
Eduard Hlawitschka, der zuletzt die Frage nach der Abstammung Gertruds
eingehend untersucht hat, schließt sich der These Dobbertins an,
daß Graf Ekbert der Vater
Gertruds gewesen sei [800
HLAWITSCHKA, Untersuchungen, Seite 146.].
Hingegen billigt er Dobbertins Aussage, Gertrud als eine Stief-Schwester Leos IX. anzusehen,
wenig Wahrheitswert zu. Er verweist darauf, daß zu solch einer
angenommenen Erstehe Heilwigs von
Dagsburg die Quellen gänzlich schweigen, und daß der Name Gertrud bis zu diesem
Zeitpunkt in der EGISHEIMER
Grafen-Familie nicht belegt ist [801
Ebda., Seite 146 f.]. Hlawitschka hält die
These von Hermann Jakobs für plausibler und meint, daß Gertrud und Leo IX. durch die SALIER als
Bindeglied zwar verwandt gewesen sind, jedoch bestehe die
Verwandtschaft nicht über Judith,
die angebliche Ahnfrau der
Rheinfeldener, wie Jakobs glaubt [802 Zur
Auffassung von Jakobs siehe Anm. 781 und 792.];
vielmehr habe der Chronist Albert von Stade speziell das
Verwandtschaftsverhältnis zwischen Kaiser HEINRICH
III. und Papst Leo IX.
[803
Zur Verwandtschaft der EBERHARDINER/EGISHEIMER Grafen mit den SALIERN siehe
oben, Seite 36ff.] im Auge gehabt und die
Darstellung von Idas Herkunft
durch den Hinweis auf die Verwandtschaft zu Leo IX. in der uns vorliegenden,
zugespitzten Form ergänzt [804
HLAWITSCHKA, Untersuchungen, Seite 146.].
Zusammenfassend kann man feststellen, daß die These, Gertrud sei eine Schwester bzw. eine Halb-Schwester Leos IX., eher
abzulehnen sei.
Richilde
Eine gewisse Richilde, die in
erster Ehe mit dem Grafen Hermann von
Mons und in zweiter Ehe mit Graf
Balduin von Flandern verheiratet gewesen ist, wird in zwei
nicht zeitgenössischen Quellen als Schwester Leos IX. bezeichnet, in
der Flandria Generosa [805
Flandria generosa, ed. L. C. BETHMANN, MGH SS IX, Seite 320: sed
a domno papa Leone nono, eiusdem Richeldis avunculo, hanc
meruerunt
indulgentiam, ut in coniugo quidem sed absque carnali commixtione
manerent.] und
einer genealogischen Passage der Continuatio Aquicincta [806
Continuatio Aquicincta, MGH SS VI, ed. L. C. BETHMANN, Seite 433:
Balduinus Hasnoniensis duxit uxorem
Richeldam, relictam Herimanni
comitis Montensis, que erat de sanguine imperiali, et soror sancti
Leonis pape noni.], die jedoch von
der Flandria
generosa abhängt [807 Siehe ebda., Randbemerkung.].
Es
müssen erhebliche Zweifel an dieser Nachricht angemeldet werden.
Zum einen wissen Quellen, die zeitlich vor der Flandria generosa
liegen, nichts von der Verwandtschaft Richilde
mit Leo IX. [808
Genealogia comitum Flandriae Bertiniana, MGH SS IX, ed. L. C.
BETHMANN, Seiet 306 - Lamberti genealogia comitum Flandriae, ebda.,
Seite
309.], zum anderen besitzt die
Flandria generosa wenig Quellenwert, wie schon Ernst Steindorff
angemerkt hat [809
STEINDORFF, Heinrich III., 2. Band., Seite 152f., Anm. 5.].
Zudem
weist die Passage, die das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Leo IX. und Richilde beinhaltet, viele
Unwahrscheinlichkeiten auf, die wohl ins Reich der Fabel gehören.
So wird dort die Ehe zwischen Richilde
und Graf Balduin von Flandern,
die wegen zu naher Verwandtschaft
von kirchlicher Seite angefochten
worden war, von Leo IX.
angeblich unter der Bedingung sanktioniert, daß keine
fleischliche Vereinigung der beiden Ehepartner stattfinde [810
Siehe das Zitat in Anm 805.].
Auch soll Leo IX. laut
Herimanni Tiber de restauratione S. Martini
Tornacensis gegen die Ehe zwischen Balduin
und Richilde vorgegangen
sein [811
Herimanni Tiber de restauratione monasterii S. Martini "Ibrnacensis,
ed. G. WAITZ, MGH SS XIV, cap. 12, Seite 279f. Quod audiens Leo tunc
temporis papa Romanus, qui prius fuerat Tullensis episcopus et
vocabatur Bruno, dixit,
coniugium illud non esse legitimum,
quoniam consanguinitatis linea propinqui erant.].
Alles in allein muß festgestellt werden, daß es sehr
zweifelhaft ist, Richilde als
Schwester Leos IX. anzusehen.
