Heinrich Raspe (1227-1247) - der Pfaffenkönig und
Hermann II. (1238-1241) - das Ende vom Anfang
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
HEINRICH RASPE ging
als der 'Pfaffen-König' in die deutsche Geschichte ein.
Seinem fragwürdigen Aufstieg folgte der jähe Sturz, und die LUDOWINGER
traten von der historischen Bühne ab. Obwohl Ludwig IV. einen
erbberechtigten Sohn hinterließ, kann man die Landgrafschaft Thüringen
ab 1227
HEINRICH RASPE IV. zurechnen.
Der kleine Hermann war beim Tod des Vaters lediglich fünf Jahre
alt, und sein Onkel HEINRICH, selbst
erst 23, trat die Vormundschaft an. Vier Jahre später wurde er vom
Kaiser sogar mit Thüringen und der Pfalz Sachsen belehnt, obwohl er
doch eigentlich nicht erbberechtigt war.
Im ersten Jahrzehnt scheint sich der LUDOWINGER
auf den Ausbau der Herrschaft in Hessen konzentriert zu haben. In Marburg
verbrachte seine Schwägerin Elisabeth
die
letzten drei segensreichen Jahre, bis sie 1231 starb. Sie stand unter starkem
Einfluß ihres Beichtvaters Konrad von Marburg, der als Ketzerverfolger
zweifelhaften Ruhm erlangte. Er fiel bald selbst einem Mordanschlag einiger
seiner zahlreichen Gegner zum Opfer.
Nicht zu verwechseln mit diesem Konrad von Marburg ist
der Konrad aus dem Geschlecht der LUDOWINGER, der Bruder
HEINRICH RASPES, der eigentlich für
Hessen zuständig war und ebenfalls in Marburg wirkte. Die ludowingischen
Interessen
stießen auf die Bestrebungen ihrer alten Rivalen, der Erzbischöfe
von Mainz. Letztere sorgten dafür, dass die LUDOWINGER in Hessen,
besonders um Marburg, ihr Einflußgebiet nicht weiter ausdehnen konnten.
1232 brachen neuerliche Kämpfe aus. Wechselseitig wurden gegnerische
Städte und Ortschaften verwüstet. Besonders grausam gebärdete
sich Konrad in Fritzlar, wo er Einwohner in den Flammen umkommen
ließ. Doch er sollte die Untat bald bereuen. Um sich zu reinigen,
reiste er nicht nur zum Papst nach Rieti, sondern trat auch in den geistlichen
Stand und in den Deutschen Orden ein. Allerdings hatte der Beitritt zum
Orden wohl stichhaltigere Gründe, von denen mindestens vier zutreffen:
1. mußten sich die LUDOWINGER
gegen
die Mainzer Erzbischöfe behaupten, die ebenfalls an Hessen interessiert
waren und um 1234 hier an Boden gewannen. Ein enges Bündnis mit dem
Ritterorden bot sich an.
2. zeichnete sich ab, dass Hermann II. bald
sein Erbe antreten würde. HEINRICH RASPE
würde
dann die Verwaltung der hessischen Besitzungen in die Hand nehmen und Konrad
aus dieser Position drängen, für den kein standesgemäßes
Unterkommen bliebe.
3. hatte der Deutsche Orden inzwischen in Preußen
Fuß gefaßt und war gerade dabei, das Land an sich zu reißen.
Konrad konnte versuchen, das alte Ziel seines Bruders Ludwig,
Preußen zu beherrschen, über den Orden zu verwirklichen. Und
4. schließlich nahm die Verehrung
Elisabeths Züge einer Massenbewegung an, und die LUDOWINGER
konnten das Andenken an die Schwägerin in politische und finanzielle
Vorteile ummünzen.
Der Deutsche Orden war 1190 vor Akkon gegründete
worden, als auch
Landgraf Hermann I. zugegen war. Ab 1198 mußte
man in den geistlichen Stand eintreten, um Mitglied zu werden. Er übernahm
den Kampf gegen die Ungläubigen, das heißt die Nichtchristen.
Ab 1230 unterwarf er, indem er es fast ausrottete, das heidnische Volk
der Preußen, das an der Ostsee zwischen Weichsel und Njemen wohnte.
Doch stellte sich der Orden nicht nur die Eroberung fremder Gebiete und
Völkerschaften zum Ziel, sondern auch charitative Aufgaben wie die
Krankenpflege und die Armenfürsorge, sehr achtenswerte Tätigkeiten,
zumal es keine städtischen oder staatlichen Krankenhäuser gab.
