Einige Gedanken zum Thronwechsel 1002 und zum Problem der Richlint, filia Ottonis Magni imperatoris

Im Zusammenhang mit den Arbeiten von Johannes Fried und Prof. Armin Wolf über die KONRADINER habe ich mich noch einmal intensiv mit den mir zur Verfügung stehenden Arbeiten zum Thronwechsel 1002 und zum Problem der Richlint vertraut gemacht und bin zu folgenden Schlüssen gekommen:
1. Der Thronwechsel 1002 kann sich nicht so abgespielt haben wie ihn viele Autoren darstellen. Nach meiner Ansicht hatte die angebliche Wahl von 1002, die eigentlich nie stattfand, kaum etwas mit einer Wahl nach Geblütsrecht zu tun, sondern hier setzte sich Heinrich von Bayern gegen die Ansichten seiner Zeitgenossen mit Hilfe einiger Kirchenfürsten gewaltsam in den Besitz der Krone. In vielen Arbeiten wird der Anspruch Heinrichs durch das Geblütsrecht zu erklären versucht. Parallelen zu dieser Thronbesteigung gab es 1138, als sich KONRAD III. mit Hilfe einiger weniger Kirchenfürsten in den Besitz der Krone setzte.
Die vielen Diskussionen um Nachfolge in männlicher oder weiblicher Linie stellten sich nach meiner Ansicht nicht, sondern die Zugehörigkeit zur Königsfamilie, zur 'stirps regia' war entscheidend. Wenn wir den Hof KARLS DES GROSSEN betrachten, so sehen wir, daß hier Kinder ehelicher Geburt zusammen mit denen unehelicher Geburt, Enkel aus ehelichen sowie aus unehelichen Verbindungen unabhägig ob männlicher oder weiblicher Linie gemeinsam aufwuchsen und auch Ämter und Funktionen erhielten. Bei den KAROLINGERN gelangten sogar Kinder unehelicher Geburt auf den Thron, wie dies die Beispiele ARNULFS VON KÄRNTEN, seines Sohn Zwentibold oder der Söhne Ludwigs II. des Stammlers im West-Frankenreich aufzeigen.
Auch OTTO I. ließ die Enkel aus seiner 1. Ehe zusammen mit den Kindern aus 2. Ehe aufwachsen. Auch zur Zeit der OTTONEN war illegitime Geburt kein Makel, denn OTTOS I. illegitimer Sohn Wilhelm wurde als Erzbischof von Mainz Primas der deutschen Kirche, während es König Hugo von Italien sogar gelang, seine illegitime Tochter Bertha mit dem byzantinischen Thronfolger Romanos zu vermählen.
2. Bereits 987 hatte sich in Frankreich/West-Frankenreich gezeigt, daß der als Onkel Ludwigs V. nächstberechtigte Verwandte Karl von Nieder-Lothringen sich nicht durchsetzen konnte, obwohl ihm nach Geblütsrecht die Krone zugestanden hätte. Gründe für sein Scheitern lagen in seinem Charakter, seiner Ehe mit einer Vasallin Hugos des Großen und geringem Ansehen bei seinen Standesgenossen.
3. Wenn die Wahl von 1002 nach Geblütsrecht erfolgt wäre, dann hätte es 14 Bewerber mit ähnlichen Ansprüchen wie Heinrich von Bayern gegeben. Bereits in den Mathildenviten und bei Thietmar von Merseburg werden Vorgänge verschleiert und zugunsten der bayerischen LIUDOLFINGER geschönt.
Herzog Heinrich IV. von Bayern war Urenkel des Königs HEINRICHS I. und Großneffe Kaiser Ottos I.
Nach Geblütsrecht hätten die folgenden Kandidaten ähnliche oder bessere Ansprüche:

1. Nachkommen Gerbergas
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A Herzog Otto von Nieder-Lothringen
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   970/75- 1005/06/12

Als Urenkel HEINRICHS I. und Großneffe OTTOS I. wäre Otto von Nieder-Lothringen wie viele andere Verwandte der OTTONEN bei Wahl nach Geblütsrecht durchaus zum Kandidatenkreis der Thronanwärter zu rechnen gewesen. Als Verwandter OTTOS III. stand er diesem recht nahe und verfügte über Einfluß an dessen Hofe.
Mir ist nichts bekannt bekannt, daß Otto 1002 irgendwo als Kandidat für den Thron erwähnt wurde. Seine schmale Machtbasis schloß wohl Ambitionen in dieser Richtung aus.