Gepa, Äbtissin von Neuss
In der älteren Literatur findet sich immer wieder der Hinweis auf
eine weitere Schwester Leos IX.
namens Gepa, welche Äbtissin
des
St. Quirinusstiftes in Neuss gewesen
sein soll [812
So zum Beispiel bei DUGAS DE
BEAULIEU, Le comte de Dagsbourg, Stammtafel nach Seite 116 und Seite
133;
jedoch zweifelt schon SCHÖPFLIN, Alsatia illustrata, Seite 481, an
der Richtigkeit der Überlieferung.].
Die Überlieferung, daß Gepa [813
Zu Gepa von Neuss siehe R.
KOTTJE, Das Stift St. Quinn zu Neuß
von seiner Gründung bis zum Jahre 1485, Düsseldorf 1952,
Seite
24f.; vgl. E. WISPLINGHOFF, Geschichte der Stadt Neuss, 4. Teil: Das
Kirchliche Neuss bis 1814, Pfarrverhältnisse und geistliche
Institute, Neuss 1989, Seite 325.], die aus Rom
Reliquien des Hl.
Quirinus nach Neuss gebracht haben soll, eine Schwester Leos IX. sei,
entstammt nicht einer mittelalterlichen Überlieferung, sondern
wird uns erst durch Gelehrte im 17. Jahrhundert berichtet [814
VIELLARD, Documents, Nr. 63, Seite 115:..- Hanc donationem [reliquiarum
S. Quirini] Gepae abbatissce
factam fuisse a Leone IX, pontifice
Romana, anno Christi ML, tradidit Arnoldus Mandt, decanus
capituli
Nussiensis, in historia martyrii, translationis et elevationis
sancti Quirini, idiomate germanico Colonica anno 1619 excusa. Addit
Gelenius in fastis Agrippinensibus, ad diem xzx aprilis, Gepam putari
Leorris IX sororem extitisse, quod alii passim non admittunt;
vgl. W. FELTEN, Der hl. Martyrer und Tribun Quirinus, Patron der Stadt
Neuss, Neuß 1900, Seite 16-21. Eine Kopie des schwer
zugänglichen Buches von Felten wurde mir freundlicherweise vom
Stadtarchiv Neuss zur Verfügung gestellt.].
Ob dieses
Wissen um die Verwandtschaft aus einer heute verlorenen
mittelalterlichen Überlieferung stammt oder ob es sich um einen
Rückschluß handelt, wird nicht mitgeteilt.
Ein im Archiv des Departements Meurthe-et-Moselle in Nancy befindliches
Memoire aus dem 18. Jahrhundert, das wohl aus älteren Quellen
schöpft, gibt uns eine weitere - wenn, auch etwas von dem
Vorgenannten abweichende - Auskunft. Das Memoire berichtet uns,
daß
eine Äbtissin von Neuss Reliquien des Heiligen
Quirin nach St.
Quirin gebracht habe, die sie von ihrem
Verwandten, Papst Leo IX.,
erhalten hätte [815
Französischsprachiges Memoire zur Stiftung von St. Quirin aus dem
18. Jahrhundert in Nancy, AD M-et-M, II 303: Bientot ce lieu devient
celebre par les guerisons miraruleuses qui s'y faisoient journellement
et les peuples y accouroient en foule honneur les reliques de St. Quirin,
qui y furent deposees par
une abbesse de Niss, qui les avoit recues du Pape Leon IX son parant.].
Hier lesen wir also nichts von einer Schwester
Leos IX. Die Äbtissin von
Neuss wird lediglich als Verwandte
des Papstes bezeichnet, auch ihr Name wird nicht genannt.
Fragen wir nach dem Wahrscheinlichkeitsgehalt dieser Nachricht. Es ist
durchaus möglich, daß eine Verwandte
von Leo IX. Reliquien des Hl. Quirin von ihm erhalten und die
Stücke an das Priorat weitergegeben hat. Eine solche
Reliquienübergabe paßt zu der Politik des Papstes. Auch
daß eine Verwandte von ihm quasi die Verntittlerrolle
übernommen hat, ist nicht abwegig. Doch könnte der Fall
genausogut umgekehrt liegen. Weil die Reliquienvergabepraxis Leos IX. - gerade an geistliche
Institutionen nördlich der Alpen - hinreichend bekannt war,
könnte man in späterer Zeit den Rückschluß gezogen
haben, auch St. Quirin hätte die Quirinsreliquien durch
Vermittlung dieses Papstes bekommen.
Sehen wir uns die Neusser Quellen zu Gepa und der angeblichen
Reliquientranslation an. Die frühe Überlieferung zu dem Stift
St. Quirin in Neuss weiß nichts von einer solchen
Reliquienüberführung durch Gepa
in das oberlothringische Priorat [816
Zur frühen Uberlieferung bezüglich des Stiftes St. Quirin in
Neuss siehe KOTTJE, Stift St. Quirin, besonders Seite 18-25.].
Wir erfahren darüber durch einen Eintrag zum 11. Februar, dem angeblichen Todestag Gepas, im
Neusser Totenbuch von 1421. Dieser Vorgang wird dort ohne jede
Zeitangabe wiedergegeben, so daß man keinen Anhaltspunkt
diesbezüglich hat [817
W. LEVISON, Das Totenbuch des Neußer St. Quirinus-Stiftes in
London, in: AHVNRh 116, 1930, Seite 138: Obiit Gepa
abbatissa monasterii
sti. Quirini Nuss. que de gratia dei ei sedis apostolicae de
Roma in
dictum monasterium secum detulit reliquias sti. Quirini quae dicitur
sepulta subtus campanas eiusdem monasterii.].
