Mühlbacher Josef: Seite 7-13
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"Lebenswege und Schicksale staufischer Frauen"

Als Stammeltern des hohenstaufischen Geschlechts gelten Friedrich von Büren (um 1025-1054) und Hildegard von Egisheim (um 1025-1095). Hildegard hat durch ihre verwandtschaftlichen Verbindungen und den elsässischen Erbbesitz, wohl auch durch ihre Persönlichkeit, den Weg zum ersten Aufstieg des staufischen Geschlechts vom edelfreien Grundherrn zum ersten Herzog von Schwaben geebnet.
Hildegards mütterliche Vorfahren stammen - soweit die heutigen Erkenntnisse - aus dem elsässischen Geschlecht der Grafen von Egisheim. Ihr Vater war Herzog Otto II. von Schwaben (gestorben 1047), ihr Großvater der lothringische Markgraf Ezzo. Die Eltern von Hildegards Großmutter Mathilde waren Kaiser OTTO II. und die griechische Prinzessin Theophano. Hildegard war die Nichte des Grafen Bruno von Egisheim-Dagsburg, Bischofs von Toul und späteren Papstes Leo IX., mit dem, gefördert durch Kaiser HEINRICH III., der Aufstieg des Papsttums begann. Neben diesen bedeutsamen verwandtschaftlichen Beziehungen zum salischen Kaiserhaus brachte Hildegard den STAUFERN ansehnliche Erbgüter ein, durch welche sie dem Elsaß enger verbunden wurden als Schwaben.
In Friedrich von Büren und Hildegard von Egisheim verband sich das Erbe zweier kraftvoller und aufstrebender Geschlechter.
Der Ehe Friedrichs von Büren und Hildegards von Egisheim entstammten fünf Söhne und eine Tochter. Der älteste Sohn Friedrich (um 1050-1105) ist der einzige, der das Geschlecht weiter fortpflanzte. Er führte die STAUFER auf ihren ersten Höhepunkt, indem Kaiser HEINRICH IV. ihn für seine erwiesenen Dienste auf dem Reichstag zu Regensburg 1079 zum Herzog von Schwaben machte und ihm seine Tochter Agnes verlobte. Das Jahr 1079 ist also der erste Kulminationspunkt in der Geschichte der STAUFER.
Der zweite Sohn aus der Ehe Friedrichs von Büren und Hildegards war Otto, der Bischof von Straßburg wurde und an der Machtstellung der STAUFER im Elsaß mitwirkte. Der dritte Sohn Ludwig war kurze Zeit rheinischer Pfalzgraf; er erbaute 1080 die Burg Staufeneck. Die beiden letzten Söhne waren Walter und Konrad. Die einzige Tochter Adelheid (um 1050-1094) war an der Stiftung der Kirche durch ihre Mutter in Schlettstadt beteiligt.
Hildegard hatte die Standeserhöhung ihres Sohnes und seine Vermählung mit Agnes, der Tochter Kaiser HEINRICHS IV. erlebt; sie überlebte ihren Gatten und zog sich aus Schwaben in ihre elsässische Heimat zurück. Um 1087 begann sie in Schlettstadt mit dem Bau einer Kirche. (728 stand hier der merowingische Königshof Selestat, der später eine Kaiserpfalz wurde; der französische Name für Schlettstadt ist Selestat.)
Hildegard muß, was auch bei ihren Kindern und ihrer Verwandtschaft deutlich wird, eine tief religiöse Frau aus dem Geist von Cluny als innere Erneuerung der verweltlichten Kirche gewesen sein. Es ist auch der Geist ihres Oheims, des Grafen Bruno von Egisheim-Dagsburg, der als Papst Leo IX. "zu den reinsten Gestalten der Papst- und Weltgeschichte gehört" (Hans Kühner). Die fromme Gesinnung der Hildegard findet ihren sichtbaren Ausdruck im Bau der Kirche in Schlettstadt und der dazu gehörenden Stiftung.
1092 waren die Söhne Hildegards, Otto, Friedrich und Konrad, von einer Pilgerfahrt nach Santiago di Compostella zurückgekehrt; 1094 kamen aus Conques (Central Massiv), einer wichtigen Station auf dem Pilgerweg, Mönche an die Kirche in Schlettstadt. Damals wurden auch die Reliquien der heiligen Fides (Sainte Foy) aus Conques nach Schlettstadt gebracht. Fides wurde neben Odilie zur elsässischen Landesheiligen.