Wahl nach Geblütsrecht: Negativ
 

B Rudolf III. König von Burgund
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   970-5./6.9.1032

Als Urenkel HEINRICHS I. über seine Mutter Mathilde und Großneffe OTTOS I. wäre Rudolf III. von Burgund wie viele andere Verwandte der OTTONEN bei Wahl nach Geblütsrecht durchaus zum Kandidatenkreis der Thronanwärter zu rechnen gewesen.
Mir ist nichts bekannt bekannt, daß Rudolf 1002 irgendwo als Kandidat für den Thron erwähnt wurde.
Aufgrund seiner Probleme im eigenen Land wäre an eine Thronfolge in Deutschland nicht zu denken gewesen und ehelich geborene Söhne, für die er eine Thronfolge hätte anstreben können, besaß er nicht.

Wahl nach Geblütsrecht: Negativ
 

2. Nachkommen Hadwigs
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C Otto Heinrich Herzog von Burgund
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   948-15.10.1002

Als Enkel HEINRICHS I. über seine Mutter Hadwig und Neffe OTTOS I. wäre Otto Heinrich wie viele andere Verwandte der OTTONEN bei Wahl nach Geblütsrecht durchaus zum Kandidatenkreis der Thronanwärter zu rechnen gewesen. Sein Anspruch war gegenüber Heinrich von Bayern sogar besser, da er nur Enkel HEINRICHS I. war und dem Thron somit näher gestanden hätte als dieser.
Mir ist nichts bekannt bekannt, daß Otto Heinrich 1002 irgendwo als Kandidat für den Thron erwähnt wurde.

Wahl nach Geblütsrecht: Negativ
 

D Robert II. der Fromme König von Frankreich
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   20.7.972-20.7.1031

Als Urenkel HEINRICHS I. und Großneffe OTTOS I. wäre Robert II. der Fromme wie viele andere Verwandte der OTTONEN bei Wahl nach Geblütsrecht durchaus zum Kandidatenkreis der Thronanwärter zu rechnen gewesen.
Mir ist nichts bekannt bekannt, daß Robert II. der Fromme 1002 irgendwo als Kandidat für den Thron erwähnt wurde.

Wahl nach Geblütsrecht: Negativ
 

E Dietrich I. Herzog von Ober-Lothringen
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965-11.4.10126

Als Urenkel HEINRICHS I. und Großneffe OTTOS I. wäre Dietrich von Ober-Lothringen wie viele andere Verwandte der OTTONEN bei Wahl nach Geblütsrecht durchaus zum Kandidatenkreis der Thronanwärter zu rechnen gewesen.
Mir ist nichts bekannt bekannt, daß Dietrich 1002 irgendwo als Kandidat für den Thron erwähnt wurde.

Wahl nach Geblütsrecht: Negativ
 

F Adalbero II. Bischof von Metz
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  958-14.12.1005

Obwohl Urenkel HEINRICHS I. und Großneffe OTTOS I. kam er durch das Bischofsamt bedingt, als Thronbewerber 1002 nicht in Frage.