Nach den Forschungen von Raymund Kottje reicht die Quirinusverehrung in
der Neusser Gegend günstigstenfalls bis ins Jahr 965 zurück,
und er zieht den vorsichtigen Schluß, daß Gepa möglicherweise um die
Mitte des 10. Jahrhunderts gelebt hat, da die Reliquientranslation fest
an ihre Person gebunden ist [818
KOTTJE, Stift St. Quirin, Seite 24f.]. Für
unser Problem heißt das, daß Gepa demnach keine Schwester Leos IX. gewesen sein
kann, da sie höchstwahrscheinlich zwei Generationen vor ihm gelebt
hat. Allerdings würde der von Kottje für das Leben Gepas festgestellte Zeitraum von der
Mitte des 10. Jahrhunderts zeitlich gut mit der angeblich um 966
erfolgten Stiftung des Priorats St. Quirin in Ober-Lothringen durch den
Großvater Leos IX., Graf Ludwig von Dagsburg, zu
kombinieren sein. So könnte das Quirinspatrozinium
möglicherweise wirklich durch eine Reliquienübergabe einer
Neusser Äbtissin, vielleicht mit Namen
Gepa, um 966 an das oberlothringische Priorat gekommen sein.
Eine Schwester Leos IX. war Gepa jedenfalls nicht [819 BRUCKER,
Saint Leon IX., 1. Band Seite 341, schließt eine Verwechslung der
Gepa mit Gerberga, der Äbtissin von Hesse, nicht aus.].
Tuta von Egisheim
Eine Tuta von Egisheim soll
die Gemahlin Manegolds von Werth,
des Stifters des Klosters Heiligkreuz
zu Donauwörth, gewesen sein. Die These, daß Tuta dem Geschlecht der EGISHEIMER Grafen entstamme,
findet sich in der 1958 erschienenen „Geschichte der Stadt
Donauwörth" von Maria Zelzer [820
M. ZELZER, Geschichte der Stadt Donauwörth, 1. Band.,
Donauwörth 1958, Seite 19.]. Zelzer beruft
sich dabei auf ein Manuskript des letzten Archivars des Klosters
Heiligkreuz zu Donauwörth, Bernhart Stocker [821 Ebda, Anm.
11 auf Seite 367.]. Jedoch findet sich in dem
Manuskript gebliebenen und gegen Ende des 18. Jahrhunderts
abgefaßten Werk Stockers mit dem Titel „Diplomatische Geschichte
des Klosters und der Stadt Donauwerd" keine diesbezügliche
Äußenrung, im Gegenteil, Stocker weist darauf hin, daß
man über die Abstammung Tutas
keinerlei Aussagen treffen könne [822
P. BERNHART STOCKER, Diplomatische Geschichte des Klosters und
der Stadt Donauwerd (Manuskript), Seite 59: „Mangolds Gemahlin Tutta oder
Tuotta, von der wir nur ihren Namen ... nicht aber ihre
Abstammung
wissen". Ein Film der Handschrift wurde mir freundlicherweise von der
Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Augsburg (Sign.
20/NS
2O90 5864) zur Verfügung gestellt.]. Auch
der letzte Abt des Donauwörther
Heiligkreuzklosters, Cölestin
Königsdorfer, der den Nachlaß Stockers ordnete und
auf der Basis von dessen Aufzeichnungen eine Geschichte seines Klosters
schrieb [823
Siehe C. KÖNIGSDORFER, Geschichte des Klosters zum Heiligen Kreutz
in Donauwörth, 1. Band, Donauwörth 1819, Seite VIII-XIII.],
die 1819 erschien, konnte nichts von der Herkunft der Gemahlin Manegolds berichten [824 Ebda,
Seite 43: „Mangolds Gemahlinn
[sic!] Tutta (unbekannt, aus
welcher Familie) starb den 27. Juny
1050".]. Es ist auch keine Quelle bekannt,
die auf eine Abstammung Tutas
aus der Familie der
DAGSBURG-EGISHEIMER Grafen schließen läßt.
Ebenso findet sich in der Bulle Leos
IX., die dieser für das Donauwörther
Heiligkreuzkloster ausgestellt hat, kein Hinweis auf irgendeine
Verwandtschaft zu den Stiftern [825
Die Bulle Leos IX. ist
abgedruckt, ebda., Nr. 2, Seite 392-395.].
Daß eine Tuta als Gemahlin Manegolds I. von Werth angenommen
wird, führt sich, soweit ich sehe, auf eine im 16. Jahrhundert
zerstörte Inschrift auf einer Grabplatte im ehemaligen
Heiligkreuzkloster zurück, auf der folgendes zu lesen war:
Tres fundatores ,Manegoldi
Tutaque,flores
Celestis prati, pausant simul hic tumulati [826 Siehe A.
STEICHELE, Das Bisthum Augsburg, 3. Band,
Augsburg 1872, Seite 844. Der Wortlaut der Inschrift ist laut
STEICHELE,
ebda., mit Anm. 283 und ebda., Seite 828 mit Anm. 2, auf uns durch die
1619 beendete, handschriftlich überlieferte Chronik von Georg
Beck,
Prior von Heiligkreuz, gekommen. Die Inschrift ist neben Steichele
mehrfach abgedruckt worden, so bei KÖNIGSDORFER, Geschichte, 1.
