Legl Frank: Seite 141
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"Studien zur Geschichte der Grafen von Dagsburg-Egisheim."


                                         Exkurs 2

                                    Zu den angeblichen Schwestern und Verwandten Leos IX.

Neben der sicher nachgewiesenen Schwester Leos IX., der Mutter des Grafen Adalbert von Calw [776 Siehe oben Seite.], und der erschlossenen Schwester Hildegard [776 Siehe oben Seite 51ff.], werden in späteren Quellen oder in der Literatur durch die Jahrhunderte immer wieder Personen genannt, die als Schwestern oder als Verwandte Leos IX. bezeichnet werden. Wie auch bei weltlichen Dynasten das Bestreben dahin ging, ihre eigene Familie durch illustre cognati zu schmücken, so finden wir bei geistlichen Institutionen, zum Beispiel bei Klöstern, eine ähnlich geartete Motivation, nämlich das eigene Kloster auf die Stiftung durch eine möglichst hochangesehene Familie zurückzuführen. Es bietet sich gerade bei (teil meist aus den Quellen nicht allzu bekannten Gemahlinnen der adeligen Stifter von Klöstern ein idealer Anknüpfungspunkt, denn die Herkunft dieser Frauen kennt man oft schon nach ein paar hundert Jahren nicht mehr. So ist es zumeist kaum nachprüfbar, wenn behauptet wird, die Gemahlin des Stifters eines Klosters komme aus der durch die Person des Papstes Leo IX. besonders hervorgehobenen Familie. Als angebliche Schwestern des elsässischen Papstes können wir Gertrud, die Mutter der berühmten Ida von Elsdorf, ausmachen, des weiteren die Witwe des Grafen Hermann von Mons, Richilde, und als Gemahlinnen von Klosterstiftern sind sowohl eine gewisse Tuta von Egisheim, die Gemahlin des Grafen Manegold von Werth, Stifter des Klosters Heiligkreuz bei Donauwörth, eine Adelheid vom Elsaß, Gemahlin des Sigiboto von Ruck, einer der Stifter des Klosters Blaubeuren, sowie die Äbtissin Gepa von Neuss als Schwestern Leos IX.
bekannt.