Wahl nach Geblütsrecht: Negativ

Zusammenfassung:
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Die Nachkommen Gerbergas und Hadwigs spielten im Thronstreit von 1002 keine Rolle, obwohl sich noch 983 Lothar von Frankreich als Enkel HEINRICHS I. nach dem Tode OTTOS II. um die Vormundschaft für OTTO III. bemüht hatte und fast gleichrangig neben Heinrich dem Zänker aufgetreten war. Sowohl Herzog Dietrich I. von Ober-Lothringen als auch Herzog Otto von Nieder-Lothringen spielten 1002 keine Rolle, obwohl sie als Urenkel HEINRICHS I. und Großneffen OTTOS I. in weiblicher Linie genau so nahe mit OTTO III. verwandt waren, wie der spätere König HEINRICH II. Offensichtlich waren sie im Ostfränkisch/Deutschen Reich ohne Anhang und ohne Bedeutung, denn auch 1024 wird Dietrich I. von Ober-Lothringen nie als Thronkandidat genannt, obwohl er nach Geblütsrecht eigentlich gute Chancen hätte haben müssen. Er unterstützte seinen anscheinend mit besseren Aussichten versehenen Stiefsohn Konrad den Jüngeren, obwohl dieser kein Amt innehatte.

3. Nachkommen Heinrichs von Bayern
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G Herzog Heinrich IV. von Bayern
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   6.5.973-13.7.1024

Als Urenkel HEINRICHS I. in männlicher Linie und Großneffe OTTOS I.  setzte er sich schließlich in den Thronkämpfen mit zweifelhaften Mitteln durch. Mit ihm konkurrierten alle anderen Herzöge. Dazu kamen Markgraf Ekkehard von Meißen und Pfalzgraf Erenfried Ezzo von Lothringen und vielleicht der sächsische Graf Bruno.
Aber keiner von denen, die damals die Leiche begleiteten, mit Ausnahme des Augsburger Bischofs, habe Heinrich als neuen König gewollt, so der Bericht Thietmars. In der engsten Umgebung des verstorbenen Kaisers stieß der bayerische Herzog auf eisige Ablehnung. Ganz eindeutig: Heinrich war nicht der Kandidat der Anhänger OTTOS III. Auch der baldige Verzicht des schon betagten SALIERS Otto von Worms, des nächsten Verwandten OTTOS III., änderte daran nichts [Thietmar, Chronicon, lib. V, cap. 25, Seite 249].
Heinrichs Anhang im Reich war nicht gerade bedeutend, aber die bayerischen Großen standen offenbar ziemlich geschlossen hinter ihm. Viele Große des Reiches schienen den Herzog Hermann II. von Schwaben zu bevorzugen, wie die Quellen immer wieder erkennen lassen. Ihn hätten sie geschätzt, weil er die Eigenschaft der Milde besessen habe.
Heinrichs Anspruch nach Geblütsrecht war selbstverständlich nicht besser, als der der anderen Bewerber. Es gab Kandidaten mit deutlich besseren geblütsrechtlichen Voraussetzungen.
Durch die Rebellionen von Großvater und Vater glaube ich nicht, daß sich Heinrich großer Beliebtheit unter seinen Standesgenossen erfreut hat, auch wenn schon sein Großvater glaubte, 936 zu Unrecht übergangen worden zu sein. Wäre OTTO II. ein längeres Leben beschieden gewesen, hätte es einen Kaiser HEINRICH II. vermutlich nie gegeben, denn er wäre dann als Geistlicher hinter Klostermauern geblieben.
Heinrich besaß einen sehr fiesen Charakter und war in seinen Handlungen oft sehr unberechbar.
Beim Begräbnis OTTOS III. einigten sich die anwesenden Fürsten darauf, daß Heinrich von Bayern wegen Krankheit als König ungeeignet sei.
Bis auf HEINRICH VI. gab es bis zum Untergang der STAUFER keinen deutschen König, der so skrupellos zu Werke ging, wie die Wortbrüche gegenüber Markgraf Heinrich von Schweinfurt, seinem Bruder Brun und Bischof Heinrich von Würzburg sowie das Bündnis mit den heidnischen Liutizen gegen den christlichen Polen-Fürsten deutlich zeigen.