Band, Seite
53, sowie bei P. BRAUN, Geschichte der Grafen von Dillingen und
Kiburg, in: Historische Abhandlungen der königlich-baierischen
Akademie
der Wissenschaften, 5. Band, München 1823, Seite 448.].
Daraus geht jedoch weder hervor, wer Tuta
war, noch ob sie die Gemahlin
des ersten der drei Manegolde
gewesen ist, geschweige denn, welchem Geschlecht sie entstammte.
Es scheint also ebenso wie bei Richilde
und Gepa von Neuss im Falle der
Tuta mehr der Wunsch der Vater
des Gedankens gewesen zu sein, sie entstamme dem EGISHEIMER Grafen-Haus, und man ist
vielleicht durch den Umstand des Besuches von Leo IX. in Donauwörth zu der
Vermutung angeregt worden, daß die Stifter - analog zu den mit Leo IX. wirklich verwandten Stiftern
der Abtei Hirsau, die Leo IX. auch
besucht hat - mit dem Papst verwandt gewesen seien.
Adelheid vom Elsaß
In der einschlägigen Literatur zu den Pfalzgrafen von
Tübingen und dem Kloster Blaubeuren wird immer wieder auf die
Verbindung der TÜBINGER Pfalzgrafen mit den Grafen von Dagsburg-Egisheim
hingewiesen. So liest man in der Einleitung zu dem von Hansmartin
Decker-Hauff, Franz Quarthal und Wilfried Setzler herausgegebenen
Sammelband „Die Pfalzgrafen von Tübingen" [827 H.
DECKER-HAUFF -. F. QUARTHAL - W. SETZLER [Hrsg. ], Die Pfalzgrafen von
Tübingen. Städtepolitik, Pfalzgrafenamt, Adelsherrschaft im
Breisgau, Sigmaringen 1981.]: „Ein
glänzendes Konnubium vergrößerte Macht und Ansehen der TÜBINGER. Mit dem niederelsässischen Herzogs-Haus
[sic]! der EGISHEIMER wurde
eine Heiratsverbindung gerade zu dem Zeitpunkt geknüpft, als ein
Angehöriger des Geschlechtes, Papst
Leo IX. (1048-1054), als
bedeutender Reform-Papst wirkte [828
Einleitung von F. QUARTHAL zu ebda., Seite 9.].
Weitere Einzelheiten zu dieser Verbindung - vor allem wer wen
geheiratet hat - werden von Quarthal und von den übrigen Autoren
des Sammelbandes nicht mehr genannt. Versucht man nun, mehr
darüber zu erfahren, stößt man sehr bald auf Probleme.
Christoph Friedrich Stälin erwähnt in dem 1847
herausgegebenen zweiten Teil seiner „Wirtembergischen Geschichte"
keinerlei Verbindung der TÜBINGER
Grafen mit dem Grafen-Haus von
DAGSBURG-EGISHEIM [829
Chr. F. STÄLIN, Wirtembergische Geschichte, 2. Theil: Schwaben und
Südfranken - Hohenstaufenzeit 1080-1268,
Stuttgart und Tübingen 1847; zu den Pfalzgrafen von T'übingen
ebda., Seite 425-451.]. Nähere Angaben zu
dem besagten Konnubium findet man indessen in dem 1853 publizierten
Standardwerk von Ludwig Schmid „Geschichte der Pfalzgrafen von
Tübingen" [830
L. SCHMID, Geschichte der Platzgrafen von Tübingen, nach meist
ungedruckten Quellen, nebst Urkundenbuch. Ein Beitrag zur
schwäbischen und deutschen Geschichte, Tübingen 1853.],
der zur Herkunft der Gemahlin des
Grafen Sigiboto von Ruck namens
Adelheid äußert, sie stamme „aus einem Elsäßischen Grafen-Hause,
gewöhnlich wird Egisheim
genannt [831
Ebda, Seite 35 und ebda, Tafel 1.]. Schmid gibt
jedoch kein Quellenzeugnis für seine Behauptung an. Graf Sigiboto von Ruck hatte
zusammen mit seinen Brüdern,
den Grafen Hugo und Anselm von Tübingen, gegen Ende
des 11. Jahrhunderts das Kloster Blaubeuren gestiftet [832 Zur
Stiftung von Blaubeuren vgl. ebda, Seite 31-56 und O.-G. LONHARD, Das
Kloster Blaubeuren im Mittelalter. Rechts- und
Wirtschaftsgeschichte einer schwäbischen
Benediktinerabtei. Mit einem Beitrag: Siegel und Wappen des Klosters v.
