Alle seine Hoffnungen konzentrierten sich von da an auf
sein zweites legitimes Kind, seine Tochter Matilda,
die im Jahre 1114 den deutschen Kaiser HEINRICH
V. geheiratet hatte. Als der Kaiser 1125 starb, befahl der König
seine verwitwete und kinderlose Tochter zu sich. Er ließ alle Mitglieder
seines Rates schwören, daß sie, sollte er sterben, ohne einen
männlichen Erben zu hinterlassen, "sofort und ohne Zögern seine
Tochter Matilda, die frühere Kaiserin,
als ihre Herrin anerkennen würden." Dann legte Heinrich
I. seiner Tochter die Verpflichtung auf, einen Erben für
sein Königreich zu gebären und arrangierte mit Graf
Fulk V. von Anjou die Vermählung
Matildas
mit dessen Sohn Geoffrey.
Bei all dem hatte
Matilda ebensowenig
Mitspracherecht wie Geoffrey. Sie war
zehn Jahre älter als ihr Mann. Es war eine tiefe Demütigung für
sie, einen kleinen, grünen 15-jährigen Jungen zum zweiten Mann
nehmen zu müssen, einen kleinen Grafen als Gemahl einer Kaiserin,
denn als solche fühlte sie sich bis zu ihrem Tode. Das ungleiche Paar
wurde im Jahr 1128 in Le Mans getraut. Wenn er auch in den Augen seiner
Gemahlin nichts war als ein kleiner Junge, war Geoffrey
doch
selbständiger Graf von Anjou und Maine. Nachdem er die unerträgliche
Einbildung seiner Frau ein Jahr lang ertragen hatte, verjagte er sie aus
Anjou und stellte ihr frei, nach England zurückzukehren, falls sie
Lust dazu hätte. Auf jeden Fall aber weigerte er sich, weiter mit
ihr zusammenzuleben oder ihre Gegenwart in seinem Land zu dulden.
Matilda fand ihre
Zuflucht in Rouen, der Hauptstadt von ihres Vaters Herzogtum Normandie.
Heinrich nahm sie im Sommer des Jahres
1131 mit sich nach England zurück, ohne das Problem der Thronfolge
gelöst worden wäre. Überraschenderweise war es dann Geoffroy,
der dieses Problem dann löste, indem er bekanntgab, er werde Matilda
wieder bei sich aufnehmen, vielleicht in der Annahme, sie hätte aus
der zweijährigen Trennung gelernt. Matilda
hatte sich nicht im geringsten geändert, aber Geoffrey
beschloß, gute Mine zum bösen Spiel zu machen. Letzten Endes
brauchte er sich als junger Mann, der so gut aussah, daß er allgemein
nur "Geoffrey der Schöne"genannt
wurde, nicht unbedingt an diese Xanthippe gebunden zu fühlen, und
er konnte Matilda durchaus damit beschäftigen,
Kinder zu gebären, während er sich anderweitig amüsierte.
Der erste Sohn der beiden, Heinrich,
wurde am 5. März 1133 in Le Mans geboren. Am 1. Juni 1134 gebar Matilda
bereits ihren zweiten Sohn, Geoffrey. Diese Geburt war so schwer,
daß die Kaiserin beinahe daran starb. Im August 1136 bekam sie dann
ihren dritten Sohn Wilhelm.
In der Zwischenzeit war König
Heinrich, am 1. Dezember 1135, gestorben und Stephen
von Blois bemächtigte sich des englischen Thrones.
Als Hader und Zwietracht im ganzen Land ausbrachen und
die Autorität des Königs immer geringer wurde, kam Matilda
zu der Überzeugung, daß die Zeit reif sei, den rechtmäßigen
Anspruch ihres Sohnes auf den Thron seines Großvaters geltend zu
machen. Ihr außerehelich geborener Halbbruder, Graf
Robert von Gloucester, war zu ihr gekommen und hatte ihr seine
Hilfe angeboten. Mit Roberts Hilfe
machte sich Matilda auf, um ihrem Sohn
sein Erbe zurückzuerobern. Auf jeden Fall blieb Geoffrey in
Anjou zurück, während sie und Robert
sich
nach England einschifften, wo sie am 30. September 1139 landeten. Bald
hatten sie den Westen unter Kontrolle, wo die Besitzungen
Roberts
lagen, und wo die Städte Bristol und Gloucester seine Hauptstützpunkte
bildeten. Mit Hilfe ihres Onkels David,
des Königs von Schottland, und der führenden Männer des
Westens gelang es ihnen im Februar 1141 in der Schlacht bei Lincoln, König
Stephan gefangenzunehmen und ihn in Bristol in Ketten zu legen.