Meiner Ansicht nach gab nicht das Geblütsrecht für Heinrich den Ausschlag, auch wenn es wiederholt in den Quellen bezeugt wird, sondern, daß er sich in Bayern eine feste Machtposition geschaffen hatte und nach einem Konzept handelte, das er rigoros umsetzte. Im Gegensatz zu Hermann von Schwaben ergriff er sofort die Initiative und wartete nicht, bis irgendwann und irgendwo ein Wahltag angesetzt werden würde.
Seine ernsthaftesten Konkurrenten waren nach meiner Ansicht Markgraf Ekkehard von Meißen und Herzog Hermann von Schwaben, die, wenn überhaupt, nur seine bescheidene geblütsrechtliche Ansprüche hätten geltend machen können, wobei es auch möglich ist, daß sie mit den OTTONEN überhaupt nicht verwandt waren. Allein ihre Machtposition und ihr Ansehen unter OTTO III. waren die ausschlaggebenden Kriterien für ihre Thronkandidatur.

H Brun Bischof von Augsburg
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   975/80-24.4.1029

Als Urenkel HEINRICHS I. und Großneffe OTTOS I. wäre Brun wie viele andere Verwandte der OTTONEN bei Wahl nach Geblütsrecht durchaus zum Kandidatenkreis der Thronanwärter zu rechnen gewesen. Da aber sein Bruder erfolgreich kandidierte, hatte Brun keine Chance, da er meines Wissens nach auch über keine Machtpositionen in Bayern verfügte.

4. Nachkommen OTTOS I.
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4. 1. Nachkommen Liudgards
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I Otto Herzog von Kärnten
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  um 948-4.11.1044

Als Urenkel HEINRICHS I., Enkel OTTOS I. und Vetter OTTOS II.stand Otto von Worms Kaiser OTTO III. geblütsmäßig näher als Heinrich von Bayern. OTTO I. holte seine Enkel aus 1. Ehe an den Hof und ließ sie gemainsam mit seinen Kindern aus 2.. Ehe erziehen, das heißt, daß Otto gemeinsam mit Kaiser OTTO II. aufwuchs. Gegen den Trend seiner Zeit scheint Otto ein friedlicher, ruhiger und mit wenig Ehrgeiz ausgestatteter Charakter gewesen zu sein. Obwohl seinem Cousin Otto, Sohn Herzog Liudolfs, 973 das Herzogtum Schwaben übertragen wurde und dieser 976 nach der Absetzung Heinrichs des Zänkers auch noch das Herzogtum Bayern erhielt, stand bei diesen Entscheidungen Otto anscheinend nicht zur Debatte, obwohl er über die selben guten Kontakte zu seinem Vetter OTTO II. verfügte. Ich führe diese Zurückhaltung auf seinen Charakter zurück. Schließlich erhielt er 978 das kleine Herzogtum Kärnten, in dem er sich aber auch nicht voll durchsetzen konnte und auf das er sogar später wieder verzichtete. In einer Zeit, in der Landgewinn und Machterweiterung alles war, ist seine Handlungsweise mehr als ungewöhnlich. Wiederholt war er derjenige, auf dessen Kosten die Reichsregierung Kompromisse mit anderen Fürsten aushandelte. Ein so nachgiebiger Mann konnte nicht das Ansehen und die Autorität genießen, die ihn 1002 befugt hätte, König zu werden, wobei man aber auch nicht vergessen darf, daß sein Sohn Brun 996 als Gregor V. als erster Deutscher den Papststuhl bestieg. Auch ist mir nicht bekannt, daß Otto bis 1002 an der Spitze von Reichsheeren gestanden hätte oder sich sonst irgendwie im Reichsdienst an hervorragender Stelle ausgezeichnet hätte.
Den von Thietmar, Chronicon, lib. V, cap. 25, Seite 249 bezeugten Verzicht des betagten SALIERS halte ich für nicht sehr wahrscheinlich, denn Hermann von Schwaben muß im selben Alter gestanden haben wie der SALIER. Auch die oft zitierte zu schmale Machtbasis als Ursache des Verzichtes scheidet aus, denn 1024 reichte diese Machtbasis sogar für zwei salische Thronkandidaten aus, wobei Konrad der Ältere nur geringe Teile des salischen Erbes erhalten hatte. Bei einer Thronbesteigung hätte dem betagten Otto sein Sohn Konrad, der im Alter Heinrichs von Bayern stand, zur Seite stehen können. Auch war er 1003 nicht zu alt, um ein kleines Heer gegen Arduin von Ivrea zu führen. Aufgrund der Ehe seines Sohnes Konrad mit der KONRADINERIN Mathilde, Tochter Hermanns von Schwaben, halte ich es für möglich, daß er eine eigene Kandidatur deshalb nicht anstrebte, weil er zugunsten Hermanns von Schwaben verzichtete.
Wenn er auf eine Thronkandidatur zugunsten Heinrichs von Bayern verzichtet hätte, dann hätte dieser eine seltsame Art von Dankbareit bewiesen, wenn er durch den Bischof die SALIER-Burg in Worms (sicher ein Symbol) niederlegen ließ und im folgenden Jahr Ottos Sohn Konrad auf der Synode von Diedenhofen der verbotenen Nahehe bezichtigte. Das Vorgehen Heinrichs gegen KONRADINER und SALIER in den folgenden Jahren untermauert meine Vermutung.