                                            Gertrud, die Mutter der Ida von Elsdorf

Von der hochadeligen Dame namens Ida von Eisdorf, Tochter des Grafen Liudolf von Braunschweig, behauptet der um 1240 schreibende Albert von Stade, sie sei filia fratris imperatoris Heinrici III. filia quoque sororis Leonis pape, qui et Bruno [777
Annales Stadenses auctore Alberto, ed. I. M. LAPPENBERG, MGH SS XVI, ad 1112, Seite 319.] gewesen, die nach dem Mord an ihrem Sohn Ekbert durch Markgraf Udo II. von Stade zu Papst Leo IX., ihrem avunculus, nach Rom gereist sei und von diesem den Ratschlag erhalten habe, Udo sowohl zu verzeihen als auch als Erbe einzusetzen, was schließlich auch geschehen sei [778 Ebda.: Habuit etiam Ida filium Ecbertum comitem, quem primus Udo marchio [= Udo II.] Wistede prope Elstorpe occidit, cum tamen esset cognatus suus. Ida vero orbata heredibus, Romam profecta est ad avunculum suum papam Leonem, et salubribus monitis dimittendi debitoribus suis debita ab ipso instructa, rediit Elsthorpe, plenarie Udoni dimittens iniuriam de nece filii, et ut quietius suis passet uti possessionibus, ipsum Udonem suum fecit heredem, adoptans eum in filium.]. Idas Vater Liudolf von Braunschweig war ein Sohn der Kaiserin Gisela aus ihrer ersten Ehe mit Graf Brun von Braunschweig, einem Stief-Bruder Heinrichs III. Zu Idas Mutter, einer angeblichen Schwester Leos IX., namens Gertrud [779 Zum Namen Gertrud siehe Annalista Saxo, MGH SS VI, ad 1019, Seite 674.], haben sowohl Hans Dobbertin [780 H. DOBBERTIN, Das Verwandtschaftsverhältnis der „schwäbischen" Edlen Ida von Elsdorf zum Kaiserbruder Ludolf IV. von Braunschweig (1038) und zu Papst Leo IX. (1054), in: Braunschweigisches Jahrbuch, 43. Band, Wolfenbüttel 1962, Seite 44-76.], Hermann Jakobs [781 H. JAKOBS, Der Adel in der Klosterreform von St. Blasien, Köln, Graz 1968, Seite 184-188 und Seite 197-204.] als auch Eduard Hlawitschka ausführlich geschrieben [782 E. HLAWITSCHKA, Untersuchungen zu den Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur Adelsgeschichte Süddeutschlands. Zugleich klärende Forschungen um »Kuno von Öhningen«, Sigmaringen 1987, Seite 144-148.].
Hans Dobbertin meint, daß Leos IX. Mutter Heilwig vor ihrer Ehe mit Graf Hugo IV. von Egisheim mit einem gewissen Ekbert verheiratet gewesen sei und sieht Gertrud als Halb-Schwester Leos IX. an [783
DOBBERTIN, Verwandtschaftsverhältnis, Seite 64f. Dobbertin (ebda., Seite 76) redet bezüglich der Tochter Gertruds, Ida von Eisdorf, von einer „Stief-Schwester-Tochter" Leos IX., meint aber 'Halb-Schwester-Tochter'.]. Dobbertin macht eine Tochter eines Grafen Ekbert, namens Gertrud, in den Quellen aus, die 1019 von einem gewissen Gottschalk, Sohn des Grafen Ekkehard, geschieden wurde [784 Annalista Saxo, MGH SS VI, ad 1019, Seite 674.]. Er erklärt diese Gertrud mit der Mutter Idas von Eisdorf identisch [785 DOBBERTIN, Verwandtschaftsverhältnis, Seite 65.]. Gegen Dobbertins These von einer angeblichen Erstehe Heilwigs von Dagsburg mit einem Grafen Ekbert kann jedoch einiges vorgebracht werden. So ist aus den Quellen nichts hierzu bekannt [786 Auch die sonst so ausführliche Leonis IX vita berichtet nichts von solch einer Ehe von Leos IX. Mutter.]. Außerdem ist eine solche Ehe schon deswegen unwahrscheinlich, weil Heilwig - die angebliche Mutter Gertruds - die Erb-Tochter des Grafen Ludwig von Dagsburg gewesen ist. So hätten doch mit Sicherheit die Kinder aus der ersten Ehe Heilwigs beim Tod ihrer Mutter das dagsburgische Erbe beansprucht. Auch wäre es nicht so reibungslos und von den Quellen unbeachtet auf die Nachkommen aus Heilwigs angeblicher zweiter Ehe weitergegeben worden, wenn Gertrud und ihre angeblichen Geschwister [787 Zu den angeblichen Geschwistern Gertruds siehe die Stammtafel bei DOBBERTIN, Verwandtschaftsverhältnis, Seite 75. Auf die Problematik, ob Gertrud überhaupt Geschwister hatte, soll hier nicht eingegangen werden.] Kinder der Heilwig von Dagsburg gewesen wären. Wir lesen jedoch überhaupt nichts von irgendwelchen Streitigkeiten um Heilwigs Erbe. Die These Dobbertins, Gertrud sei die Tochter Heilwigs gewesen, muß also zurückgewiesen werden. Davon unberührt bleibt freilich Dobbertins Behauptung, Gertrud sei mit der Tochter des Grafen Ekbert identisch, deren Ehe mit einem Gottschalk 1019 geschieden wurde [788 Siehe oben, Anm. 784.].
Hermann Jakobs billigt zwar Dobbertins Thesen Glaubwürdigkeit zu [789
JAKOBS, Adel, Seite 184; vgl. dazu auch die Einschätzung von Dobbertins These bei K. SCHMID, Probleme um den »Grafen Kuno von Öhningen«. Ein Beitrag zur Entstehung der welfischen Hausüberlieferung und zu den Anfängen der staufischen Territorialpolitik im Bodensee, in: DERS., Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter, Seite 133f.], doch er hält gegenüber dem Bericht Alberts von Stade eine gewisse Skepsis für angebracht [790 Ebda., Seite 186.]. Er kommt, da in dem Bericht des Albert von Stade Leo IX. auch als avunculus Idas von Eisdorf bezeichnet wird [791 Siehe oben, das Zitat in Anm. 778.] und durch einen Vergleich mit dem Chronicon Rosenfeldense, das nach Jakobs' Meinung eine andere Version von Alberts Text benutzt hat [792 JAKOBS, Adel, Seite 186f.], zu der Vermutung, daß Albert von Stade das Wort avunculus einfach dahingehend interpretiert habe, daß Ida von Eisdorf eine Schwester-Tochter Leos IX. sein müsse, also der Stader Annalist „eine gutgläubige Chronistenversion (eben für avunculus) im genealogisch strengen Sinne" [793 Ebda., Seite 187f.] geliefert habe, „die darum aber nicht gleich der historischen Wirklichkeit entsprechen" müsse [794 Ebda., Seite 188.]. Der Satz, daß Ida eine Schwester-Tochter Leos IX. sei, wirke „rhetorisch zugespitzt [795 Ebda., Seite 188.]. Jakobs geht wie Dobbertin davon aus, daß Gertrud die Tochter eines Ekbert gewesen sei [796 Ebda., Seite 197.]; zu der These Dobbertins, Gertrud sei eine Halb-Schwester Leos IX., wahrt er allerdings Distanz [797 Ebda., Seite 198 ff.], sieht aber durchaus eine Verwandtschaft zwischen Gertrud und Leo IX. [798 Ebda., Seite 201f., nennt als eine Möglichkeit der Verwandtschaftsbeziehung die Leo IX. und Gertrud gemeinsame Verwandtschaft zu den SALIERN, die er über die angebliche Ahnfrau der RHEINFELDENER, Judith, als gegeben ansieht. Eine weitere Möglichkeit der Verwandtschaft zwischen Gertrud und Leo IX. möchte JAKOBS, Adel, Seite 201ff., in dem komplizierten Vererbungsgang des berühmten Egbert-Psalters erblicken.] und läßt letztendlich offen, ob Gertrud eine Schwester oder Halb-Schwester Leos IX. gewesen sei [799 Ebda., Seite 204.].
Eduard Hlawitschka, der zuletzt die Frage nach der Abstammung Gertruds eingehend untersucht hat, schließt sich der These Dobbertins an, daß Graf Ekbert der
Vater Gertruds gewesen sei [800 HLAWITSCHKA, Untersuchungen, Seite 146.]. Hingegen billigt er Dobbertins Aussage, Gertrud als eine Stief-Schwester Leos IX. anzusehen, wenig Wahrheitswert zu. Er verweist darauf, daß zu solch einer angenommenen Erstehe Heilwigs von Dagsburg die Quellen gänzlich schweigen, und daß der Name Gertrud bis zu diesem Zeitpunkt in der EGISHEIMER Grafen-Familie nicht belegt ist [801 Ebda., Seite 146 f.]. Hlawitschka hält die These von Hermann Jakobs für plausibler und meint, daß Gertrud und Leo IX. durch die SALIER als Bindeglied zwar verwandt gewesen sind, jedoch bestehe die Verwandtschaft nicht über Judith, die angebliche Ahnfrau der Rheinfeldener, wie Jakobs glaubt [802 Zur Auffassung von Jakobs siehe Anm. 781 und 792.]; vielmehr habe der Chronist Albert von Stade speziell das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Kaiser HEINRICH III. und Papst Leo IX. [803 Zur Verwandtschaft der EBERHARDINER/EGISHEIMER Grafen mit den SALIERN siehe oben, Seite 36ff.] im Auge gehabt und die Darstellung von Idas Herkunft durch den Hinweis auf die Verwandtschaft zu Leo IX. in der uns vorliegenden, zugespitzten Form ergänzt [804 HLAWITSCHKA, Untersuchungen, Seite 146.].
Zusammenfassend kann man feststellen, daß die These, Gertrud sei eine Schwester bzw. eine Halb-Schwester Leos IX., eher abzulehnen sei.

