Der plötzlich zu höchster Verantwortung gelangte
HEINRICH
VI. (1190-1197) ist ein ganz anderer Mensch. Schon äußerlich
gleicht er dem ebenso verbindlichen wie imponierenden, politisch klugen,
Eleganz und Männlichkeit ausstrahlenden blonden Vater kaum. "Ein bleicher
schmächtiger Mann, verschlossen und ernst, vor der Zeit gealtert,
immer über Plänen brütend, fieberhaft mit vielen Dingen
zugleich beschäftigt, rücksichtslos in der Wahl seiner Mittel,
immer bedacht auf Universalherrschaft", so beschreiben ihn Zeitgenossen.
Die Sympathien der Italiener, die BARBAROSSA
mühsam errungen hatte, verspielt HEINRICH
in zwei Jahren, da er versuchsweise im Süden "regieren" darf, so gründlich,
dass ihn der alte Herr 1188 schleunigst zurückholt.
Nun ist der große Kaiser tot. Niemand weiß
übrigens, wo seine Gebeine ruhen. Sein ältester Sohn, der zunächst
mit einem kleinen Korps nach Akkon weitermarschierende Friedrich
von Schwaben, hatte sie ins Heilige Land mitgenommen, erliegt
dort jedoch am 20. Januar 1191 selbst einer den Rest der Deutschen hinwegraffenden
Seuche. Sein Bruder
HEINRICH war daheim
geblieben. Er muß jetzt um das Erbe seiner Gattin Konstanze
kämpfen. Die frankonormannischen Barone Siziliens machen
bewaffnet Front. Sie wählen im Einvernehmen mit dem Papst einen Vetter
Konstanzes,
Prinz
Tancred (+ 1194), zum König
Beider Sizilien und erhalten Schützenhilfe durch die aus Palästina
zurückkehrenden Truppen des englischen Königs.
Richard
Löwenherz sieht sogar eine Chance, das alte Zusammenspiel
mit den normannischen Vettern zu erneuern und seinem Schwager Heinrich
dem Löwen die Rückkehr nach Deutschland zu erleichtern.
An ihn denkt HEINRICH VI. am
wenigsten. Es zieht ihn nach Italien, wo er von der römischen Kurie
für das Osterfest 1191 unter nicht eben königlichen Bedingungen
die Kaiserkrönung aushandelt. Dann marschiert er nach Unteritalien,
das rasch besetzt wird. Da rafft eine Epedemie in wenigen Wochen neun Zehntel
seiner Armee hinweg. Eine Belagerung von Neapel, das ein staufisches
Unteritalien nicht will, muß aufgegeben werden. Nur mit
Mühe kann sich der Kaiser mit dem Rest nach Norden durchschlagen.
Konstanze, die kurz zuvor in Salerno
von einem normannischen Kommando entführt worden war, bleibt in Tancreds
Gewahrsam als Pfand für HEINRICHS
Abzug aus Italien.
In Deutschland erwartet den Geschlagenen eine Front der
weltlichen und Kirchenfürsten. Sie sind empört über die
Ermordung des zum Bischofs von Lüttich gewählten Grafen Albert
von Brabant, auf dessen Stuhl HEINRICH VI.
lieber den Rheinländer Konrad von Hochstaden gesehen hätte. Man
fordert den Rücktritt des Kaisers, dem offen eine Mitschuld an der
Bluttat und außerdem politische Unfähigkeit vorgeworfen wird.
Da kommt dem mit allen Mitteln operierenden jungen Kaiser,
der bereits ein Bündnis mit Frankreich gegen die deutschen Fürsten
ins Auge faßt, ein wiederum nicht sehr rühmlicher Glücksfall
zu Hilfe. Im Herbst 1192 macht König Richard
Löwenherz den tollkühnen Versuch, sich von Sizilien
über die Adria und durch das deutsche Chaos nach dem ja damals englischen
N-Frankreich durchzuschlagen. Obwohl verkleidet, wird der Engländer
in der Steiermark von den Grenzwachen Herzog Leopolds V. von Österreich,
mit dem er sich im Heiligen Land zerstritten hatte, am 21. Dezember 1192
abgefangen und auf dessen Donaufestung Dürnstein in Haft genommen.
