HIRSAU
Lexikon des Mittelalters:
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Hirsau
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Abtei OSB und Zentrum monastischer Reform, im nordöstlichen
Schwarzwald, an der
Nagold (Baden-Württ., Lkrs. Calw).
Eine erste Gründung mit
Reliquien eines hl. Aurelius
(cella s. Aurelii) erfolgte als adliges
Eigenkloster 830 durch Bischof Noting
von Vercelli und Erlafried
(wohl Vorfahren
der späteren Grafen von Calw), verfiel aber bis zum Ende
des 10. Jh.
wieder. Der Reform-Papst Leo IX.
aus der Familie der EGISHEIMER
(Dagsburg) beauftragte auf seiner Deutschlandreise 1049 seinen Neffen,
Graf Adalbert II. von Calw († 1099), mit der Neuerrichtung des
alten
Aurelius-Kloster. Ab 1059 entstanden Kirche und Klostergebäude,
das Kloser
wurde mit Mönchen aus dem gorzisch geprägten Einsiedeln
besetzt.
Anstelle des bereits 1069 wieder abgesetzten ersten Abtes, Friedrich,
wurde der in St. Emmeram zu Regensburg durch Otloh geformte
Wilhelm (Abt von Hirsau: 1069-91) berufen, der den Ausbau
Hirsaus zum Reformkloster
vorantrieb, zunächst auf der Grundlage der in St. Emmeram
dominierenden gorzisch-lothringischen Reform (Gorze). Wilhelms Bestreben war
es, für sein dem Hl. Stuhl unterstelltes Kloster die
»integra
libertas coenobii« zu erreichen. Dieses Ziel konnte er gegen
anfänglichen Widerstand des Grafen 1075 mit dem - heute als echt
anerkannten - »Hirsauer Formular« durchsetzen. Die Stellung
Hirsaus
umfaßte - bei Verzicht des Grafen auf Klosterherrschaft (siehe
auch
Eigenkirche) - freie Abtswahl und freie Vogtswahl, allerdings mit der
bezeichnenden Einschränkung, daß der Vogt (nach den
Maßstäben der Idoneität) aus der Stifter-Familie zu
wählen war und die Bannleihe - gleichsam im Sinne
überkommener Rechtsvorstellungen der Reichskirche - durch den
König
zu erfolgen hatte. Als Garant dieser Rechtsordnung fungierte der Papst.
Nachdem bereits 1076 durch den päpstlichen
Legaten Bernard cluniazensische
Vorstellungen an Hirsau vermittelt worden waren, erschloß Wilhelm
sein Kloster, namentlich durch seine Beziehungen zu Ulrich von Zell, dem
Einfluß Clunys (siehe auch Cluny, Cluniazenser, B. III, 2); dies
prägte die wohl 1083-88 entstandenen H.er Konstitutionen, die
eingehende Weisungen für den streng geregelten Ablauf des monast.
Lebens (unter anderem »Signa loquendi«), den liturgischen
Dienst,
Ämterwesen und Organisation der Klostergemeinschaft (unter
Einschluß von Konversen) umfassen.
Wilhelm formte Hirsau zu dem
neben Siegburg und St. Blasien
(Fruttuaria) bedeutendsten Reformzentrum im deutschen Bereich. In einer
Zeit
großer Konversionsbereitschaft, namentlich des Adels, erreichte
die
Ausstrahlung Hirsaus mehr als 120 Klöster (Jakobs). Als wichtige
hirsauisch
geprägte Reformklöster sind unter anderem zu nennen:
Schaffhausen,
St. Georgen (Schwarzwald), Petershausen (Konstanz), Corvey und
Pegau, Berge (Magdeburg), Prüfening (Regensburg), Michelsberg
(Bamberg), Admont. Einen Klosterverband hat Hirsau - im Gegensatz zu
Cluny -
nicht geschaffen. Der Zusammenhalt war in gemeinsamen Idealen und im
Totengedenken begründet. Die einzelnen, kraft 'traditio Romana'
dem päpstlichen Stuhl unterstellten Klöster verblieben
gleichwohl im
Einflußbereich weltlicher Dynasten, da die meisten
StifterFamilien -
entgegen der ursprgünglichen Intention - faktisch ihre erblichen
Vogteirechte wahrten
und diese zum Auf- und Ausbau ihrer landesherrlichen Gewalt nutzten.
Die
(in den ursprglichen Konstitutionen intendierte) stärkere
Eigenständigkeit gegenüber der bischöflichen Gewalt
(»Selbstinvestitur« des Abtes) wurde wieder
zurückgedrängt; Exemtion genossen die Hirsauer Klöster
nicht.
Während des Investiturstreits fest im Lager der Gregorianer
verwurzelt (1075 Begegnung Wilhelms
mit Gregor VII.),
unterstützten die Hirsauer, nicht zuletzt durch ihre Predigt, das
Reform-Papsttum gegen die Anhänger des Kaisertums. Das noch unter
Wilhelm aus der Talaue am
rechten Nagoldufer auf eine Anhöhe der
linken Flußseite verlegte Kloster gewann durch den Neubau der
Klostergebäude und der Kirche St. Peter und Paul (1082-91)
auch
baugeschichtlich vorbildhafte Geltung (Hirsauer Bauschule). Das
bedeutende
Skriptorium (Buchmalerei, A. XI) und die Entstehung von lateinischer,
vielleicht auch deutscher. geistlicher Literatur im Umkreis der
Hirsauer Reform weisen auf
die wichtige Rolle Hirsaus im 11./12. Jh. hin.
Allmählicher Bedeutungsverlust setzte im 12., vor allem aber seit
der
Mitte des 13. Jh. ein. Reformbestrebungen unter Abt Friedrich II.
(1403-1428) und seinen
Nachfolgern, durch die Hirsau zunächst der Melker
Reform, dann jedoch der Bursfelder Kongregation (1458) angeschlossen
wurde, führten zu einer Nachblüte (Bautätigkeit,
historische
Werke des Johannes Trithemius). Ständisch gesehen, traten seit ca.
1450 anstelle von Söhnen niederadliger Familien stärker der
württembergischen Ehrbarkeit entstammende Mönche hervor.
1534-1535
erfolgte die Auflösung durch Herzog
Ulrich.
U. Nothhelfer