In vielen deutschen Städten, unterhielt er Kapellen und Hospitäler
zum Heiligen Kreuz, dem Zeichen des Ordens. Damit stand er dem Wirken Elisabeths
nahe, und es lag auf der Hand, dass die landgräflichen
Brüder die Verehrung für ihre Schwägerin ausnutzten. Besonders
Konrad betrieb die Heiligsprechung
Elisabeths,
die vom Papst Ende Mai 1235 verkündet wurde. Der Bau der Elisabethkirche
in Marburg war seit kurzem im Gange. Zur Erhebung ihrer Gebeine, das heißt
zur Umlagerung ihrer sterblichen Überreste in die neue Grabstätte,
war am 1. Mai 1236 kein geringerer als Kaiser
FRIEDRICH II. erschienen, der im leinenen Büßergewand
selbst Hand anlegte. So zeigt ihn auch das letzte Bild des Malers Moritz
von Schwind in der Elisabethgalerie auf der Wartburg.
Am 30. Mai 1239 verstarb der langjährige, seit 1210
amtierende Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza. Wie sein
Stammort Salza (heute Langensalza) nordöstlich von Eisenach anzeigt,
kam er aus einer thüringischen Adelsfamilie. Der Hochmeister, auf
Lebenszeit gewählt, stand an der Spitze der gesamten Hierarchie des
Deutschen Ordens. Hermann hatte bereits die Beziehungen zwischen Kaiser
FRIEDRICH II. und Landgraf Ludwig IV. vermittelt und
miterlebt, wie Ludwig IV. dem Orden in Thüringen umfangreiche
Besitzungen übertrug. Zum Nachfolger Hermanns von Salza wurde jener
Konrad
erkoren, der Bruder HEINRICH RASPES.
Allerdings vernichtete Konrads früher Tod, am 24. Juli 1240
während einer Reise in Rom, die sich ergebenden Möglichkeiten.
Seine Gebeine wurden zurückgeführt und in der Marburger Elisabethkirche
bestattet. An gleicher Stätte erhielt sich der einzige originale ludowingische
Wappenschild von vor 1250, der ihm zugeordnet wird, da neben dem rot-weiß-gestreiften
Löwen auf blauem Grund auch das schwarze Kreuz auf weißem Grund
erscheint, das Zeichen des Deutschen Ordens.
In dieser Zeit ereilten das thüringische Landgrafenhaus
weitere Todesfälle. Hermann II. war inzwischen volljährig
geworden und fertigte seit 1238 eigenständig Urkunden aus. Er verstarb
jedoch, noch nicht 19-jährig, am 3. Januar 1241 zu Creuzburg nahe
Eisenach, - ein Giftanschlag seiten
HEINRICH RASPES
wurde später gemunkelt. Gerüchte haben den Vorteil, dass man
sie nicht beweisen muß und das dürfte in diesem Falle besonders
schwerfallen.
Schließlich war gerade HEINRICH
RASPES
zweite Gattin gestorben und kein Nachkomme vorhanden,
für den sich ein Mord gelohnt hätte. Hermann II. war ebenfalls
kinderlos geblieben. Wahrscheinlich hatten sich eventuelle Heiratspläne
zerschlagen. Zum einen wurde er im November 1238 mit der kindlichen Margarete
verlobt,
der Tochter FRIEDRICHS II. Sie sollte
später als Gattin Albrechts des Entarteten von der Wartburg fliehen
müssen. Unklar ist, ob der Plan verwirklicht wurde, Hermann II.
mit Helene - einer Tochter des Herzogs Otto von Braunschweig
- zu verheiraten, um den hessischen Besitz nach Norden zu sichern. Immerhin
hatte er das Verlöbnis mit einer Kaisertochter gelöst und damit
eine eigene, vom STAUFER-König
unabhängige Politik begonnen; und päpstliche Fürsprecher
planten sogar, dem jungen Landgrafen zum römisch-deutschen König
wählen zu lassen.
Nach Hermanns Tod gelang HEINRICH
RASPE zweierlei. Erstens erreichte er beim Kaiser, dass er selbst
nochmals mit Thüringen und der Pfalzgrafschaft Sachsen
belehnt wurde, was in einem solchen Fall keineswegs selbstverständlich
war. Viel folgenschwerer erwies sich der zweite Schritt: Für Heinrich
den Erlauchten, seinen Neffen und einstigen Mündel Ludwigs IV.,
sicherte er 1243 die Eventualbelehnung mit Thüringen und der Pfalzgrafschaft
Sachsen, falls er selbst ohne männliche Nachkommen sterben sollte.