Wahl nach Geblütsrecht: Negativ, denn die Behauptung Thietmars ist abzulehnen

J Konrad I. Herzog von Kärnten
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   um 975-12./15.12.1011

Als Ururenkel HEINRICHS I. und Urenkel O^TTOS I. war Konrad 1002 ohne Bedeutung, da sein Vater noch über die Machtpositionen des Hauses verfügte. Ob sich der Angriff des Königs auf der Synode zu Diedenhofen gegen seine Ehe mit Mathilde von Schwaben nur gegen Hermann von Schwaben richtete, möchte ich bezweifeln. Offensichtlich hatte HEINRICH II. bei seinem Angriff auch die SALIER im Visier.

K Wilhelm Bischof von Straßburg
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   um 980-7.11.1047

Als Ururenkel HEINRICHS I. und Urenkel OTTOS I. war Wilhelm 1002 ohne Bedeutung, da sein Vater noch über die Machtpositionen des Hauses verfügte.

4.3. Nachkommen Ottos II.
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L Liudolf Vogt von Brauweiler
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   um 995-11.4.1031

Als ältester Enkel OTTOS II. und Neffe OTTOS III. war Liudolf der nächste Verwandte des verstorbenen Königs, auch wenn dies in der Fachliteratur kaum zur Kenntnis genommen wird. Selbst die Minderjährigkeit des eventuellen Thronkandidaten wäre kein Hindernis gewesen, da sowohl der Vater als auch seine Mutter Mathilde noch lebten.

Daß eine Kandidatur Liudolfs nirgends auch nur andeutungsqweise erwähnt wird, zeigt, daß 1002 keine Wahl nach Geblütsrecht stattfand. Auch 1024 wäre Liudolf der Topkandidat für den Thron gewesen; seine Wahl stand aber meines Wissens niemals zur Diskussion.
 

M Hermann II. Erzbischof von Köln
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           -11.2.1056

Als Enkel OTTOS II. und Neffe OTTOS III. war Hermann der nächste Verwandte des verstorbenen Königs, auch wenn dies in der Fachliteratur kaum zur Kenntnis genommen wird. Selbst die Minderjährigkeit des eventuellen Thronkandidaten wäre kein Hindernis, da sowohl der Vater als auch seine Mutter Mathilde noch lebten.

Daß eine Kandidatur Hermanns nirgends auch nur andeutungsweise erwähnt wird, zeigt, daß 1002 keine Wahl nach Geblütsrecht stattfand.
 

