Köhne Carl Ernst: Seite 29-41
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"Die Hohenstaufen" in "Die großen Dynastien "

Der bereits politisch erfahrene Thronanwärter aus dem deutschen Süden arrangiert sich vorweg geschickt sowohl mit den großen rheinischen Kirchenfürsten von Köln bis Straßburg wie mit den österreichischen BABENBERGERN, vor allem jedoch mit dem braunschweigischen Vetter Heinrich, dem er die Wiederinbesitznahme Bayerns zusagt. Einmütig wird FRIEDRICH I. (1152-1190), dem die Italiener später wegen seines üppigen Bartes den populären Beinamen "BARBAROSSA" gaben, zum König ausgerufen. Vier Tage später, am 9. März 1152, kann er auf dem Stuhle KARLS DES GROSSEN im Aachener Dom die Huldigung der Reichsfürsten und des Auslandes entgegennehmen.
Eines seiner Sendschreiben geht an Papst Eugen III. Es wird in Rom als Kampfansage aufgenommen. FRIEDRICH betont unmißverständlich, dass "ihm das Reich (lat. imperium = Regierungsgewalt) allein von Gott übertragen" sei. Er verbitte sich deshalb jede Einmischung des Heiligen Stuhles in weltliche Angelegenheiten, die seit den Tagen von Canossa (1077) schon mehrfach innen- wie außenpolitische Krisen heraufbeschworen habe.
Ungeachtet dessen spricht der König schon in seiner Thronrede von einer Romfahrt, die seinem Onkel KONRAD III. nicht mehr gelang. Es ging dabei seit den Tagen der OTTONEN sowohl um die Kaiserkrone, also um den europäischen Primat, wie um das reiche Italien, seine Städte und das ganze blühende Land zwischen Mailand und Messina, dessen beste Stücke ohnehin die welfischen Vettern (Toskana), ihre normannischen Verwandten (Sizilien, Kalabrien, Neapel) und der päpstliche Kirchenstaat im Griff hatten.
Im Oktober 1154 zieht FRIEDRICH ROTBART gen Süden, wo er in der Lombardei Hof hält, sich aber auch mit den allzeit deutschfreundlichen Mailändern und ihren Verbündeten unter Oberitaliens Städten herumschlagen muß. Erst im Juni 1155 ist er in Rom, wo ihn der neue (englische) Papst Hadrian IV. krönt. Während der Feierlichkeiten bricht ein Aufstand gegen Papst und Kaiser los, der die Deutschen zwingt, noch am gleichen Tag die Ewige Stadt wieder zu verlassen, während sich Hadrian in seiner "Engelsburg" verbarrikadiert, dem zur Festung ausgebauten Grabmal des altrömischen Kaisers gleichen Namens.
FRIEDRICH war nach Rom gekommen auch in der Absicht, nach der Krönung zusammen mit Streitkräften des Papstes und seines oströmischen Onkels Manuel die normannischen Barone, gegen die sich gerade wieder die apulischen Bauern erhoben hatten, zumindest vom süditalienischen Festland zu vertreiben. Aber Manuels Truppen sind kaum einsatzfähig, die "Schlüsselsoldaten" des obendrein blockierten Papstes ebenso unzuverlässig und die eigenen deutschen Verbände durch das ungewohnte Klima wie gelähmt. Sie wollen nach Hause. Der Kaiser gibt auf.
Vier Jahre später ist er wieder in Italien, wo sich inzwischen abermals alles verändert hat. Hadrian IV. hat den Rückzug der Deutschen als große Enttäuschung empfunden und sich schon 1156 mit dem normannischen Königreich Beider Sizilien arrangiert. Ein Jahr später schickt er nach Besancon, wo FRIEDRICH in den burgundischen Erblanden seiner zweiten Gattin Beatrice Hof hielt, eine Note von hochpolitischer Brisanz. Sie erinnert in scharfer Form an die bekannte Auffassung der Kurie, dass "jeder Kaiser seine Krone vom Papst nur zu Lehen empfange", folglich sein Vasall sei und der Oberhirte der Christenheit auch "der dreimal gekrönte Herrscher über Länder und Menschen, über ihre Herzen, Seelen und Waffen".
Die Hoffnung der Kurie, schon diese drohende Geste könnte den deutschen Kirchenfürsten oder den WELFEN als Signal zum Abfall vom König/Kaiser genügen, erwies sich als Fehlspekulation. Um so stärker ist das Echo in den lombardischen Städten, die in diesem Jahrhundert zum wichtigsten Wirtschaftsgebiet Europas geworden sind und das deutsche Joch abschütteln möchten. Um ihre Rebellion zu brechen, geht FRIEDRICH im Frühjahr 1158 mit reichlich 100.000 Mann, einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlich starken Armee, über die Alpen und zwingt das Zentrum des Widerstandes, die Festung Mailand, am 7. September zur Kapitulation.