E. GÖNNER, Stuttgart 1963.].
Otto-Günter Lonhard geht in seiner Abhandlung über „Das
Kloster Blaubeuren im Mittelalter" [833
Ebda.] dem Problem aus dem Weg, indem er für
Sigibotos Frau Adelheid keine
Familienzugehörigkeit angibt [834
Ebda., Seite 3 und Seite 142.]. Die Herausgeberin
der Blaubeurer Klosterchronik des Christian Tubingius, Gertrud
Brösamle, beschäftigt sich ausführlicher mit der
Problematik, stellt aber die These auf, Gräfin Adelheid vom Elsaß
sei selbst eine Schwester der Grafen
Anselm und Hugo von
Tübingen gewesen und Sigiboto
von Ruck folglich nur der Schwager
dieser beiden Brüder und nicht, wie bisher angenommen
wurde, deren Bruder [835 Christian
Tubingius, Burrensis Coenobii Annales. Die Chronik des Klosters
Blaubeuren, hrsg. von G.. BRÖSAMLE mit
deutscher Übertragung von B. MAIER, Stuttgart 1966, Seite 305-308,
vor allem Seite 307f.].
Allerdings leitet sie von den Namen
Hugo, der sowohl im TÜBINGER
als auch im DAGSBURG-EGISHEIMER
Grafen-Haus als Leitname in Gebrauch ist, eine mögliche
eheliche Verbindung zwischen beiden Häusern her, die aber zeitlich
in einer vorangegangenen Generation anzusetzen sei [836 Ebda,
Seite 305f.]. In seinem Aufsatz „Schwäbische
Pfalzgrafen, frühe Staufer und ihre Sippengenossen" schlägt
Heinz Bühler eine andere Identifizierung jener Adelheid vom Elsaß vor. Er
möchte sie an die Familie von Werner,
dem Stifter der elsässischen
Benediktinerabtei Hugshofen, angliedern [837 H.
BÜHLER, Schwäbische Pfalzgrafen, frühe Staufer und ihre
Sippengenossen, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen an der
Donau, 77. Jg. 1975, Dillingen a d. Donau 1975, Seite 118-156,
Stammtafel auf Seite 137 Diese These BÜHLERS ist aber zum
Großteil auf Vermutungen aufgebaut und kann somit nicht als
letztgültiger Beweis angesehen werden.].
Jürgen Sydow hingegen nennt in dem 1974 erschienenen ersten Band
seiner „Geschichte der Stadt Tübingen" die Heiratsverbindung
zwischen Sigiboto von Ruck und
der Gräfin Adelheid
nicht, sieht aber ebenso wie Brösamle eine verwandtschaftliche
Verbindung der TÜBINGER Grafen
mit den DAGSBURG-EGISHEIMERN,
welche nach seiner Meinung „vielleicht anders einzuordnen ist, als es
in der früheren Forschung erfolgte, die aber grundsätzlich
nicht angezweifelt werden kann und vielleicht den Leitnamen Hugo in die Familie der TÜBINGER brachte, wenn man auch
diese nicht unbedingt als Seitenlinie
der ELSÄSSER betrachten muß" [838 J. SYDOW,
Geschichte der Stadt Tübingen. 1. Teil: Von den
Anfängen bis zum Übergang an Württctnberg 1342,
Tübingen 1974, Seite 99.]. Immo Eberl
bezeichnet in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1979 „Die Edelfreien von
Ruck und die Grafen von Tübingen" [839
I. EBERL Die Edelfreien von Ruck und die
Grafen von Tübingen.
Untersuchungen zu Besitz und Herrschaft im Blaubeurer Raum bis zum
Ausgang des 13. Jahrhunderts, in ZWLG 38, 1979,
Seite 5-63 und Stammtafel.] die Gemahlin Sigibotos nur als „Adelheid vom Elsaß" [840 Ebda.,
Seite 6ff.] und legt sich nicht auf eine
Familienzugehörigkeit fest. Allerdings vermutet auch er - ebenso
wie Sydow - wegen der Verwendung des Leitnamens Hugo in beiden Familien eine
Verbindung zwischen den Grafen von
Dagsburg-Egisheim und den Grafen
von Tübingen, die er nicht näher charakterisiert [841 Ebda.,
Seite 11f.]. Diese These, die wohl allein auf der
Koinzidenz des Namens Hugo in
beiden Familien beruht, entbehrt ansonsten jeglicher Quellengrundlage,
was auch Helmut Maurer zu Recht einwendet [842 H. MAURER,
Eberhard, der »Bruder« des Papstes, Seite 293, Anm. 51.],
denn es kann keine dafür in Frage kommende Heirat genannt werden,
die zeitlich in irgendeiner der jenem Hugo
von Tübingen - der uns als einer der Stifter des Klosters Blaubeuren entgegentritt
- vorangehenden Generationen anzusiedeln wäre. In der zum
900jährigen Jubiläum des Klosters erschienenen Literatur wird
das Problem nicht mehr thematisiert. Adelheid
wird entweder gar nicht erwähnt [943
So bei I. EBERL [Hrsg.], Kloster Blaubeuren 1085-1985.
Benediktinisches Erbe und Evangelische Seminartradition,
Sigmaringen 1985; DERS., Cluny-Hirsau-Blaubeuren: Die
Benediktiner in Südwestdeutschland bis zur Reformation, in:
Kloster Blaubeuren 900 Jahre, hrsg. von G. DOPFFEL und G. KLEIN,
Stuttgart 1985, Seite 28-46.]
oder als Adelheid vom Elsaß
bezeichnet [844
O.-G. LONHARD, 900 Jahre Kloster Blaubeuren.