N Otto II. Herzog von Schwaben
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         -7.9.1047

Als Enkel OTTOS II. und Neffe OTTOS III. war Otto der nächste Verwandte des verstorbenen Königs, auch wenn dies in der Fachliteratur kaum zur Kenntnis genommen wird. Selbst die Minderjährigkeit des eventuellen Thronkandidaten wäre kein Hindernis, da sowohl der Vater als auch seine Mutter Mathilde noch lebten.

Daß eine Kandidatur Ottos nirgends auch nur andeutungsweise erwähnt wird, zeigt, daß 1002 keine Wahl nach Geblütsrecht stattfand.

4. Als weitere Thronkandidaten traten auf, wobei ein geblütsrechtlicher Anspruch kaum oder gar nicht vorhanden war:

I. Bruno Graf von Braunschweig (BRUNONE)
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   960/80- ca. 1010

Ebenso auf unseren Bruno bezieht sich der Bericht von der Thronkandidatur eines "princeps" Bruno im Jahr 1002 in der Vita Bernwardi c. 38, SS IV 775, und in der Vita Meinwerci c.7, S. 13 f.
Wenn hier, wie in verschiedenen Werken gezeigt, ein geblütsrechtlicher Anspruch vorhanden wäre, dann müßte dieser bis auf den Herzog Brun von Sachsen aus dem Hause der LIUDOLFINGER zurückgeführt werden.

Worauf sich Bruns Thronanspruch überhaupt stützt, ist mir verborgen geblieben.
 

II. Hermann II. Herzog von Schwaben
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    945/50-4.5.1003

Nach Prof. Armin Wolf und Johannes Fried war der Herzog Hermann von Schwaben ein Enkel Herzog Liudolfs von Schwaben und Urenkel OTTOS I., seine Mutter Richlint wäre gleichzeitig die Cousine Kaiser OTTOS II.
Aus mir unverständlichen Gründen wird für Hermann von Schwaben unbedingt OTTONEN-Verwandtschaft nachzuweisen versucht. Aufgrund des Ansehen seines Vaters Konrad, seinen verwandtschaftlichen Beziehungen, seiner eigenen Machtpositionen und seiner nahen Beziehungen zum Hof OTTOS III. muß Hermann als einer der drei bedeutenden Thronkandidaten des Jahres 1002 gelten. Die Ehe mit der ottonen- und karolinger-blütigen Gerberga von Burgund, einer Nichte der Kaiserin Adelheid, ersetzt die zum Teil konstruierten Versuche der OTTONEN-Verwandtschaft Hermanns. Man sollte in diesem Zusammenhang nicht den Einfluß der Kaiserin Adelheid unterschätzen, die fast 50 Jahre lang Einfluß auf die Politik der Reichsregierung nahm. Den Gemahl ihrer Nichte wird sie sicher gefördert haben, denn sie zeigte oft einen beinahe schon übertriebenen Familiensinn.
Hermann unterhielt verwandtschaftliche Beziehungen zu den Grafen von Stade und Walbeck, zu den Königen von Burgund, zu Markgraf Heinrich im Nordgau und über seine Gemahlin sogar zu Heinrich von Bayern. Erzbischof Heribert von Köln und Bischof Heinrich von Würzburg gehörten ebenfalls dem Hause der KONRADINER an. Viele Große des Reiches schienen den Herzog Hermann II. von Schwaben zu bevorzugen, wie die Quellen immer wieder erkennen lassen. Ihn hätten sie geschätzt, weil er die Eigenschaft der Milde besessen habe.
Ob diese Eigenschaft der Milde unbedingt positiv zu sehen ist, möchte ich doch bezweifeln. Vermutlich war Hermann das, was man heute ein "Weichei" nennen würde. Vielleicht war sogar Gerberga die treibende Kraft war [Die Töchter Mathilde und Gisela waren außergewöhnlich tatkräftige, politisch engagierte und ehrgeizige Frauen, ihr Vater dagegen, wenn wir Thietmar glauben wollen, ein zurückhaltender und milder Mann. Könnten dann die Töchter den politischen Ehrgeiz von ihrer Mutter geerbt haben?]. Sein fast schon passiv zu nennendes Verhalten in den Thronkämpfen war erschreckend. Auch wenn ihn die beim Begräbnis OTTOS III. anwesenden Fürsten die Zusicherung zur Wahl gegeben hatten, so wartete er auf die Ansetzung eines Wahltages, den es dann nie gab. Er griff erst in die Kämpfe ein, als sich schon alles gegen ihn entscheiden hatte.