Später geschah es so. Die dauerhafte Vereinigung von Mark Meißen
und Thüringen blieb nicht, wie Ludwig IV. angestrebt hatte,
den LUDOWINGERN vorbehalten, sondern - mit Heinrich dem Erlauchten
beginnend - den WETTINERN. Noch angesichts des Todes war Ludwig IV.
die Eventualbelehnung der Mark Meißen für seinen Sohn Hermann
II. zugesagt worden. Heinrich der Erlauchte, der Erbe der Mark, dachte
indessen gar nicht ans Sterben, sondern überlebte seinerseits den
letzten männlichen LUDOWINGER
um mehr als 40 Jahre.
In seinem Stammland Thüringen hatte HEINRICH
RASPE weniger Kämpfe zu bestehen, vergleicht man es mit
seinen Vorgängern. Wenn es sein mußte, ging er keineswegs zimperlich
vor. Als er 1233 eine Fehde mit dem Grafen Heinrich von Gleichen austrug
und die Burg Velseck im Eichsfeld eroberte, ließ er kurzerhand
23 Gefangene enthaupten.
HEINRICH RASPE endete
zwar als Gegen-König, doch setzte er lange Zeit den kaiserfreundlichen
Kurs seines Bruders Ludwig IV. fort. So war er zugegen, als 1230
im italienischen San Germano die Aussöhnung zwischen dem Papst und
dem Kaiser erfolgte. Während der beiden Jahre zwischen 1235 und 1237,
in denen sich FRIEDRICH II. in seinem
deutschen Reichsteil aufhielt, scheint HEINRICH
RASPE ihn fast ständig begleitet zu haben. Selbst am kaiserlichen
Feldzug nach N-Italien gegen die aufrührerischen Lombarden nahm er
1236 teil. Der Kaiser kam über die Alpen, um seinen Sohn HEINRICH
(VII.) abzusetzen, der eine deutsche Sonderentwicklung einzuleiten
versucht hatte. Der thüringische Landgraf beteiligte sich an der Wahl
des nächsten Sohnes KONRAD zum
deutschen König, die im Jahre 1237 zu Wien stattfand. Danach wandte
er sich zeitweilig der päpstlichen Partei zu, doch bereits 1239 stand
er wieder zum Kaiser. Im selben Jahr wurde FRIEDRICH
II. zum zweiten Mal, und nun bis an sein Lebensende, vom Papst
in den Bann getan. Die mächtigsten deutschen Fürsten trafen sich
in Eger, um die Versöhnung in die Wege zu leiten. HEINRICH
zählte zu den Anwesenden, und sein Bruder Konrad, der Hochmeister
des
Deutschen Ordens, sollte die Verhandlungen führen. Mit diesem
Auftrag verstarb er 1240 in Rom. Die Fürsten, darunter der thüringische
Landgraf, wurden vom Papst aus der Kirche gestoßen. In dieser Situation
gründete HEINRICH RASPE 1240 das
Dominikanerkloster zu Eisenach. Mit diesem Schritt wollte er sicherlich
dem Bannstrahl des Papstes ausweichen, doch vielleicht bewogen ihn auch
die Todesfälle in seiner Familie dazu. Der neue Prior des Klosters,
Elgar von Honstein, avancierte zum geistlichen Berater seines Landesherrn.
Der Kaiser dagegen setzte HEINRICH RASPE
um 1241 zum Reichsverweser ein. Damit hatte dieser für den
minderjährigen
KONRAD die obersten
Reichsgeschäfte im deutschen Raum zu führen. Große Rührigkeit
legte er allerdings nicht an den Tag, sondern kümmerte sich stärker
um Thüringen. Erst in dieser Zeit brach HEINRICH
RASPE mit dem Kaiser und geriet unter den Einfluß des
energischen Papstes Innocenz IV., der nach zwei papstlosen Jahren im Juni
1243 den heiligen Stuhl bestieg. Der Thüringer gab seinen Posten als
Reichsverweser auf. Jener Innocenz erklärte 1245 den Kaiser für
abgesetzt und öffnete den Weg zu einer Neuwahl. Am 22. Mai 1246 trafen
sich in Veithöchheim bei Würzburg die drei rheinischen Erzbischöfe
von Mainz, Köln und Trier, der Erzbischof von Bremen sowie weitere
Bischöfe. Sie kürten HEINRICH RASPE
zum
neuen König. Die Bezeichnung 'Pfaffen-König'
sollte er nicht mehr loswerden. Der Mainzer Erzbischof Siegfried III. trug
großen Anteil, so dass er auf seiner Grabplatte als Königsmacher
HEINRICHS dargestellt ist. Voraussetzungen
für einen Wunschkandidaten brachte der Thüringer zweifellos mit.