                                          Richilde

Eine gewisse Richilde, die in erster Ehe mit dem Grafen Hermann von Mons und in zweiter Ehe mit Graf Balduin von Flandern verheiratet gewesen ist, wird in zwei nicht zeitgenössischen Quellen als Schwester Leos IX. bezeichnet, in der Flandria Generosa [805
Flandria generosa, ed. L. C. BETHMANN, MGH SS IX, Seite 320: sed a domno papa Leone nono, eiusdem Richeldis avunculo, hanc meruerunt indulgentiam, ut in coniugo quidem sed absque carnali commixtione manerent.] und einer genealogischen Passage der Continuatio Aquicincta [806 Continuatio Aquicincta, MGH SS VI, ed. L. C. BETHMANN, Seite 433: Balduinus Hasnoniensis duxit uxorem Richeldam, relictam Herimanni comitis Montensis, que erat de sanguine imperiali, et soror sancti Leonis pape noni.], die jedoch von der Flandria generosa abhängt [807 Siehe ebda., Randbemerkung.]. Es müssen erhebliche Zweifel an dieser Nachricht angemeldet werden. Zum einen wissen Quellen, die zeitlich vor der Flandria generosa liegen, nichts von der Verwandtschaft Richilde mit Leo IX. [808 Genealogia comitum Flandriae Bertiniana, MGH SS IX, ed. L. C. BETHMANN, Seiet 306 - Lamberti genealogia comitum Flandriae, ebda., Seite 309.], zum anderen besitzt die Flandria generosa wenig Quellenwert, wie schon Ernst Steindorff angemerkt hat [809 STEINDORFF, Heinrich III., 2. Band., Seite 152f., Anm. 5.]. Zudem weist die Passage, die das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Leo IX. und Richilde beinhaltet, viele Unwahrscheinlichkeiten auf, die wohl ins Reich der Fabel gehören. So wird dort die Ehe zwischen Richilde und Graf Balduin von Flandern, die wegen zu naher Verwandtschaft von kirchlicher Seite angefochten worden war, von Leo IX. angeblich unter der Bedingung sanktioniert, daß keine fleischliche Vereinigung der beiden Ehepartner stattfinde [810 Siehe das Zitat in Anm 805.]. Auch soll Leo IX. laut Herimanni Tiber de restauratione S. Martini Tornacensis gegen die Ehe zwischen Balduin und Richilde vorgegangen sein [811 Herimanni Tiber de restauratione monasterii S. Martini "Ibrnacensis, ed. G. WAITZ, MGH SS XIV, cap. 12, Seite 279f. Quod audiens Leo tunc temporis papa Romanus, qui prius fuerat Tullensis episcopus et vocabatur Bruno, dixit, coniugium illud non esse legitimum, quoniam consanguinitatis linea propinqui erant.].
Alles in allein muß festgestellt werden, daß es sehr zweifelhaft ist, Richilde als Schwester Leos IX. anzusehen.

                                          Gepa, Äbtissin von Neuss

In der älteren Literatur findet sich immer wieder der Hinweis auf eine weitere Schwester Leos IX. namens Gepa, welche Äbtissin des St. Quirinusstiftes in Neuss gewesen sein soll [812
So zum Beispiel bei DUGAS DE BEAULIEU, Le comte de Dagsbourg, Stammtafel nach Seite 116 und Seite 133; jedoch zweifelt schon SCHÖPFLIN, Alsatia illustrata, Seite 481, an der Richtigkeit der Überlieferung.].
Die Überlieferung, daß Gepa [813
Zu Gepa von Neuss siehe R. KOTTJE, Das Stift St. Quinn zu Neuß von seiner Gründung bis zum Jahre 1485, Düsseldorf 1952, Seite 24f.; vgl. E. WISPLINGHOFF, Geschichte der Stadt Neuss, 4. Teil: Das Kirchliche Neuss bis 1814, Pfarrverhältnisse und geistliche Institute, Neuss 1989, Seite 325.], die aus Rom Reliquien des Hl. Quirinus nach Neuss gebracht haben soll, eine Schwester Leos IX. sei, entstammt nicht einer mittelalterlichen Überlieferung, sondern wird uns erst durch Gelehrte im 17. Jahrhundert berichtet [814 VIELLARD, Documents, Nr. 63, Seite 115:..- Hanc donationem [reliquiarum S. Quirini] Gepae abbatissce factam fuisse a Leone IX, pontifice Romana, anno Christi ML, tradidit Arnoldus Mandt, decanus capituli Nussiensis, in historia martyrii, translationis et elevationis sancti Quirini, idiomate germanico Colonica anno 1619 excusa. Addit Gelenius in fastis Agrippinensibus, ad diem xzx aprilis, Gepam putari Leorris IX sororem extitisse, quod alii passim non admittunt; vgl. W. FELTEN, Der hl. Martyrer und Tribun Quirinus, Patron der Stadt Neuss, Neuß 1900, Seite 16-21. Eine Kopie des schwer zugänglichen Buches von Felten wurde mir freundlicherweise vom Stadtarchiv Neuss zur Verfügung gestellt.]. Ob dieses Wissen um die Verwandtschaft aus einer heute verlorenen mittelalterlichen Überlieferung stammt oder ob es sich um einen Rückschluß handelt, wird nicht mitgeteilt.
Ein im Archiv des Departements Meurthe-et-Moselle in Nancy befindliches Memoire aus dem 18. Jahrhundert, das wohl aus älteren Quellen schöpft, gibt uns eine weitere - wenn, auch etwas von dem Vorgenannten abweichende - Auskunft. Das Memoire berichtet uns, daß eine Äbtissin von Neuss Reliquien des Heiligen Quirin nach St. Quirin gebracht habe, die sie von ihrem Verwandten, Papst Leo IX., erhalten hätte [815