Im darauffolgenden April wurde Matilda von
einer aus Bischöfen und Adligen bestehenden Ratsversammlung als Herrin
von England formell anerkannt.
Nun da sie ihr großes Ziel erreicht hatte, ließ
sie ihrer Arroganz die Zügel schießen. Dabei übersah sie
völlig, daß das Motiv ihrer Anhänger nicht etwa Loyalität
ihr gegenüber, sondern reiner Eigennutz war. Der König war ihr
Gefangener und von ihrer Gande abhängig, und die Freiherren wandten
sich ihr zu, da sie annahmen, daß bei ihr mehr zu holen sei als bei
dem gestürzten König. Im Sommer begab sich Matilda
nach London, wo sie das in Winchester begonnene Werk vollendete. Sie begann,
sich Königin der Engländer zu nennen, obwohl sie als solche
noch nicht bestätigt und gekrönt war. Sie empfing die Freiherren
mit unglaublicher Überheblichkeit und erhob sich nicht einmal, um
den ehrwürdigen Bischof von Winchester, den Bruder des Königs,
zu begrüßen, als dieser vor ihr kniete. Sie versuchte, die Erlasse
Stephens
zu annullieren und die Ländereien, die er vergeben hatte, zu enteignen,
um sie ihren Günstlingen zuzuspielen Überhaupt zeigte sie sich
den Londonern von ihrer unangenehmsten Seite und verlangte ungeheure Summen
Geldes von ihnen.
Stephens Gemahlin
sammelte unterdessen in Kent eine Armee, die ständigen Zustronmm aus
den Reihen derjenigen Männern erhielt, die die Kaiserin einfach nicht
länger ertragen konnten. Sie entsandte eine Abordnung, die für
ihren gefangenen Mann bitten sollte, von der Kaiserin aber mit Beleidigungen
abgespeist wurde. Daraufhin ließ die Königin die Armee nach
London marschieren. Hocherfreut vom Anblick dieser Streitmacht und bis
aufs Blut gereizt durch die unverschämten Forderungen der Kaiserin
erhob sich die Bevölkerung und warf Matilda
mir
nichts dir nichts mit allen ihren Anhängern aus der Stadt hinaus,
als diese im Begriff gewesen waren, sich zu einem Festmahl niederzulassen.
Die Kaiserin floh nach Oxford, und die Londoner hießen ihre Königin
willkommen.
Im September 1141 kam es der Kaiserin an ihrem Zufluchtsort
Oxford zu Ohren, daß Bischof Henry von Winchester die Wiedereinsetzung
seines königlichen Bruders in sein königliches Amt vorbereitete.
Sie und Graf Robert begaben sich deshalb
nach Winchester und belagerten die bischöfliche Burg. Kaum waren sie
dort angekommen, kaum hatten sie die Burg blockiert und sich für die
Belagerung festgesetzt, als Stephens
Gemahlin mit einem Heer ankam, dem allein tausend Londoner angehörten,
und die Belagerer einschloß. Die Leute des Bischofs setzten einen
Teil der Stadt in Brand, während die Armee der Königin die Belagerer
fest umzingelt hatte und diese bald aushungerte. Endlich blieb ihnen nichts
anderes übrig als ein verzweifelter Ausbruchsversuch. Bei diesem Gewaltmarsch
der Truppen der Kaiserin geriet Graf Robert
in Gefangenschaft, die Armee wurde völlig zerschlagen, und die Kaiserin
erreichte schließlich mit nur einem einzigen Begleiter mehr tot als
lebendig Gloucester.
Nach einmonatiger Verhandlung wurden König
Stephen und Graf Robert
unter gleichen Bedingungen ausgetauscht.