Zum einen gehörte er nicht zu den mächtigsten Fürsten, etwa
wie der König von Böhmen oder der Herzog von Bayern, und so war
er leichter zu beeinflussen. Zum anderen brachte er als ehemaliger Reichsverweser
notwendige Erfahrungen und Kenntnisse ein. Da er ohne Anerkennung durch
die großen weltlichen Landesherren blieb, war HEINRICH
RASPE zum Scheitern verurteilt. Ein leicht errungener militärischer
Sieg über die Truppen König KONRADS
im August 1246, auch wenn er dadurch einen Hoftag in der Stadt Frankfurt
am Main erzwang, konnte nicht darüber hinwegtäuschen. Bei der
Belagerung Ulms im Januar 1247 wurde er verwundet, konnte sich aber wenigstens
noch nach Thüringen zurückziehen.
Er starb am 16. Februar 1247 auf der Wartburg
infolge eines Blutsturzes im Unterleib. Sein Körper wurde an
der Seite der Eltern im Eisenacher Katharinenkloster bestattet, sein Herz
dagegen im von ihm gegründeten Dominikanerkloster der gleichen Stadt
geborgen. Grab und Katharinenkloster haben die Zeit nicht überstanden;
auf der Grabplatte des Mainzer Erzbischofs Siegfried III. drückt ihm
und seinen königlichen Nachfolger WILHELM
VON HOLLAND der streitbare Geistliche die Krone aufs Haupt.
Die Wartburg trat seltsamerweise erst unter HEINRICH
RASPE als Ausstellungsort von Urkunden hervor. Die bisherigen
Aufenthalte von Landgrafen waren durch Jahrbücher und andere erzählende
Quellen belegt, die zum Teil später entstanden. Bis zu HEINRICH
RASPE verwaltete ein Burggrafengeschlecht die Wartburg. Als
der amtierende Burggraf vom Kreuzzug 1227 nicht zurückkehrte, besetzte
HEINRICH
RASPE die Stelle nicht nochmals, obwohl sich ein Bruder des
Verstorbenen anbot. Der Hof des Landgrafen nahm nunmehr die Burg unter
seine unmittelbare Aufsicht.
Nach dem Tode des Landgrafen mußte die Nachfolge
über seine Ländereien neu geregelt werden, da er trotz dreimaliger
Vermählung keine Kinder hinterließ und auch kein anderer männlicher
LUDOWINGER
mehr lebte. Von seiner ersten Frau weiß man nicht viel genaueres
als den Namen Elisabeth, das Datum der Eheschließung 1228
und das Sterbejahr 1231; sie soll eine brandenburgische Markgrafentochter
gewesen sein. Die zweite Ehe schloß HEINRICH
RASPE im Februar 1238 in Wiener-Neustadt mit
Gertrud, der Schwester des regierenden österreichischen
Herzogs. Bereits HEINRICHS Schwester
Agnes hatte einen Mann aus dem gleichen Hause geheiratet.
Gertrud
starb jedoch zwei oder drei Jahre später, so dass HEINRICH
RASPE noch 1241 ein drittes Mal heiratete, und zwar die BRABANTERIN
Beatrix, die ihn zwar überlebte,
ihm jedoch keine Kinder schenkte. Diesmal hatte er sich mit dem gleichen
Herzogshaus wie seine Nichte Sophie
verbunden. Mit HEINRICH
RASPE erlosch das Geschlecht der LUDOWINGER. Es begann
in Thüringen mit einigen Dörfern, erwarb die Landgrafschaft und
dehnte seinen Einfluß über weitere mitteldeutsche Territorien
aus. Er verkehrte mit Kaisern und Königen. Als er selbst nach der
Königswürde griff, vollendete sich sein Schicksal. Geblieben
sind die Werke der Dichtkunst und der Architektur. Vor allem hat es dem
Lande einen politischen und rechtlichen Rahmen verschafft, der ein Fortbestehen
Thüringens erst ermöglichte.