Französischsprachiges Memoire zur Stiftung von St. Quirin aus dem 18. Jahrhundert in Nancy, AD M-et-M, II 303: Bientot ce lieu devient celebre par les guerisons miraruleuses qui s'y faisoient journellement et les peuples y accouroient en foule
honneur les reliques de St. Quirin, qui y furent deposees par une abbesse de Niss, qui les avoit recues du Pape Leon IX son parant.]. Hier lesen wir also nichts von einer Schwester Leos IX. Die Äbtissin von Neuss wird lediglich als Verwandte des Papstes bezeichnet, auch ihr Name wird nicht genannt. Fragen wir nach dem Wahrscheinlichkeitsgehalt dieser Nachricht. Es ist durchaus möglich, daß eine Verwandte von Leo IX. Reliquien des Hl. Quirin von ihm erhalten und die Stücke an das Priorat weitergegeben hat. Eine solche Reliquienübergabe paßt zu der Politik des Papstes. Auch daß eine Verwandte von ihm quasi die Verntittlerrolle übernommen hat, ist nicht abwegig. Doch könnte der Fall genausogut umgekehrt liegen. Weil die Reliquienvergabepraxis Leos IX. - gerade an geistliche Institutionen nördlich der Alpen - hinreichend bekannt war, könnte man in späterer Zeit den Rückschluß gezogen haben, auch St. Quirin hätte die Quirinsreliquien durch Vermittlung dieses Papstes bekommen.
Sehen wir uns die Neusser Quellen zu Gepa und der angeblichen Reliquientranslation an. Die frühe Überlieferung zu dem Stift St. Quirin in Neuss weiß nichts von einer solchen Reliquienüberführung durch Gepa in das oberlothringische Priorat [816
Zur frühen Uberlieferung bezüglich des Stiftes St. Quirin in Neuss siehe KOTTJE, Stift St. Quirin, besonders Seite 18-25.]. Wir erfahren darüber durch einen Eintrag zum 11. Februar, dem angeblichen Todestag Gepas, im Neusser Totenbuch von 1421. Dieser Vorgang wird dort ohne jede Zeitangabe wiedergegeben, so daß man keinen Anhaltspunkt diesbezüglich hat [817 W. LEVISON, Das Totenbuch des Neußer St. Quirinus-Stiftes in London, in: AHVNRh 116, 1930, Seite 138: Obiit Gepa abbatissa monasterii sti. Quirini Nuss. que de gratia dei ei sedis apostolicae de Roma in dictum monasterium secum detulit reliquias sti. Quirini quae dicitur sepulta subtus campanas eiusdem monasterii.]. Nach den Forschungen von Raymund Kottje reicht die Quirinusverehrung in der Neusser Gegend günstigstenfalls bis ins Jahr 965 zurück, und er zieht den vorsichtigen Schluß, daß Gepa möglicherweise um die Mitte des 10. Jahrhunderts gelebt hat, da die Reliquientranslation fest an ihre Person gebunden ist [818 KOTTJE, Stift St. Quirin, Seite 24f.]. Für unser Problem heißt das, daß Gepa demnach keine Schwester Leos IX. gewesen sein kann, da sie höchstwahrscheinlich zwei Generationen vor ihm gelebt hat. Allerdings würde der von Kottje für das Leben Gepas festgestellte Zeitraum von der Mitte des 10. Jahrhunderts zeitlich gut mit der angeblich um 966 erfolgten Stiftung des Priorats St. Quirin in Ober-Lothringen durch den Großvater Leos IX., Graf Ludwig von Dagsburg, zu kombinieren sein. So könnte das Quirinspatrozinium möglicherweise wirklich durch eine Reliquienübergabe einer Neusser Äbtissin, vielleicht mit Namen Gepa, um 966 an das oberlothringische Priorat gekommen sein. Eine Schwester Leos IX. war Gepa jedenfalls nicht [819 BRUCKER, Saint Leon IX., 1. Band Seite 341, schließt eine Verwechslung der Gepa mit Gerberga, der Äbtissin von Hesse, nicht aus.].

                                           Tuta von Egisheim

Eine Tuta von Egisheim soll die Gemahlin Manegolds von Werth, des Stifters des Klosters Heiligkreuz zu Donauwörth, gewesen sein. Die These, daß Tuta dem Geschlecht der EGISHEIMER Grafen entstamme, findet sich in der 1958 erschienenen „Geschichte der Stadt Donauwörth" von Maria Zelzer [820
M. ZELZER, Geschichte der Stadt Donauwörth, 1. Band., Donauwörth 1958, Seite 19.]. Zelzer beruft sich dabei auf ein Manuskript des letzten Archivars des Klosters Heiligkreuz zu Donauwörth, Bernhart Stocker [821 Ebda, Anm. 11 auf Seite 367.]. Jedoch findet sich in dem Manuskript gebliebenen und gegen Ende des 18. Jahrhunderts abgefaßten Werk Stockers mit dem Titel „Diplomatische Geschichte des Klosters und der Stadt Donauwerd" keine diesbezügliche Äußenrung, im Gegenteil, Stocker weist darauf hin, daß man über die Abstammung Tutas keinerlei Aussagen treffen könne [822 P. BERNHART STOCKER, Diplomatische Geschichte des Klosters und der Stadt Donauwerd (Manuskript), Seite 59: „Mangolds Gemahlin Tutta oder Tuotta, von der wir nur ihren Namen ... nicht aber ihre Abstammung wissen". Ein Film der Handschrift wurde mir freundlicherweise von der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Augsburg (Sign. 20/NS 2O90 5864) zur Verfügung gestellt.]. Auch der letzte Abt des Donauwörther Heiligkreuzklosters, Cölestin Königsdorfer, der den Nachlaß Stockers ordnete und auf der Basis von dessen Aufzeichnungen eine Geschichte seines Klosters schrieb [823 Siehe C. KÖNIGSDORFER, Geschichte des Klosters zum Heiligen Kreutz in Donauwörth, 1. Band, Donauwörth 1819, Seite VIII-XIII.], die 1819 erschien, konnte nichts von der Herkunft der Gemahlin Manegolds berichten [824 Ebda, Seite 43: „Mangolds Gemahlinn [sic!] Tutta (unbekannt, aus welcher Familie) starb den 27. Juny 1050".]. Es ist auch keine Quelle bekannt, die auf eine Abstammung Tutas aus der Familie der DAGSBURG-EGISHEIMER Grafen schließen läßt. Ebenso findet sich in der Bulle Leos IX., die dieser für das Donauwörther Heiligkreuzkloster ausgestellt hat, kein Hinweis auf irgendeine Verwandtschaft zu den Stiftern [825 Die Bulle Leos IX. ist abgedruckt, ebda., Nr. 2, Seite 392-395.]. Daß eine Tuta als Gemahlin Manegolds I. von Werth angenommen wird, führt sich, soweit ich sehe, auf eine im 16. Jahrhundert zerstörte Inschrift auf einer Grabplatte im ehemaligen Heiligkreuzkloster zurück, auf der folgendes zu lesen war:

               Tres fundatores ,Manegoldi Tutaque,flores
               Celestis prati, pausant simul hic tumulati [826
Siehe A. STEICHELE, Das Bisthum Augsburg, 3. Band, Augsburg 1872, Seite 844. Der Wortlaut der Inschrift ist laut STEICHELE, ebda., mit Anm. 283 und ebda., Seite 828 mit Anm. 2, auf uns durch die 1619 beendete, handschriftlich überlieferte Chronik von Georg Beck, Prior von Heiligkreuz, gekommen. Die Inschrift ist neben Steichele mehrfach abgedruckt worden, so bei KÖNIGSDORFER, Geschichte, 1. Band, Seite 53, sowie bei P. BRAUN, Geschichte der Grafen von Dillingen und Kiburg, in: Historische Abhandlungen der königlich-baierischen Akademie der Wissenschaften, 5. Band, München 1823, Seite 448.].
Daraus geht jedoch weder hervor, wer Tuta war, noch ob sie die Gemahlin des ersten der drei Manegolde gewesen ist, geschweige denn, welchem Geschlecht sie entstammte.
Es scheint also ebenso wie bei Richilde und Gepa von Neuss im Falle der Tuta mehr der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen zu sein, sie entstamme dem EGISHEIMER Grafen-Haus, und man ist vielleicht durch den Umstand des Besuches von Leo IX. in Donauwörth zu der Vermutung angeregt worden, daß die Stifter - analog zu den mit Leo IX. wirklich verwandten Stiftern der Abtei Hirsau, die Leo IX. auch besucht hat - mit dem Papst verwandt gewesen seien.