Die heutige Kirche mit den zwei viereckigen Fassadentürmen und dem achteckigen Vierungsturm - eines der schönsten romanischen Bauwerke im Elsaß - hat mit der von Hildegard erbauten Kirche wenig zu tun. Die Kirche der Hildegard war ein runder oder achteckiger Bau im Bereich der heutigen Apsis, mit einer dem Grab Christi nachgebildeten Krypta, die als Grablege bestimmt war. Es wird vermutet, dass Hildegard hier 1095 bestattet wurde. Die Kirche wurde von Hildegards Sohn Otto, dem Bischof von Straßburg, geweiht; aus dem Jahr 1095 stammt eine Dotation an die Kirche von den Söhnen Otto, Friedrich, Ludwig und Walter. Die STAUFER haben sich bis zu ihrem Ende der Kirche angenommen, blieben sich also ihrer bedeutenden Ahnin in ihrer Erinnerung und Verehrung bewußt. Sie haben die Kirche und den Konvent bestätigt und ausgebaut: 1153 Herzog Friedrich II. von Schwaben, Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA, nach der Eroberung von Mailand 1162, schließlich Kaiser FRIEDRICH II., der 1217 Schlettstadt zur Reichsstadt erhob.
Bei der Renovierung der Kirche 1892 wurde ein aufsehenerregender Fund gemacht: "Der Naturabguß einer Frauengestalt, der dadurch entstanden war, dass die Leiche sogleich nach dem Tod mit Kalkmörtel übergossen worden war. Indem dieser erstarrte, bewahrte er die Konturen der Vorderseite wie das Negativ einer Totenmaske, während Hinterhaupt und Rücken nicht mit abgeformt wurden. Der Abguß, der von dieser Kalkhülle genommen wurde, zeigt das längliche, etwas hagere Antlitz einer etwa 35 bis 45 Jahre alten Frau mit feinen, sehr edlen Zügen. Während die Kleidung auf das 11. oder 12. Jahrhundert zu schließen erlaubt, läßt eben die Altersbestimmung nicht zu, in der Toten die Stammutter der STAUFER, Hildegard, zu erkennen, die im Alter von 70 Jahren vermutlich an der Pest gestorben ist. Wohl aber darf man in der Frauengestalt von St. Fides die Tochter Hildegards sehen, Adelheid, die von ihrer Mutter in der Stiftungsurkunde für das Kloster genannt wird und gleich ihr der Seuche erlegen sein mag." (Erich Maschke)
Um diese einzige lebensgetreue Gesichtsmaske eines mittelalterlichen Menschen entsanden Meinungsverschiedenheiten, ob es sich dabei um Hildegard selbst oder ihre Tochter Adelheid handle. Die Freunde und Verehrer der STAUFER sahen und sehen in der Büste das Abbild der Stammutter des Geschlechts; dem wurde widersprochen. Die Franzosen sprechen von der Belle Inconnue de Selestat.
Wie dem immer sein mag! Das Antlitz eines Menschen aus dem geschichtlich greifbaren Anfang des staufischen Geschlechts hat sich erhalten. Es ist voll Hoheit und Würde, Ernst, Strenge und Milde. Es ist nicht schwierig an den halbwegs authentischen Bildern von staufischen Menschen zu erkennen, dass sich das Gesicht aus der Frühzeit der STAUFER in der Folgezeit erhalten hat, deutlich in der Figur der Beatrix von Schwaben, einer Tochter König PHILIPPS und der Irene von Byzanz, in der Kathedrale von Burgos, am Kopf vom Reiterstandbild aus Barletta FRIEDRICHS II., aber auch in den Beschreibungen staufischer Menschen durch zeitgenössische Annalisten und Chronisten. Auch auf den Bamberger Reiter mag hingewiesen werden. Den weithin  ausgreifenden Deutungen, wen er vorstellen oder für wen er geschaffen worden sein mag, stehen Tatsachen gegenüber, die unmittelbar auf die STAUFER hinweisen.
Jenseits solcher Erwägung verkörpert der Bamberger Reiter das männliche Idealbild der Zeit, und das war nach dem Vorbild der STAUFER geprägt. In der Schlettstädter Porträtbüste können wir das weibliche Gegenstück zum Bamberger Reiter sehen, das Antlitz einer Frau jener Art, welche die Dichter der Zeit verehrend besungen haben.
Aus dem Schattendunkel der staufischen Frühzeit taucht dieses Frauenantlitz auf. Neben all den Eigenschaften, die aus ihm abzulesen sind und die der zeit als Ideal galten, ist deutlich erkennbar der Zug zu einer unbeirrten Frömmigkeit. Diesem Zug begegnen späterhin bei vielen staufischen Frauen.
Eine Enkelin der Hildegard von Egisheim, Bertha (geboren um 1088), die Tochter Friedrichs I., Herzogs von Schwaben, und der Agnes, Tochter Kaiser HEINRICHS IV., lebte und wirkte im Geist ihrer Großmutter. Sie wurde in zahlreichen Legenden als Heilige verehrt.
Sie wurde um 1102 mit dem Grafen Adalbert von Elchingen (bei Ulm) vermählt, der das Benediktiner-Kloster Elchingen gründete; Bertha selbst gilt als Gründerin des Chorherrenstiftes in Boll, dessen Grundmauern 1951 entdeckt wurden.
In zweiter Ehe war Bertha von Boll (seit 1122) mit dem Grafen Heinrich II. von Berg verheiratet; dieser starb 1138 im Benediktinerkloster Zwiefalten.