HEINRICH VI. nutzt
die Situation. Mit der Drohung, den Gefangenen wegen Hochverrats hinrichten
zu lassen, hält er sowohl die deutschen Fürsten als auch Richards
Schwager Heinrich den Löwen in Schach, der bereits zur Heimkehr in
sein Herzogtum rüstet. Der Kaiser erzwingt eine "Huldigung" des Engländers,
als dessen Lehnsherr er damit auftritt, nachdem er und der Österreicher
ihm zunächst ein nach heutiger Rechnung viele Millionen ausmachendes
Lösegeld abverlangt hatten. Ganz für sich gewonnen glaubt HEINRICH
sogar den gefangenen König, als er ihn am 2. Februar 1194 plötzlich
freiläßt und nicht, wie befürchtet oder geplant, an Richards
Hauptfeind Frankreich ausliefert. Ein genau kalkulierter Nebeneffekt ist
die wenige Wochen später erfolgende Aussöhnung des jungen HOHENSTAUFEN
mit dem altgewordenen Löwen von Braunschweig. Sie wird wie üblich
besiegelt durch eine politische Heirat seines Sohnes Heinrich mit einer
Cousine des Kaisers, der gleichwohl dessen Brüder Wilhelm und OTTO
(den späteren König/Kaiser) vorsichtshalber weiterhin als Geiseln
bei sich hält.
Unbeschwert kann HEINRICH VI.
einen neuerlichen Zug nach dem Süden wagen und am 20. November 1194
in Palermo einziehen. Am Weihnachtstage empfängt er dort die Krone
König
Rogers und empfindet es mit den Sizilianern als Gnadenzeichen
des Himmels, dass ihm anderntags Konstanze den
ersehnten Thronfolger schenkt, den nachmaligen Kaiser
FRIEDRICH II.
Sizilien sollte nach HEINRICHS
VI. Willen das strategische und politische Zentrum eines Imperiums
sein, in dem die Könige Europas zu Vasallen des Kaisers würden
und auch die Länder rund um das Mittelmeer wieder vereinigt sein sollten
zum altrömischen Orbis Terrarum. Den Mauren in Spanien droht er die
Vertreibung an, vom Kaiser von Konstantinopel verlangt er im Namen Konstanzes,
Tochter einer byzantinischen Prinzessin, die Herausgabe Griechenlands.
Er meldet Ansprüche auf das übrige Oströmische Reich an,
als es am Bosporus zu einem dramatischen Thronwechsel kommt.
Um seine Fernziele rasch zu realisieren, organisiert
HEINRICH
VI. im Herbst 1196 einen "Kreuzzug", der weniger der Befreiung
Jerusalems als der Liquidation des ohnehin schrumpfenden Oströmischen
Reiches gelten sollte. Die Versammlung der Streitkräfte in den apulischen
Häfen wird gestört durch einen neuen Aufstand des sizilianischen
Adels. Er argwöhnt (zu Unrecht), der ganze Aufmarsch bereite nur seine
endgültige Unterwerfung, ja Ausrottung durch die Deutschen vor, die
tatsächlich mit den normannischen Baronen hart umgegangen waren und
ihre Söhne scharenweise nach Deutschland deportiert hatten. Zwischen
Catania und Messina kommt es zu einer regelrechten Schlacht zwischen den
Kaiserlichen und einem vielfach stärkeren Aufgebot der Sizilianer,
das jedoch zersprengt wird.
Im Herbst 1197 bringt HEINRICH
VI. die große Nahostaktion
wieder in Gang. Vorauskommandos landen in der Ägäis und auf Zypern,
erscheinen auch vor Konstantinopel, um den Forderungen deutscher Gesandter
auf Anerkennung ihres Souveräns als "Weltkaiser" Nachdruck
zu verleihen. Ein gigantischer Plan nimmt Formen an. Monate später
ist alles vorbei. Am 28. September 1197 erliegt der allzeit kränkelnde
HEINRICH VI. in Messina einem Fieberanfall.
Seine letzte Ruhe findet er in einem mächtigen Porphyrsarkophag, der
noch heute im Dom zu Palermo steht, neben dem seiner Gattin Konstanze
und seines einzigen Sohnes.