                                           Adelheid vom Elsaß

In der einschlägigen Literatur zu den Pfalzgrafen von Tübingen und dem Kloster Blaubeuren wird immer wieder auf die Verbindung der TÜBINGER Pfalzgrafen mit den Grafen von Dagsburg-Egisheim hingewiesen. So liest man in der Einleitung zu dem von Hansmartin Decker-Hauff, Franz Quarthal und Wilfried Setzler herausgegebenen Sammelband „Die Pfalzgrafen von Tübingen" [827
H. DECKER-HAUFF -. F. QUARTHAL - W. SETZLER [Hrsg. ], Die Pfalzgrafen von Tübingen. Städtepolitik, Pfalzgrafenamt, Adelsherrschaft im Breisgau, Sigmaringen 1981.]: „Ein glänzendes Konnubium vergrößerte Macht und Ansehen der TÜBINGER. Mit dem niederelsässischen Herzogs-Haus [sic]! der EGISHEIMER wurde eine Heiratsverbindung gerade zu dem Zeitpunkt geknüpft, als ein Angehöriger des Geschlechtes, Papst Leo IX. (1048-1054), als bedeutender Reform-Papst wirkte [828 Einleitung von F. QUARTHAL zu ebda., Seite 9.]. Weitere Einzelheiten zu dieser Verbindung - vor allem wer wen geheiratet hat - werden von Quarthal und von den übrigen Autoren des Sammelbandes nicht mehr genannt. Versucht man nun, mehr darüber zu erfahren, stößt man sehr bald auf Probleme. Christoph Friedrich Stälin erwähnt in dem 1847 herausgegebenen zweiten Teil seiner „Wirtembergischen Geschichte" keinerlei Verbindung der TÜBINGER Grafen mit dem Grafen-Haus von DAGSBURG-EGISHEIM [829 Chr. F. STÄLIN, Wirtembergische Geschichte, 2. Theil: Schwaben und Südfranken - Hohenstaufenzeit 1080-1268, Stuttgart und Tübingen 1847; zu den Pfalzgrafen von T'übingen ebda., Seite 425-451.]. Nähere Angaben zu dem besagten Konnubium findet man indessen in dem 1853 publizierten Standardwerk von Ludwig Schmid „Geschichte der Pfalzgrafen von Tübingen" [830 L. SCHMID, Geschichte der Platzgrafen von Tübingen, nach meist ungedruckten Quellen, nebst Urkundenbuch. Ein Beitrag zur schwäbischen und deutschen Geschichte, Tübingen 1853.], der zur Herkunft der Gemahlin des Grafen Sigiboto von Ruck namens Adelheid äußert, sie stamme „aus einem Elsäßischen Grafen-Hause, gewöhnlich wird Egisheim genannt [831 Ebda, Seite 35 und ebda, Tafel 1.]. Schmid gibt jedoch kein Quellenzeugnis für seine Behauptung an. Graf Sigiboto von Ruck hatte zusammen mit seinen Brüdern, den Grafen Hugo und Anselm von Tübingen, gegen Ende des 11. Jahrhunderts das Kloster Blaubeuren gestiftet [832 Zur Stiftung von Blaubeuren vgl. ebda, Seite 31-56 und O.-G. LONHARD, Das Kloster Blaubeuren im Mittelalter. Rechts- und Wirtschaftsgeschichte einer schwäbischen Benediktinerabtei. Mit einem Beitrag: Siegel und Wappen des Klosters v. E. GÖNNER, Stuttgart 1963.]. Otto-Günter Lonhard geht in seiner Abhandlung über „Das Kloster Blaubeuren im Mittelalter" [833 Ebda.] dem Problem aus dem Weg, indem er für Sigibotos Frau Adelheid keine Familienzugehörigkeit angibt [834 Ebda., Seite 3 und Seite 142.]. Die Herausgeberin der Blaubeurer Klosterchronik des Christian Tubingius, Gertrud Brösamle, beschäftigt sich ausführlicher mit der Problematik, stellt aber die These auf, Gräfin Adelheid vom Elsaß sei selbst eine Schwester der Grafen Anselm und Hugo von Tübingen gewesen und Sigiboto von Ruck folglich nur der Schwager dieser beiden Brüder und nicht, wie bisher angenommen wurde, deren Bruder [835 Christian Tubingius, Burrensis Coenobii Annales. Die Chronik des Klosters Blaubeuren, hrsg. von G.. BRÖSAMLE mit deutscher Übertragung von B. MAIER, Stuttgart 1966, Seite 305-308, vor allem Seite 307f.]. Allerdings leitet sie von den Namen Hugo, der sowohl im TÜBINGER als auch im DAGSBURG-EGISHEIMER Grafen-Haus als Leitname in Gebrauch ist, eine mögliche eheliche Verbindung zwischen beiden Häusern her, die aber zeitlich in einer vorangegangenen Generation anzusetzen sei [836 Ebda, Seite 305f.]. In seinem Aufsatz „Schwäbische Pfalzgrafen, frühe Staufer und ihre Sippengenossen" schlägt Heinz Bühler eine andere Identifizierung jener Adelheid vom Elsaß vor. Er möchte sie an die Familie von Werner, dem Stifter der elsässischen Benediktinerabtei Hugshofen, angliedern [837 H. BÜHLER, Schwäbische Pfalzgrafen, frühe Staufer und ihre Sippengenossen, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen an der Donau, 77. Jg. 1975, Dillingen a d. Donau 1975, Seite 118-156, Stammtafel auf Seite 137 Diese These BÜHLERS ist aber zum Großteil auf Vermutungen aufgebaut und kann somit nicht als letztgültiger Beweis angesehen werden.]. Jürgen Sydow hingegen nennt in dem 1974 erschienenen ersten Band seiner „Geschichte der Stadt Tübingen" die Heiratsverbindung zwischen Sigiboto von Ruck und der Gräfin Adelheid nicht, sieht aber ebenso wie Brösamle eine verwandtschaftliche Verbindung der TÜBINGER Grafen mit den DAGSBURG-EGISHEIMERN, welche nach seiner Meinung „vielleicht anders einzuordnen ist, als es in der früheren Forschung erfolgte, die aber grundsätzlich nicht angezweifelt werden kann und vielleicht den Leitnamen Hugo in die Familie der TÜBINGER brachte, wenn man auch diese nicht unbedingt als Seitenlinie der ELSÄSSER betrachten muß" [838 J. SYDOW, Geschichte der Stadt Tübingen. 1. Teil: Von den Anfängen bis zum Übergang an Württctnberg 1342, Tübingen 1974, Seite 99.]. Immo Eberl bezeichnet in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1979 „Die Edelfreien von Ruck und die Grafen von Tübingen" [839 I. EBERL Die Edelfreien von Ruck und die Grafen von Tübingen. Untersuchungen zu Besitz und Herrschaft im Blaubeurer Raum bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts, in ZWLG 38, 1979, Seite 5-63 und Stammtafel.] die Gemahlin Sigibotos nur als „Adelheid vom Elsaß" [840 Ebda., Seite 6ff.] und legt sich nicht auf eine Familienzugehörigkeit fest. Allerdings vermutet auch er - ebenso wie Sydow - wegen der Verwendung des Leitnamens Hugo in beiden Familien eine Verbindung zwischen den Grafen von Dagsburg-Egisheim und den Grafen von Tübingen, die er nicht näher charakterisiert [841 Ebda., Seite 11f.]. Diese These, die wohl allein auf der Koinzidenz des Namens Hugo in beiden Familien beruht, entbehrt ansonsten jeglicher Quellengrundlage, was auch Helmut Maurer zu Recht einwendet [842 H. MAURER, Eberhard, der »Bruder« des Papstes, Seite 293, Anm. 51.], denn es kann keine dafür in Frage kommende Heirat genannt werden, die zeitlich in irgendeiner der jenem Hugo von Tübingen - der uns als einer der Stifter des Klosters Blaubeuren entgegentritt - vorangehenden Generationen anzusiedeln wäre. In der zum 900jährigen Jubiläum des Klosters erschienenen Literatur wird das Problem nicht mehr thematisiert. Adelheid wird entweder gar nicht erwähnt [943 So bei I. EBERL [Hrsg.], Kloster Blaubeuren 1085-1985. Benediktinisches Erbe und Evangelische Seminartradition, Sigmaringen 1985; DERS., Cluny-Hirsau-Blaubeuren: Die Benediktiner in Südwestdeutschland bis zur Reformation, in: Kloster Blaubeuren 900 Jahre, hrsg. von G. DOPFFEL und G. KLEIN, Stuttgart 1985, Seite 28-46.] oder als Adelheid vom Elsaß bezeichnet [844 O.