Kritische Überlegungen zur Gründungsgeschichte (1080-1125),
in:
ZWLG 46, 1987, Seite 374.] bzw. man
übernimmt die althergebrachte Meinung, sie sei aus dem Geschlecht der EGISHEIMER Grafen [845
So J. WILHELM, Der Chor der Blaubeurer Klosterkirche als
spätgotisches Gesamtkunstwerk, in: Blaubeuren. Die Entwicklung
einer Siedlung in Südwestdeutschland, hrsg. von H. DECKER-HAUFF
und I. EBERL, Sigmaringen 1986, Seite 869, Anm. 81.].
Welche Quellenzeugnisse lassen sich nun zu der Gemahlin des Sigiboto von Ruck, jener Adelheid vom Elsaß, finden?
Hier werden wir auf Christian
Tubingius, den letzten katholischen Abt
und gleichzeitig auch Klosterchronisten von Blaubeuren, verwiesen, der
im Zusammenhang mit der Klostergründung folgendes zu berichten
weiß: Sigibotto itaque ille
vulgo Sibotto de Rugga comes, Anshelmi et Hugonis
palatinorum frater, cum coniuge sua
Adelhaide de Elisalia comitisa nontantum
dedit locum et
ecclesiam iuxta fontem ad cenobium aedificandum, verum etiam in dotem
eius cotulit pagum Sussen [846
Tubingius,
Burrensis Coenobii Annalen, Seite 34.].
Diese Schenkung hat dann nach dem Tode des Sigiboto von Ruck seine Witwe Adelheid zusammen mit ihren
drei Söhnen wiederholt und weitere Güter hinzugefügt,
was wir ebenfalls durch Christian Tubingius erfahren: Quam
Sigibotti
donationem Adelhaidis
praedicta eius vidua cum suis
filiis,
Sigefrido presertim (tres
liquidem liberos, videlicet Wernherum
clericum, Waltherum et Sigefridum comites invicem
genuerant)
augmentavit et viri inchoationem confirmare fidissime studuit. Fuit
enim collectrix Dei servorum in hoc loco habitantium, haereditabat
siquidem quartam partem huius loci addiditque molendinum et clivum
iuxta molendinum et unum mansum Sussen et unum Calminesburch et
clivum contra Sussen qui nunc (ut autumo) Hierocominus vulgo Siechhald
dicitur atque ut quidam asseruit citra Sussen foresta sua in Alpium
montibus tam in cultura quam in lignis et sylvis [847 Ebda.].
Außerdem
schenkt sie zusammen mit ihrem Sohn
Siegfried dem Kloster die Nikolauskirche in
Seißen, anscheinend im Tausch für ein Gut, das ein gewisser
Udalschalk gegeben hat: Dedit etiam ecclesiam sancti Nicolai in
Sussen
cum filio Sigefrido pro
praedio quod dominus Udalscalus
dedit ad vel
apud Niderhoffen [848
Ebda., Seite 34 und 36.]. Letztere
Übereignung wird von Christian
Tubingius noch zweimal im Zusammenhang mit Schenkungen der
Stifterfamilie an das Kloster Blaubeuren wiederholt. So gibt
Adelhaid
de Elzzazen/ecclesiam apud Süssen pro predio quod
dominus Udalscaleus ad Niderhoffen dedit, et clivum contra
Süssen
ibi et monsum unum [849
Ebda, Seite 52.]. Tubingius präzisiert noch
einmal, da er -
wie er angibt - zwei Quellen mit etwas unterschiedlichen Angaben
vorliegen hatte. Laut jener zweiten Quelle habe Adelha de
Elezase ecclesiam
sancti Nicolai Suirssen pro predio <ad> Niderhoffen
quod dominus Udalscalcus dedit
et clivum contra Suissen.
Insuper mansum Sunthaim et apud Suissen unum [850 Ebda.,
Seite 43.] geschenkt. In allen
diesen Quellenstellen bezeichnet Tubingius Adelheid als
elsässische Gräfin
und nennt keinen Familiennamen.