FRIEDRICHS Versuch, danach die Verhältnisse im städtischen Oberitalien durch eine fortschrittliche Gemeindeverfassung zeitgemäß zu ordnen, scheitert am fortdauernden Widerstand vor allem der Mailänder, die kurzerhand die kaiserlichen Beamten verjagen, unter ihnen den Reichskanzler Rainald von Dassel. FRIEDRICHS Gegenmaßnahmen kommen nicht recht zum Tragen. Seine Streitkräfte sind über das ganze Land verteilt, um dessen zahlreiche Städte unter Kontrolle zu halten. Außerdem hat der Kaiser das Pech, dass im gleichen Augenblick Hadrian IV. stirbt und Alexander III. zum neuen Papst gewählt wird, eben jener Prälat, der die Note von Besancon überbracht und wohl auch selbst formuliert hatte. Er steuert natürlich sofort einen scharfen Kurs gegen den HOHENSTAUFEN, den er am 24. März 1160 "samt allen seinen heuchlerischen Genossen" mit dem großen Kirchenbann belegt.
Beifall kommt erwartungsgemäß aus Mailand und Sizilien, aber auch aus vielen Bistümern Frankreichs und aus England, der Heimat der Gattin Heinrichs des Löwen. FRIEDRICH sieht sich zu hartem Durchgreifen gezwungen. Nach monatelanger Belagerung ergibt sich im März 1162 das hungernde Mailand, das der Kaiser plündern und völlig niederbrennen läßt.
Der eigentliche Gegner, Alexander III., gewinnt damit nur eine schweigende Armee von Sympathisanten, die auf ein Signal zum Aufruhr warten. Vergeblich sucht ihn FRIEDRICH im Jahre 1164 durch Anerkennung des ihm befreundeten Kardinals Guido von Crema als Gegenpapst Paschalis III. auszumanövrieren. Dessen Gegendienst war übrigens die hochpolitisch gemeinte Heiligsprechung KARLS DES GROSSEN, der ja noch dem weltlichen Primat des Kaisers gegenüber dem Bischof von Rom verkörpert hatte. Die ausdrückliche Bestimmung, dass seine Verehrung auf Aachen "als einer deutschen Stadt" beschränkt bleiben möge, sollte außerdem der französischen Politik entgegenwirken, die damals begann, den Aachener Rex Francorum als Ahnherrn der Könige Frankreichs zu deklarieren und daraus Ansprüche auf die Kaiserkrone abzuleiten.
Auf gleicher Linie lag ein überraschendes Freundschaftsabkommen mit Heinrich II. von England, der sich gerade seinerseits mit dem Papst entzweit hatte wegen der Entlassung seines römisch gesinnten Kanzlers Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury. Das Bündnis mit dem englischen König aus dem Hause PLANTAGENET, der als Graf von Anjou und Herzog der Normandie auch zwei Fünftel Frankreichs besaß, wird besiegelt durch eine Heirat seiner Tochter Mathilde mit FRIEDRICHS Vetter Heinrich dem Löwen (der jetzt noch ganz auf der Seite des STAUFERS steht) sowie durch einen Ehevertrag der Eltern für die jüngste Tochter Eleonore und FRIEDRICHS eben erstgeborenen Thronerben, den nachmaligen Kaiser HEINRICH VI. Wieder ein klassisches Beispiel dynastischer Strategie, die den Frieden unter den Familien sichern und festigen sollte.
Alexander III. kehrte am 23. November 1165 im Triumph nach Rom zurück. Schon 20 Monate später stürmen jedoch deutsche Truppen die Vatikanstadt. Alexander flüchtet ins normannische Benevent. Gegenpapst Paschalis kann in der Petersbasilika, um deren Pforten noch tags zuvor erbittert gekämpft worden war, am 1. August 1167 FRIEDRICH BARBAROSSA und seine burgundische Gattin im Schmuck der mitgebrachten Insignien mittelalterlicher Kaiserherrlichkeit begrüßen.
Ebenso rasch wie bei der Krönung vor 12 Jahren verdüstert sich jedoch der Glanz des großen Augenblicks. In Rom bricht plötzlich Typhus aus. Hof und Heer verlassen fluchtartig die Ewige Stadt. Unter den 20.000 Deutschen, die in ihr oder auf dem traurigen Zug nach Norden starben, sind des Kaisers Vetter Friedrich von Rothenburg und unglücklicherweise auch der große Reichskanzler Rainald von Dassel, der bis dahin die Dinge in Italien einigermaßen im Griff behalten hatte. Das Kaiserpaar rettete sich mit seinem Gefolge an lombardischen Heerhaufen vorbei auf Fluchtwegen nach Burgund.