-G. LONHARD, 900 Jahre Kloster Blaubeuren. Kritische Überlegungen zur Gründungsgeschichte (1080-1125), in: ZWLG 46, 1987, Seite 374.] bzw. man übernimmt die althergebrachte Meinung, sie sei aus dem Geschlecht der EGISHEIMER Grafen [845 So J. WILHELM, Der Chor der Blaubeurer Klosterkirche als spätgotisches Gesamtkunstwerk, in: Blaubeuren. Die Entwicklung einer Siedlung in Südwestdeutschland, hrsg. von H. DECKER-HAUFF und I. EBERL, Sigmaringen 1986, Seite 869, Anm. 81.].
Welche Quellenzeugnisse lassen sich nun zu der Gemahlin des Sigiboto von Ruck, jener Adelheid vom Elsaß, finden? Hier werden wir auf Christian Tubingius, den letzten katholischen Abt und gleichzeitig auch Klosterchronisten von Blaubeuren, verwiesen, der im Zusammenhang mit der Klostergründung folgendes zu berichten weiß: Sigibotto itaque ille vulgo Sibotto de Rugga comes, Anshelmi et Hugonis
palatinorum frater, cum coniuge sua Adelhaide de Elisalia comitisa nontantum dedit locum et ecclesiam iuxta fontem ad cenobium aedificandum, verum etiam in dotem eius cotulit pagum Sussen [846
Tubingius, Burrensis Coenobii Annalen, Seite 34.]. Diese Schenkung hat dann nach dem Tode des Sigiboto von Ruck seine Witwe Adelheid zusammen mit ihren drei Söhnen wiederholt und weitere Güter hinzugefügt, was wir ebenfalls durch Christian Tubingius erfahren: Quam Sigibotti donationem Adelhaidis praedicta eius vidua cum suis filiis, Sigefrido presertim (tres liquidem liberos, videlicet Wernherum clericum, Waltherum et Sigefridum comites invicem genuerant) augmentavit et viri inchoationem confirmare fidissime studuit. Fuit enim collectrix Dei servorum in hoc loco habitantium, haereditabat siquidem quartam partem huius loci addiditque molendinum et clivum iuxta molendinum et unum mansum Sussen et unum Calminesburch et clivum contra Sussen qui nunc (ut autumo) Hierocominus vulgo Siechhald dicitur atque ut quidam asseruit citra Sussen foresta sua in Alpium montibus tam in cultura quam in lignis et sylvis [847 Ebda.]. Außerdem schenkt sie zusammen mit ihrem Sohn Siegfried dem Kloster die Nikolauskirche in Seißen, anscheinend im Tausch für ein Gut, das ein gewisser Udalschalk gegeben hat: Dedit etiam ecclesiam sancti Nicolai in Sussen cum filio Sigefrido pro praedio quod dominus Udalscalus dedit ad vel apud Niderhoffen [848 Ebda., Seite 34 und 36.]. Letztere Übereignung wird von Christian Tubingius noch zweimal im Zusammenhang mit Schenkungen der Stifterfamilie an das Kloster Blaubeuren wiederholt. So gibt Adelhaid de Elzzazen/ecclesiam apud Süssen pro predio quod dominus Udalscaleus ad Niderhoffen dedit, et clivum contra Süssen ibi et monsum unum [849 Ebda, Seite 52.]. Tubingius präzisiert noch einmal, da er - wie er angibt - zwei Quellen mit etwas unterschiedlichen Angaben vorliegen hatte. Laut jener zweiten Quelle habe Adelha de Elezase ecclesiam sancti Nicolai Suirssen pro predio <ad> Niderhoffen quod dominus Udalscalcus dedit et clivum contra Suissen. Insuper mansum Sunthaim et apud Suissen unum [850 Ebda., Seite 43.] geschenkt. In allen diesen Quellenstellen bezeichnet Tubingius Adelheid als elsässische Gräfin und nennt keinen Familiennamen. Außerdem tritt sie uns - ebenfalls in der Chronik des Tubingius - noch in einer Schenkung von ihrem Sohn Siegfried entgegen, der sie zustimmt: Nam Sigefridus vel Sigifridus, Sigibotto/nis de Rugga filius patris loco ut supra auditum succedens, fundator fuit dimidiae partis huius ecclesiae, deditque cum matris et fratrum assensu Treffenesbuch, Waldstetten, Calminesbuch in dotem ecclesiae et ecclesiam Süssen cum decimis [851 Ebda, Seite 50.]. In anderen Quellen ließ sich die Gräfin Adelheid nicht nachweisen. Auch an dem 1493 geschnitzten Chorgestühl der Blaubeurer Klosterkirche ist sie unter den anderen Stifterfiguren nicht zu finden [852 Beschreibung sämtlicher Stifterfiguren und der beigefügten, auf ältere urkundliche Vorlagen zurückgehende, Inschriften bei EBERL [Hrsg.], Kloster Blaubeuren, Seite 28f.; Grundrißschema des Chores ruft Angabe der Plazierung der Figuren bei WILHELM, Chor der Blaubeurer Klosterkirche, Seite 816f. Allerdings ist durch die falsche Zuordnung der Ziffern im Grundrißschema zu den in der Legende genannten Personen die korrekte Anordnung der Figuren nicht genau erkennbar. Wilhelm gibt aber im Text, Seite 843f., die richtige Position der Adelheid-Figur an, wie ich durch eigene Inaugenscheinnahme des Chorgestühls feststellen konnte. Wilhelm behauptet unter anderem, daß die Gemahlin Sigibotos von Ruck im Chorgestühl der Blaubeurer Klosterkirche dargestellt sei, und zwar sei sie als Einzelbüste von den übrigen Stifterdarstellungen abgehoben und in Entsprechung zu den Prophetenbüsten zu sehen (ebda., Seite 843f.), weil ihr ,wohl das Kloster so verpflichtet war, daß für eine Darstellung dieser Stifterin eine Abweichung im Programm in Kauf genommen wurde" (ebda, Seite 844). Wilhelm hat zwar ganz recht mit seiner Annahme, daß diese herausgehobene Positionierung im Chorgestühl auf eine besonders wichtige Funktion dieser Person bei der Stiftung oder als Wohltäterin des Klosters schließen läßt. Er zieht jedoch aus einer an sich richtigen Überlegung eine falsche Schlußfolgerung, denn er behauptet, es handele sich bei der dargestellten Person um die Gemahlin Sigitxrtos von Ruck (ebda, Seite 43f. und die dazugehörige Anm. 81 auf Seite 869). Es gibt aber bekanntlich zwei Frauen namens Adelheid, die in der Frühgeschichte des Klosters Blaubeuren eine wichtige Rolle spielten, zum einen besagte Adelheid vom Elsaß, die Gemahlin Sigibotos von Ruck, und zum anderen Adelheid von Enzburg, die Schwieger-Tochter des Grafen Anselm von Tübingen. Daß Gräfin Adelheid vom Elsaß bei der Stiftung einen besonders hervorzuhebenden Beitrag geleistet hat, der ihre herausgehobene Stellung im Chorgestühl rechtfertigen würde, läßt sich aus den vorhandenen Quellenzeugnissen nicht ableiten. Wohl aber kann man bei Adelheid von Enzburg eine herausragende Handlung mit besonderer Bedeutung für das Blaubeurer Kloster erkennen, nämlich durch ihre Romreise und durch das Erwirken der päpstlichen Schutzbulle von Urban II. (vgl. dazu Tubingius, Burrensis Coenobii Annalen, Seite 40; auch in Wirtembergisches Urkundenbuch, 1. Band, Nr. 253, Seite 313f.), so daß die Büste der Adelhait comitissa mit Sicherheit die Gräfin Adelheid von Enzburg darstellt. Für diese These spricht auch, daß sie eben nicht im räumlichen Zusammenhang mit Sigiboto von Ruck und dessen Nachkommen abgebildet ist, sondern auf der Seite - wenn auch etwas separiert - auf der die Famlie ihres Schwieger-Vaters, Graf Anselm von Tübingen, angebracht ist. Die einzigen zusammengehörigen Figuren, die sich nicht auf jeweils einer Seile des Chorgestühls finden, Pfalzgraf Friedrich von Tübingen und dessen Gemahlin, sind aber durch die direkt gegenüberliegende Anordnung und die Inschriften einander eindeutig zugeordnet.].