Außerdem tritt sie uns - ebenfalls in der Chronik des Tubingius
- noch in einer Schenkung von ihrem
Sohn Siegfried entgegen, der sie
zustimmt: Nam Sigefridus vel Sigifridus, Sigibotto/nis de Rugga filius
patris loco ut supra auditum succedens, fundator fuit dimidiae
partis huius ecclesiae, deditque cum matris et fratrum assensu
Treffenesbuch, Waldstetten, Calminesbuch in dotem ecclesiae et
ecclesiam Süssen cum decimis [851
Ebda, Seite 50.]. In anderen Quellen ließ
sich die Gräfin Adelheid
nicht nachweisen. Auch an dem 1493
geschnitzten Chorgestühl der Blaubeurer Klosterkirche ist sie
unter
den anderen Stifterfiguren nicht zu finden [852
Beschreibung sämtlicher Stifterfiguren und der beigefügten,
auf ältere urkundliche Vorlagen zurückgehende, Inschriften
bei EBERL [Hrsg.], Kloster Blaubeuren, Seite 28f.; Grundrißschema
des Chores ruft Angabe der Plazierung der Figuren bei WILHELM, Chor
der Blaubeurer Klosterkirche, Seite 816f. Allerdings ist durch die
falsche Zuordnung der Ziffern im Grundrißschema zu den in der
Legende genannten Personen die korrekte Anordnung der Figuren nicht
genau erkennbar. Wilhelm gibt aber im Text, Seite 843f., die richtige
Position der Adelheid-Figur
an, wie ich durch eigene Inaugenscheinnahme
des Chorgestühls feststellen konnte. Wilhelm behauptet unter
anderem, daß die Gemahlin
Sigibotos von Ruck im Chorgestühl
der Blaubeurer Klosterkirche dargestellt sei, und zwar sei sie als
Einzelbüste von den übrigen Stifterdarstellungen abgehoben
und in Entsprechung zu den Prophetenbüsten zu sehen (ebda., Seite
843f.), weil ihr ,wohl das Kloster so verpflichtet war, daß
für eine Darstellung dieser Stifterin eine Abweichung im Programm
in Kauf genommen wurde" (ebda, Seite 844). Wilhelm hat zwar ganz recht
mit seiner Annahme, daß diese herausgehobene Positionierung im
Chorgestühl auf eine besonders wichtige Funktion dieser Person bei
der Stiftung oder als Wohltäterin des Klosters schließen
läßt. Er zieht jedoch aus einer an sich richtigen
Überlegung eine
falsche Schlußfolgerung, denn er behauptet, es handele sich bei
der dargestellten Person um die Gemahlin
Sigitxrtos von Ruck (ebda,
Seite 43f. und die dazugehörige Anm. 81 auf Seite 869). Es gibt
aber
bekanntlich zwei Frauen namens
Adelheid, die in der
Frühgeschichte des Klosters Blaubeuren eine wichtige Rolle
spielten, zum einen besagte Adelheid
vom Elsaß, die Gemahlin
Sigibotos von Ruck, und zum anderen Adelheid von Enzburg, die
Schwieger-Tochter des Grafen Anselm
von Tübingen. Daß
Gräfin Adelheid vom Elsaß bei
der Stiftung einen besonders
hervorzuhebenden Beitrag geleistet hat, der ihre herausgehobene
Stellung im Chorgestühl rechtfertigen würde, läßt
sich aus den vorhandenen Quellenzeugnissen nicht ableiten. Wohl aber
kann man bei Adelheid von Enzburg
eine herausragende Handlung mit
besonderer Bedeutung für das Blaubeurer Kloster erkennen,
nämlich durch ihre Romreise und durch das Erwirken der
päpstlichen Schutzbulle von Urban
II. (vgl. dazu Tubingius,
Burrensis Coenobii Annalen, Seite 40; auch in Wirtembergisches
Urkundenbuch, 1. Band, Nr. 253, Seite 313f.), so daß die
Büste der Adelhait
comitissa mit Sicherheit die Gräfin
Adelheid von Enzburg darstellt. Für diese These spricht
auch,
daß sie eben nicht im räumlichen Zusammenhang mit
Sigiboto von Ruck und dessen
Nachkommen abgebildet ist, sondern auf
der Seite - wenn auch etwas separiert - auf der die Famlie ihres
Schwieger-Vaters, Graf Anselm
von Tübingen, angebracht ist. Die
einzigen zusammengehörigen Figuren, die sich nicht auf jeweils
einer Seile des Chorgestühls finden, Pfalzgraf Friedrich von Tübingen
und dessen Gemahlin, sind aber durch die direkt
gegenüberliegende Anordnung und die Inschriften einander eindeutig
zugeordnet.].
Betrachtet man die angegebenen Quellenstellen unter
besitzgeschichtlichem Aspekt, so zeigt sich, daß die Besitzungen
der Adelheid, welche durch
ihre Begabungen an das Kloster Blaubeuren sichtbar werden, wohl fast
alle durch ihren Mann auf sie gekommen sind [853 Dies
vermutet schon Gertrud Brösamle im Anhang zur Ausgabe der Chronik
von Tubingius, Burrensis Coenobii Annalen, Seite 299.].
Sigiboto von Ruck schenkt dem Kloster ja den pagum Sussen [854 Ebda,
Seite 34.], in dem der Großteil der
späteren Schenkungen der Adelheid
liegt. Auch die Schenkungen zusammen mit ihren Söhnen sprechen
für diesen Umstand, so daß mit Hilfe der
besitzgeschichtlichen Bestimmung keine Familienzugehörigkeit
festgestellt werden kann [855
Die obengenannten Schenkungen liegen alle in der Nähe von
Blaubeuren. Zu Seißen, Treffensbuch und Sontheim siehe die Karte
bei
LONHARD, Kloster Blaubeuren im Mittelalter, Seite 159;
Kälblinsbuch ist
ein abgegangener Ort bei Suppingen (EBEL, Die Edelfreien von Ruck,
Seite 13. Anm. 56; zur Lage von Suppingen vgl. die Karte bei LONHARD,
Kloster Blaubeuren im Mittelalter, Seite 159); Waldstetten (=
Ödenwaldstetten) liegt in der Nähe von Münsingen (siehe
dazu die
Angaben in: Tubingius, Burrensis Coenobii Annalen, Seite 50, Anm. 63).].
Ebenso läßt sich keine dieser Besitzungen der Gräfin Adelheid in der Familie der Grafen von DAGSBURG-EGISHEIM
nachweisen, so daß man von daher keine Aussage ableiten kann.