Ich würde zusammenfassend sagen, daß Hermann ein Mann von weichem Charakter war, der sich auf die Zusage seiner Standesgenossen verließ und anscheinend erwartete, daß ihn diese zum Königsthron verhelfen würden. Vielleicht fühlte er sich aufgrund seines Ansehens und seiner Beliebtheit des Thrones zu sicher. Auch von Hermann von Schwaben sind mir große Erfolge bei der selbständigen Durchführung von Reichsaufgaben nicht bekannt.
 

III. Ekkehard I. Markgraf von Meißen
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     um 960-30.4.1002

Nach Eduard Hlawitschka war Ekkehard von Meißen ein Ururenkel von HEINRICHS I. Bruder Liudolf (+ vor 912). Wie bereits bei Hermann von Schwaben ausgeführt, glaube ich nicht, daß die aufgezeigte Verwandtschaft Bedeutung für seine Thronfolge hatte.
Ekkehard war während der gesamten Regierung OTTOS III. der einflußreichste weltliche Fürst und glaubte sogar eine zeitlang, den Kaiser als Schwiegersohn gewinnen zu können. Ich glaube, auf militärischem Gebiet war er einer der Besten seiner Zeit, während ihm doch wiederholt politische Fehler unterliefen.
Er war ein rauher und harter Fürst und machte sich auch durch seinen Hochmut Feinde im sächsischen Adel, jedoch waren seine Chancen nicht aussichtslos. Ekkehard von Meißen war mit BILLUNGERN und GERONEN verwandt und wurde vom unter Otto III. einflußreichen Bischof Bernward von Hildesheim unterstützt, der ihn sogar als König begrüßte.
Auch wenn sich nicht nachweisen läßt, daß Heinrich von Bayern in die Ermordung Ekkehards von Meißen verwickelt war, so war er doch eindeutig der Nutznießer dieser Freveltat.

IV. Pfalzgraf Ezzo von Lothringen
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     ca. 954-21./22.5.1034

Als Schwager OTTOS III. wird er von verschiedenen Quellen als Thronkandidat des Jahres 1002 genannt. Erzbischof Heribert von Köln sollte ihm die Reichsinsignien überbringen.
Nach geblütsrechtlichen Gesichtspunkten hätte er keinen Thronanspruch. Er konnte, wenn er dies überhaupt tat, im eigenen Namen aufgrund seiner Machtpostion oder im Namen seiner Söhne auftreten, die als Neffen Kaiser OTTOS III. die besten geblütsrechtlichen Ansprüche hatten. Sein bei seinen Standesgenossen geringes Ansehen hätte seine Thronkandidatur wenig erfolgreich gemacht.

5. Gegen eine Wahl nach Geblütsrecht spricht auch das Verhalten Herzog Bernhard I. Herzog von Sachsen (+ 7.2.1011). Stefan Weinfurter bezeichnet in seiner Biographie über Heinrich II. alle Herzöge als potentielle Thronkandidaten. Die Annales Quedlinburgenses (S. 80) nennen Bernhard a rege secundus. Adalbold von Utrecht berichtet, er sei 1002 zu klug gewesen, um selber die Königswürde anzustreben. Die Erlangung der Königswürde lag also offensichtlich nicht völlig außerhalb der billungischen Möglichkeiten (und Pläne?) in dieser Zeit. Zunächst unterstützte Bernhardseinen Schwager Ekkehard von Meißen in der Nachfolgefrage, anerkannte nach dessen Tod jedoch Heinrich II.