Um den daraufhin eingetretenen toten Punkt zu überwinden,
sandte Matilda im Frühjahr 1142
eine aus Adligen bestehende Delegation zu ihrem Gatten und ließ ihn
bitten zu kommen und das "rechtmäßige Erbe seiner Gemahlin und
seines Sohnes in England zu verteidigen". Die hochmütige Art, in der
diese Botschaft abgefaßt war, war wohl kaum dazu angetan, Geoffrey
dazu zu bewegen, einer Frau zu helfen, die er von ganzem Herzen
verabscheute und deren Abwesenheit ihm nur angenehm sein konnte. In diesem
Sinne faßte er auch die Botschaft ab, die der Kaiserin unsd ihrem
Rat im Juni 1142 in Devizes überreicht wurde. Daraufhin besuchte Robert
seinen Schwager in Frankreich. Im Spätherbst erreichte die
beiden die Nachricht, daß Stephen
die Kaiserin in Oxford belagere und ihre Lage verzweifelt sei.
Da
Geoffrey ein Wiedersehen mit seiner Gemahlin ablehnte, schiffte
sich Graf Robert mit seinem Neffen
Heinrich und einer Streitmacht von drei- bis vierhundert Soldaten
ein. Er begab sich sofort nach Oxford, mußte aber feststellen, daß
seine Armee zu klein war, um für Stephen
auch
nur eine Bedrohung darzustellen. Kurz vor Weihnachten, als die Vorräte
in der Festung von Oxford immer weiter dahinschwanden, und als der Fluß
zugefroren und die Erde schneebedeckt waren, ließ sich die furchtlose
Kaiserin mit dreien ihrer Ritter von einem der Türme abseilen und
überquerte den gefrorenen Fluß zu Füßen der Burg.
Ganz in weiße Gewänder gehüllt und so im Schnee fast unsichtbar,
schlüpften sie durch die Reihen der belagernden Armee. Ihr Ziel war
Wallingford, wo die Kaiserin ihren Bruder und ihren ältesten Sohn
vorfand, und von wo aus es ihnen gemeinsam gelang, Bristol, den Hauptstützpunkt
Roberts,
zu erreichen.
Die Kaiserin blieb die nächsten fünf Jahre
in Bristiol und Gloucester und klammerte sich eigensinnig an die Hoffnung,
es werde ihr noch einmal gelingen Stephen
seine Krone zu entreißen. Es gab einige oberflächliche Geplänkel
zwischen den beiden Parteien, bei denen einmal die eine, dann wieder die
andere Seite kleine Erfolge verbuchen konnte. Dank der Erfahrung und Weisheit
des Grafen Robert blieb der Westen
der Kaiserin treu.
Graf Robert starb
am 31. Oktober 1147 und mit ihm starb die Hoffnung der Kaiserin, England
zu erobern. Graf Roberts Nachfolge
trat sein Sohn William an, ein weichlicher Mann, der sich mehr für
Schlafzimmergeschichten als für den Krieg interessierte. Von ihm konnte
die Kaiserin wenig Hilfe erwarten. Gleich zu Beginn des Jahres 1148 gab
sie alle ihre rosigen Träume auf und begab sich zu ihrem Gatten zurück.
Die Abgesandten besprachen auch die Heirat von Heinrichs
dreijähriger Tochter Eleanor mit
dem Sohn des Kaisers, HEINRICH einem
Kind von noch nicht einmal einem Jahr. Die Kaiserin weigerte sich trotz
ihrer großen Liebe zu den Deutschen, die Gesandten des Kaisers während
ihres Aufenthaltes in Rouen zu empfangen, mit der Begründung, sie
seien Schismatiker. Nun, da der Ehrgeiz ihres Lebens befriedigt und ihr
Sohn König von England war, lebte Matilda
zurückgezogen in Rouen und widmete sich wohltätigen Werken. Ihre
Erinnerungen an England waren nicht glücklich, und ihr einziger in
der Geschichte erwähnter Besuch, den sie dem Land nach der Krönung
ihres Sohnes abstattete, fand zu Michaelis 1155 statt.
Heinrich weilte noch
in der Bretagne, als er die Nachricht vom Tode seiner Mutter erhielt, die
am 10. September 1167 in Rouen gestorben war. Sie starb,
"vom Alter und vom Fieber ausgehöhlt", und wurde in der Abtei
von Bec beigesetzt. Heinrich verteilte
ihren erheblichen Reichtum an verschiedene Kirchen, Klöster, Aussätzigenhospitale
und an die Armen. Sie hinterließ eine große Summe Geldes zur
Fortsetzung des Baus der Steinbrücke über die Seine bei Rouen,
ein wohltätiges Werrk, das sie begonnen hatte.