Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 859
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Tonnerre
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Grafschaft im nördlichen Burgund
In der MEROWINGER-Zeit
ist Tornodorum als ‚castrum‘ Sitz eines Archidiakons und (im 8. Jh.) als
Grafensitz belegt. Der ‚pagus Tornodorensis‘ unterstand der Civitas von
Langres, der Graf hielt seine Burg als Lehen des Bischofs von Langres.
Die Abtei St-Michel erhob sich auf einem benachbarten Hügel. Aus der
Grafschaft lösten sich einzelne Adelsherrschaften (Seigneurie) heraus:
Rougemont, Sitz der Vicomtes; Ligny-le-Chatel; Montbard. Der erste namentlöich
bekannte Graf war vielleicht der spätere Erzbischof von Sens, der
heilge Ebbo (um 750). Seit dem Ende des 9. Jh. tritt ein Grafenhaus auf,
durchgängig mit den Leitnamen 'Guy' und 'Miles'.
Miles IV. (Ende des 10. Jh.) vermählte sich mit der Erb-Tochter
des Grafenhauses von BAR-SUR-SEINE, doch hinterließ der Enkel,
Hugo
Reinhard, Bischof von Langres, die Grafschaft Tonnerre dem
Grafen
Wilhelm, der bereits die Grafschaften Nevers und Auxerre besaß
(1060). Er war auch Stifter der großen Abtei Molesme (1075).
Die drei Grafschaften Tonnerre, Nevers und Auxerre blieben
vereint bis zum Tode des Prinzen
Jean-Tristan (+ 1270), Sohn von Ludwig
dem Heiligen und Gemahl der ältesten Tochter Odos
von Burgund. Nach einem Prozeß teilten die drei Töchter
von Odo das Erbe: Tonnerre fiel an
Margarethe
von Burgund (+ 1308), Königin
von Sizilien durch ihre Heirat mit Karl
von Anjou. Die 1285 verwitwete Königin zog sich nach
Tonnerre zurück und stiftete hier 1293 das bedeutende (erhaltene)
Hospital. Sie vermachte die Grafschaft ihrem Neffen Wilhelm von Chalon,
Graf von Auxerre, und seinen Nachkommen. Einer von ihnen, Ludwig
II. von Chalon, geriet wegen Entführung der burgundischen Hofdame
Jeanne de Perellos in Händel mit dem Herzog von Burgund, Johann
(Jean sans peur), und schloß sich der gegnerischen Partei
der Armagnacs an. Der Herzog nahm Tonnerre 1414 ein und konfiszierte die
Grafschaft, obwohl seine Suzeränität sich nur auf drei ihrer
Kastellaneien (Laignes, Griselles, Cruzy) erstreckte. Herzog
Philipp der Gute übertrug die Grafschaft seinem Schwager
Arthur
de Richemont, der sie im Frieden von Arras (1435) aber wieder
aufgeben mußte. Die Grafschaft kehrte zurück in den Besitz von
Margarethe von Chalon, Schwester von
Ludwig II. und Gemahlin
von Olivier de Husson.