Betrachtet man die angegebenen Quellenstellen unter besitzgeschichtlichem Aspekt, so zeigt sich, daß die Besitzungen der Adelheid, welche durch ihre Begabungen an das Kloster Blaubeuren sichtbar werden, wohl fast alle durch ihren Mann auf sie gekommen sind [853
Dies vermutet schon Gertrud Brösamle im Anhang zur Ausgabe der Chronik von Tubingius, Burrensis Coenobii Annalen, Seite 299.]. Sigiboto von Ruck schenkt dem Kloster ja den pagum Sussen [854 Ebda, Seite 34.], in dem der Großteil der späteren Schenkungen der Adelheid liegt. Auch die Schenkungen zusammen mit ihren Söhnen sprechen für diesen Umstand, so daß mit Hilfe der besitzgeschichtlichen Bestimmung keine Familienzugehörigkeit festgestellt werden kann [855 Die obengenannten Schenkungen liegen alle in der Nähe von Blaubeuren. Zu Seißen, Treffensbuch und Sontheim siehe die Karte bei LONHARD, Kloster Blaubeuren im Mittelalter, Seite 159; Kälblinsbuch ist ein abgegangener Ort bei Suppingen (EBEL, Die Edelfreien von Ruck, Seite 13. Anm. 56; zur Lage von Suppingen vgl. die Karte bei LONHARD, Kloster Blaubeuren im Mittelalter, Seite 159); Waldstetten (= Ödenwaldstetten) liegt in der Nähe von Münsingen (siehe dazu die Angaben in: Tubingius, Burrensis Coenobii Annalen, Seite 50, Anm. 63).]. Ebenso läßt sich keine dieser Besitzungen der Gräfin Adelheid in der Familie der Grafen von DAGSBURG-EGISHEIM nachweisen, so daß man von daher keine Aussage ableiten kann.
Auch Überlegungen im Zusammenhang mit dem NamenAdelheid" führen hier nicht weiter. Zwar taucht der Name Adelheid in der Familie der DAGSBURG-EGISHEIMER öfters auf, aber diese Familie ist nicht die einzige im Elsaß, in der der Name Adelheid heimisch ist. In diesem Zusammenhang sei nur die These Heinz Bühlers angeführt, der ja - wie oben erwähnt [856
Vgl. oben, Anm. 837.] - mutmaßt, die Gräfin Adelheid vom Elsaß sei eine Enkelin Werners, des Stifters der elsässischen Benediktinerabtei Hugshofen [857 BÜHLER, Schwäbische Pfalzgrafen, Stammtafel auf Seite 137.]. Als Eltern Werners möchte er Lütold von Mömpelgard und Willibirg von Wölflingen sehen [858 Ebda., Stammtafel auf S. 137.]. Eines der Kinder aus dieser Ehe trägt den Namen Adelheid, welche den Grafen Rudolf von Achalm ehelichte. Aus der Ehe der Adelheid von Wölflingen mit Rudolf von Achalm ist uns ein Sohn namens Berengar bekannt, den wir 1048 in einem Diplom HEINRICHS III. als Graf im elsässischen Sandgau finden [859 DH III 219, Seite 292: ... in pago Elyzazen in villa Kembyz in comitatu Beringeris comitis; vgl. BÜHLER, Schwäbische Pfalzgrafen, Seite 129.]. Diese genealogische Verbindung, wie Bühler sie sehen will, würde zumindest den Namen von einem der Söhne unserer Adelheid, nämlich Werner, erklären. Er findet sich ja bei ihrem mutmaßlichen Großvater, dem Stifter von Hugshofen [860 EBERL, Die Edelfreien von Ruck, Seite 35, äußert an Hand des Namenmaterials der Kinder Sigibotos und Adelheids die Vermutung, daß die Namen der Familie Sigibotos entstammen und somit Sigiboto von Ruck kein Bruder der Grafen Anselm und Hugo von Tübingen sein kann, sondern ein Neffe von deren Stief-Mutter.].
Gegen die These, daß Adelheid vom Elsaß der Familie der DAGSBURG-EGISHEIMER entstammt, spricht der Umstand, daß eben nicht erwähnt wird, sie sei mit Papst Leo IX. verwandt oder sie stamme aus dem Geschlecht dieser gerade durch die Verwandtschaft mit Leo IX. hochberühmten Grafen-Familie. Denn der Vergleich mit ähnlich gelagerten Fällen - man denke nur an das wichtige Reformkloster Hirsau [861
Abt Wilhelm von Hirsau hatte übrigens von den Stiftern Blaubeurens den Auftrag erhalten, Mönche für das neue Kloster zu entsenden, vgl. dazu E. SCHNEIDER, Codex Hirsaugiensis, fol. 176, Seite 19.], in dessen Gründungsgeschichte gerade auf die Verwandtschaft des Stifters Adalbert von Calw mit Papst Leo IX. hingewiesen wird [862 Ebda., fol. 26, Seite 7 und fol. 25b, Seite 25.] oder an das Kloster Heiligkreuz in Donauwörth, wo eine späte Überlieferung die Verwandtschaft der Stifter-Familie mit den Grafen von Egisheim reklamiert [863 Vgl. oben den Exkurs über Tuta von Egisheim.] - läßt erkennen, daß, falls sich irgendwo eine Verwandtschaft oder Verbindung zu dieser der Kirchenreform sehr nahestehenden Familie mit ihrem bedeutenden Exponenten zeigt, dieses Wissen gerade wegen der herausragenden Persönlichkeit Leos IX. bekannt ist und auch über einen langen Zeitraum hinweg bewahrt wird [864 Man könnte übrigens auch manche Zuschreibungen von nicht eindeutig identifizierbaren Personen im Dunstkreis der Klosterreform zu der DAGSBURG-EGISHEIMER Grafen-Familie, die die moderne Forschung vornimmt, in diese Tradition einreihen - man denke nur an das obenerwähnte Zitat aus der Einleitung von F. QUARTHAL zu DECKER-HAUFF u. a., Pfalzgrafen von "Tübingen.; vgl. auch die Feststellung von JACOBS, Adel, Seite 204: ,,... wie gern man den Glanz vornehmer cognati suchte, ist ja wohlbekannt".]. Helmut Maurer hat jüngst die These aufgestellt, daß die Verwandtschaft einer Familie mit dem Papst ebensoviel Sozialprestige mit sich brachte wie die Verwandtschaft mit dem Königshaus [865 H. MAURER, Eberhard der "Bruder" des Papstes, Seite 293f.]. Insofern würde sich doch das Wissen um die „Papstnähe" [866 Ebda., Seite 294.], wie Maurer sich ausdrückt, über einen längeren Zeitraum hinweg tradieren. Somit könnte die Angabe des Christian Tubingius, Adelheid sei eine comitissa Alsatiae, als Hinweis dafür gewertet werden, daß die Gräfin Adelheid nicht der Familie Leos IX. entstammt.