Auch Überlegungen im Zusammenhang mit dem Namen „Adelheid" führen hier nicht
weiter. Zwar taucht der Name Adelheid
in der Familie der DAGSBURG-EGISHEIMER
öfters auf, aber diese Familie ist nicht die einzige im
Elsaß, in der der Name Adelheid
heimisch ist. In diesem Zusammenhang sei nur die These Heinz
Bühlers angeführt, der ja - wie oben erwähnt [856 Vgl.
oben, Anm. 837.] - mutmaßt, die Gräfin Adelheid vom Elsaß
sei eine Enkelin Werners, des Stifters der elsässischen
Benediktinerabtei Hugshofen [857
BÜHLER, Schwäbische Pfalzgrafen, Stammtafel auf Seite 137.].
Als Eltern Werners möchte
er Lütold von Mömpelgard
und Willibirg von Wölflingen
sehen [858
Ebda., Stammtafel auf S. 137.]. Eines der Kinder
aus dieser Ehe trägt den Namen
Adelheid, welche den Grafen
Rudolf von Achalm ehelichte. Aus der Ehe der Adelheid von Wölflingen mit Rudolf von Achalm ist uns ein Sohn namens Berengar bekannt, den
wir 1048 in einem Diplom HEINRICHS III. als
Graf im elsässischen Sandgau finden [859 DH III
219, Seite 292: ... in pago Elyzazen
in villa Kembyz in
comitatu Beringeris comitis;
vgl. BÜHLER, Schwäbische Pfalzgrafen, Seite
129.]. Diese genealogische Verbindung, wie
Bühler sie sehen will, würde zumindest den Namen von einem
der Söhne unserer Adelheid,
nämlich Werner,
erklären. Er findet sich ja bei ihrem mutmaßlichen
Großvater, dem Stifter von Hugshofen [860 EBERL, Die
Edelfreien von Ruck, Seite 35, äußert an Hand des
Namenmaterials der Kinder Sigibotos
und Adelheids die Vermutung,
daß
die Namen der Familie Sigibotos
entstammen und somit Sigiboto von Ruck
kein Bruder der Grafen Anselm und
Hugo von Tübingen sein
kann, sondern
ein Neffe von deren Stief-Mutter.].
Gegen die These, daß Adelheid
vom Elsaß der Familie
der DAGSBURG-EGISHEIMER entstammt, spricht der Umstand,
daß eben nicht erwähnt wird, sie sei mit Papst Leo IX. verwandt oder sie
stamme aus dem Geschlecht dieser gerade durch die Verwandtschaft mit Leo IX. hochberühmten
Grafen-Familie. Denn der Vergleich mit ähnlich gelagerten
Fällen - man denke nur an das wichtige Reformkloster Hirsau [861 Abt Wilhelm
von Hirsau hatte übrigens von den Stiftern
Blaubeurens den Auftrag erhalten, Mönche für das neue Kloster
zu
entsenden, vgl. dazu E. SCHNEIDER, Codex Hirsaugiensis, fol. 176, Seite
19.], in dessen Gründungsgeschichte gerade
auf die Verwandtschaft des Stifters
Adalbert von Calw mit Papst
Leo IX. hingewiesen wird [862 Ebda.,
fol. 26, Seite 7 und fol. 25b, Seite 25.] oder an
das Kloster Heiligkreuz in Donauwörth, wo eine späte
Überlieferung die Verwandtschaft der Stifter-Familie mit den
Grafen von Egisheim reklamiert [863
Vgl. oben den Exkurs über Tuta von Egisheim.]
- läßt erkennen, daß, falls sich irgendwo eine
Verwandtschaft oder Verbindung zu dieser der Kirchenreform sehr
nahestehenden Familie mit ihrem bedeutenden Exponenten zeigt, dieses
Wissen gerade wegen der herausragenden Persönlichkeit Leos IX. bekannt ist und auch
über einen langen Zeitraum hinweg bewahrt wird [864 Man
könnte übrigens auch manche Zuschreibungen von nicht
eindeutig identifizierbaren Personen im Dunstkreis der Klosterreform zu
der DAGSBURG-EGISHEIMER Grafen-Familie,
die die moderne Forschung
vornimmt, in diese Tradition einreihen - man denke nur an das
obenerwähnte Zitat aus der Einleitung von F. QUARTHAL zu
DECKER-HAUFF
u. a., Pfalzgrafen von "Tübingen.; vgl. auch die Feststellung
von JACOBS, Adel, Seite 204: ,,... wie gern man den Glanz vornehmer
cognati suchte, ist ja
wohlbekannt".]. Helmut Maurer hat jüngst die
These aufgestellt, daß die Verwandtschaft einer Familie mit dem
Papst ebensoviel Sozialprestige mit sich brachte wie die Verwandtschaft
mit dem Königshaus [865
H. MAURER, Eberhard der "Bruder" des Papstes, Seite 293f.].
Insofern würde sich doch das Wissen um die „Papstnähe" [866 Ebda.,
Seite 294.], wie Maurer sich ausdrückt,
über einen längeren Zeitraum hinweg tradieren. Somit
könnte die Angabe des Christian Tubingius, Adelheid sei eine comitissa Alsatiae,
als Hinweis dafür gewertet werden, daß die Gräfin Adelheid nicht der
Familie Leos IX. entstammt.