Die Folgen des Desasters: Der mailändische Städtebund reaktiviert sich, Alexander III. organisiert eine Koalition zwischen ihm, der Republik Venedig, dem Königreich Beider Sizilien und dem byzantinischen Kaiser, der mitmacht, um nicht seine letzten Besitzungen in Unteritalien auch noch zu verlieren. Untereinander zwar ständig im Streit, so ist man sich immerhin einig in dem Ziel, die Deutschen aus Italien herauszuhalten.
Erst 9 Jahre später kommt es zu einem neuen Italienzug, an dem sich jedoch Heinrich der Löwe nicht mehr beteiligt. Der Herzog ist vollauf mit der Erweiterung seiner eigenen Hausmacht im slawischen Siedlungsraum jenseits der Elbe beschäftigt. Er sieht sowieso nicht im Süden, sondern in einer planvollen Ostkolonisation die große Aufgabe deutscher Politik. Lübeck, das Tor zur Ostsee, ist ihm wichtiger als Mailand. Trotzdem wagt der Kaiser den Marsch. Er endet bereits am 20. Mai 1176 bei Legnano an der Straße von Como nach Mailand mit einer vernichtenden Niederlage, aus der FRIEDRICH BARBAROSSA selbst kaum mit dem Leben davonkommt. Er muß seinen Frieden mit dem Papst machen, der daraufhin den Kaiser vom Kirchenbann löst, sich mit ihm am 1. August 1177 in Venedig trifft und auch die lombardischen Städte zur Einstellung der Kämpfe bewegen kann.
FRIEDRICH weiß, dass damit nicht für immer alles in Ordnung ist. Aber er braucht für den Augenblick Ruhe und Rückenfreiheit. In Deutschland steht Heinrich der Löwe, der auch deshalb dem Kaiser die Heerfolge nach Italien versagt hatte, in einem Mehrfrontenkrieg gegen seine staufisch gesinnten Nachbarn, den Landgraf von Thüringen sowie die Erzbischöfe von Magdeburg und Köln. BARBAROSSA sieht sich gezwungen, gegen den Löwen Partei zu ergreifen, dem er (zu Unrecht) obendrein eine Mitschuld an der folgenreichen Katastrophe von Legnano vorwirft.
Am 18. Januar 1180 wird über den "Rebellen" die Reichsacht verhängt, sechs Monate später sein Herzogtum aufgeteilt und Bayern FRIEDRICHS treuestem Paladin Otto von Wittelsbach übergeben, der ihn vor Mailand aus dem Kampfgetümmel herausgehauen hatte. Zu seiner großen Enttäuschung sieht sich Heinrich von den Verwandten in Frankreich, England und Dänemark im Stich gelassen. Er muß kapitulieren. Auf dem Reichstag von Erfurt (November 1181) erhält der Löwe nur seine Stammgüter um Braunschweig und Lüneburg zurück, wird jedoch "für immer" des Landes verwiesen. Er geht mit seiner Familie ins englische Exil.
Beim großen Reichsfest, zu dem sich Pfingsten 1184 vor den Toren von Mainz, dem geographischen Zentrum des damaligen Deutschland, fast 70.000 Ritter aus Sachsen, Schwaben und Bayern, Burgund und Lothringen, Frankreich und Italien zusammenfanden, steht der jetzt 62-jährige Kaiser auf dem Zenit seiner Macht. Er denkt sie durch eine Ehe seines inzwischen erwachsenen Sohnes HEINRICH mit Konstanze, der Erbin des normannischen Reiches Beider Sizilien, bis an die Grenzen des Greifbaren zu erhöhen und zu sichern. Auch dass die Hochzeit am 27. Januar 1186 ausgerechnet im wiederaufgebauten Mailand stattfindet und die Lombarden diesmal den Kaiser mit Jubel begrüßen, zeigt, dass der "BARBAROSSA" nach dem Tode seines großen Widersachers Alexander III. (1181) die Autorität im Lande wiederhergestellt und sogar die Sympathien seiner Menschen zurückgewonnen hat.
FRIEDRICHS Leben hätte in Frieden enden können. Da zwingt ihn und die abendländischen Monarchen die Erstürmung des 1099 geschaffenen christlichen Königreichs Jerusalem durch den Türken-Sultan Saladin (1187) zum 3. Kreuzzug in den Nahen Osten. Auch er mißlingt völlig. Engländer, Franzosen und Normannen kommen mit Richard Löwenherz und Philipp II. August über See. Sie können aber nur einen Küstenstreifen mit Akkon, Jaffa und Tyrus erobern und halten. Jerusalem bekommen weder sie noch die Deutschen zurück, die in einer Stärke von etwa 100.000 Mann, darunter 22.000 Ritter, von Regensburg donauabwärts und über den Bosporus gezogen waren. Sie kämpfen sich erfolgreich voran, kehren aber um, als ihr Kaiser am 10. Juni 1190 bei einem Bad im kalten Saleph (Südanatolien) einem Herzschlag erliegt.